Die Szene, die das heutige Evangelium schildert, ist
eindrucksvoll: Wie sie den Taubstummen zu Jesus bringen, diesen armen Menschen,
der in die ewige Einsamkeit des Schweigens verbannt ist.
Jesus "blickte zum Himmel auf" (Mk 7,34) -
das ist wie eine Kontaktaufnahme mit dem
himmlischen Vater: Siehst du auch, welches Elend sie mir hier wieder
bringen?
"Er seufzte", heißt es weiter, - eine
Klage über den verkehrten, trostlosen Zustand der Welt.
Und dann spricht er das machtvolle "EFFATA! -
Öffne dich!" - und bringt in diesem Augenblick die Welt in Ordnung.
Außer sich vor Staunen ruft die Menge: "Er hat
alles gut gemacht. - Er macht, dass die Tauben hören und die Stummen
sprechen" (Mk 7, 37).
Jesus macht alles gut. Er stellt die Schöpfungsordnung wieder her. Er heilt die kranke, die
kaputte Welt.
Nicht zum Taubstummendasein sind die Menschen
geschaffen. Reden sollen sie können, mit freier Zunge. Und hören sollen sie
können. Offen sollen sie sein, aufnahme- und mitteilungsfähig.
Die Sprache, das Sprechen - und Hörenkönnen, ist die
grundlegende und spezifische Eigenschaft des Menschen. Das, was ihn von der
stummen Kreatur unterscheidet. Sprechend gehen wir aus uns heraus , und hörend
lassen wir die Welt auf uns ein. Durch das Gespräch entsteht Gemeinschaft,
Austausch, Kommunikation. Der
dialogische Mensch, der Mensch des Gesprächs, das ist der wirklich menschliche Mensch, der lebendige Mensch. Gegenbild dazu: der Taubstumme. Der in sich selbst Verkapselte und
Verschlossene. Der nichts von sich mitteilen und an nichts teilnehmen kann.
Verdammt zur Einsamkeit. Aus der lebendigen Menschenwelt ausgeschlossen.
Liebe Gemeinde, der Taubstumme des Evangeliums steht
nicht nur für sich. Er ist Symbolgestalt des kommunikationslosen Menschen
schlechthin.
Denn Taubstumme gibt es nicht nur unter den
Behinderten.
Da lese ich: Nach einer statistischen Untersuchung
reden Eheleute im Durchschnitt nicht mehr als siebeneinhalb Minuten pro Tag
miteinander. - Siebeneinhalb Minuten... Ist da das Gespräch nicht verkümmert
zum allernotwendigsten Informationsaustausch? Ob das ausreicht, um eine
Lebensgemeinschaft auf Dauer lebendig zu erhalten? Eheberatung hat darum meistens nur ein Ziel: Die Sprachlosigkeit
zu überwinden, das Miteinander-Sprechen und Einander-Zuhören (neu) zu lernen.
Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, ich finde
in der Zeitung - ein paar Jahre ist es her - folgende Anzeige: "Ich höre
ihnen zu". - Weiter nichts. "Ich höre ihnen zu", das ist das
Angebot. Ich weiß nicht, welchen Tarif dieser geschäftstüchtige Zuhörer hat.
Ich frage mich nur: Wie weit ist es bei uns gekommen, dass Menschen dafür
bezahlen müssen, dass ihnen jemand zuhört? - Leben sie denn unter lauter Tauben?
Es scheint so. Darum brauchen wir auch das Heer der Psychologen. Sie sind in erster Linie Zuhörer. Professionelle
Zuhörer. Ausputzer einer Gesellschaft, in der jeder für sich und mit dem Rücken
gegen die andern lebt.
Es heißt zwar, wir würden heute in einer
"Kommunikationsgesellschaft" leben, weil es E-mails gibt und Faxe und
Handys. Doch diese ganze Technik ändert nichts am frostigen Klima unter den
Menschen, jener Unterkühltheit, die uns der Zeitgeist als "Cool-Sein"
verkauft. - Was nützt es mir, wenn ich E-mails nach Australien schicke, aber
die nächsten Nachbarn im Haus und in
der Straße ignoriere?
Auf Dauer ist Sprachlosigkeit tödlich für die Seele.
Darum: Effata - öffne dich! - Benutze Mund und Ohren, die dir gegeben sind zum
Kontakt mit deinen Mitmenschen!
"Kommt, reden wir zusammen", appelliert
Gottfried Benn in einem Gedicht, "kommt, reden wir zusammen: Wer redet,
ist nicht tot."
Effata - öffne dich: auch im Verhältnis zu Gott!
- Nicht nur zum Dialog mit Menschen sind wir geschaffen, sondern auch zum
Dialog mit Gott. Das ist sogar die höchste Bestimmung des Menschen, dass er von
Gott gerufen ist und Gott im Gebet antworten darf. - Wie viele leben heute an
dieser Bestimmung vorbei. - Religiöse Taubstumme in wachsender Zahl. Das Gebet
ist verstummt. Der Draht nach oben tot. Das Herz abgestumpft. Abgekapselt, in
sich selbst verkrümmt lebt man vor sich hin. Und merkt gar nicht, dass man an
einer Behinderung leidet, dem spirituellen Autismus.
Vielleicht sind wir ja alle ein wenig von dieser
Krankheit der Moderne infiziert. Ein Glück,
dass die Krankheit nicht unheilbar ist. Genaugenommen hat jeder Getaufte
die notwendige Therapie schon erhalten.
Das Machtwort des Herrn "Effata - öffne
dich!" wird nämlich auch bei der
Taufe über den Menschen gesprochen. Da berührt der Zelebrant die Ohren und den
Mund des Täuflings und sagt dazu: "Wie der Herr mit dem Ruf >Effata<
dem Taubstummen die Ohren und den Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren
und Mund, dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst zum Heil der
Menschen und zum Lobe Gottes".
Wir sind geöffnet für Gott. Wir haben den Zugang zum
Vater und zum Sohn im Heiligen Geist. Wir können sprechen und hören, wenn wir
nur wollen. Mögen doch viele Zeitgenossen diese Entdeckung machen, mögen sie
zum geistigen Leben im Kontakt mit Gott erwachen.
Mögen die Tauben hören und die Stummen sprechen
lernen!
Amen.