PREDIGTEN IM JAHRESKREIS:

Komm Schöpfer Geist
Predigt zum Pfingstfest

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg


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"Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein.
Besuch das Herz der Kinder dein.
Die deine Macht erschaffen hat, erfülle nun mit deiner Gnad".

Liebe Gemeinde, so haben wir zur Eröffnung des heutigen Pfingstgottesdienstes gesungen.
Es ist gewiss das schönste Heilig-Geist-Lied, das wir haben, eine Übertragung des großen lateinischen Hymnus "Veni Creator Spiritus" .

Zur Zeit Kaiser Karls des Großen – also um das Jahr 800 - ist dieser Hymnus entstanden. Als sein Verfasser gilt Rhabanus Maurus, ein Benediktinermönch aus dem Kloster Fulda.
Sein Abt schickte ihn nach Tours, in die Stadt des Hl. Martinus – es war das Zentrum des Karolingerreiches. Dort wurde Rhabanus Maurus in die Welt des Geistes und der Bildung eingeführt und zu einem der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit ausgebildet – und auch zu einem großen Dichter.

Das müssen wir an den großen Theologen der Antike und des Mittelalters bewundern: dass sie die theologische Lehre in dichterischer Sprache, in poetischer Form ausdrücken konnten, so wie das der hl. Thomas von Aquin für das Fronleichnamsfest getan hat. - Alle liturgischen Gebete und Lieder hat er geschrieben und darin die Eucharistielehre der Kirche grandios zur Sprache gebracht.
(Ich empfehle bei den Liedern im Gotteslob auch einmal einen Blick auf die Fußzeile mit den Angaben über Verfasser und Entstehungszeit zu werfen. Man bekommt auf diese Weise einen Einblick in die Geschichte und die Zusammenhänge unserer kirchlichen Tradition, auch des Liedguts.)

"Veni creator spiritus".
Über jede der sieben Strophen dieses Hymnus (übrigens: die Siebenzahl ist wohl nicht zufällig, sondern ein Anklang an die Sieben Gaben des Heiligen Geistes) könnte man eine theologische Abhandlung halten. Dazu fehlt jetzt die Zeit. Aber nehmen wir wenigstens die 1. Strophe und schauen wir, was uns hier über den Heiligen Geist gesagt wird.
"Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein". – Als Schöpfer wird der Hl. Geist angerufen, als "creator" – das ist sein erster und wichtigster Name.

Auf der ersten Seite der Bibel findet sich der Schöpfungsbericht. – Am Anfang, als die Erde noch "wüst und leer" war, als alles noch chaotisch, ungeordnet, finster war, da schwebte der Geist Gottes über den Wassern, über der Urflut (Gen 1,2).
Der Geist Gottes ist es, der Ordnung schafft, der die noch gestaltlosen Kräfte und Elemente des Kosmos gestaltet zu einer lebendigen und harmonischen Schöpfung. Psalm 104, der sogenannte Schöpfungspsalm, preist den Hl.Geist., der die ganze Schöpfung am Dasein hält und jedem Wesen die Lebenskraft – den Lebensatem gibt:

"Herr, wie zahlreich sind deine Werke. Mit Weisheit hast du sie alle gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen. - Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde".

Liebe Gemeinde, die Jahreszeit, in der Pfingsten gefeiert wird, die "liebliche" Zeit – wie es Goethe nennt – wo sich uns die blühende Natur von ihrer schönsten Seite zeigt – sie passt gut zum Fest des schöpferischen und lebenspendenden Geist Gottes.
Halten wir aber auch die Brisanz fest, die in diesen Gedanken steckt:
Der Hl. Geist ist der Schöpfer, der Leben schafft – nicht der Mensch, nicht der Gentechniker im Labor. Bewahre uns Gott davor, dass Menschen ins Schöpfungswerk hineinpfuschen und sich des Wunders des Lebens bemächtigen. – Die Folgen würden grauenhaft sein!
Was der heutige Mensch dringend wieder lernen muss, ist die Ehrfurcht vor dem Leben, ist das Staunen vor den Wunderwerken der Schöpfung. Tödlich ist das technokratische Denken, das alles ausbeuten will.

"Komm Schöpfer Geist, kehr bei uns ein
besuch das Herz der Kinder dein,
die deine Macht erschaffen hat, erfülle nun mit deiner Gnad".
Hier ist noch etwas Zweites über den Heiligen Geist gesagt. - Er ist nicht nur der Schöpfer und Erhalter der Natur, der sichtbaren Schöpfung, er ist vor allem auch der Schöpfer der Kinder Gottes, der sie mit göttlicher Gnade erfüllt.
Der Heilige Geist ist nicht nur Urheber des biologischen Lebens, sondern auch des geistigen Lebens, des ewigen Lebens.
Jesus sagt: "Wenn jemand nicht von neuem geboren wird aus Wasser und aus Heiligem Geist, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh 3,5).

Der Mensch braucht also eine zweifache Geburt. Neben der biologischen eine geistige Neugeburt aus dem Heiligen Geist.
Diese geistige Neugeburt, diese Erweckung zum wahren, erfüllten Leben, haben die Jünger am Pfingsttag, am Anfang der Kirche, machtvoll erlebt, als der Heilige Geist in Feuerzungen auf jeden einzelnen herabkam.
Unspektakulärer – aber ebenso real – ist es bei der Taufe und den anderen Sakramenten . Auch hier wird der göttliche Lebensfunke auf den Menschen übertragen. Der Mensch wird Kind Gottes und erreicht erst damit die entscheidende Dimension und Bestimmung des Lebens.

Wie viele haben auch das vergessen. Wie viele leben vollkommen vorbei an ihrer Bestimmung, am Sinn des Lebens, - haben den göttlichen Funken noch gar nicht in sich entdeckt- oder längst erstickt.
"Der Geist ist's, der lebendig macht, das Fleisch ist nichts nütze" ( Joh 6, 63). Auch dieses Wort des Herrn gilt.
Darum: bitten wir immer wieder um den lebendigmachenden, schöpferischen Geist Gottes, der unserem Dasein Schwung gibt, Elan, Inspiration, Freude, Kraft auch in äusseren Schwierigkeiten.
Und bitten wir, dass viele aus der toten Christenheit zu neuem Leben im Heiligen Geist erwachen.

Amen



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