Der Karfreitag führt uns das Leiden und den
Kreuzestod Jesu Christi vor Augen, das
"Haupt voll Blut und Wunden , voll Schmerz
und voller Hohn".
Vielleicht berühren uns solche Sätze in diesen
Tagen besonders, wo wir täglich Bilder von
unglücklichen, aus ihrer Heimat brutal vertriebenen
Menschen sehen und Nachrichten von Greueltaten und
Völkermord hören.
Es gibt manches Golgotha, manche Schädelstätte
in dieser Welt.
So schauen wir am Karfreitag auf das Kreuz; und
wir schauen nicht nur darauf, sondern wir verehren
es, wir beugen unsere Knie davor nachher bei
der feierlichen Kreuzverehrung, die im Zentrum der
Karfreitagsliturgie steht:
"Ecce lignum crucis, in quo salus mundi
pependit - venite adoremus": Seht das Holz des
Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen
kommt, lasset uns anbeten!
Das Kreuz anbeten und verehren. Aber warum
eigentlich?
An und für sich betrachtet ist ja dieses Kreuz
etwas Schlimmes, ein Hinrichtungsinstrument,ein
Marterpfahl. Recht gemein konzipiert: so, daß es ein
langsames, über Stunden sich hinziehendes Ausbluten
gibt so hing Christus 6 Stunden am Kreuz in
der glühenden Mittagshitze, der gaffenden Menge
ausgesetzt. Etwas Grausames, etwas Gemeines das
Kreuz. So grausam und gemein wie unsere Welt eben
sein kann.
Nicht nur damals.
Unsere Zeit die Moderne ist ganz
gewiß ebenso erfinderisch beim Quälen und Töten
wie die Antike, nur sehr viel effizienter dabei.
Nochmals: warum verehren wir heute das Kreuz? Weil
es das Kreuz Jesu Christi ist. Weil Jesus selbst das
Leiden, den Schmerz, die Anfeindung, den Tod
auf sich genommen und zu eigen gemacht hat.
Und weil seitdem gilt:
Wo immer Menschen unschuldig leiden da sind
sie umfangen vom Kreuz Christi, da sind sie ganz nahe
bei Christus, dem Gekreuzigten.
Es ist besser für den Menschen, Unrecht zu leiden
als Unrecht zu tun, wußte schon Sokrates. Aber erst
durch Christus wissen wir, warum das so ist:
Weil die Opfer auf der Seite Christi stehen, die
Täter aber auf der Seite seiner Mörder.
So gibt es seit Christus kein sinnloses Leiden
mehr. Alles Leid dieser Welt hat eine geheime
Beziehung zum Kreuz und ist in das
Erlösungsgeschehen mithineingenommen.
Darum wird das Kreuz zu Recht "spes
unica",unsere einzige Hoffnung genannt. Und
besonders die leidenden Menschen, die selbst ein
Kreuz zu tragen haben, spüren den Trost,der vom
Kreuz Jesu ausgeht.
Sie besonders, die Leidenden dieser Welt, in der
Ferne und in der Nähe wollen wir einschließen in
diese Karfreitagsstunde.
Amen