Predigten im Jahreskreis

Keine heile Welt

Predigt zum Fest der Heiligen Familie (C)

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg


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Wir ehren heute die Heilige Familie, Jesus, Maria und Josef.
Heilige Familie heißt aber nicht „heile“ Familie im Sinne von “heile Welt“, wo alles immer eitel Sonnenschein ist, und es keine Probleme und Sorgen gibt.
Ganz im Gegenteil. Diese Familie wurde nicht nur vielfach geprüft, sondern fiel auch aus dem  Rahmen einer „ganz normalen“ Familie.

Es beginnt ja schon damit, dass Josef ein Kind als sein eigenes akzeptieren muss, das nicht von ihm stammt. Er wollte sich deshalb zunächst von seiner Verlobten Maria trennen, berichtet uns der Evangelist Matthäus. Erst als ihm im Traum offenbart wird, dass das Kind durch den Heiligen Geist empfangen wurde, kann er Maria und das Kind annehmen (Mt 1, 18-25).
Aber damit beginnen gleich neue Schwierigkeiten. In Bethlehem ist kein Platz für Josef und Maria, als sie eine Herberge suchen. Und so muss Maria ihr Kind in einem Stall bei Ochs und Esel und Schafen zur Welt bringen und in eine Futterkrippe betten. Alles andere als eine besonders heimelige Situation. Doch nicht einmal in diesem armseligen Stall haben sie ihre Ruhe. König Herodes trachtet dem Neugeborenen (in dem er einen Konkurrenten wittert)  nach dem Leben und die heilige Familie wird zur Flüchtlingsfamilie. Zwei Jahre – bis zum Tod des Herodes - müssen sie in der Fremde bleiben. Dann erst können sie in ihre Heimat nach Nazareth zurück und endlich versuchen, ein einigermaßen normales Familienleben aufzunehmen (Mt 2,13-25).

Josef arbeitet als Zimmermann. Ein ehrbarer Beruf, der ihn aber nicht wohlhabend machte. Sonst hätte er im Tempel als Opfer für seinen Erstgeborenen ein Lamm und nicht nur die Gabe der armen Leute, zwei Tauben, darbringen können (Lk 2,24; Lev 12,8).
Über die Kindheitsjahre Jesu erfahren wir nichts. Man hielt ihn in Nazareth eben für den „Sohn des Zimmermanns“ (Mt 13,55). Später wird er mit Blick auf seine Heimatstadt sagen: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie“  (Mt 13,58).

Dass Jesus in Wahrheit viel mehr ist als bloß der Sohn des Zimmermanns Josef, das zeigt schlaglichtartig die Szene im heutigen Evangelium.- Drei Tage suchen Maria und Josef ihren zwölfjährigen Sohn verzweifelt in Jerusalem. Als sie ihn endlich im Tempel finden, wo er mit den Priestern und Schriftgelehrten diskutiert, da kommt keine Entschuldigung von Jesus, sondern die fast vorwurfsvolle Frage: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich bei meinem Vater sein muss?“ (Lk 2,49). Hier werden die Eltern Jesu unsanft damit konfrontiert, dass sie eben keine „ganz normale“ Familie sind, sondern dass ihr Sohn „anders“ ist, dass er ihnen gar nicht gehört, sondern dass er allein Gott gehört und dessen Willen erfüllen muss.
Damit muss Maria dann auch später immer wieder ringen. Mit etwa 30 Jahren gibt Jesus seine bisherige Existenz auf und tritt als Prediger in Israel auf. Es ist ungewöhnlich und nach Auffassung des Judentums gerade zu anstößig, dass er in diesem Alter immer noch unverheiratet ist und keine eigene Familie  gegründet hat. Das Leben als Wanderprediger, das er nun beginnt, scheint seiner Verwandtschaft nicht gefallen zu haben. Die Evangelien berichten wiederholt, wie Maria und andere Familienangehörige Jesus sozusagen „zur Ordnung“ rufen wollen und von ihm brüsk zurückgewiesen werden. So lesen wir im Markusevangelium: „Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine  Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer sind meine Mutter und wer sind meine Brüder?  Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3, 31-35).
Gott und sein Wille stehen für Jesus immer an erster Stelle. Alles andere, auch die Familie, ist nachrangig. Und diese Haltung erwartet er auch von seinen Jüngern: „ Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich – wer auf die mehr Rücksicht nimmt als auf meinen Ruf -  ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37).
Maria muss es unter Schmerzen lernen, das anzunehmen. Sie muss, wie Papst Benedikt sagt, „akzeptieren, dass der wahre Vater Jesu den Vorrang hat, dass sie den Sohn, den sie geboren hat, frei lassen muss, damit er seiner Mission nachgehen kann“ (Generalaudienz am 19.12.2012).
Am Ende sieht sie ihren Sohn am Kreuz sterben. Ganz bestimmt hatte sie einmal einen anderen Werdegang für ihn erhofft. Aber jetzt ist sie bei ihm. Und das heißt: sie ist einen inneren Weg gegangen, der sie immer mehr zur Erkenntnis Jesu geführt hat.

Liebe Mitchristen, noch einmal: Heilige Familie heißt nicht heile Welt. Und das ist auch gut so. Denn gerade so kann die heilige Familie Orientierung und Beispiel für unsere Familien  heute sein.
Für solche, die irgendwie nicht der Norm entsprechen, wie es auch bei der Familie aus Nazareth der Fall war,  wie auch für alle anderen. Denn auch diese haben mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen; äußeren – in Bezug auf die materielle Sicherung  (Wohnung, Arbeit, Einkommen, Ausbildung der Kinder usw.) - als auch inneren.
Entfremdung voneinander, das gibt es immer wieder in jeder Familie.
Weil bei aller Gemeinschaft und Gemeinsamkeit jeder Mensch ein Individuum ist, eine eigene Persönlichkeit, und jeder seinen eigenen Weg gehen muss. Und weil auch Kinder nicht ihren Eltern gehören, sondern weil jeder Mensch allein Gott, seinem Schöpfer und himmlischen Vater gehört.

Hier hilft gerade Eltern der Blick auf Maria. Sie hat vieles nicht verstanden an ihrem Sohn. Aber sie hat ihm die Liebe nie aufgekündigt. Sie hat es sogar ertragen, zurückgewiesen zu werden, nicht mehr viel zu sagen zu haben. Aber sie blieb ihm auf seinem ihr unverständlichen Weg unverbrüchlich  verbunden.
Liebe ohne Erwartungen, ohne Bedingungen, ohne Gegenliebe zu fordern – das ist die reifste, die vollendete Form der Liebe. Weil hier mein Egoismus überwunden ist.
Solche Liebe hat man nicht einfach. Die muss man erringen, manchmal unter Schmerzen.
Maria, die in der Schule ihres Sohnes zur Mutter aller Gläubigen heranreifte, helfe uns, dass wir in unseren Familien, in unseren Ehen und Freundschaften in der Liebe wachsen, im Verständnis füreinander und in der Freiheit der Kinder Gottes.

 

Amen.


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