Predigten im Jahreskreis

Vorsicht mit dem Anklagen

Predigt zum 5. Fastensonntag (C)

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg


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Der ehemalige Bundespräsident Gustav Heinemann pflegte zu sagen: „Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, weisen immer drei Finger auf einen selbst zurück.“
Vorsicht also mit dem Auf-andere-Zeigen, mit dem Anklagen und Beschuldigen von anderen. - Vielleicht sind wir ja selbst nicht so ganz fehlerlos und würden einer genaueren Prüfung nicht standhalten…
Das führt Jesus im heutigen Evangelium den Pharisäern und Schriftgelehrten vor Augen. Die kommen und klagen eine Ehebrecherin an und fordern die Todesstrafe für sie. Wenig später stehlen sie sich selbst mit gesenktem Kopf davon.
Aus dem Fall der Angeklagten hat Jesus den Fall der Ankläger gemacht:
„Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ (Joh 8,7). - Wer von euch ohne Schuld ist, der möge sich als Richter und Ankläger über sie erheben. Aber ohne Schuld ist keiner von ihnen, und darum können sie sich auch nicht als Richter aufspielen.

Liebe Gemeinde, die Rolle des Anklägers ist nicht gut für den Menschen. In der heiligen Schrift spielt Satan diese Rolle („Satan“ heißt übersetzt: Ankläger). Satan ist derjenige, der die Menschen Tag und Nacht vor Gott verklagt, der aber schließlich durch Christus gestürzt wird, der für das sündige Menschengeschlecht eintritt (Offb 12,10+11). Das sollte uns mahnen, die Rolle des Anklägers zu meiden.

Und doch, wie oft empören wir uns über andere, regen uns auf, kommen wir mit Vorwürfen und Anklagen.
Beobachten wir das einmal bei uns! Das kann schon bei der morgendlichen Zeitung mit der Empörung über Politiker und andere Zeitgenossen losgehen. Dann am Arbeitsplatz weitergehen, wenn wir uns über die lieben Kollegen aufregen und den Mund zerreißen und dann abends in den Familienkrach einmünden, wo man sich&xnbsp; die alten und neuen Vorwürfe um die Ohren haut.
Immer Ankläger sein – das ist nicht gut für den Menschen. Das tut uns nicht gut, denn es macht uns bitter und gereizt, es verfinstert die Seele und das Gesicht. Und außerdem steht uns diese Rolle gar nicht zu: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“
Das ist auch uns gesagt. Wir sind nicht ohne Schuld. Wir sind nicht die, die sich permanent über andere erheben und alles und jeden aburteilen können.
Wir möchten es gerne sein. Das ist der&xnbsp; „alte Adam“ im Menschen, der Stolz der Selbstgerechtigkeit.
Von diesem hohen Ross herunter zu kommen, fällt uns schwer. Für die Wüstenväter, die Meister des geistlichen Lebens im frühen Christentum, war die erste Stufe der Vollkommenheit erreicht, wenn ein Mensch nicht mehr verurteilt.

Nicht mehr richten, nicht mehr anklagen, nicht mehr verurteilen – können wir das erreichen? Die Rolle des Pharisäers und Schriftgelehrten - können wir sie ablegen?
Es wird uns nicht leichtfallen.
Denn wir sind Kinder unserer Zeit, und die ist gekennzeichnet von einer allgemeinen Anklagementalität. Vor allem die Medien bedienen das, die ständige Jagd auf den Sündenbock.
Fernsehen, Zeitungen, Internet sind der große moderne Pranger. Jeden Tag wird jemand vorgeführt und öffentlich an den Pranger gestellt – und manchmal fertiggemacht.
Auch die Psychotherapie spielt manchmal keine gute Rolle, wenn Menschen angeleitet werden, die angeblich verkorkste Kindheit und die Eltern für alle Probleme ihres Lebens verantwortlich zu machen und schuldig zu sprechen.
Und um ein drittes und leider ganz aktuelles Beispiel zu nennen:
Ist nicht für viele Zeitgenossen heute die Kirche geradezu die große Sünderin, die sie am liebsten steinigen möchten? An der sie kein gutes Haar lassen, über die man sich moralisch empört, wobei man natürlich großzügig über den riesigen Haufen Dreck vor der eigenen Tür hinwegsieht?

„Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Das sagte Jesus damals den selbstgerechten Pharisäern und das sagt er den selbstgerechten Anklägern aller Zeiten.
Jesus heißt die Sünde nicht gut. „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“, sagt er zu der Ehebrecherin.
Aber er verurteilt sie nicht. Er nagelt sie nicht fest auf ihre schuld. Er nimmt sie aus Erbarmen an trotz ihrer Schuld.
Vielleicht muss es der Mensch selbst erlebt haben – und immer wieder erleben – dass Gott ihm vergibt, dass Gott ihn annimmt trotz seiner Schuld, dass Gott ihm seine vergebende Liebe schenkt.
Vielleicht können wir nur dadurch erlöst werden von unserer Anklagementalität und endlich aufhören, mit Steinen zu werfen.

Der Herr führe uns gerade durch das heutige Evangelium auf diesen Weg. Dass wir wachsen in der Erkenntnis und in der Selbsterkenntnis, reifer werden in der Liebe und im Christsein.
Der&xnbsp; Herr möge aber auch durch seinen heiligen Geist, den Geist der Wahrheit und der Liebe, machtvoll den bösen Geist aus Kirche und Welt austreiben!

 

Amen.

 

 


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