Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Weihnachten, Weise und wir*


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage


Was geschieht, wenn Gott selbst die Bühne des Weltgeschehens betritt? Eine erste Antwort auf diese Frage ist ganz leicht: Dann geschieht ein außerordentliches Wunder, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird dieses Wunder nur der Anfang einer langen Reihe von Wundern sein. So viel läßt sich ohne weitere Informationen sagen. Nun sind alle Christen überzeugt, daß dieses Wunder tatsächlich eingetreten ist und, wenn wir unserer Überlieferung trauen dürfen, in der alleruner­wartesten Form. Gott kam nicht in Macht und Herrlichkeit vom Himmel, um auf Erden Ordnung zu schaffen, er kam vielmehr als Kind armer Leute zur Welt, freilich auf eine singuläre Art, denn die Mutter des Kindes war eine Jungfrau und gezeugt wurde es vom Heiligen Geist. Der Evangelist Johannes umschreibt diesen Sachverhalt mit dem schlichten Satz: „Das Wort“ – gemeint ist Gottes ewiges Wort, seine Schöpferkraft – „wurde Fleisch.“ Dieser schlichte Satz formuliert das Ungeheuerlichste aller Wunder. Es ist ganz angemessen und durchaus begreiflich, daß wir dieses Wunder mit unserem Verstand nicht begreifen können.

 

1. Die Geburt Jesu historisch betrachtet

 

Aber was hat sich bei diesem Eintritt Gottes in das Weltgeschehen nun historisch abgespielt? Auf diese Frage geben nur zwei Evangelisten eine Antwort, Matthäus und Lukas, aber ihre Antworten sehen recht unterschiedlich aus, auf den ersten Blick sogar verwirrend unterschiedlich. Matthäus erzählt von den Magiern oder Weisen aus dem Osten, von der Flucht nach Ägypten und vom Kindermord in Bethlehem. All das sucht man bei Lukas vergebens. Er erzählt von der Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel, von dem römischen Zensus, der Josef und Maria nach Betlehem führt, von der Geburt Jesu in einem Stall, von den Hirten, der Beschneidung und Simeon und Hanna. All das fehlt bei Matthäus. In zwei wesentlichen Punkten sind sich Matthäus und Lukas allerdings einig: daß die Geburt in Bethlehem stattfand und daß die Zeugung ohne menschliches Zutun, allein durch das Wirken des Heiligen Geistes zustande kam.

Was aber nun die Umstände angeht, die zur Geburt in Betlehem geführt haben, sind die Angaben bei Matthäus und bei Lukas nicht nur verschieden, sondern unvereinbar. Nach Matthäus haben Maria und Josef bis zur Geburt Jesu ihren festen Wohnsitz in Betlehem und ziehen erst nach dem ägyptischen Exil nach Nazaret. Nach Lukas ist Josef schon vor der Geburt Jesu in Nazaret ansässig und muß nur wegen der Steuerschätzung nach Betlehem. Hier muß der Historiker, wie so oft, wenn er vor verschiedenen Angaben in seinen Quellen steht, eine Entscheidung treffen: Welche Darstellung hat mehr Wahrscheinlichkeit für sich? Diese Entscheidung scheint mir in unserem Fall leicht: Die Darstellung des  Evangelisten Lukas ist in allen wesentlichen Punkten historisch plausibel. Steuerschätzungen waren in der Antike normale Verwaltungsakte. Im römischen Reich wurden sie sehr exakt durchgeführt. Jeder mußte die genaue Lage seines Landbesitzes angeben, seinen Ertrag, die Zahl der Obstbäume, der Sklaven usw. Daß für die Betroffenen dabei Reisen „in ihre Stadt“ anfallen konnten, entspricht ebenfalls den damaligen Gepflogenheiten, denn Besitz mußte an Ort und Stelle deklariert  werden, d.h. beim nächstgelegenen Steuerbüro, und zwar persönlich. Das ist aus praktischen Gründen ja auch durchaus sinnvoll. Wenn Josef als Davidide also in Betlehem Grundbesitz hat, muß er ihn in Betlehem persönlich angeben. Etwas unklar ist, warum er die hochschwangere Maria mitnimmt. Der Evangelist sagt nichts darüber, so daß wir nur Vermutungen anstellen können. Zwei Möglichkeiten liegen nahe: Entweder hatte Maria ebenfalls Grundbesitz in Betlehem oder Josef wollte sie nicht schutzlos in Nazaret zurücklassen. Denn Galiläa war am Ende der rücksichtslosen Tyrannei des Herodes politisch unruhig und von Aufständen erschüttert. Es ist klar, daß Josef und Maria nicht die einzigen waren, die bei dieser Gelegenheit Betlehem aufsuchen mußten, und so ist es nicht verwunderlich, wenn die beiden nur in einem Stall, d. h. wohl in einer der als Stall genutzten Höhlen in der Umgebung von Betlehem unterkommen. Und nach dem, was wir über den Zweck der Steuerschätzung gesagt haben, ist es nicht ausgeschlossen, daß der Stall zum Grundbesitz Josefs gehörte und die Hirten in der Gegend seine eigenen Angestellten waren. Das sind freilich nur Vermutungen.

In einem Punkt allerdings scheint Lukas ein Irrtum unterlaufen zu sein: in der Datierung der Steuerschätzung. Lukas schreibt, sie hätte stattgefunden, als Qurinius Statthalter von Syrien war. Nun hat Quirinius als zuständiger Statthalter tatsächlich einen Zensus durchgeführt, und zwar im Jahr 6 n.Chr., als Judäa römische Provinz wurde. Jesus muß aber etwa zehn Jahre früher zur Welt gekommen sein, also kann da etwas nicht stimmen. Solche Unstimmigkeiten sind in antiken Quellen nichts Besonderes, der Historiker hat ständig damit zu tun. Die antiken Biographen hatten es vor allem bei Angaben zum Lebensalter schwer, da hier oft keine genauen Informationen zu bekommen waren. Das gilt übrigens bis in die Neuzeit hinein. Ein  Beispiel dafür ist das Alter des sogenannten „Schinderhannes“. Das Kirchenbuch von Miehlen gibt als Geburtsdatum den 25. Mai 1783 an. Im Sterberegister der Stadt Mainz ist unter dem 21. November 1803 vermerkt, Jean Bückler (eben der Schinderhannes) sei im Alter von 24 Jahren verstorben. Das ergibt eine Differenz von dreieinhalb Jahren. Wir sollten von Lukas also nicht eine chrononlogische Exaktheit verlangen, die erst in neuester Zeit möglich wurde. Neben antiken Historikern kann er sich selbst mit solchen Schnitzern jederzeit sehen lassen.

Nun verkünden auch  meine Kollegen zur Weihnachtszeit gerne, Jesus sei nicht in Betlehem geboren, sondern in Nazaret. Das ist eine starke Behauptung, die allen Quellen widerspricht. Sowohl Matthäus als auch Lukas sind sich ja einig, daß die Geburt Jesu in Betlehem stattfand, und diese Einigkeit bezüglich des Geburtsorts ist umso bemerkenswerter, als es sich bei diesen beiden Evangelien um unabhängige Zeugnisse handelt, die im übrigen sehr unterschiedliche Darstellungen bieten. Im Fall von stark divergierenden Quellen geht jeder Historiker davon aus, daß er dort, wo diese Quellen übereinstimmende Angaben machen, festen Boden unter den Füßen hat. Wer also behauptet, daß Jesus nicht in Betlehem geboren ist, verstößt gegen dieses historische Prinzip und müßte dafür starke Argumente haben.

Was für Argumente haben nun solche Exegeten für die These, Jesus könne nicht in Betlehem geboren sein? Sie gehen aus von jener Stelle im Matthäusevangelium, wo ein Wort aus dem Propheten Micha (5,1) zitiert wird:

 

Und du Betlehem im Lande Juda,

bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas.

Denn aus dir wird der Fürst hervorgehen,

der mein Volk Israel weiden wird.

 

Es ist doch ganz klar, so argumentieren diese Exegeten, daß man die Geburt Jesu nach Betlehem verlegt hat, damit man sich auf diese Weissagung berufen konnte. Ist das wirklich ganz klar? Überhaupt nicht. Diese Prophezeiung spielte in den messianischen Erwartungen des Frühjudentums keine Rolle. In den Texten von Qumran, wo so viele messianische Weissagungen zitiert werden, wird auf Micha 5,1 nie Bezug genommen. Die messianischen Erwartungen rechneten nicht mit der Geburt eines Messias in Betlehem. Um Jesus als Messias zu erweisen, hätte eine Geburt in Nazaret völlig genügt. Es ist also historisch viel wahrscheinlicher, daß man wegen der Geburt Jesu in Betlehem auf die bisher ganz unbeachtete Stelle beim Propheten Micha aufmerksam wurde, als daß man wegen dieser Stelle  eine Manipulation mit dem Geburtsort vorgenommen hätte. Für diese Manipulation läßt sich kein Grund finden.

 

1. Die Bedeutung der Geburt Jesu

 

Der erste Teil der Weihnachtsgeschichte, wie sie Lukas erzählt, hat  überwiegend historischen Charakter. Er nennt historische Persönlichkeiten und beschreibt die Ereignisse im Großen und Ganzen richtig. Die kleinen Unstimmigkeiten, die modernen Forschern auffallen, gehen nicht über  das hinaus, was man bei jedem  antiken Historiker finden kann. Die Geschichte, die der Evangelist erzählt, ist ein Stück Alltag kleiner Leute in der Antike. Daß man in gewissen Abständen wegen einer Steuererklärung eine Reise machen muß, daß dabei irgendwo in einem Winkel des römischen Reichs, in dem Städtchen Betlehem, ein Kind geboren wird: das ist nichts Besonderes, und ein normaler antiker Historiker hätte das gar nicht für erzählenswert gehalten. Denn antike Historiker erzählen nicht von kleinen Leuten; Geschichte wird doch von großen Leuten gemacht. Hier aber erzählt ein Historiker eine Geschichte von kleinen Leuten und bemüht dafür in einer großartigen Einleitung sogar Cäsar Augustus selbst. Was hat Augustus mit diesem Kind zu tun? Warum erzählt Lukas das alles – bis hin zu der Einzelheit mit den Windeln und der Krippe?

Versetzen wir uns einmal in die Lage des Evangelisten! Er ist der festen Überzeugung, daß die völlig unspektakuläre Geburt dieses Kindes kleiner Leute in einem Winkel des römischen Reiches  das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte war. Warum? Weil dieses Kind eben nicht irgend­ein Kind war, sondern Gottes Sohn, ja Gott selbst, der auf diese Weise die Bühne der Welt betrat. Wie der Evangelist zu dieser Überzeugung  gelangt ist, tut jetzt nichts zur Sache. Aber es ist klar, daß die unscheinbare Begebenheit durch diese Überzeugung eine ungeheure Brisanz bekommt. Aber wie sollte Lukas diesen Sachverhalt seinen Lesern vermitteln? Hätte er einfach ein paar kommentierende Sätze hinzufügen sollen: Übrigens, dieses Kind war, wie spätere Ereignisse beweisen, Gottes Sohn? Das wäre trocken, unanschaulich und ohne Überzeugungskraft gewesen. Die Bedeutung des Ereignisses mußte selbst in eine Erzählung gefaßt werden. Diese Erzählung mußte jetzt aber anderen Charakter haben als der nüchterne Bericht des ersten Teils, der lediglich die nackten Tatsachen  lieferte. Sie muß wunderbaren Charakter haben, denn das, wovon erzählt wird, ist das größte Wunder der Weltgeschichte. Zu diesem Zweck haben die biblischen Erzähler die Darstellungsart der symbolischen Erzählung.

Symbolische Erzählungen haben in der Bibel stets einen faktischen Kern, ihr eigentlicher Zweck aber ist es, den Sinn eines Geschehens zu erschließen, das Typische daran, das, was es in die großen Zusammenhänge des Daseins stellt und seine bleibende Aktualität ausmacht; das, was Gott uns damit sagen will, seine eigentliche Wahrheit. Um diese symbolische Dimension zu erschließen, können solche Erzählungen mit historischen Umständen recht frei schalten und walten, aber das heißt nicht, daß alles daran fiktiv ist. Der Grad der Nähe zum realen Geschehen kann sehr unterschiedlich sein. Solche symbolischen Erzählungen sind im Alten Testament zum Beispiel die Erzählungen von der Schöpfung und vom Paradies, aber auch die Geschichten von den Patriarchen oder vom Auszug aus Ägypten. Wer bei solchen Erzählungen nur nach den Fakten fragt, hat ihren Sinn von vornherein verfehlt. Die Wahrheit dieser Erzählungen liegt trotz des faktischen Kerns vollständig auf der symbolischen Ebene. Erst wenn man ihre Symbolik erfaßt hat, hat man ihre Wahrheit erfaßt.

Von dieser Art der symbolischen Erzählung ist auch der zweite Teil der Weihnachtsgeschichte. Hier bringt der Evangelist das Wunderbare und die eigentliche Bedeutung dessen zum Ausdruck, was er im ersten Teil so nüchtern und sachlich berichtet hatte. Mit der Alltäglichkeit ist es jetzt vorbei. Denn daß Engel auftreten,  und dies gleich in ganzen Heerscharen, ist wahrhaftig nichts Alltägliches, auch nicht in der Bibel, die mit solchen Auftritten äußerst sparsam ist. An unserer Stelle geschieht sogar etwas, was sonst in der ganzen Bibel nicht mehr vorkommt: Engel erscheinen Menschen im himmlischen Lichtglanz; die Hirten werden „umleuchtet von der Herrlichkeit des Herrn“ (Lk 2,9). Mit dieser Einzelheit ist die Singularität des Ereignisses unterstrichen, um dessentwillen der Engel erscheint. Wo aber in biblischen Erzählungen Engel auftreten, ist das, was sie sagen, entscheidend für das Verständnis des Ganzen. Die zentrale Aussage in unserer Engelrede aber lautet (Lk 2,11):


Heute ist euch der Heiland geboren,
und der ist Christus, der Herr,
in der Stadt Davids!


Dieses Kind kleiner Leute ist kein Geringerer als „der Heiland“, der erwartete Messias aus dem Geschlecht Davids. Bei dem Wort „Heiland“ denken wir heute nur noch an Jesus. Das war in der Antike ganz anders. Das Attribut „Heiland“ erhielten Götter und große Menschen, die sich durch außerordentliche Wohltaten verdient gemacht hatten. So wurde Zeus „Heiland“ genannt, weil er alles Gute wirkt; Asklepios, weil er Gesundheit schenkt; der Philosoph Epikur, weil seine Philosophie von Ängsten befreit. Im Alten Testament bleibt dieses Attribut grundsätzlich Gott selbst vorbehalten. Zur Zeit der Geburt Jesu aber wurde kein Mensch so sehr als Heiland geehrt und gefeiert wie jener, den Lukas nicht von ungefähr zu Beginn der Weihnachtsgeschichte nennt: Cäsar Augustus. Zahlreiche Inschriften und Monumente bezeugen diese Verehrung des Augustus. Ein großer Historiker, Michael Rostovtzeff, schreibt dazu: „Ohne jeden Zweifel war Augustus bei der Masse des Volkes im ganzen Reich außerordentlich populär, wenn wir mit diesem modernen Wort die halbreligiöse Verehrung bezeichnen wollen, die die Römer ihrem neuen Herrscher entgegenbrachten. Für sie war er tatsächlich ein Übermensch, ein höheres Wesen, der Heiland, der die Wunden heilte und Frieden und Wohlstand spendete.“[1] „Friede“, pax, war ein Hauptbegriff der politischen Selbstdarstellung des Augustus, und es war kein leeres Wort. Der augusteische Friede schuf die Voraussetzung für eine Periode  von 250 Jahren, in denen Wohlstand und Rechtssicherheit herrschten im gesamten Imperium Romanum.

Und nun kamen die Christen und erklärten:  Der Heiland ist nicht Augustus, sondern dieses Kind, das damals in Windeln gewickelt in einer Krippe lag. Das war die stärkste und unglaublichste Behauptung, die damals aufgestellt werden konnte. Aber es ist wahr, und deshalb verkündet ein Heer von Engeln mit Donnergesang (Lk 2,14):

 

Ehre sei Gott in der Höhe,

und Friede auf Erden

den Menschen, die ihm gefallen.

 

Nicht von ungefähr fällt hier das Wort vom „Frieden auf Erden“, jenes Zentralwort des Augustus, mit dem er die Herzen der Menschen gewann. Der eigentliche Friedensfürst heißt aber nicht Augustus, sondern Jesus Christus, und der Friede auf Erden wird in erster Linie Gottes Volk zugesprochen, jenen Menschen, die Gottes Ehre an die erste Stelle setzen. Über diese Menschen gelangt der Friede dann in die ganze Welt. Daß der von Christus gestiftete Friede anderer Natur sein muß als der politische, versteht sich dabei wohl von selbst. Dieser Friede muß am Ende aber auch die politische Dimension erfassen, denn er ist nicht kleiner, sondern größer als der politische Friede, der gewöhnlich nicht mehr ist als ein Waffenstillstand.

In der lateinischen Übersetzung, der sogenannten Vulgata, ist übrigens nicht von den Menschen, die Gott gefallen, die Rede, sondern von den Menschen guten Willens: „et in terra pax in hominibus bonae voluntatis“.  Diese Lesart entspricht sicher nicht dem Urtext, aber deswegen ist die Aussage nicht falsch. Die Menschen guten Willens gefallen Gott ohne Zweifel, und ohne das Mitwirken von Menschen guten Willens wird es nie zum Frieden auf Erden kommen. Halten wir also ruhig an der Tradition der Kirche fest, die die Menschen guten Willens stets in Ehren gehalten hat.

Das also ist die frohe, für Nichtchristen aber möglicherweise provozierende Botschaft von Weihnachten. Die Weihnachtsgeschichte ist wahr, wenn das wahr ist. Und es kommt wohl nicht von ungefähr, daß einfache Hirten die ersten sind, die diese Wahrheit begreifen. Anderen wären die Engel vielleicht vergeblich erschienen. Gott spricht zwar zu jedem Menschen, aber nicht jeder Mensch ist empfänglich für sein Wort und für die Zeichen, die er gibt.

 

3. Die Weisen, ihr Stern und ihre Gaben

 

Was geschieht, wenn Gott selbst die Bühne des Weltgeschehens betritt? Diese Frage hat sich auch der Evangelist Matthäus gestellt, und er hat sie in Form einer symbolischen Erzählung beantwortet. Diese Erzählung sieht auf den ersten Blick ganz anders aus als die des Lukas und sie setzt auch andere Akzente; und doch haben beide Versionen der Weihnachtsgeschichte inhaltliche und strukturelle Ähnlichkeiten. Politik spielt hier wie dort eine Rolle, aber bei Matthäus greift sie nicht in Form eines routinemäßigen Verwaltungsaktes in das heilige Geschehen ein, sondern in Form von Intrigen und Mord. Statt der Engel, die den Frieden auf Erden verkünden, hören wir bei Matthäus die Stimme der trostlosen Rachel, die um ihre ermordeten Kinder weint (Mt 2,16-18). Das neugeborene Kind  bekommt jedoch auch bei Matthäus Besuch, allerdings nicht von armen Hirten, sondern von  reichen Gelehrten, und diese kommen nicht aus der Umgebung wie die Hirten oder aus Jerusalem, sondern von weit her aus dem Osten. Und die Gelehrten folgen nicht anders als die Ungelehrten einem himmlischen Hinweis, in diesem Fall einem Stern. Denn wie eine gewisse Empfänglichkeit für das Übernatürliche zur Wissenschaft der Hirten, so gehört die Beobachtung und Deutung der Vorgänge am gestirnten Himmel zur Wissenschaft der „Magier“, wie sie in der Antike genannt werden. Und selbstverständlich bewegen sich diese Magier in der gewohnten gesellschaftlichen Schicht und klopfen in Jerusalem bei König Herodes an, um zu fragen, wo der neugeborene König der Juden zu finden sei, dessen Repräsentanten sie am Sternenhimmel beobachtet hatten, und zwar „beim Aufgang“ (Mt 2,2).

Astronomische Kenntnisse gehörten in der Antike zu jeder höheren Bildung. Im griechischen und römischen Kulturraum waren sie Teil der sogenannten artes liberales, die bis in die Neuzeit hinein die Grundlage der universitären Bildung darstellten. Und selbstverständlich gab es Spezialisten in dieser Wissenschaft, besonders in Babylon. Aber noch etwas muß man wissen, um unsere Geschichte bei Matthäus zu verstehen. Die Sterne galten in der Antike als göttliche Lebewesen, und man ging allgemein davon aus, daß diese Lebewesen in Beziehung zur Menschenwelt stehen. Wichtige Ereignisse auf Erden wurden, so glaubte man, durch das Auftauchen neuer Sterne oder ungewöhnliche Natur- und Himmelserscheinungen angekündigt, besonders die Geburt von großen Herrschern. Sehr verbreitet war auch der Glaube, daß jeder Mensch seinen, ihm zugeordneten Stern am Himmel hat. Einen solchen ganz persönlichen Glücksstern besaß zum Beispiel Cäsar Augustus. Dieser Stern erschien bei den Leichenfeiern, die Augustus für seinen Adoptivvater Cäsar ausrichtete, und stand sieben Tage hindurch am Himmel, wie Sueton berichtet.[2] Es war ein Komet, und Augustus ließ sich auf allen Bildern, z.B. den Münzbildern, mit diesem Stern über dem Scheitel darstellen. Auch die Magier bei Matthäus beziehen sich ausdrücklich auf „seinen“ Stern, den neu aufgegangenen Stern des nächsten Königs der Juden. Woran diese Gelehrten erkannten, daß es der Stern eines jüdischen Königs ist, sagt der Text nicht; das ist auch unwichtig. Jedenfalls hatte man für so etwas gängige Indizien und Kriterien.

Im frühen Christentum hat man im Stern der Magier gerne jenen Stern gesehen, von dem im Buch Numeri geweissagt wird. Es ist die berühmte Weissagung Bileams, die lautet (Num 24,17):

 

Ein Stern tritt hervor aus Jakob,

ein Zepter erhebt sich in Israel,[3]

und zerschlägt die Schläfen Moabs,

zerschmettert alle Söhne Sets.

 

Möglicherweise ist schon bei Matthäus an diese Weissagung gedacht, denn sie wurde im Frühjudentum häufig auf den Messias bezogen.

In der Neuzeit hat man versucht, diesen Stern astronomisch zu identifizieren und hat in ihm z. B. den Halleyschen Kometen sehen wollen oder eine auffällige Jupiter-Saturn-Konstellation, die im Jahre 7/6 v. Chr. dreimal auftrat. Aber alle diese Spekulationen scheitern an der Tatsache, daß unser Text von einem einzelnen Stern redet und daß dieser Stern von Jerusalem nach Betlehem  wandert, also von Norden nach Süden, während alle anderen Sterne bekanntlich von Osten nach Westen ziehen. Auch das Stehenbleiben über dem Haus ist im Fall eines angeblich normalen Sterns schwer zu erklären. Verteidiger der These, es handle sich beim Stern von Betlehem um ein astronomisches Phänomen, müssen von einer optischen Täuschung der sternkundigen Weisen ausgehen – eine unbehagliche Annahme, die keinen Anhalt im Text hat. Der Evangelist will aber offenkundig nicht ein astronomisches Phänomen beschreiben, sondern einen Wunderstern, der ganz und gar aus der Reihe der gewöhnlichen Sterne tanzt und nur ein einziges Mal erscheint, um den Weisen aus dem Morgenland als Leitstern zu dienen. Die Singularität des Sternes entspricht der Singularität des Ereignisses, das er anzeigt. Er hat eine ähnliche Funktion wie das singuläre Erscheinen des Engels in himmlischem Glanz in der lukanischen Weihnachtsgeschichte. Der Stern zeigt wie die Engelserscheinung  an, daß hier etwas Wunderbares vor sich geht.

Von diesem Wunderstern geführt finden die Magier das Haus der Heiligen Familie. Denn bei Matthäus ist von einem Haus die Rede, nicht von einem Stall. So kommen die Gelehrten zum Ziel ihrer Wünsche: „Sie sahen das Kind mit seiner Mutter Maria und fielen nieder, um es anzubeten. Dann öffneten sie ihre Schätze und brachten ihm Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe“ (Mt2,11). Die Einheitsübersetzung spricht nicht vom „Anbeten“, sondern schreibt hier: „…da fielen sie nieder und huldigten ihm“. Diese Übersetzung ist ungenau. Einem König huldigt man, Gott wird angebetet. Verehren die Magier das Kind nur wie einen König oder wie Gott? Der griechische Text spricht von einer Proskynese. Eine Proskynese wurde in der Antike durch Niederknien und Küssen des Bodens oder der Füße des Verehrten geübt oder auch, indem man sich flach auf den Boden warf. Diese Form der Verehrung war dem Göttlichen vorbehalten. Im klassischen Griechenland war sie allerdings selbst vor Götterstatuen unüblich;  sie galt als übertrieben emotional und als typischer Ausdruck weiblicher Frömmigkeit. Im Orient dagegen wurde die Proskynese häufig geübt, sogar vor Herrschern, denen man göttliche Qualität zusprach. Vom Orient her drang sie dann auch stärker in den Westen ein. Alexander der Große wollte die Proskynese als Hofzeremoniell einführen, aber konnte das bei seinen griechischen Offizieren nicht durchsetzen. Doch mit dem Eindringen orientalischer Kulte nach Griechenland und Rom änderten sich auch die religiösen Formen und Gewohnheiten im Westen. Das zeigt sich zum Beispiel in den „Ephesiaka“ des Xenophon von Ephesus, einem griechischen Roman des 1. oder 2. Jahrhunderts. Dort lesen wir eine merkwürdige Szene. Da kommt das junge Paar auf der Hochzeitsreise nach Rhodos, und die Rhodier sind außer sich über die Schönheit der beiden jungen Leute. „Einige sagten, Götter seien zu Menschen gekommen, andere fielen vor ihnen nieder und beteten zu ihnen.“[4] Menschliche Schönheit wurde von den Griechen immer als etwas Göttliches angesehen, aber in der klassischen Zeit wäre man nie so weit gegangen, vor Schönheiten niederzufallen und Gebete an sie zu richten.

Von einer Proskynese der Magier vor König Herodes steht in unserer Geschichte nichts. Umso auffälliger ist es, daß sie diese Ehre dem Kind erweisen. Damit machen sie deutlich, daß sie in dem Kind nicht nur ein Königkind sehen, sondern ein göttliches Kind. Das muß auch in der Übersetzung zum Ausdruck kommen. Statt „huldigen“ sollte man also „anbeten“ schreiben. Das hat die lateinische Vulgata richtig gemacht, die adorare gebraucht.

Dem göttlichen Kind bringen die Magier wahrhaft königliche Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Diese Geschenke hat man schon früh symbolisch gedeutet: das Gold als Hinweis auf Jesu Königswürde, den Weihrauch, weil er vor allem im Kult verwendet wurde, als Hinweis auf seine Gottheit und die Myrrhe, weil sie zur Salbung des Leichnams Jesu verwendet wurde (Joh 19,36), als Hinweis auf seine Menschheit, insbesondere seinen Sühnetod, aber auch seine Auferstehung. Diese Deutungen sind im Zusammenhang mit der Proskynese sehr passend und  dem Text durchaus angemessen, auch wenn wir natürlich nicht wissen, ob schon der Evangelist an so etwas gedacht hat. Deshalb ist es durchaus erlaubt, weitere allegorische Deutungen dieser Geschenke zu suchen, sofern sie sinnvoll sind. Der Prediger in der Mainzer St. Quintin-Kirche zum Beispiel hat am diesjährigen Erscheinungsfest folgende Deutung angeboten: „Gold bringen die Weisen und darin das Kostbare und Wertvolle einer lebenslangen Suche nach der Wahrheit. Weihrauch bringen sie und darin den Duft und das Gespür einer lebenslangen Offenheit für das Wunder. Myrrhe bringen sie und darin die Last und Bitterkeit eines lebenslangen Ringens um den Glauben.“ Übrigens deutete Martin Luther die drei Geschenke auch auf Glaube, Liebe und Hoffnung. Das sind die Geschenke, die jeder von uns Christus machen kann.

Mit all dem Gesagten ist die symbolische Dimension unserer Geschichte noch lange nicht ausgeschöpft. Man kann ihr auch noch eine Lehre insbesondere für Professoren entnehmen, nämlich über Sinn und Ziel der Wissenschaft und Forschung überhaupt. Die Weisen folgen sozusagen konsequent den Daten ihrer Wissenschaft, und diese Daten führen sie hin zu Christus. So müßte jede Wissenschaft und Forschung, die ja immer auf Wahrheit aus ist, richtig betrieben und konsequent verfolgt, zu Christus führen, in dem alle Wahrheit vereint ist. Wo sie nicht zu Christus führt, wird sie offensichtlich noch nicht richtig betrieben und konsequent verfolgt. Das gilt von der Naturwissenschaft ebenso wie von der Theologie.

 

4. Sind diese Geschichten noch aktuell?

 

Die Magier kommen von fern; indem sie sich willig den Daten ihrer Wissenschaft und der göttlichen Führung überlassen, gelangen sie an ihr Ziel; und am Ziel angelangt, tun sie, was sich Christus gegenüber gebührt: Sie fallen anbetend vor ihm nieder und ehren ihn mit kostbaren Gaben. So üben sie vorbildlich das, was Edith Stein auf den ersten Seiten ihres letzten Werkes „heilige Sachlichkeit“ genannt hat. Die heidnischen Gelehrten zeigen auf ihre Art dieselbe heilige Sachlichkeit wie die jüdischen Hirten in der lukanischen Geschichte. Denn heilige Sachlichkeit bedeutet nach Edith Stein Empfänglichkeit und Sinn für das Heilige, die Bereitschaft und Fähigkeit, die Tatbestände der Heilsgeschichte ihrem wahren Wert entsprechend innerlich aufzunehmen und mit seinem Leben zu beantworten. In vielen Menschen geht eine ursprünglich vorhandene heilige Sachlichkeit durch eine zunehmende Abstumpfung, die viele Ursachen haben kann, mehr und mehr verloren. Die Hirten und die Magier haben sie sich rein und unvermindert erhalten.

Die Kirche hat die Magier stets als die vorbildlichen Repräsentanten der heidnischen Welt betrachtet, denen sich Christus eben wegen ihrer heiligen Sachlichkeit als der offenbart, der er wirklich ist: der göttliche Herr der Welt, Gott selbst. In diese Sicht fügt sich auch die Deutung des Sterns ein, die Reinhold Schneider gibt: „Der Stern, der die Weisen führte und über Bethlehem stehen blieb, ist der Gruß des Kosmos an seinen auf der Erde erschienenen Herrn.“[5] Christus ist ja nicht nur der Zielpunkt des menschlichen Lebens, sondern auch das A und O des ganzen Kosmos.

Was geschieht, wenn Gott selbst die Bühne des Weltgeschehen betritt? Wir haben am Beispiel der Weisen aus dem Osten gesehen, was aus heiliger Sachlichkeit  heraus geschehen sollte und immer wieder geschehen ist. Aber das Evangelium ist realistisch und zeigt auch, was außerhalb dieser heiligen Sachlichkeit, ja provoziert von ihr immer wieder vorkommt: politische Intrigen, mörderische Säuberungsaktionen, Weinen, Klagen und Emigration. Es ist von unheimlicher Symbolik, daß Kinder die ersten Opfer einer Verfolgung sind, die das Erscheinen Christi auslöst. Und mit Recht hat die Kirche den unschuldig hingemordeten Kindern ein eigenes Fest gewidmet (28. Dezember). In diesem Fest sind alle unschuldig geqälten und gemordeten Kinder eingeschlossen, eben weil unser Text ein symbolischer Text ist. Der Friede Christi, den die Engel bei seiner Geburt verkünden, muß erst in den Herzen gegründet sein, bevor er die politische Dimension erreichen kann.

Mit alldem ist wohl deutlich geworden, daß die Frage nach den historischen Fakten dieser Geschichten zwar durchaus sinnvoll ist, aber das Wesentliche daran nicht erfassen kann. Ihre Wahrheit liegt auf der symbolischen Ebene. Diese Geschichten sind wahr, wenn die Welt so ist, wie sie hier dargestellt wird, und wenn die Magier bei Matthäus ebenso wie die Hirten bei Lukas als Repräsentanten und Vorbilder heiliger Sachlichkeit begriffen werden. Nicht jedem von uns schickt Gott einen eigens für ihn geschaffenen Wunderstern, und nicht jedem von uns erscheinen wegweisende Engel in himmlischer Herrlichkeit. Wer wollte das auch verlangen? Aber jedem von uns gibt Gott Zeichen und Hinweise, die uns auf den Weg zu Christus führen können. Wir müssen nur lernen, diese Zeichen zu erkennen und zu deuten, und ihnen dann entschlossen folgen. So verstanden bleiben diese Geschichten aktuell. Und nur als aktuelle Geschichten sind sie Heilige Schrift.





* Vortrag im Haus am Dom, Mainz, am 9. Januar 2010

[1] M. Rostovtzeff, Gesellschaft und Wirtschaft im römischen Kaiserreich, 2. Bde., Leipzig 1929, I 39.

[2] Sueton, Caesar 88.

[3] Die Septuaginta hat „Mensch“ anstelle von „Zepter“.

[4] Xenophon von Ephesus, Ephesiaka I 12,1f.

[5] Reinhold Schneider, Begnadete Nacht (1952), in: Ders., Gesammelte Werke Bd. 9, Frankfurt a.M. 1978, 393-399, hier 393 (erster Satz!).


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage

© Dr. Marius Reiser 2010 - All Rights Reserved -