Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Drei revolutionäre Weisungen Jesu


Feindesliebe - Armut - Ehescheidung


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Immer wieder einmal kann man die Behauptung lesen oder hören, Jesus habe in der Ethik nichts Neues gebracht oder nicht viel. So gut wie alle seine moralischen Weisungen seien der alttestamentlich-jüdischen Tradition entnommen und hätten meist auch Vorbilder in der paganen, besonders der stoischen Ethik. Neu sei an der Ethik Jesu eigentlich nur der begründende, motivierende und stimulierende Rahmen: die Botschaft vom Reich Gottes. In den Kommentaren und Handbüchern werden zu den Worten Jesu zahlreiche "Parallelen" zitiert: aus der ägyptischen Weisheitsliteratur, dem Altern Testament, der frühjüdischen Literatur, dem Talmud, Philo, Plutarch, Epiktet und Autoren, deren Namen nur Spezialisten kennen. Der Leser ist von der Fülle beeindruckt und verwirrt. Und nicht selten geschieht es selbst Gelehrten, daß sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen und in der Fülle der angeblichen Parallelen den Blick für das Charakteristische der biblischen Aussagen verlieren. Es ist ein mühseliges Geschäft, den Schutt der Parallelen, die über den Text gehäuft werden, zu sortieren und in jedem einzelnen Fall zu fragen: Ist das überhaupt eine Parallele? In welcher Hinsicht? Welche sachliche Relevanz hat sie?

Stellt man Jesus und seine konkreten Weisungen in den Kontext seiner Zeit, findet man drei grundlegende ethische Gebote, die in ihrer Zeit unerhört, ja man kann sagen: revolutionär waren. Und nicht von ungefähr sind es drei Weisungen, mit denen sich selbst Christen bis zum heutigen Tag schwer tun: erstens die Forderung der Feindesliebe, zweitens die Option für die Armut und drittens das Verbot der Ehescheidung. Schauen wir uns diese drei Weisungen etwas näher an.

 

1.     Die Forderung der Feindesliebe

 

Mary W. Blundell, Professorin für Klassische Philologie, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Helping Friends and Harming Enemies". Darin schreibt sie: "Das landläufige Denken der Griechen ist durchdrungen von der Annahme, daß man seinen Freunden helfen und seinen Feinden schaden soll. Diese fundamentalen Prinzipien tauchen kontinuierlich auf von Homer an und halten sich durch bis weit in die römische Zeit hinein, ja eigentlich bis zum heutigen Tag, insbesondere in internationalen Beziehungen. Sie sind fest gegründet auf der Beobachtung der menschlichen Natur, die zu dem Schluß kommt, daß die meisten Menschen tatsächlich danach streben, ihren Freunden zu helfen und ihren Feinden zu schaden, und aus diesem Verhalten Befriedigung ableiten."[1] Der Dichter Archilochos rühmt sich selbst mit den Worten: "In einer einzigen Sache kenne ich mich aus, einer großen: dem, der mir Böses getan hat, es heimzuzahlen mit Bösem." [2] Sullas Grabschrift auf dem Campus Martius, die er selbst verfaßt haben soll, verkündete allen, die sie lasen: Kein Freund habe ihn übertroffen im Gutes Tun und kein Feind im Böses Tun.[3] Sulla hat auch nach Ansicht seiner Zeitgenossen beides übertrieben. Der Haß darf nach antiker Auffassung nicht maßlos sein, die angestrebte Vergeltung muß angemessen und entsprechend sein: Auge um Auge, Zahn um Zahn (Ex 21,24). Die Elektra des Sophokles wird vom Chor ermahnt: "Hasse nicht zu sehr deine Feinde, aber vergiß sie auch nicht!"[4] So galt in der gesamten Antike als anerkannter Grundsatz: "Liebe den, der dich liebt, und geh zu dem, der zu dir geht./ Wer dir gibt, dem gib, und nichts gib dem, der dir nichts gibt."[5]

Dieselben Grundsätze finden wir auch im Alten Testament: "Gib dem Guten, nicht aber dem Bösen,/ unterstütze den Demütigen, gib nicht dem Hochmütigen. … Trau niemals einem Feind,/ denn seine Bosheit gleicht dem rostenden Eisen" (Sir 12,4.10). In den Psalmen findet der Haß gegen die Feinde nicht selten einen drastischen Ausdruck. So wünscht der Beter von Ps 109 seinem Feind unter anderem: "Seiner Tage seien wenige, sein Amt empfange ein anderer! Seine Kinder seien Waisen und seine Frau eine Witwe!" (Ps 109,8f).[6] Auf diesem Hintergrund muß man Lk 6,27-36 lesen:

Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch mißhandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, laß auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wir euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

Es ist überdeutlich, daß sich Jesus mit diesen Grundsätzen gegen alle akzeptierte Weisheitslehre, jüdische wie heidnische, stellt. Sein Gebot lautet nicht: "Liebe den, der dich liebt!", sondern: Liebe deinen Nächsten, selbst wenn er dein persönlicher oder politischer Feind ist. Jesus rät nicht: "Gib dem Guten, aber nicht dem Bösen!", sondern: "Gibt jedem, der dich bittet, und wenn dir einer etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück!"

Zum Gebot der Feindesliebe als ethischem Grundsatz gibt es keine Parallele in der Antike vor Jesus. Wir finden dort höchstens Aufforderungen zur Mäßigung im Feindeshaß oder zum Verzicht auf Vergeltung aus kluger Berechnung oder weil die Vergeltung Gottes Sache ist.[7] Schon in Spr 20,22 steht der Rat, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. In Spr 25,31 lesen wir: "Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken. Denn so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt, und der Herr wird es dir vergelten." "Glühende Kohlen auf jemandes Haupt sammeln" heißt: ihn beschämen. Das hat mit Liebe wenig zu tun. Ähnliche Ratschläge findet man in Plutarchs Schrift: "Wie man Nutzen haben kann von seinen Feinden".[8] Außergewöhnlich ist die Behauptung Epiktets, zur Lebensweise des rechten Kynikers gehöre es auch, daß er geprügelt werde wie ein Esel und dabei doch nicht aufhöre, den Prügelnden zu lieben wie einen Bruder.[9] Aber selbst diese singuläre Aussage ist noch kein allgemeines Gebot der Feindesliebe.

Der Jurist Peter Noll, der sich als Agnostiker verstand, hat einmal sehr treffend bemerkt: "Alle Kriege sind im Grunde zum Schutz der eigenen Familie, zur Verteidigung des eigenen Volkes, also aus Nächstenliebe geführt worden. Mit der Feindesliebe würden sie sich nicht begründen lassen."[10] Und von dem l988 verstorbenen Dichter Erich Fried stammt ein Gedicht mit der Überschrift "Weltfremd":

 

Wer denkt

daß die Feindesliebe

unpraktisch ist

der bedenkt nicht

die praktischen

Folgen

der Folgen

des Feindeshasses.

 

Sollten nicht auch wir Christen uns das wieder etwas mehr klar machen?

 

2.     Die Option für die Armut

 

Man redet heute viel von einer christlichen "Option für die Armen". Man meint damit, daß sich die Reichen für die Armen und die Überwindung der Armut einsetzen sollen oder wollen. Von einer solchen Option für die Armen ist bei Jesus wenig, ja so gut wie nichts zu finden. Nur in dem Wort gegen die Schriftgelehrten, die "die Häuser der Witwen auffressen" (Mk 12,40), klingt etwas von prophetischer Sozialkritik an. Armenfürsorge und Almosen-geben war im Judentum eine Selbstverständlichkeit, und so wohl auch für Jesus. Die christliche Option für die Armen muß deshalb weithin alttestamentlich begründet werden.

Jesus betrachtet die Frage von Reichtum und Armut nicht so sehr unter dem Aspekt der Soziallehre als unter dem der Güterlehre. Ihm geht es darum, wie Armut und Reichtum moralisch zu bewerten sind und welche Lebensform grundsätzlich erstrebenswerter ist: die des Reichen oder die des Armen? Auf diese Fragen hatte die Antike klare Antworten parat, und diese Antworten muß man kennen, um die Antwort, die Jesus gibt, richtig einzuschätzen. Wie im Fall des Prinzips, daß man Freunden helfen und Feinden schaden soll, ist sich jüdische und nichtjüdische Tradition hier einig.

Die Grundüberzeugung der alttestamentlichen Güterlehre ist klar und knapp formuliert in Sir 3l (34),8: "Selig der Reiche, der untadelig befunden wird und dem Gold (hebr. Mammon) nicht hinterherläuft!" Reichtum gilt als erstrebenswerter Segen, sofern er gerecht erworben wird und nicht zu Habgier führt. Armut gilt dagegen als Unglück und Übel. "Der Besitz des Reichen ist seine feste Stadt, das Verderben der Geringen ist ihre Armut" (Spr 10,15). "Für Geld ist alles zu haben" (Koh 10,19). "Besser sterben als betteln" (Sir 40,28). Im Land der Verheißung jedoch wird niemand mehr "sein Brot in Armut essen" (Dtn 8,9). Natürlich kennt der Weise höhere Werte als Reichtum: Gesundheit (Sir 30,14f), Gottesfurcht (Spr 15,16) und die Weisheit selbst (Spr 16,16). Vereinzelt wird mäßiger Besitz, nicht zuviel und nicht zu wenig, als das eigentlich Wünschenswerte hingestellt (Spr 30,8f). Denn die Schattenseiten des Reichtums sind bekannt:

Schlaflosigkeit wegen des Reichtums zehrt am Fleisch,

die Sorge um ihn nimmt den Schlummer.

Die Sorge um den Lebensunterhalt verscheucht den Schlummer,

mehr als schwere Krankheit vertreibt sie ihn.

Der Reiche müht sich ab, um ein Vermögen zu sammeln;

ist er zur Ruhe gekommen, frönt er dem Genuß.

Der Arme plagt sich und verbraucht seine Kraft;

wenn er ruht, muß er hungern.

Wer das Gold liebt, bleibt nicht ungestraft;

wer dem Geld nachjagt, versündigt sich.

Viele sind es, die sich vom Gold fesseln lassen,

die ihr Vertrauen auf Perlen setzen.

Eine Falle ist das für den Toren,

jeder Einfältige läßt sich damit fangen.

Wohl dem Mann, der schuldlos befunden wird,

der sich nicht aus Habgier versündigt.

Wo gibt es den? Wir wollen ihn preisen!

Denn Staunenswertes hat er in seinem Volk vollbracht.

(Sir 31,3-9)

Dieselbe Einstellung finden wir in der paganen Antike. "Pecunia (una) regimen est rerum omnium" "Geld regiert die Welt".[11] "Elend ist der Habenichts; wer etwas hat, ist selig!"[12] "Das Geld ist bei den Menschen am meisten geschätzt, es hat die größte Macht in sich, die es unter Menschen gibt … Ein edler Mann gilt nichts, wenn er arm ist."[13] Solche oft in bitterem Ton getroffenen Feststellungen führen aber nie zu einer grundsätzlichen Verurteilung des Reichtums. Wie im Alten Testament warnen die Weisen nur vor Habgier und mahnen zum rechtmäßigen Erwerb: "Erwirb dir Besitz, aber auf rechtmäßige Weise, und bleib besonnen dabei!"[14] Wieder wird die Frage der Rangfolge in der Güterordnung gestellt. Nach einem alten Lied, das man bei Symposien sang, ist das beste Gesundsein, das zweitbeste Schönheit und das drittbeste "Reichsein ohne Falsch".[15] In einer anderen Reihe steht Reichtum noch vor der Gesundheit und der Reputation an erster Stelle.[16] So verwundert es nicht, wenn das griechische Wort μακριος "glücklich, selig" auch ganz prägnant "reich" heißen kann. Reich und glücklich war für den Griechen fast dasselbe. Nur wenige gelangten zur Einsicht des Artemidor, der in seinem Buch über die Traumdeutung schreibt: "Immer ist es besser, wenig Gut und Geld als viel zu besitzen, denn großer Reichtum bedeutet Sorgen und Kummer, weil er ebenso wie ein Schatz schwer zu verwalten ist."[17]

Nur zwei Bewegungen entschieden sich in der Antike grundsätzlich gegen den Reichtum und für die Armut: die Essener auf jüdischer und die Kyniker auf heidnischer Seite. Die Essener stellten ihren Privatbesitz der Gemeinschaft zur Verfügung und wurden von dieser Gemeinschaft versorgt, die Kyniker dagegen lebten vom Bettel. Sie opferten Besitz, soziale Sicherheit und Ansehen auf zugunsten der Freiheit und Unabhängigkeit. Jesus hat, äußerlich gesehen, manche Ähnlichkeit mit einem Kyniker, aber das Gemeinschaftsleben mit seinen Jüngern hat seine Parallele eher in essenischen Gemeinschaften (allerdings nicht der von Qumran!), und vor allem: seine Bevorzugung der Armut ist anders motiviert. Während für den Kyniker das höhere Gut seine Freiheit und Unabhängigkeit ist, ist es für Jesus die Herrschaft Gottes, der er mit seiner ganzen Existenz dient.

Die absolute Priorität der Herrschaft Gottes ist der Schlüssel zu den Worten Jesu über Reichtum und Armut. Gott und sein Reich sind das höchste und alleinige Gut des Menschen. Dieses Gut tritt in Konkurrenz zu allem, was den Menschen ganz in Anspruch zu nehmen droht. Darum können die Herrschaft Gottes und die Herrschaft des Geldes nicht friedlich koexistieren. "Niemand kann zwei Herren dienen. Denn entweder haßt er den einen und liebt den andern oder er hängt am einen und verachtet den anderen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt 6,24/ Lk 16,13). Jesus verteufelt das Geld nicht als solches, unter Umständen gesteht er auch Jüngern Besitz zu. Aber grundsätzlich gilt: Besitz, vor allem großer Besitz, und der Versuch, ihn zu genießen, verhindert, daß Gott und sein Reich zum höchsten Gut des Menschen wird und zu dem einen Notwendigen (vgl. Lk 10,42). "Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz" (Mt 6,21/ Lk 12,34).

Das ist zugleich der Grund, warum ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr kommt als ein Reicher ins Reich Gottes (Mk 10,25parr). Gold geht durch alle Türen, wie es im Sprichwort heißt, aber nicht durch die Tür des Himmelreichs. Darum verkündet Jesus nicht: "Selig der Reiche!" wie Jesus Sirach, sondern: "Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes!" (Lk 6,20) "Selig ihr Armen!": Das ist für antike Ohren ein Paradox. Wenn Matthäus statt "Selig die Armen" "Selig die Armen im Geiste" schreibt (Mt 5,3), so nicht, um den Reichen ein Hintertürchen zu öffnen; der Evangelist will vielmehr andeuten, daß Jesus nicht jene Armen seligpreist, die nur auf eine Gelegenheit zum Reich-werden warten, sondern jene Armen, die nicht auf irdische Schätze aus sind und stattdessen Gottes Reich und seine Gerechtigkeit suchen (vgl. Mt 6,19-34).

Bei Jesus finden wir also eher eine Option für die Armut als eine Option für die Armen. Die Option für die Armut sollte man allerdings nicht verwechseln mit einer Option für das Elend. Im Gegenteil, aus der Option für die Armut um der Herrschaft Gottes willen folgt ja gerade, daß Besitz und Reichtum nur einen Zweck haben können: den Strom der Güter dorthin zu lenken, wo Not und Elend herrschen. Schon Clemens von Alexandria leitet aus dem Wort vom "ungerechten Mammon" (Lk 16,9) ab, "daß jeder Besitz, den jemand allein für sich als sein Eigentum besitzt und nicht den Bedürftigen zum allgemeinen Gebrauch zur Verfügung stellt, seinem Wesen nach ungerecht ist."[18] Kein antiker Autor hätte einen solchen Grundsatz aufstellen können. Aber er gilt in der katholischen Soziallehre bis zum heutigen Tag.[19] Leider wird er auch von Christen zu wenig beachtet.

 

3.     Das Verbot der Ehescheidung

 

Ein Mann darf seine Frau "entlassen", d.h. fortschicken, und eine andere heiraten, wenn er Gründe dafür hat. Darüber war sich jüdische wie heidnische Rechtsauffassung in der Antike einig. Die jüdische Rechtsauffassung gründete sich auf Dtn 24,1. Danach darf ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief schreiben, "wenn er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat". Die Rabbinen diskutierten zwar, was unter dem Anstößigen konkret zu verstehen sei, aber die Mehrheit war für eine großzügig Auslegung. Im hellenistischen Kulturraum war es üblich, bei der Heirat einen Ehevertrag abzuschließen, der genau festlegte, unter welchen Bedingungen die Ehe geschlossen und fortgeführt werden sollte. In solchen Verträgen hieß es z.B., daß der Mann mit keiner anderen Frau Kinder zeugen dürfe und die Frau das Haus nur mit Einwilligung des Mannes verlassen dürfe. Für den Fall der Trennung der Ehepartner wurde festgelegt, daß die Frau den Besitz, den sie in die Ehe gebracht hatte, innerhalb von 10 Tagen zurückerhielt. Im hellenistischen Kulturkreis konnte die Trennungsabsicht sogar von der Frau ausgehen.

Demgegenüber erklärte Jesus unzweideutig: "Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen" (Mk 10,9). Jede Scheidung und Wiederverheiratung erklärt er für Ehebruch (Mk 10,11f). In Mt 9,32 ist eine einzige Ausnahme formuliert: der Fall der "Unzucht", d.h. einer sexuellen Verfehlung, besonders Ehebruch. Gegen das Zugeständnis des Mose berief sich Jesus für sein Gebot auf die Schöpfungsordnung. Damit stellt er sich gegen alles Herkommen, das im jüdischen wie im griechisch-römischen Kulturkreis vor allem dem Mann eine größere Freizügigkeit zugestand. Wir wissen aus der Geschichte des Christentums, wie schwer es immer wieder war, diese christliche Norm durchzusetzen. Heute kehrt die weltliche Rechtspraxis vielfach zur vorchristlichen Regelung zurück, nur mit dem Unterschied, daß Männern und Frauen dieselbe Freizügigkeit eingeräumt wird. Ob die Menschen dadurch glücklicher geworden sind?

 

4.     Schluß

 

Es gibt meines Wissens außer Jesus keinen Lehrer der Menschheit, der in drei gesellschaftlich so grundlegenden Fragen, wie es die Fragen von Freund und Feind, Reichtum und Armut, Ehe und Ehescheidung sind, eine so unerhört neue, revolutionäre Haltung und Praxis gefordert hat. In allen drei Fragen hatte die antike Kultur, die jüdische wie die heidnische, eine prinzipiell übereinstimmende Einstellung und Praxis, der Jesus direkt widersprach. Er bestritt grundsätzlich das Recht, den Feind zu hassen und Vergeltung zu üben; er behauptete, Gottes Reich gehöre den Armen, nicht den Reichen, und Ehescheidung verstoße gegen die Schöpfungsordnung. Verstehen und würdigen kann man diese Grundsätze Jesu nur im Rahmen seines gesamten Evangeliums. Der Welt, und leider vielfach auch der christlichen Welt, ist dieses Evangelium immer noch allzu fremd. Wenn aber Jesus "alle kannte" und "wußte, was im Menschen war" (bzw. ist) (Joh 2,24f), sollten wir seine Weisungen, auch die radikalen darunter, neu bedenken und beherzigen. Das gilt nicht zuletzt im Hinblick auf eine christliche Erneuerung Europas.

 

 

 

 



[1] H.W. Blundell, Helping Friends and Harming Enemies. A Study in Sophocles and Greek Ethics, Cambridge 1989, 26.

[2] Archilochos, Fragment 66.

[3] Plutarch, Sulla 38,4.

[4] Sophokles, Elektra 177f.

[5] Hesiod, Werke und Tage 352f.

[6] Vgl. Ps 58,7-11; 69,23-26; 137,8f; 140,10f; 143,12.

[7] So 1 QS 10,17f.

[8] Plutarch, Moralia 86B-92F.

[9] Arrian, Epiktet III 22,53f.

[10] P. Noll, Diktate über Sterben und Tod, München 1987, 264.

[11] Pubilius Syrus, Sententiae 506. Vgl. Aristophanes, Plutos 146.

[12] Euripides, Danae bei Stobaios IV 31 Nr. 41.

[13] Euripides, Phoinissai 439-442.

[14] Theognis 753f.

[15] Platon, Gorgias 451e.

[16] Platon, Hippias maior 291d.

[17] Artemidor, 2,58.

[18] Clemens Alexandrinus, Quis dives salvetur? 31,6.

[19] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2403-2405.


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