Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Der ehrlose Tod des Gerechten


Präfigurationen des Leidens Christi


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1. Der Fall

Der römische Statthalter von Judäa residierte für gewöhnlich in Cäsarea am Meer. Aber zum Pascha-Fest fand er sich in Jerusalem ein – nicht aus religiösen Gründen, wie die vielen Festpilger, sondern aus politischer Klugheit. Die Unzufriedenheit der Landeskinder mit der fremden Regierung äußerte sich nämlich mit Vorliebe bei Gelegenheit der Feste, und wenn es zu Zusammenrottungen, gewalttätigen Ausschreitungen oder gar Aufstandsversuchen kam, war es für die Obrigkeit ratsam, vor Ort zu sein, um schnell eingreifen zu können. So reiste auch Pontius Pilatus, als es im Jahr 30 auf das Pascha-Fest zuging, nach Jerusalem. Dort wurde er, kurz vor dem Fest, frühmorgens zum üblichen Gerichtstermin mit einem merkwürdigen Fall befaßt. Der Hohe Rat überstellte ihm einen Angeklagten und beantragte für ihn die Todesstrafe durch Kreuzigung, die freilich nur er, der römische Statthalter, verhängen und vollstre cken durfte. Der Angeklagte habe sich angeblich zum "König der Juden" erklärt und das heißt: einen Aufstandsversuch gemacht. Dabei sah er nicht gerade wie ein Rebellenführer aus. Auf die Frage, ob er der König der Juden sei, antwortete er ausweichend. Zu der vorgetragenen Anklage äußerte er sich nicht. Auf die weiteren Fragen des Statthalters reagierte er mit beharrlichem Schweigen. Äußerst merkwürdig.

Pilatus war ein erfahrener Politiker. Er sah, daß der Hohe Rat diesen Angeklagten aus irgendeinem, wohl nicht ganz koscheren Grund, aus dem Weg geräumt haben wollte. Aber er sah nicht ein, warum er diesen Herren so ohne weiteres einen Gefallen tun sollte, zumal einen solchen. Ein Todesurteil ist immerhin keine Kleinigkeit. Und ein römischer Magistrat nimmt es damit sehr genau. Andererseits hatte er auch keine Lust, sich mit den Herren herumzustreiten und langwierige Untersuchungen zu veranlassen. Da kommt ihm eine Idee. Zum Fest ist wieder eine Amnestie fällig, und eine Schar Leute wartete schon darauf vor dem Palast. Statt des Terroristen Barrabas kann er ja diesen Jesus anbieten. Freilich, mit diesem Angebot hat er ihn im Grunde für schuldig erklärt. Und damit hatten die Herren vom Hohen Rat ihr Spiel gewonnen. Aber das sollte Pilatus erst nachher aufgehen.

Zunächst ereignet sich noch etwas Merkwürdiges: Seine Frau schickt ihm eine Nachricht: "Laß diesen Gerechten in Ruhe. Denn ich habe seinetwegen im Traum viel gelitten." Der Angeklagte ging seiner Frau also im Traum nach. Und sie mußte ihn gut kennen, sonst könnte sie ihn nicht mit solcher Bestimmtheit einen "Gerechten" nennen.

Aber Pilatus hatte den Fehler schon gemacht. Die Leute vor dem Palast bzw. ihre Wortführer sind instruiert. In Sprechchören verlangen sie die Amnestie des Barrabas. Und Jesus? Soll ans Kreuz. Da zuckt Pilatus mit den Schultern, macht deutlich, daß er den Angeklagten eigentlich für unschuldig hält. Aber wenn ihr die Verantwortung übernehmen wollt – bitte.

So ungefähr stellt der Evangelist Matthäus die Sache dar (Mt 27,11-26). Ich will jetzt nicht auf die historischen Probleme dieser Darstellung eingehen. Es geht mir nur um einen Aspekt des Ganzen, nämlich darum, daß hier ein Gerechter zum Tod verurteilt wird. Und zwar nicht zu irgendeinem Tod, sondern zum schändlichsten Tod und der grausamsten Hinrichtungsart, die die Antike kannte. Nur Sklaven, Schwerverbrecher und Rebellen durften überhaupt auf diese Weise hingerichtet werden; für römische Bürger war sie verboten. Dieser Aspekt des historischen Geschehens genügt mir hier. Und wenn auch sonst manches an der Darstellung der Evangelien fraglich und zumindest im Hinblick auf die faktische Geschichte Schwierigkeiten macht: daß Jesus unschuldig zum Tod verurteilt wurde, und zwar zum Tod am Kreuz, das hat noch kaum jemand zu bezweifeln gewagt. Jesus stirbt schließlich zwischen zwei Banditen, und Lukas kann den einen von ihnen sagen lassen: "Uns g eschieht recht, wir erhalten den verdienten Lohn; dieser aber hat nichts Abnormes getan" (Lk 23,41). Das ist wahr, selbst wenn der Bandit es nicht gesagt haben sollte.

Das Stichwort "Gerechter" fällt in dem zitierten Wort nicht, obwohl es der Sache nach darum geht. Aber dafür fällt es kurz darauf im selben Evangelium. Nach dem Tod Jesu heißt es dort: "Als aber der Hauptmann das Geschehene sah, pries er Gott und erklärte: ‘Wirklich, dieser Mensch war gerecht!’" (Lk 23,47) Beide Male also findet sich die Charakteristik Jesu als "gerecht" im Mund von Heiden, einmal im Mund einer Frau und einmal im Mund eines Mannes. Das könnte Zufall sein, aber es ist doch auffällig. Und unsere weiteren Betrachtungen werden zeigen, daß es kein Zufall ist. Im ganzen Neuen Testament gibt es nur noch eine weitere Stelle, an der Jesus ausdrücklich als "Gerechter" bezeichnet wird: in 1 Petr 3,18. Dort heißt es, daß Christus ein einziges Mal für Sünden gestorben ist, "als Gerechter für die Ungerechten". Auch hier also geht es wieder um den Tod des Unschuldigen. Und diesem Tod wird ein Sinn zugesprochen: Er g eschieht stellvertretend; der Unschuldige stirbt, um den Schuldigen ihre Schuld abzunehmen. Wir werden noch sehen, wie es zu dieser Idee kam.

Nun ist Jesus weder der erste noch der letzte Gerechte gewesen, der von seinen Mitmenschen ungerecht behandelt und unschuldig zum Tod verurteilt wurde. Aber sein Fall ist ohne Zweifel ein Extremfall und hat so viel Symbolisches, daß er jeden unvoreingenommenen Menschen berührt, auch wenn er Jesus nicht für den hält, für den ihn die Christen halten. Man fragt sich unwillkürlich: Wie konnte es dazu kommen? Wie ist so etwas überhaupt möglich? Und man sucht nach ähnlichen Fällen.

2. Ein Gedankenexperiment

Auf der Suche nach ähnlichen Fällen sind die Christen vor allem im Alten Testament fündig geworden. Aber ein Fall einer Analogie hat immer wieder ganz besonders frappiert und zum Nachdenken angeregt, der nicht im Alten Testament steht und nicht einmal ein wirklicher Fall ist, sondern nur ein Gedankenexperiment. Es ist ein Gedankenexperiment, das Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu angestellt wurde und trotzdem ein solches Licht auf seinen Fall wirft, daß es einer eigenen Betrachtung wert ist.

Das Gedankenexperiment stammt von Platon und steht in seinem berühmten Werk über den Staat (Politeia). Im 2. Buch dieses Werkes geht es um die Frage der Gerechtigkeit, und der Diskussionspartner des Sokrates, Glaukon, stellt gleich zu Beginn eine provozierende These auf. Er behauptet nämlich, daß der Mensch, wenn er könnte, wie er wollte, jederzeit das Leben eines rücksichtslos Ungerechten vorziehen würde. Das Prinzip der Gerechtigkeit habe man unter den Menschen nur aus Opportunität eingeführt und als Kompromiß, weil es sich herausstellte, daß eben nicht jeder den anderen übervorteilen konnte, ohne daß sich dieser wehrte und rächte. So habe man sich eben darauf geeinigt, daß das Unrechttun bestraft wird und derjenige, der Unrecht erlitten hat, sich rächen oder Wiedergutmachung erwarten darf. Aber, meint Glaukon, gebt doch dem Gerechten den Ring des Gyges, der Unsichtbarkeit verleiht und es seinem Besitzer ermögli cht, ungestraft zu tun, was er will, dann wird man schon sehen, wie lange der Gerechte gerecht bleibt. Er wird seine unnütze Tugend schnell ablegen, denn Macht tendiert dazu, ihren Inhaber zu korrumpieren, und absolute Macht korrumpiert absolut. Aber das ist schon wieder platonisch-christlich geurteilt; Glaukon würde sagen: Was heißt hier ‘Korruption’? So ist eben die Natur des Menschen. Und deshalb wird der Ungerechte, der sich durchsetzen kann, glücklich sein, der erfolglose Gerechte dagegen unglücklich.

Der Rest des Dialogs und das heißt: der Rest des ganzen Werkes dient dem Nachweis, daß es in Wirklichkeit genau umgekehrt ist: Der Gerechte ist unter allen Umständen der allein Glückliche, der Ungerechte unter allen Umständen todunglücklich. Aber den langen Beweisgang für diese These können wir jetzt nicht verfolgen. Einem Christen wird sie ohne weiteres einleuchten. Sie bildet im übrigen die innerste Überzeugung des historischen Sokrates.

Bleiben wir also bei der Gegenthese des Glaukon. Diese greift, um seine Behauptung noch anschaulicher zu machen, zu einem Gedankenexperiment. Denken wir uns doch einmal einen perfekten Gerechten und einen perfekten Ungerechten und sehen wir zu, wie es ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach wohl ergehen würde, so, wie die menschlichen Verhältnisse nun einmal sind. Zunächst der perfekte Ungerechte. Dieser hat Mut, beherrscht alle politischen Kniffe, setzt sich überall durch, läßt sich bei keinem Betrug erwischen und agiert so geschickt, daß er im Ruf des ehrenhaftesten Menschen steht. Seine Vollkommenheit besteht ja gerade darin, daß er als Gerechter erscheint, in Wirklichkeit jedoch das Gegenteil ist.

Genau umgekehrt verhält es sich mit dem vollkommenen Gerechten. Dieser ist schlicht und ehrlich; er will nicht gut scheinen, sondern es wirklich sein. Und daß er es wirklich ist, beweist sich darin, daß er es bleibt, auch wenn es keinen Vorteil bringt und der Schein sogar gegen ihn spricht. Ja, wir müssen ihn uns so denken, daß er alles Üble nachgesagt bekommt und bei seinen Mitmenschen geradezu als ungerecht gilt, aber trotz allem unerschütterlich bei seiner Gerechtigkeit bleibt.

Nachdem er nun seinen idealen Gerechten von aller scheinbaren Gerechtigkeit so befreit hat, daß er geradezu als das Gegenteil erscheint, und seinen idealen Ungerechten von aller scheinbaren Ungerechtigkeit so befreit hat, daß er als reiner Ehrenmann dasteht, fragt Glaukon: Wie wird es den beiden nun ergehen im Leben? Der Ungerechte, meint Glaukon, wird eine glänzende Partie heiraten, reich werden und überall den Ton angeben; er wird seinen Freunden Gutes erweisen können und seinen Feinden Schaden zufügen; ja, er wird große religiöse Stiftungen machen können, Opferfeste veranstalten und gottgefälliger erscheinen als der Gerechte.

Welches Schicksal dagegen erwartet den wahrhaft Gerechten? Glaukon schildert es in wenigen Worten, die ich zitieren will: "Der Gerechte wird gegeißelt werden, gefoltert, in Fesseln gelegt, er bekommt beide Augen ausgebrannt und wird schließlich, nachdem er alles Schlimme erlitten hat, ans Kreuz geheftet. Dann wird er erkennen, daß man nicht darauf aus sein sollte, gerecht zu sein, sondern zu scheinen." Glaukon hat seine Antithese konsequent zu Ende gedacht. So wie er dem einen das Äußerste an gesellschaftlichen Vorteilen zudenkt, so denkt er dem anderen das Äußerste an menschlichen Leiden zu. Die Kreuzigung oder Pfählung war eine Hinrichtungsart, die in Griechenland nur für Sklaven angewandt wurde; ihre Anwendung für Freie galt als Brauch von Barbaren. Die Blendung ist im athenischen Strafrecht gar nicht als Strafe vorgesehen. Überhaupt galt im klassischen Athen die Regel, im Fall von freien Bürgern unnötige Grausamkeit bei der Todesstrafe zu vermeiden. Man denke nur an Sokrates selbst, den Platon für den "gerechtesten" seiner Zeitgenossen hielt. Er wurde zwar verkannt und zum Tod verurteilt, aber immerhin zu einem humanen Tod durch den Schierlingsbecher. Glaukon dagegen erwartet "für den Gerechten nicht die normale humane Behandlung, die ein freier Bürger nach der athenischen Rechtspraxis zu erwarten hatte, sondern die schimpflichste Behandlung, die Sklaven und Schwerverbrechern der unteren Schicht zugedacht war."

Wie gesagt, dies liegt in der Konsequenz des radikal gefaßten Gedankenexperiments. Deshalb hat Platon auch kaum erwartet, daß dieser theoretisch konstruierte Fall jemals real eintreten könnte. Denn wie soll es jemals einen vollkommenen Gerechten geben, wenn nicht einmal Sokrates ein solcher war? Oder einen perfekten Ungerechten? Platons Gerechter ist ein ebenso theoretisches Konstrukt wie sein Ungerechter. Daß sein Ungerechter etwas ausführlicher geschildert wird und mit mehr lebensnahen Zügen als sein Gerechter, liegt daran, daß die Wirklichkeit des Lebens vom einen mehr zeigt als vom anderen, weil die Menschen in ihrer Verblendung die Gewichte anders verteilen, als Gott es tut. Doch um so mehr muß die Tatsache frappieren, daß der Fall doch einmal vorgekommen ist; daß ein vollkommen Gerechter auftrat und genau das von Platon vorausgesehene Schicksal erlitten hat: nach gräßlichen Qualen endet er am Kreuz.

So ist es nicht verwunderlich, daß gebildete Christen der Antike, die ihren Platon gelesen hatten, auf die zitierte Stelle aufmerksam wurden und sie als Zeugnis dafür zitieren konnten, daß das Schicksal Jesu gerade bewies, daß er wirklich jener war, den Platon nur theoretisch konzipiert hatte: der vollkommene Gerechte. Dabei ist aber auffällig, daß beide frühchristliche Autoren, die unsere Platonstelle zitieren, neben diese ein ganz ähnliches biblisches Zeugnis stellen, das dem Buch der Weisheit entnommen ist. Auf dieses wollen wir deshalb als nächstes eingehen.

3. "Falls der Gerechte Gottes Sohn ist"

Das Buch der Weisheit, auch Sapientia Salomonis genannt, entstand im 1. Jahrhundert v.Chr. in Ägypten, wahrscheinlich in Alexandrien. Es beginnt mit der Aufforderung: "Liebt Gerechtigkeit, ihr Herrscher der Erde!" Gerechtigkeit ist das große Thema des Buches. Der Gerechte aber hat Feinde, die ihm das Leben schwer machen, und das sind die Frevler oder Gottlosen. Sie werden vom Autor mit einer erstaunlichen Charakteristik eingeführt: "Die Gottlosen rufen mit Händen und Worten [d.h. mit Wort und Tat] den Tod herbei, sie halten ihn für einen Freund und verzehren sich nach ihm; sie haben einen Bund mit ihm geschlossen, denn sie sind würdige Mitglieder seiner Partei" (Weish 1,16). Diese Vertreter der Todespartei läßt der Verfasser anschließend ihr Parteiprogramm verkünden. Sie formulieren es unverblümt, und es ist von einer frappierenden Modernität: Das Leben ist kurz, nach dem Tod ist alles aus, "keiner kommt zurück". Aus dieser Da seinsanalyse folgt ein einfaches Daseinsprogramm: Das Leben genießen, solange es geht. Das ist der erste Teil des Parteiprogramms, und er wird in suggestiven Versen mit anschaulichen Beispielen ausgeführt (Weish 2,1-9).

Dann folgt der zweite Teil des Parteisprogramms. Dieser befaßt sich mit denen, die dem großen Vorhaben im Weg stehen: den Armen, Witwen und Alten, vor allem aber den Gerechten, die klug genug sind, um die Fehler des Parteiprogramms zu erkennen, und mutig genug, ihre Stimme dagegen zu erheben. Nach hebräischer Manier redet der Text von "dem Gerechten", aber der Singular ist natürlich generisch-verallgemeinernd gemeint. Hören wir, was die Todespartei von ihm sagt (Weish 2,10-20):

Den Gerechten, der in Armut lebt, wollen wir unterdrücken,

die Witwe nicht schonen,

und das weiße Haar des betagten Greises nicht achten!

Unsere Stärke soll das Maß der Gerechtigkeit sein,

denn das Schwache erweist sich als unnütz.

Auflauern wollen wir dem Gerechten,

denn er ist uns unbequem und stellt sich unserm Tun in den Weg.

Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor

und beschuldigt uns des Verrats an guter Erziehung.

Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen,

und er nennt sich einen Knecht des Herrn.

Er ist unserer Gesinnung ein lebendiger Vorwurf,

schon sein Anblick ist uns lästig.

Denn sein Leben gleicht nicht dem der anderen,

und seine Wege sind befremdlich.

Als verkehrt schätzt er uns ein,

und meidet unsere Wege wie Schmutz.

Seligpreist er das Ende der Gerechten

und prahlt mit Gott als seinem Vater.

Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind,

und abwarten, wie es mit ihm endet.

Denn falls der Gerechte Gottes Sohn ist,

wird dieser sich seiner annehmen

und ihn herausreißen aus der Hand seiner Widersacher.

Rücksichtslos werden wir ihn hernehmen,

um seine Sanftmut kennenzulernen;

wir werden schon prüfen, wieviel Schlechtigkeit er aushalten kann.

Zu einem ehrlosen Tod werden wir ihn verurteilen;

er behauptet ja, es werde ihm an Schutz nicht fehlen.

Das Bild des Gerechten wird hier gezeichnet aus der Sicht seiner Gegner. Die Christen, die nach Ostern diesen Text lasen, konnten gar nicht anders als dabei an Jesus und sein Schicksal zu denken. Und das geht uns auch heute noch so. Zug um Zug werden wir an Jesus erinnert: Der Gerechte, der in Armut lebt; dessen Leben so ganz anders ist; der jeder schlechten Gesinnung ein lebendiger Vorwurf ist; der Gott seinen Vater nennt; dessen Kraft, Unrecht und Bosheit zu ertragen, bis zum Äußersten auf die Probe gestellt wird; den man schließlich zu einem ehrlosen Tod verurteilt und den Gott dennoch herausgerissen hat – wer sollte das sein, wenn nicht Jesus?

Es wundert uns also nicht, daß der Evangelist Matthäus bei der Darstellung des Todes Jesu eine Anspielung auf unseren Text angebracht hat. Bei Matthäus sagen die spottenden "Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten" zu dem am Kreuz Hängenden zunächst dasselbe wie bei Markus: "Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König Israels; jetzt soll er doch herabsteigen vom Kreuz, dann werden wir an ihn glauben!" Darauf fügen sie folgende Bemerkung hinzu, von der bei Markus nichts steht: "Er hat auf Gott vertraut, jetzt soll ihn der herausreißen, wenn er ihn will. Er hat ja gesagt: ‘Ich bin Gottes Sohn’" (Mt 27,41-43). Es sind zwei verschiedene Schriftstellen, die hier anklingen. Die erste ist ein Vers aus unserem Text im Buch der Weisheit: "Denn wenn der Gerechte Gottes Sohn ist, wird dieser sich seiner annehmen und ihn herausreißen aus der Hand seiner Widersacher." Die zweite Schrifts telle, die Matthäus anklingen läßt, ist ein Vers aus Psalm 22: "Er hat auf den Herrn gehofft, der soll ihn herausreißen; er soll ihm helfen, denn er will ihn" (LXX Ps 21,9).

Nun hatten wir festgestellt, daß "der Gerechte" im Buch der Weisheit nicht als bestimmte Persönlichkeit aufzufassen ist, sondern generisch, als Typus. Aber das steht einer Deutung auf Jesus nicht im Wege, so wenig wie im Fall des Platon-Textes. Ist doch Jesus nur die genaueste Verkörperung des Typus, von dem diese Texte reden, eine Realisierung dieses Typus, mit der im Ernst gar nicht zu rechnen war. Sowenig wie Platon mit einem gekreuzigten Gerechten im tatsächlichen Leben gerechnet hat, so wenig hat der Autor unseres biblischen Buches damit gerechnet, daß einmal ein wirklicher Mensch auftreten werde, der seiner Zeichnung des Typus so nahe kommen würde, wie es bei Jesus tatsächlich der Fall war, bis hin zu einem "ehrlosen Tod". Zumal es nicht ganz ausgeschlossen ist, daß der Verfasser des Weisheitsbuchs bei seiner Konzeption dieses Gerechten und seines Schicksals von Platon inspiriert war.

Vom Schicksal Jesu her betrachtet, haben wir es bei Platon wie im Buch der Weisheit mit Präfigurationen zu tun. Wer nicht von Präfigurationen reden will, der mag von Präformationen reden. Sie helfen, das Schicksal Jesu, insbesondere seinen schändlichen Tod, besser zu verstehen, nämlich als die erwartbare Folge wahrer Gerechtigkeit. Die wahren Gerechten sind für gewöhnlich nicht unter den gesellschaftlich Geachteten und Angesehenen zu suchen, sondern eher unter den Verachteten, Verspotteten und Schikanierten. Und sie weisen sich dadurch aus, daß sie trotz aller Verleumdung bei ihrer Gerechtigkeit bleiben, und daß ihre "anexikakía" unerschöpflich ist. Dieses griechische Wort, das in der Bibel nur hier in Weish 2,19 vorkommt, konnte ich in meiner Übersetzung nur paraphrasieren; es meint die Fähigkeit, "kakía", d.h. "Schlechtigkeit, Bosheit", auszuhalten. Wie wenig von dieser Fähigkeit hat doch der Durchschnittsm ensch! Und wie viel davon hat Jesus bewiesen! Aber dafür hat Gott ihn auch aus allem "herausgerissen" – durch den Tod hindurch. Mit dieser Möglichkeit hat Platon noch nicht gerechnet. Und die Vertreter der Todespartei im Buch der Weisheit, die sagen: "Falls der Gerechte Gottes Sohn ist, … wird ihn dieser herausreißen", glauben, im Irrealis zu reden: Der Fall wird nicht eintreten. Aber er ist eingetreten. Und Gott hat das Seine getan.

4. Die unglaubliche Kunde

Das Stichwort vom "Knecht des Herrn" und seinem "ehrlosen Tod" führt uns zu einem dritten Text, der als Präfiguration oder Präformation der Passion Christi anzusprechen ist: das Gedicht vom Gottesknecht in Jes 52/53. Dieses Gedicht spricht von einer geheimnisvollen Gestalt, die zu Beginn von Gott selbst vorgestellt wird als sein "Knecht". Über diesen Knecht und sein Schicksal wird dann einiges mitgeteilt, aber an keiner Stelle wird er genauer identifiziert. Die Ausleger rätseln bis heute, an wen der Prophet bei dieser Gestalt wohl konkret gedacht haben mag: an das erniedrigte Gottesvolk, an sein eigenes Schicksal oder an irgendeinen anderen? Am Anfang und am Ende des Gedichts spricht Gott. Dazwischen redet eine Gruppe von Frommen, die bekennen, daß sie den Gottesknecht zunächst mit allen anderen zusammen mißverstanden hatten. Sie hatten gemeint, er sei ein von Gott Gezeichneter gewesen, der zu Recht als Verbrecher hingerichtet wurde. Später, offenbar n ach seiner Hinrichtung, fanden sie heraus, daß alles ganz anders war. Wie sie das herausgefunden haben, wird nicht gesagt, und über die Identität der redenden Gruppe erfahren wir so wenig etwas Nähere wie über die Identität des Gottesknechtes.

Schauen wir uns daraufhin den Text etwas näher an. Zunächst also spricht Gott (Jes 52,13-15):

Seht, mein Knecht hat Erfolg,
er wird groß sein und hoch erhaben.

Viele haben sich über ihn entsetzt,
so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch,
seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.

Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen,
Könige müssen vor ihm verstummen.
Denn was man ihnen noch nie erzählt hat,
das sehen sie nun;
was sie niemals hörten,
das erfahren sie jetzt.

Hier erfahren wir, wie Gott selbst seinen Knecht einschätzt und daß es zu einem Umschwung in seiner Einschätzung durch die Menschen kam. Zunächst waren viele über ihn "entsetzt" wegen seines unmenschlichen Aussehens. Aber dann mußten sie umdenken und anerkennen, daß ihre gewohnten Maßstäbe zumindest in diesem Fall zu einem Fehlurteil geführt hatten.

Was in den einleitenden Worten Gottes nur angedeutet wird, das erläutert der Sprecher der Gruppe, die nach Gott zu Wort kommt. Jetzt wird auch deutlich, daß der Gottesknecht die Züge einer bestimmten Person trägt. Es ist die Rede von seinem Aufwachsen, davon, daß er "mit Krankheit vertraut" war und sozial verachtet, und schließlich davon, daß er als Verbrecher hingerichtet wurde. Das sind die Grundlinien einer Biographie. Aber diese Biographie endet nicht mit dem Tod, nein: Der Gottesknecht wird noch "Nachkommen sehen", "lange leben" und "das Licht erblicken" (Jes 53,10f). Wie man sich das konkret vorstellen soll, erfahren wir wieder nicht. Aber wir erfahren noch, daß es in der Gesellschaft, die ihn verurteilt hatte, zu einer Rehabilitation des Gottesknechts kam. Wie es zu der Rehabilitation gekommen ist, geht aus dem Text nicht hervor. Dafür sagt der Autor mit immer neuen Formulierungen, welche Erkenntnis es war, die zu der Rehabilitation führte. Mit dem Hinweis darauf, wie unerwartet und unglaublich diese Erkenntnis war, setzt die Rede ein:

Wer hat unserer Kunde geglaubt?
Der Arm des Herrn – wem wurde er offenbar?

Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Sproß,
wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden.
Er hatte keine schöne und edle Gestalt,
so daß wir ihn anschauen mochten.
Er sah nicht so aus,
daß wir Gefallen fanden an ihm.

Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen,
mit Krankheit vertraut.
Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt,
war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.

Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinen, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Doch der Herr lud auf ihn
die Schuld von uns allen.

Er wurde mißhandelt und niedergedrückt,
aber er tat seinen Mund nicht auf.
Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,
und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer,
so tat auch er seinen Mund nicht auf.

Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft,
doch wen kümmerte sein Geschick?
Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten
und wegen der Verbrechen seines Volkes
zu Tode getroffen.

Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab,
bei den Verbrechern seine Ruhestätte,
obwohl er kein Unrecht getan hat
und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.

Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht),
er rettete den, der sein Leben als Sühneopfer hingab.
Er wird Nachkommen sehen und lange leben.
Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.

Nachdem er so vieles ertrug,
erblickt er das Licht.
Er sättigt sich an Erkenntnis.

Körperliche Schönheit und Größe gehören im Alten Testament zu den sichtbaren Zeichen göttlichen Segens; man denke nur an Josef (Gen 39,6) oder David (1 Sam 16,18). In der paganen Antike wurden körperliche Schönheit und Größe geradezu als Manifestation des Göttlichen selbst betrachtet. Krankheit dagegen und ein von Krankheit entstellter Körper galten vielfach als Strafe Gottes und wirkten abstoßend. Ein von Krankheit gezeichneter, unansehnlicher Mensch wurde von seinen Mitmenschen gemieden, gehänselt oder gar malträtiert. Und um einen solchen Menschen handelte es sich bei dem Gottesknecht. Aber etwas Merkwürdiges fiel an ihm auf: Selbst wenn man ihn mißhandelte, antwortete er nicht mit Schimpfworten, sondern litt stumm: "Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf" (Jes 53,7). Er wird verhaftet, vor Gericht gestellt, unschuld ig verurteilt und in einem Verbrechergrab beigesetzt.

Aber dann dämmert einigen, die ihn früher gekannt hatten, eine furchtbare Erkenntnis: Der Hingerichtete hat nicht nur völlig unschuldig gelitten, "obwohl er kein Unrecht getan hat und kein trügerisches Wort in seinem Mund war" (V. 9), er hat an ihrer Stelle gelitten, er hat für ihre eigenen Fehler und Vergehen gebüßt. Sie selber waren die Übeltäter, sie selber die Ruchlosen, sie selber die Schuldigen, für die dieser Unschuldige gequält wurde. Sie waren die Kranken und er hatte die Symptome. Sie waren die Häßlichen und er verlor dafür seine Schönheit.

Eine solche Erkenntnis kann niederschmetternd sein bis zur Verzweiflung, zumindest für Menschen, die ein Gewissen haben. In unserem Fall wird die furchtbare Erkenntnis zum Guten gewendet durch eine weitere Einsicht: Der ungeheuerliche Vorgang war von Gottes guter Absicht gelenkt. Das Leiden des Gottesknechtes kam nach Gottes Willen seinen Mitmenschen zugute: "Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt" (V. 5). Sein Tod wurde zum "Sühneopfer" für viele andere (V. 10). So kann Gott zum Schluß erklären:

Mein Knecht, der gerechte,
macht die vielen gerecht;
er lädt ihre Schuld auf sich.

Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen,
und mit den Mächtigen teilt er die Beute,
weil er sein Leben dem Tod preisgab
und sich unter die Verbrecher rechnen ließ.
Denn er trug die Sünden von vielen
und trat für die Schuldigen ein.

Die Entsprechungen zum Schicksal Jesu sind verblüffend, auch wenn sich nicht alle Einzelzüge bei Jesus genau wiederfinden. Der Gottesknecht wird unschuldig zum Tod verurteilt und hingerichtet, allerdings nicht auf schändliche Weise, wie es scheint. Aber er erhält ein Verbrechergrab. Merkwürdig ist die angedeutete Rehabilitierung des Gottesknechts und seine Erhöhung durch Gott. Dabei ist es höchst auffallend, daß diese Erhöhung nach dem Tod des Gottesknechts erfolgt, und zwar öffentlich vor Königen und Großen (Jes 52,15; 53,12). Dieses Element fanden die Christen nach Ostern in der Auferstehung Jesu wieder.

Ganz neu ist der Hauptgedanke des Gedichts: die stellvertretende Wirkung, die das unschuldige Leiden hier hat, die Idee, daß der gewaltsame Tod des Gerechten ein stellvertretender Sühnetod für die eigentlich Schuldigen ist. Diese Idee haben wir im Buch der Weisheit nicht gefunden, geschweige denn bei Platon. Sie begegnet auch im ganzen übrigen Alten Testament nicht wieder. Nicht von ungefähr heißt es: "Was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun; was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt" (Jes 52,15). Diese neue Idee hat den Christen später geholfen, den gewaltsamen Tod Jesu als sinnvollen, ja heilbringenden Tod zu verstehen. Inspiriert vom Stichwort des Lammes, das zum Schlachten geführt wird (Jes 53,7), formuliert man später das Wort vom Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29).

Aber die Christen begnügten sich nicht mit dem Trost, den sie in diesem Gedanken fanden. Sie sahen in der Existenz des Gottesknechtes, in dem sie Christus sahen, ein Vorbild. Diesen Gedanken finden wir im 1. Petrusbrief, und zwar im Rahmen einer Mahnung an christliche Sklaven, Unrecht geduldig zu ertragen und sich nicht nur guten Herren unterzuordnen, sondern auch "verdrehten". Die christliche Tradition hat diesen Rat jedoch nicht auf Sklaven beschränkt, sondern auf alle Christen ausgedehnt. Und auch wenn das nicht heißt, daß man sich gegen erfahrenes Unrecht niemals wehren darf, so ist doch die Mahnung zum Dulden notwendiger als die zum Protest. "Denn dazu seid ihr berufen worden; hat doch auch Christus für euch gelitten und euch so ein Muster hinterlassen, damit ihr seinen Spuren folgt. Er hat ja keine Sünde begangen, in seinem Mund war kein Betrug zu finden; er wurde geschmäht, schmähte aber nicht zurück; er litt und stieß keine Drohun gen aus, sondern überließ alles dem, der gerecht richtet; er hat unsere Sünden an seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir den Sünden fernbleiben und für die Gerechtigkeit leben; durch seine Wunden seid ihr geheilt" (1 Petr 2,21-24).

5. Der vorher gelieferte Schlüssel

Wir haben drei Präfigurationen des Leidens Christi betrachtet, Texte ganz unterschiedlicher Herkunft: einen Text eines heidnischen Philosophen aus Athen, der aus dem 4. Jahrhundert v.Chr. stammt, einen Text eines griechisch gebildeten Juden aus Alexandrien aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. und einen Text aus einem mindestens 300 Jahre früher in Palästina entstandenen Prophetenbuch. Alle drei haben den Christen geholfen, das Schicksal Jesu und seine Bedeutung für uns zu verstehen, besonders natürlich die beiden biblischen Texte und von diesen wieder vor allem das Gedicht über den Gottesknecht. Man könnte noch weitere Texte heranziehen und dürfte Psalm 22 nicht vergessen, mit dessen Worten Jesus selbst seine Verlassenheit am Kreuz formuliert hat (Mk 15,34). Aber es genügt mir, wenn deutlich geworden ist, wie erhellend eine Lektüre solcher Texte im Licht jener Ereignisse ist, deren wir in der Karwoche gedenken – erhellend für die Texte, aber erhellend vor allem für die Ereignisse und uns selber. Deutende Kommentare entstehen nicht immer nach den Ereignissen; manchmal entstehen sie auch lange vorher. Gott liefert auch einmal den Schlüssel vor dem Schloß.


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