Wenn wir heute
von "Auferstehung" reden, dann meinen wir meistens ein Weiterleben nach
dem Tod im Jenseits bei Gott. Das ist nicht ganz falsch, aber es ist
auch nicht ganz richtig. Ja, man muß sagen: Diese Auffassung geht am
Entscheidenden vorbei. Was hätte wohl ein frommer Jude oder ein frommer
Christ des 1. Jahrhunderts zu dieser Definition gesagt? Vielleicht
folgendes: "'Weiterleben nach dem Tod' - ja, daran glaube ich, aber
das meine ich nicht mit Auferstehung. Freilich leben die Frommen weiter
'im Jenseits bei Gott', aber doch nur bis zum Tag der Auferstehung.
Dann leben sie weiter, aber nicht im Jenseits, sondern hier auf Erden
mit einem neuen Leib!"
Wir müssen also
die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod unterscheiden von
der Vorstellung einer Auferstehung der Toten. An ein Weiterleben
nach dem Tod glauben viele Religionen. Auch Griechen und Römer
kannten ein Jenseits des Todes mit der Insel der Seligen für die Guten
und dem Tartaros für die Bösen. Aber die Vorstellung einer
Totenauferstehung war ihnen völlig fremd. Wie kam es nun zu dieser
Vorstellung im Judentum? Und was meint sie genau? Erst wenn wir diese
Fragen geklärt haben, können wir verstehen, was die ersten Christen
sagen wollten, wenn sie verkündeten: "Christus ist auferstanden von den
Toten!" Wenden wir uns also zunächst dem Alten Testament zu und dann dem
Frühjudentum.
Wenn wir in das
Alte Testament schauen, dann stellen wir zunächst mit einiger
Überraschung fest, daß da weder von einem Leben nach dem Tod noch
von einer Auferstehung der Toten viel die Rede ist. Die Hoffnung auf
eine Überwindung der Todesgrenze und ein Leben im Jenseits, das den
Namen "Leben" wirklich verdient, ist nur an wenigen Stellen vage
angedeutet, und ein klares Zeugnis für den Glauben an eine
Totenauferstehung finden wir nur an einer einzigen Stelle. Das ist
zunächst ein merkwürdiger Befund. Aber schauen wir genauer
hin.
Der Mensch des
Alten Testaments möchte sterben wie die Patriarchen: alt und
lebenssatt, umgeben von Kindern und Kindeskindern, um dann "zu
seinen Vätern versammelt zu werden" (Gen 25,8; Ijob 42,16f).
Darüberhinaus möchte er nichts. Wenn ihm ein langes, erfülltes Leben
vergönnt ist, nimmt er den Abschied davon als gottgegeben hin. Was
dieser Mensch fürchtet, ist nur der frühzeitige, vorzeitige Tod.
Angesichts dieser Gefahr fängt er selbst vor Gott an zu klagen. Ein
solches Klagelied ist Psalm 88. Darin wird auch deutlich, was der
Fromme, oder zumindest dieser
Fromme, für eine Vorstellung von dem Ort hat, an den seines Erachtens
alle Toten gelangen und der hebräisch "Scheol"
heißt:
Herr, du Gott
meines Heils,
zu dir schreie ich bei Tag und bei Nacht.
Laß mein Gebet
zu dir dringen,
wende dein Ohr meinem Flehen zu!
Denn meine
Seele ist gesättigt mit Leiden,
und mein Leben ist nahe der Scheol.
Schon bin ich
gerechnet zu denen, die in die Grube
hinabfahren,
ich bin wie ein kraftloser Mann.
Ich bin
hingestreckt unter die Toten,
wie Erschlagene, die im Grab liegen.
Du denkst nicht
mehr an sie,
denn sie sind deiner Hand entzogen.
Der Tote ist
nach dieser Vorstellung ein kraftloses Wesen, um das sich auch Gott
nicht mehr kümmert, weil seine helfende Hand es nicht mehr erreichen
kann. Selbst Gott, so meint der Beter, kann doch an einem solchen
Zustand kein Interesse haben, und er gibt ihm in einigen rhetorischen
Fragen folgendes "zu bedenken":
Wirst du an den
Toten Wunder tun?
Werden Schatten aufstehn, um dich zu
preisen?
Erzählt man im
Grab von deiner Huld,
von deiner Treue im Abbadon (Abgrund)?
Werden in der
Finsternis bekannt werden deine Wunder,
und deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?
Die Scheol ist
hier also "das Land des Vergessens", ja des Vergessenseins von Gott und
den Menschen, mit einem Wort: "Finsternis".
Diese
Vorstellung vom Dasein nach dem Tod empfand man nach dem Exil mehr und
mehr als unbefriedigend, und zwar vor allem aus theologischen Gründen.
Sollte denn ein Mensch wirklich der Macht Gottes, und zwar seiner
segnenden ebenso wie seiner strafenden Macht, einfach dadurch entzogen
werden können, daß er starb? Sollte die Macht des Schöpfers aller Wesen
an der Pforte des Todes zu Ende sein? Wenn seine Macht aber unbegrenzt
ist, warum sollte er dann denen, die ihm ihr Leben lang treu gedient
hatten, nach ihrem Tod seine Liebe entziehen? Und sollte ein großer
Verbrecher seiner gerechten Strafe einfach durch den Tod entgehen
können? War ein solches Verhalten von Gott denkbar? Als man solche
Fragen einmal klar und deutlich stellte, da beantwortete man sie -
zunächst vorsichtig, dann immer entschiedener - mit "Nein!" Nicht
nur Gottes Macht, sondern vor allem Gottes Liebe muß über den Tod
hinausreichen. Wenn aber seine Liebe, dann auch sein gerechter
Zorn.
Die ersten
Spuren dieser Erkenntnis finden wir in einigen Psalmen, die offenbar aus
einem Kreis von Frommen und Priestern stammen, denen Gott und die
Begegnung mit Gott im Tempelgottesdienst das eigentliche
Lebensglück bedeutete. Gerhard von Rad sprach von einem "Kreis von
levitischen Spiritualen".
Sie konnten bekennen: "Du erfüllst mein Herz mit größerer Freude,
als jene haben mit Wein und Weizen im Überfluß" (Ps 4,8). "Bei dir ist
die Quelle des Lebens, und in deinem Licht schauen wir das Licht" (Ps
36,10). Sollte diese Quelle einmal versiegen? Oder sollte sie nur
diesseits des Todes fließen? Die Antwort gibt Psalm 16:
Ich sage zum
Herrn: "Du bist mein Herr;
mein ganzes Glück bist du allein."
...
Auf schönes
Land ist mein Anteil gefallen,
ja, mein Erbteil gefällt mir.
...
Darum freut
sich mein Herz und frohlockt meine Seele;
auch mein Fleisch wird in Sicherheit
wohnen.
Denn du wirst
mich nicht der Scheol überlassen,
du wirst nicht zulassen, daß dein Frommer die Grube
schaut.
Du wirst mir
den Weg zum Leben zeigen,
vor deinem Angesicht herrscht Freude in
Fülle,
Wonne ist in
deiner Rechten für alle Zeit.
Die griechische
Übersetzung dieses Psalms verdeutlicht den Gedanken noch, wenn sie von
der "Hoffnung" spricht, in der das Fleisch ruht, und wenn sie den
Psalmisten erklären läßt: "Du wirst mich nicht im Hades zurücklassen und
dafür sorgen, daß dein Frommer die Verwesung (statt: die Grube)
nicht schaut."
Daß man im Urchristentum auf diese Stelle aufmerksam wurde, kommt also
nicht von ungefähr, und wenn nach der Apostelgeschichte sowohl
Petrus als auch Paulus die hier ausgesprochene Hoffnung in der
Auferstehung Jesu verwirklicht sehen,
so tun sie das auch aus heutiger Sicht mit einer durchaus
sachlichen Berechtigung. Im übrigen findet sich eine ganz ähnliche
Aussage auch im hebräischen Psalter: Ps 49,16: "Doch Gott wird mich
loskaufen aus der Gewalt der Scheol, er wird mich aufnehmen (oder:
entrücken)." Hierher gehört auch Psalm 73:
Du leitest mich
nach deinem Ratschluß
und nimmst mich am Ende auf in
Herrlichkeit.
Wen habe ich im
Himmel?
Und außer dir habe ich an nichts Gefallen auf
Erden.
Selbst wenn
mein Leib und mein Herz vergehen -
Gott bleibt der Fels meines Herzens, mein Anteil auf ewig.
Wem hier auf
Erden Gott das ein und alles ist, dem wird er es auch nach dem Tod sein,
das war die Überzeugung dieser Frommen. Über die näheren Umstände einer
Weiterexistenz machten sie sich keine Sorgen.
Ihren
ergreifendsten Ausdruck findet diese Tradition aber nicht in den
Psalmen, sondern in einer berühmten Stelle aus dem Buch Ijob.
In seinem Elend, zu dem seine Freunde als "leidige Tröster" noch
beitragen, spricht Ijob eine Hoffnung aus, die selbst jene der zitierten
Psalmisten noch übertrifft:
Ich aber weiß,
daß mein Erlöser lebt;
als letzter wird er sich über dem Staub
erheben.
Und nachdem
meine Haut zerschunden ist,
werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen.
Ihn selber
werde ich dann für mich schauen,
meine Augen werden ihn sehen,
und nicht mehr als Fremden.
Das ersehnen
meine Nieren im Innern.
Ijob rechnet
damit, Gott nach dem Tod zu schauen; darauf richtet sich seine ganze
Sehnsucht. Wie dies geschehen soll, darüber gibt der hebräische Text
keine Auskunft. Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten
Testaments, verdeutlicht wieder: Der Erlöser wird seine Haut (Sinaiticus
und Alexandrinus: seinen Leib) wieder erstehen lassen. Der
griechische Übersetzer denkt demnach bereits an die
Auferstehung von den Toten. Am Schluß des Buches macht er sogar einen
Zusatz, in dem er ausdrücklich erklärt: "Es steht geschrieben, daß
er (Ijob) wieder auferstehen wird zusammen mit denen, die der Herr
auferstehen läßt." Die Vulgata, die lateinische Übersetzung des Alten
Testaments, läßt Ijob diese Überzeugung ganz konsequent selbst
aussprechen:
Ich weiß, daß
mein Erlöser lebt.
Am jüngsten Tag werde ich auferstehen aus der
Erde,
ich werde
wieder umgeben werden mit meiner Haut
und werde meinen Gott schauen in meinem Fleisch.
Nun ist die
Vulgata als christliche Übersetzung zweifellos von der christlichen
Sicht geprägt. Aber an unserer Stelle läßt sie Ijob nichts sagen, was
nicht auch Juden seit dem 2. Jahrhundert v.Chr. sagen konnten.
Wirklich verchristlicht ist Ijobs Hoffnung erst in der berühmten
Sopran-Arie aus Händels "Messias". Dort werden Ijobs Worte mit einem
Zusatz versehen:
Ich weiß, daß
mein Erlöser lebet;
denn Christ ist
erstanden von dem Tod,
der Erstling
derer, die schlafen.
Mit Hilfe der
autorisierten Übersetzungen der Ijob-Stelle und der Deutung durch einen
großen Musiker konnten wir also die drei Stufen des
Auferstehungsglaubens verfolgen: Er beginnt keimhaft mit der
Hoffnung eines kleinen Kreises von Frommen auf eine Weiterexistenz
nach dem Tod in der Nähe Gottes. Er nimmt dann die Form der Hoffnung auf
ein gemeinsames Wiederaufstehen der Toten an und findet diese Hoffnung
schließlich in Jesus von Nazaret verwirklicht. Im folgenden wollen
wir die zweite Stufe noch etwas genauer ins Auge fassen, um von daher
besser zu verstehen, was die Auferstehung Jesu eigentlich bedeutet.
Das wichtigste
frühe Zeugnis für den jüdischen Auferstehungsglauben findet sich im
gemeinsamen Kanon von Juden und Christen; es ist das Zeugnis im 12.
Kapitel des Buches Daniel.
Das Buch Daniel entstand in der Zeit der Makkabäeraufstände;
aufgrund von historischen Anspielungen können wir sogar ziemlich genau
sagen, wann: Es muß gegen 165/164 v.Chr. fertiggestellt worden sein,
kurz vor dem Tod des seleukidischen Herrschers Antiochus IV. Dieser
beherrschte damals auch Palästina und betrieb eine
ungewöhnlich intolerante Religionspolitik. Er verbot die Ausübung
des jüdischen Kultus und weihte den Tempel von Jerusalem dem
olympischen Zeus. Dagegen richteten sich die
Makkabäer-Aufstände. Diese wurden, wenigstens anfangs, von frommen
Kreisen unterstützt, die sich "Chasidim" nannten. Zu ihnen gehörte
offensichtlich auch der Verfasser des Daniel-Buches. In gewaltigen
Visionen schaut der Seher schon das Ende der feindlichen Mächte und das
Gericht, das Gott über sie halten würde (z.B. Dan
7).
Im 11. und 12.
Kapitel seines Werkes gibt der Seher einen Überblick über die
Geschichte. Darin beschreibt er auch den Tod des Gewaltherrschers.
Da diese Schilderung nicht den wirklichen Todesumständen entspricht,
müssen wir annehmen, daß Antiochus IV. damals noch lebte. Sein Tod aber
sollte nach der Überzeugung des Sehers die Endzeit einleiten. Diese
schildert er darum an dieser Stelle:
In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für
die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch
keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk
wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.
Von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden viele erwachen, die
einen zum ewigen Leben, die anderen zur Schmach, zu ewigem Abscheu. Die
Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt; und die
Männer, die viele zum rechten Tun geführt haben, werden immer und ewig
wie die Sterne leuchten.
In der
endzeitlichen Drangsal wird der Erzengel Michael auftreten, um für
Gottes Volk zu kämpfen, oder genauer: für die Treugebliebenen, die von
diesem Volk noch übrig sind. Die Namen dieser Treugebliebenen sind in
einem Buch verzeichnet; es ist kein anderes als das "Buch des Lebens".
Wer in ihm verzeichnet ist, wird am Ende gerettet.
Aber was ist
mit den Getreuen Gottes, den Frommen, die in der endzeitlichen Drangsal
ihr Leben lassen mußten oder lange vorher schon gestorben waren? Sollten
sie keinen Anteil am Sieg der guten Sache und an der kommenden
Freudenzeit haben? Wenn der Mensch, der Staub ist, zum Staub
zurückgekehrt ist (Gen 3,19!), gibt es dann keine Hoffnung mehr für ihn?
Ist die "Fahrt ins Staublose" (Nelly Sachs) ohne Ziel? Auf diese bange
Frage antwortet der Seher mit der berühmten Prophezeiung, daß
"viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, erwachen werden". Die
Auferstehung wird hier also als ein Erwachen aus dem Todesschlaf
verstanden, bei dem die Toten aus dem Staub der Erde aufstehen. Freilich
rechnet der Seher nicht mit einer allgemeinen Auferstehung der
Toten; er spricht ausdrücklich von "vielen", nicht von allen.
Mit den "vielen" meint er wohl nur die Juden; Heiden werden seiner
Überzeugung nach nicht auferstehen. Aber auch von den
auferstandenen Juden soll wiederum nur ein Teil "zum ewigen Leben"
auferstehen; für die anderen wird die Auferstehung zu "Schmach" und
"ewigem Abscheu" führen. Das Stichwort "Abscheu" kommt außer an dieser
Stelle im Alten Testament nur noch im letzten Satz des Jesaja-Buchs
vor, wo es vom endgültigen Schicksal der Abgefallenen des
Gottesvolkes heißt: "Ihr Wurm wird nicht sterben, und ihr Feuer
nicht verlöschen; sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch" (Jes
66,24). Auf diese Stelle will der Seher des Buches Daniel offenbar
anspielen.
Man sieht also
deutlich drei Dinge: 1. Die Auferstehung ist hier ganz leiblich gedacht.
2. Sie findet zu einem bestimmten Zeitpunkt statt, nämlich am
Jüngsten Tag. 3. Sie findet für alle, die auferstehen, gleichzeitig
statt. Und man sieht gleich noch ein viertes: Die Auferstehung führt nur
für einen Teil der Auferstandenen zum ewigen Leben; für die anderen
dagegen führt sie zu einem irgendwie abscheulichen Zustand, der nicht
näher beschrieben wird, sowenig wie das ewige Leben der anderen. Schon
deshalb also muß man "Auferstehung" und "ewiges Leben"
sorgfältig unterscheiden.
Das erste
biblische Zeugnis für die Auferstehung macht schließlich auch klar,
worin letztlich der Zweck der Auferstehung besteht: Sie soll es vor
allem den verstorbenen Getreuen Gottes möglich machen, daß sie am Glück
der künftigen Heilszeit teilnehmen können, jener Heilszeit, die für alle
Gerechten des Gottesvolks mit dem Jüngsten Tag anbricht. Freilich
läßt das Buch Daniel in diesem Zusammenhang noch einige Fragen offen:
Wie soll man sich das "ewige Leben" konkret vorstellen? Wie soll das
"Erwachen aus dem Staub der Erde" eigentlich vor sich gehen? Das alles
kümmert den Seher nicht; er hätte auf diese Fragen wohl geantwortet:
Gott hat mehr Möglichkeiten, als wir uns ausdenken können; er wird es
schon irgendwie machen. Und damit hätte er sicher
recht.
Aber eine Frage
bohrt doch noch: Wo sind die Toten bis zum Tag der
Auferstehung? Im Staub, aus dem sie erwachen sollen? Wie können sie
bis zu diesem Tag "existieren", besonders wenn die Zeit bis dahin länger
dauert? Bei Daniel finden wir auf diese Frage keine Antwort; aber wir
finden sie in einem biblischen Buch, das die katholische Kirche immer
zum Kanon gezählt hat, wenn auch unter den sogenannten
"deutero-kanonischen" Schriften: im Buch der Weisheit, auch Weisheit
Salomos genannt.
Dieses Buch entstand im 1. Jahrhundert in Ägypten, und zwar in
griechischer Sprache. Der Verfasser war offensichtlich ein
frommer Jude, der aber eine recht gute griechische Schulbildung erhalten
haben muß. Seine Antwort auf unsere Frage gibt er im 3.
Kapitel:
Die Seelen der
Gerechten sind in Gottes Hand,
und keine Qual kann sie berühren.
In den Augen
der Toren sind sie gestorben,
ihr Heimgang gilt als Unglück,
ihr Scheiden
von uns als Vernichtung;
sie aber sind in Frieden.
In den Augen
der Menschen wurden sie gestraft;
doch ihre Hoffnung ist voll
Unsterblichkeit.
Ein wenig nur
werden sie gezüchtigt;
doch sie empfangen große Wohltat.
Denn Gott hat
sie geprüft
und fand sie seiner würdig.
Wie Gold im
Schmelzofen hat er sie erprobt
und sie angenommen als ein vollgültiges
Opfer.
Beim Endgericht
werden sie aufleuchten
wie Funken, die durch ein Stoppelfeld
sprühen.
Sie werden
Völker richten
und über Nationen herrschen,
und der Herr wird ihr König sein in
Ewigkeit.
Alle, die auf
ihn vertrauen,
werden die Wahrheit erkennen,
und die Treuen werden bei ihm bleiben in
Liebe.
Denn Gnade und Erbarmen wird seinen Erwählten
zuteil.
Die Frevler
aber werden für ihre Pläne bestraft,
sie, die den Gerechten mißachtet haben
und vom Herrn abgefallen sind.
Unglücklich
sind alle,
die Weisheit und Belehrung verachten;
leer ist ihre Hoffnung, vergeblich sind ihre Mühen und
wertlos ihre Taten.
Ihre Frauen
sind unverständig
und ihre Kinder böse
fluchbeladen ist ihr Geschlecht.
Die "Seelen"
der verstorbenen Gerechten sind demnach "in Gottes Hand" und "in
Frieden". An einer anderen Stelle heißt es: Sie gelangen zur "Ruhe"
(Weish 4,7). Alle diese Ausdrücke verwenden Juden und Christen bis
heute, um die erlöste Existenz der Verstorbenen in der Geborgenheit
Gottes zu bezeichnen ("Ruhe in Frieden!").
Auch das
Schicksal der verstorbenen Sünder wird im Buch der Weisheit
angedeutet:
Sie werden zu
verachteten Leichen,
zum ewigen Spott bei den Toten.
Sie werden
verstummen, wenn er sie kopfüber hinabstürzt
und aus ihren Grundfesten reißt.
Sie werden
völlig vernichtet und erleiden Qualen,
Die Erinnerung an sie verschwindet.
Der Zustand der
ruhigen Geborgenheit der Gerechten wie der Zustand der Qualen der Sünder
soll aber nach dem Buch der Weisheit nur bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt dauern, bis zum "Endgericht", wörtlich: bis zum
"Zeitpunkt der Heimsuchung" (Weish 3,7). Dieser Zeitpunkt ist
natürlich kein anderer als der Jüngste Tag. An diesem Tag kommt
gleichsam die große Stunde der Gerechten; dann werden sie zusammen mit
Gott herrschen (Weish 3,7f). Denn wenn Gott herrscht, dann haben nicht
mehr die durchtriebenen Machtmenschen das Sagen, sondern jene, die
ein reines Herz haben.
Von einer
Auferstehung spricht der Verfasser des Buchs der Weisheit nicht direkt,
aber sie ist in seiner Darstellung impliziert. Er wird sie sich
nicht viel anders vorgestellt haben, als ein anderer frommer Autor,
dessen Schilderung der Ereignisse des jüngsten Tages wir uns jetzt
zuwenden wollen. Wir kennen seinen Namen nicht; sein Werk wurde unter
dem Namen Philos überliefert, obwohl Philo sicher nicht der Autor
ist. Darum nennt man ihn einfach Pseudo-Philo.
Das Werk ist uns nur in der lateinischen Übersetzung erhalten; es ist
der Liber Antiquitatum Biblicarum "das Buch der biblischen
Altertümer". Entstanden ist es ungefähr zur selben Zeit wie das
Markusevangelium, um das Jahr 70 n.Chr. Es ist eine Nacherzählung der
biblischen Geschichte von Adam bis zum Tod Sauls. Dabei wurden die
Geschichten vielfach phantasievoll ausgeschmückt und ergänzt.
Der Autor war wohl ein pharisäischer Schriftgelehrter; er vertritt eine
Theologie, die man sozusagen als die jüdische Normaltheologie jener Zeit
bezeichnen kann. Das gilt insbesondere von seinen Auffassungen über
"die letzten Dinge". Sie sind zusammengefaßt in einem Text, in dem er
die endzeitlichen Ereignisse schildert, kurz: den Jüngsten Tag
und was darauf folgt. Der Sprecher ist Gott selbst:
Wenn aber die
Jahre der Welt erfüllt sein werden,
dann wird das
Licht aufhören
und die
Finsternis ausgetilgt werden.
Und ich werde
die Toten zum Leben erwecken
und die
Schlafenden aufstehen lassen aus der Erde.
Und die Scheol
wird herausgeben, was sie schuldet,
und der Abbadon
sein Depositum zurückerstatten,
damit ich jedem
vergelte nach seinen Werken
und nach den
Früchten seines Trachtens,
bis ich richte
zwischen Seele und Fleisch.
Und die Welt
wird aufhören
und der Tod
wird ausgetilgt werden
und die Scheol
wird ihren Rachen schließen.
Und die Erde
wird nicht ohne Ertrag sein
noch
unfruchtbar für ihre Bewohner.
Und keiner wird
sich beflecken, der durch mich gerechtfertigt
ist.
Und es wird
eine andere Erde sein und ein anderer Himmel,
eine ewige
Wohnung.
Gottes
Vorsehung hat der Weltzeit ein Maß gesetzt, und wenn dieses Maß voll
ist, dann kommt der Jüngste Tag. Das vollständig Neue und Andere, das
dann eintritt, beschreibt unser Autor mit dem merkwürdig paradoxen Bild
von dem Licht, das aufhört, ohne daß damit Finsternis eintritt; denn die
Finsternis wird gleichzeitig "ausgetilgt". Dieses Bild für das ganz
Andere der Neuen Welt nach dem Jüngsten Tag ist wirklich
originell.
Als nächstes
Ereignis wird die Auferstehung der Toten genannt. Von ihr redet der
Autor mit zwei verschiedenen Bildern. Das erste geht von einem
"Todesschlaf" in der Erde aus; wir haben es schon bei Daniel
angetroffen. Die Toten "schlafen" in der Erde und brauchen also nur
"aufgeweckt" zu werden.
Das zweite Bild für denselben Sachverhalt ist von ganz anderer Art: "Und
die Scheol (infernus) wird herausgeben, was sie schuldet,/ und der
Abbadon (perditio) sein Depositum (paratecem) zurückerstatten." Das
Totenreich hat demnach die Toten von Gott zur Aufbewahrung erhalten, so
wie man in der Antike Wertgegenstände Freunden zur
Aufbewahrung übergab, wann man auf Reisen ging. Diese
Wertgegenstände mußten an einem bestimmten Stichtag oder bei der
Rückkehr des Besitzers unversehrt zurückerstattet werden. Hier ist also
ein Bild aus dem antiken Alltagsrecht auf die Verstorbenen übertragen.
Gott hat sie der Scheol zur Aufbewahrung übergeben und als Stichtag, an
dem sie unversehrt wiederzuerstatten sind, den Jüngsten Tag genannt.
Über die Modalitäten dieser Aufbewahrung hat sich unser Autor
nicht weiter den Kopf zerbrochen, auch wenn er gelegentlich
bildhaft von "finsteren Schatzhäusern" (15,5) und
"Aufbewahrungskammern" (32,13) spricht. Im übrigen erinnert die
Beschreibung unseres Textes stark an die Schilderung in Offb 20,13;
dort ist ebenfalls davon die Rede, daß das Totenreich am Jüngsten Tag
die Toten herausgibt.
Die
Auferstehung führt unmittelbar zum Gericht, bei dem Gott "jedem nach
seinen Werken" vergilt. Was mit dem "richten zwischen Seele und
Fleisch" gemeint ist, ist nicht klar. Es soll wohl nur die Strenge des
Gerichts betont werden.
Nach dem
Jüngsten Gericht wird "die Welt" aufhören. Mit "Welt" ist hier dieser
Äon gemeint, der Lauf der Welt, wie er bisher war. Denn vom Jüngsten Tag
an wird die Scheol "ihren Rachen schließen" und der Tod vernichtet sein.
Das Bild vom Rachen des Todes oder der Hölle ist uns aus
mittelalterlichen Darstellungen vertraut.
Interessant ist
die Schilderung der Heilszeit, die sich anschließt, also die
Schilderung dessen, was wir in der christlichen Tradition die ewige
Seligkeit nennen. Der Heilsort ist bei Pseudo-Philo eindeutig diese
Erde. Freilich wird Gott sie dann zu einer "anderen Erde" machen, d.h.
so umschaffen, daß sie von allen Übeln befreit ist und nicht mehr
unfruchtbar. Der Verfasser greift hier genau wie der Johannes des
Buchs der Offenbarung (21,1) das alte Motiv vom neuen Himmel und
der neuen Erde auf, das aus dem Propheten Jesaja stammt (65,17; 66,22).
Dieses Bild will sagen: Dann wird die Schöpfung wieder sein wie am
Anfang, als es heißen konnte: "Und siehe, es war sehr gut" (Gen
1,31).
Damit wissen
wir, was ein Jude des 1. Jahrhunderts sich unter der
Auferstehung der Toten vorstellte und was für Geschehnisse er mit
ihr verband. Er erwartete dieses Ereignis für den Jüngsten Tag, und
er rechnete damit, daß alle Toten (oder zumindest alle Gerechten)
gemeinsam zur Auferstehung gelangen würden. An die Auferstehung
würde sich unmittelbar das Jüngste Gericht anschließen und dann käme die
ersehnte ewige Seligkeit, und zwar hier, auf der verwandelten und
wiederhergestellten Erde. Wir wissen aus dem Neuen Testament, daß dies
die Überzeugung der Pharisäer war, die im Volk den größten Einfluß
hatten; die Sadduzäer dagegen lehnten diese Vorstellung als eine
Neuerung ab.
Jesus stellte sich in diesem Punkt ausdrücklich auf die Seite der
Pharisäer und erklärte, daß die Kritiker dieses Glaubenssatzes
weder die Heilige Schrift noch die umfassende Macht Gottes begriffen
hätten (Mk 12,24). Er leitet diesen Glaubenssatz aus Ex 3,6 ab, was
vor ihm noch niemand eingefallen war: Wenn Gott sich als der Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs bezeichnet, und zwar zu einem
Zeitpunkt, als diese längst tot waren, nämlich Mose gegenüber, dann
müssen diese irgendwie lebendig sein; "denn Gott ist nicht ein Gott der
Leichen, sondern der Lebendigen" (Mk 12,27). Damit hat Jesus zweifellos
den Nagel auf den Kopf getroffen, und wir dürfen sicher sein: Das sind
seine Worte und seine Gedanken. Hier stehen wir auf historisch
sicherem Boden.
Aber wie müssen
wir dann seine eigene Auferstehung interpretieren? Was muteten die
ersten Christen ihren Mitjuden zu, wenn sie erklärten "Jesus ist
auferstanden von den Toten"? Kein Jude rechnete mit der Auferstehung
eines einzelnen vor dem
Jüngsten Tag, und wo blieb dann das Gericht und die neue Schöpfung? Die
ersten Christen konnten die Auferstehung Jesu nur glaubhaft verkünden,
wenn sie erstens erklären konnten, warum Jesus als einzelner
auferstanden sein sollte und nicht zugleich mit allen Toten, und wenn
sie zweitens überzeugend deutlich machen konnten, daß das Jüngste
Gericht bereits stattfand und die Welt wirklich neu geworden war, und
zwar so, daß es jeder, der wollte, merken konnte. Das erklärt,
warum die frühen Christen Jesus als "den Erstling der
Entschlafenen" bezeichnet haben (1 Kor 15,20) oder mit
einer paradoxen Formulierung als "den Erstgeborenen der Toten".
Ihre Antwort auf die gestellten Fragen lautete: Das große, gemeinsame
Auferstehungsgeschehen hat mit Jesus begonnen, es zieht sich
nur in die Länge, um mehr Menschen erfassen zu können. Mit Ostern ist
tatsächlich der neue Äon angebrochen, aber unerwarteterweise ohne daß
der alte aufgehört hat; der Baum des Lebens hat angefangen, seine
Früchte zu spenden, obwohl das Flammenschwert noch immer den
Eingang zum irdischen Paradies versperrt. Der Ort des neuen Äons
aber, wo die Früchte des Lebensbaums geerntet werden, ist die Kirche als
die Gemeinschaft derer, die Anteil bekommen haben am Heiligen.
Das war nicht leicht zu vermitteln - damals nicht und heute nicht. Aber
das ist es, was wir an Ostern
feiern: den Anfang der neuen Schöpfung mitten in der alten Welt. Das
wird nirgends deutlicher als in der Feier der Osternacht und vielleicht
nirgends ergreifender besungen als im Exsultet, dessen Inhalt nicht
besser angegeben werden kann als mit den Worten des Paulus: "Das Alte
ist vergangen; siehe, Neues ist geworden" (2 Kor 5,17). Am Schluß
aber werden wir erinnert, daß der wahre Morgenstern, der in Ewigkeit
nicht untergeht, erst mit der Wiederkunft Christi erscheint. Bis dahin
bleibt die Situation paradox.
Denn das Alte ist nur vergangen, "wenn einer in Christus ist"
(2 Kor 5,17). Je mehr wir in ihm sind, desto mehr leben wir in der
Wirklichkeit von Ostern.
Literatur
Barr, J.: The Garden of Eden and the Hope of
Immortality, London 1992.
Podella, Th.: Grundzüge alttestamentlicher
Jenseitsvorstellungen: Sheol: BN 43 (1988) 70‑89.
Rad, G. von: "Gerechtigkeit" und "Leben" in der
Kultsprache der Psalmen, in: ders., Gesammelte Studien zum Alten
Testament I, München 1958, 225-247.
ders.: Theologie des Alten Testaments I,
München 1960, 414-420.
Reiser, M.: Die Gerichtspredigt Jesu. Eine
Untersuchung zur eschatologischen Verkündigung Jesu und ihrem
frühjüdischen Hintergrund (NTA.NF 23), Münster
1990.
Stemberger, G.: Das Problem der Auferstehung im Alten
Testament, in: ders., Studien zum rabbinischen Judentum (SBA 10),
Stuttgart 1990, 19-45.