Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Realistik und Komik in den Ostererzählungen des Neuen Testaments


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage


Jacques Chevalier eröffnet seine Ausgabe von Blaise Pascals „Pensées“ mit folgender Notiz des Autors: „Die Menschen verachten die Religion [gemeint ist natürlich die christliche Religion], sie hassen sie und fürchten, daß sie wahr sei. Um dem abzuhelfen, muß man damit anfangen zu zeigen, daß die Religion der Vernunft nicht widerspricht, daß sie ehrwürdig ist, indem man Achtung vor ihr erzeugt; sie sodann liebenswert erscheinen lassen, so daß die Guten wünschen, sie möge wahr sein; schließ­lich muß man zeigen, daß sie wahr ist.“[1] Das will ich mit meinen Ausführungen versuchen. In will zunächst zeigen, daß es gute Gründe dafür gibt, die Ostererzählungen historisch ernst zu nehmen. Gerade dieses Ernstnehmen ermöglicht dann eine Entdeckung: daß diese Geschichten Komik enthalten und mit Zügen von Humor erzählt sind. Unter Humor verstehe ich jene menschliche Eigenschaft, mit der wir das Komische als Komisches empfinden und goutieren.

Es ist merkwürdig, wie blind die meisten Exegeten für die Züge von Humor, Witz und Komik sind, wenn es um die Heilige Schrift geht. Die Evangelien und die Apostelgeschichte zeigen nämlich so viele davon, daß ich in diesem Vortrag gar nicht alles behandeln kann.[2] Jesus bietet uns in den Evangelien eine Fülle von überspitzten, ironischen, satirischen, witzigen Worten und Gleichnissen. Da finden wir Kamele, die verschluckt werden, während man Mücken sorgfältig ausseiht (Mt 23,24); blinde Blindenführer (Lk 6,39); Splitter im Auge des anderen, die man mit einem Balken im eigenen noch sieht (Mt 7,4f / Lk 6,41f); Tote, die Tote begraben (Lk 9,60); geladene Gäste, die sich im letzten Augenblick mit den fadenscheinigsten&xnbsp; und lächerlichsten Ausreden entschuldigen lassen (Lk 14,15–24), und manches mehr. Daß Jesus Humor hatte und lachen konnte, kann also gar nicht bezweifelt werden.[3]

Wir wollen uns heute auf die Ostererzählungen beschränken und zusehen, ob sich da Züge von Komik und Humor finden, die so etwas wie ein Osterlachen hervorlocken könnten, wäre das Lachen nicht so unüblich in der Kirche. Damit will ich nicht behaupten, die entsprechenden Geschichten seien von vornherein als humorvolle Geschichten geschrieben oder gar erfunden. Nein, ich will vielmehr behaupten, daß hier reale Geschehnisse erzählt werden, wie sie nur das Leben selber schreibt. Aber diese Geschehnisse stecken voller Komik. Und sie stecken eben deshalb voller Komik, weil es echte Ostergeschichten sind.

 

1. Erfunden oder erlebt?

 

Nehmen wir uns zunächst die Geschichte von den Frauen vor, die am Ostermorgen den Leichnam Jesu salben wollen.[4] Daß ein Leichnam am dritten Tag nach der Beisetzung auf wunderbare Weise aus einem Felsengrab verschwunden sein soll, ist schwer zu glauben. Das war vor zweitausend Jahren nicht anders als heute. Da genügte es nicht, daß die Jünger zur Erklärung sagten: „Er ist auferstanden!“ Denn das hieß damals eine Unglaublichkeit mit einer zweiten erklären wollen. Ein frommer Jude glaubte im ersten Jahrhundert zwar an die leibliche Auferstehung der verstorbenen Gerechten und Märtyrer, aber diese Auferstehung sollte erst am Jüngsten Tag stattfinden, wenn alle, zumindest alle Gerechten, zusammen auferstehen würden. Von der Auferstehung eines einzelnen vor dem Jüngsten Tag hatte man im Judentum nie etwas gehört. So etwas war damals einfach undenkbar. Die Behauptung der Jünger Jesu kurz nach seiner Kreuzigung, ihr einstiger Lehrer sei „der Erstling der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20), „der Erstgeborene der Toten“ (Offb 1,5), das heißt: mit ihm sei die endzeitliche allgemeine Totenauferstehung eingeleitet, war eine ungeheuerliche Zumutung für ihre Zeitgenossen. Und sie konnten für diese Behauptung nur zwei Begründungen angeben: das leere Grab und die Erscheinungen des Auferstandenen. Natürlich kann man die Erscheinungen für Halluzinationen erklären und das leere Grab für Schwindel. Das ist damals geschehen und das geschieht heute. Gegen die Annahme von Halluzinationen spricht allerdings die Persönlichkeit und Qualität der Zeugen. Darauf will ich hier nicht näher eingehen. Etwas schwieriger ist es mit dem leeren Grab, das gerade modernen Christen anstößig erscheint, setzt es doch die Leiblichkeit der Auferstehung voraus, an die ein aufgeklärter Mensch ungern glaubt. Daß der Tod nicht das letzte Wort hat und der Geist oder die Seele nach dem Tod weiterexistieren, das will man gerne annehmen, aber eine Auferstehung des Leibes? Muß das sein? Das war schon die Ansicht der aufgeklärten Korinther zur Zeit des Paulus.[5] Und Paulus gibt sich alle Mühe, ihnen die Leiblichkeit der Auferstehung nahezubringen.

Schauen wir uns daraufhin einmal die Gründe an, die man in der modernen Exegese gewöhnlich gegen das wunderbare Verschwinden des Leichnams aus dem Grab anführt. Es sind im wesentlichen zwei. Als erstes sagt man, Paulus kenne das leere Grab nicht. Das beweise, daß die entsprechende Geschichte eine erst später entstandene Legende zur Verdeutlichung des Glaubenssatzes von der Auferstehung sei. Nun bedeutet die Tatsache, daß Paulus das leere Grab aus irgendwelchen Gründen nicht erwähnt, ja noch lange nicht, daß er nichts davon weiß. Die Stelle, um die es bei dieser Frage geht, ist die Glaubensformel aus dem 1. Korintherbrief: „Christus ist gestorben für unsere Sünden gemäß den Schriften, er ist begraben worden, er ist auferweckt worden am dritten Tag gemäß den Schriften und ist dem Kephas erschienen, dann den Zwölfen“ (1 Kor 15,3–5). Das ist die Stelle, aus der man entnimmt, daß Paulus das leere Grab nicht gekannt habe. Aber man muß sich doch fragen: Warum erwähnt Paulus das Begräbnis eigens? Nur um den wirklichen Tod zu unterstreichen? Doch wohl kaum. Martin Hengel hat die Frage gründlich untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß Paulus das Begräbnis nur deshalb erwähnt, weil Auferstehung für den Juden immer leibliche Auferstehung bedeutet und im Falle Jesu eben deshalb als Auferstehung aus dem Grab verstanden werden muß.[6] Nicht von ungefähr geht Paulus ja im selben Kapitel auf die Leiblichkeit der Auferstehung ein und versucht, sie den korinthischen Christen zu vermitteln, die schon dieselben Schwierigkeiten hatten, wie viele heutige.[7] Die zitierte Stelle ist also als Anspielung auf die Tatsache des leeren Grabes zu verstehen und gerade nicht als Indiz für die Unkenntnis des Paulus.&xnbsp;

Ein zweiter Einwand gegen die Zuverlässigkeit der Erzählungen vom Gang der Frauen zum Grab und ihren Erlebnissen sind angeblich unrealistische Erzählzüge. Als erstes weist man darauf hin, daß die Frauen den Leichnam noch am dritten Tag nach dem Tod salben wollen. Das hält man für unwahrscheinlich angesichts der schnell eintretenden Verwesung von Leichen im dortigen Klima. Pater Marie-Joseph Lagrange, der Gründer der École biblique in Jerusalem, bemerkt zu diesem Problem lediglich: „Man tut, was man kann.“[8] Immerhin verlangt Jesus die Öffnung des Lazarus­grabes noch am 4. Tag, und man tut es (Joh 11,39–41).

Aber die Gelehrten haben noch einen zweiten unwahrscheinlichen Zug in der Geschichte gefunden: daß die Frauen sich erst auf dem Weg überlegen, wer ihnen denn den Stein vom Grab wegwälzen soll. Dieser Zug scheint mir ganz im Gegenteil der realistischste in der ganzen Geschichte zusein, der geradezu als Indiz für die Authentizität gewertet werden muß. Wir alle wissen, wie kopflos man werden kann, wenn viel zusammenkommt, besonders bei aufregenden, ungewohnten Ereignissen. Und selbst unter weniger turbulenten Umständen als den damaligen in Jerusalem kommt große Gedankenlosigkeit vor. Hat man noch nie davon gehört, daß einer erst auf dem Flughafen merkt, daß er den notwendigen Reisepaß vergessen hat? Wir können solche Dinge fast tagtäglich an uns selbst oder unseren Mitmenschen beobachten.

Wie man sieht, sind die üblichen Einwände der kritischen Exegeten gegen die historische Zuverlässigkeit unserer Geschichte nicht nur schwach, sondern geradezu lächerlich. Ihre wirklichen Gründe scheinen mir auch ganz andere zu sein. Sie haben mit einer weltanschaulichen Vorentscheidung zu tun. Wundergeschichten dieser Art lehnt der aufgeklärte Mensch aus dogmatischen Gründen ab. Zu den Dogmen der Aufklärung gehört es nämlich, daß so extreme Naturwunder wie eine Totenerweckung einfach unmöglich sind, und daß es Engel, wie sie in unserer Geschichte auftreten, gar nicht gibt. Das sind klassische Vorurteile. Wie man mit diesen Vorurteilen noch Christ sein will, ist mir, ehrlich gesagt, nicht recht begreiflich, aber lassen wir das jetzt dahingestellt. Soviel aber wird man doch sagen können: Es gibt keinen philosophischen oder naturwissenschaftlichen Grund, der Naturwunder von vornherein und grundsätzlich ausschließt. Gott, der die Welt erschaffen und ihr eine Ordnung gegeben hat, kann gelegentlich auch mit Wundern eingreifen.[9] Immer wieder wird Gott im Alten Testament als der bezeichnet, der Wunder tut, ja allein Wunder tut.[10] Das Wundertun gehört zum Wesen Gottes, es ist sein Privileg und Ausweis. Wenn also Gott in einem Menschen sozusagen persönlich die Bühne der Welt betritt, wie es der christliche Glaube annimmt, sind Wunder eigentlich zu erwarten. Ich verweise in diesem Zusammenhang nur auf ein kleines Büchlein mit dem Titel „Wunder und Zeichen“, das Romano Guardini 1959 veröffentlicht hat. Man muß sich einfach klarmachen, daß nicht nur eine übertriebene, kritiklose Wundergläubigkeit ein Vorurteil ist, sondern auch eine übertriebene, kritiklose Wunderungläubigkeit. So viel also zu den Einwänden, die unsere Geschichte angeblich unwahrscheinlich machen.

Es gibt aber auch gute Gründe, die dafür sprechen, daß die Dinge ungefähr so gewesen sind, wie es Markus erzählt. Ich nenne drei:

1. Auch die Gegner der Christen haben nie bestrit­ten, daß das Grab leer war; sie haben diese Tatsache nur anders erklärt. So hat man zum Beispiel behaup­tet, die Jünger hätten die Leiche heimlich aus dem Grab ent­fernt. Diese Behauptung war offensichtlich der Anlaß für die Geschichte von den Grabwächtern in Mt 27,62–66. Da erbitten sich die Pharisäer von Pilatus eine Grab­wache, damit seine Jünger nicht hingehen, den Leichnam Jesu stehlen und dann behaupten, er sei von den Toten auferstan­den (27,64). Diese Geschichte soll offensichtlich den jüdischen Vorwurf ent­kräften. Sie hat legendarischen Charakter. Hier wird eine Legende mit einer Gegenlegende bekämpft. Freilich ist es eine ein­drucksvolle Legen­de, die in der christ­lichen Tradition noch eine symbolische Bedeutung erhalten hat: Sie soll den Sieg Christi über alle irdischen Widersa­cher sym­boli­sieren. Dafür war sie glänzend ge­eignet. Man denke nur an die vielen mittelalterlichen Dar­stel­lungen, in denen Christus, die Sieges­fahne in der Hand, seinen Fuß auf den Grabrand setzt, während die schwer gepanzerten Soldaten zur Seite pur­zeln! Es geschieht nicht oft, daß ein nackter Toter eine Schar bewaffneter Soldaten außer Gefecht setzt. Darin liegt die Wahrheit dieser Legende.

2. Ein zweites Argument für die Realität des leeren Grabes ergibt sich aus der Tatsache, daß Auferstehung nach jüdischer Auffassung immer leiblich gedacht ist. Wir haben schon davon gesprochen. Martin Hengel schreibt mit Recht: „Im jüdischen Palästina gab es um 30 n. Chr. kaum andere im Volk wirklich verbreiteten und anerkannten ‚rein geistigen‘ Auferstehungsvorstellungen, auch wenn uns aufgeklärten Geistern das heute sehr viel besser gefallen würde.“[11] Eine metaphorische Rede von „Auferstehung mitten im Leben“ als Bild für eine moralische Erneuerung oder als Chiffre für das Weiterleben im Herzen von anderen kannte die Antike nicht. Das sind moderne Redeweisen, die wir nicht an das Neue Testament herantragen dürfen. Wenn man im damaligen Jerusalem glaubhaft verkünden wollte: „Jesus ist auferstanden!“, dann mußte das Grab leer und der Leichnam auf wunderbare Weise verschwunden sein. Der einzige Grund, den man dagegen ins Feld führen kann, ist die Überzeugung, daß so ein Wunder einfach unmöglich ist. Das hat dann freilich nichts mehr mit historischer Argumentation zu tun, nur noch mit philosophischen Vorurteilen.

3. Ein drittes Argument ist die Tatsache, daß das leere Grab nach allen Berichten von Frauen entdeckt wurde. Wären diese Berichte als Legenden erfunden, hätte man zweifellos Männer als Endecker auftreten lassen, um die Sache als glaubwürdiger zu machen. Das gilt auch unabhängig von der Tatsache, daß Frauen nach jüdischem wie nach römischem Recht nicht zeugnisfähig waren. Dieser Hinweis auf den juristischen Sachverhalt hat meines Erachtens wenig Gewicht, da es in dieser Sache keine gerichtliche Untersuchung gab.[12]

Wir haben also zwei schwache, ja geradezu lächerliche Gründe gefunden, die gegen die Zuverlässigkeit der Tradition vom leeren Grab sprechen, und drei starke Gründe, die für diese Zuverlässigkeit sprechen. Damit ist die Auferstehung natürlich nicht bewiesen. Wir haben nur angebliche Schwierigkeiten ausgeräumt. Aber damit dürfte es doch einfacher sein, an sie zu glauben.

 

3. Komik in den Ostergeschichten

 

Nach diesen Überlegungen zur Realistik der Geschichten vom leeren Grab und der Ent­deckung, daß

Jesu Leichnam auf rätselhafte Weise spurlos verschwand, kommen wir zur Komik dieser Erzählungen. Nehmen wir zunächst die Geschichte von den Frauen am Grab, wie sie Markus er­zählt (Mk 16,1–8),

und betrachten wir sie einmal ganz unbefangen!

Am Morgen des ersten Wochentags nach dem entsetzlichen Freitag der Kreuzigung gehen drei Freundinnen des Gekreuzigten zum Grab, gleich bei Sonnenaufgang, in frommer Absicht. Man war bei der überstürzten Bestattung unmittelbar vor dem Sabbat nicht zur Salbung des Leichnams gekom­men; das mußte nachgeholt werden. Unterwegs fällt den Frauen ein, daß sie noch Hilfe bräuchten, um den Stein vor dem Grabeingang wegzurollen. Von den furchtbaren Ereignissen der letzten Tage waren sie noch ganz mitgenommen und ein wenig kopflos, was wohl jeder verstehen kann. Als sie beim Grab ankommen, ist der Eingang frei. Merkwürdig. Aber die Frauen überlegen nicht lang und gehen hinein. Das ist die Art von energischen, couragierten Frauen. Da fährt ihnen der Schreck in die Glieder: Statt einer Leiche treffen sie einen Engel an. Und der benimmt sich merkwürdig; er tut nämlich, als sei nichts Besonderes: „Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten? Der ist auferstanden, der ist nicht da.“ So steht es wörtlich im heiligen Text. Nichts ist alltäglicher, als daß jemand, den man aufsuchen will, nicht da ist; dann probiert man es eben später noch einmal. Aber wir befinden uns nicht vor einem normalen Haus, sondern in einem Felsengrab, und der Gesuchte ist der Tote! Kann man sich eine groteskere Situation vor­stellen? Ein Hinge­richteter, der nicht da ist, weil er angeblich „auferstanden“ ist! So etwas, das wußten die Frauen ganz genau, hat es noch nie gegeben. Aber diese unerhörte Auskunft gibt ein Engel, der vom Himmel offenbar eigens abgestellt ist, um sie zu empfangen. Und er macht seine Sache korrekt wie ein Hotelportier. Ange­sichts der entsetzten Frauen ist er freilich etwas über­fordert. Um sie zu beruhigen, fügt er hinzu: „Schau, da ist der Platz, wo sie ihn hingelegt haben.“ Dieser Engel spricht nicht irgendwie hochgestochen, er benützt vielmehr die Umgangssprache. Das sieht man besonders deutlich an dem „Schau!“ im Singular; unsere Über­setzungen korri­gieren das zu „Seht!“ Aber so redet man man noch heute umgangssprachlich. Der Hinweis auf „den Platz, wo sie ihn hingelegt haben“, wirkt pedantisch, irgendwie deplaziert, ja grotesk unter den gegebenen Umständen. Unser Hotelportier in der Grabhöhle macht ihn ja auch nur aus einer Art Verlegenheit heraus, weil er die verständnislosen Gesichter der Frauen sieht.

Aber er muß ihnen noch eine weitere Mitteilung machen: „Geht also und richtet seinen Jüngern, vor allem Petrus, aus: ‚Er geht euch voran nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.‘“ Das sagt er so, als handle es sich um die normalste Verabredung von der Welt. Dabei ist derjenige, der diese Verabre­dung getroffen hat, inzwischen gestorben! Die unüberbietbare Komik dieser Geschichte wird nur deshalb reglmäßig übersehen, weil man sie in einem heiligen Text und in einer Geschichte, die in der Kirche vorgelesen wird, nicht erwartet. Aber der Kontrast zwischen dem Verhal­ten des Engels, der tut, als wäre nichts Besonderes – für einen Engel ist diese Auferstehung ja auch nichts Beson­deres – und der Ungeheuerlichkeit der Situation aus der Sicht der Frauen könnte nicht krasser sein. Hier spielt sich, rein menschlich gesehen, eine völlig verrückte&xnbsp; Geschich­te ab. Daß die Frauen in einer solchen Situation überfordert waren, kann man verstehen. Und ihre Reaktion ebenso: „Sie stürzten hinaus und flohen, weg vom Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand nichts, voll Furcht wie sie waren“ (Mk 16,8). &xnbsp;

Aus der Sicht des Himmels ist die Überwindung des Todes eine Selbstverständlichkeit. Aus menschlicher Sicht ist es die größte Unmöglichkeit. Die Frauen, die am Morgen des Ostertages zum Grab gingen, um ein letztes frommes Werk an einem Leichnam zu tun, gerieten in eine unmögliche Situation und konnten gar nicht anders, als eine komische Figur darin zu machen. Das hat der Evan­gelist Markus gut festgehalten, und mit dem Clou, daß die Frauen „niemand nichts sagten“, schloß ursprünglich das ganze Evangelium. Es schloß also mit einem Witz; die Frauen haben ja, wie die Geschichte selbst bezeugt, ihren Mund nicht gehalten. Zum Glück.

Ganz anders erzählt uns der Evangelist Johannes die Geschichte von der Auffindung des leeren Grabes (Joh 20,1–18). Sie scheint auf den ersten Blick schwer vereinbar zu sein mit den synopti­schen Darstellungen. Auf dieses Problem kann ich jetzt nicht näher eingehen. Ich will nur darauf aufmerksam machen, daß auch in ihr Komik zu finden ist, auch wenn diese Komik verhaltener ist als im Fall der markinischen Geschichte. Nach Johannes geht Maria von Magdala noch vor Sonnenaufgang ganz allein zum Grab. Sie sieht den weggewälzten Stein, geht aber nun nicht ins Grab hinein, sondern vermutet offensichtlich gleich Grabräuber, rennt zu Petrus und „dem anderen Jünger“ – dieser ist wohl identisch mit dem „Lieblingsjünger“ – und teilt ihnen atemlos mit: „Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gebracht haben!“ Daraufhin rennen die beiden ihrerseits zum Grab. Dieser Spurt wird als regelrechter Wettlauf geschildert, bei dem der Lieblingsjünger gewinnt. Das wird natürlich seinen spirituellen Sinn haben, aber zunächst einmal ist dieser apostolische Wettlauf nicht ohne Komik.

Der Gewinner des Wettlaufs wirft einen Blick ins Grab, sieht die Leintücher daliegen, geht aber nicht hinein. Der impulsive Petrus dagegen geht sofort hinein, schaut sich die daliegenden Leintücher an und stellt fest, daß das Schweißtuch sorgsam zusammengewickelt für sich liegt. Damit ist Grabräuberei aus­geschlos­sen. Jetzt betritt auch der andere Jünger das Grab, sieht, was zu sehen ist, und kommt nach Auskunft des Evangelisten sofort zum Glauben. Dieser Glaube hat jedoch zunächst keine weiteren Folgen. Der Evangelist kommentiert: Sie hatten noch nicht begriffen, daß er von den Toten auferstehen mußte, und schließt dann trocken: „Darauf gingen die Jünger wieder nach Hause.“ Man kann glauben, auch wenn man vielleicht etwas Wesentliches noch nicht begriffen hat. Dann geht man eben kopf­schüttelnd nach Hause und wartet auf Klärung.

Maria, die offensichtlich ebenfalls wieder ans Grab gekommen ist, steht weiter beim Grab und weint. Unter Tränen beugt sie sich ins Grab – und erblickt zwei Engel, den einen am Kopfende und den anderen am Fußende der Grabbank, auf die man den Verstorbenen gelegt hatte. Haben die beiden Männer diese Engel nicht gesehen oder tauchten die erst nach ihrem Weggang auf? Der Evangelist läßt uns mit dieser Frage allein. Jetzt hätte Maria erschrecken müssen, wie das eigentlich normal ist, wenn man einem Engel begegnet, jedenfalls in der Heiligen Schrift. Denken wir nur an die markinische Erzählung von den drei Frauen im Grab! In diesem Fall aber ist es ganz anders. Maria reagiert so als ob es nichts Gewöhnlicheres gäbe als eine Begegnung mit zwei Engeln in einem Grab. Die Engel ihrerseits verhalten sich wie mitfühlende Fremde und fragen freundlich: „Frau, warum weinst du?“ Nun ja, warum weint eine Frau am Grab eines kürzlich Verstorbenen? Maria antwortet ganz schlicht: „Weil sie meinen Herrn weggenommen haben, und ich nicht weiß, wo sie ihn hingelegt haben.“ Dann wendet sie sich um und sieht Jesus dastehen, ohne ihn zu erkennen. Und Jesus fragt sie ebenfalls, was man eine weinende Frau nun einmal fragt, fügt aber noch hinzu: „Wen suchst du?“ – als wüßte er das nicht ganz genau! Und Maria, die ihn für den Gärtner hält, antwortet: „Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sag mir, wo du ihn hingelegt hast, daß ich ihn holen kann.“ Was sie mit dem Leichnam dann tun will, erfahren wir nicht. Sie wußte es wohl selbst nicht recht. In einer schlechten Komödie würde Jesus jetzt lachen, aber es handelt sich nicht um eine schlechte Komö­die, sondern um die wirkliche Begebenheit, wie Maria sie nachher erzählt hat. Jesus sagt nur ein Wort: „Maria!“ Und diese wendet sich um – offenbar hatte sie sich nach ihrer ersten Antwort wieder dem Grab zugewandt – und antwortet auf Aramäisch: „Rabbuni!“ Sie reagiert nicht mit „Jesus!“, sondern mit der ehrfürchtigen Anrede „Meister“.[13] Darauf folgt das berühmte ‚Noli me tangere‘ Jesu. Es wird meistens übersetzt mit: „Berühre mich nicht!“ Aber der griechische Text ist wohl eher zu übersetzen mit: „Laß mich los!“ Das setzt voraus, daß Maria unwillkürlich nach seinem Gewand gefaßt hat. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß die Evangelien durchweg darauf beharren, daß der Auferstandene leiblich und in Kleidern erscheint, nicht als Vision oder Spukgestalt. Aber der Auferstandene muß zum Vater zurückkehren, deshalb muß Maria loslassen und wird zur Berichterstattung zu den Jüngern geschickt.

Die ganze Darstellung hat etwas Traumhaftes. Da ist ein Wettlauf zu einem leeren Grab und dessen Inspektion, die zu nichts führt als einer kopfschüttelnden Rückkehr nach Hause. Dann sind in dem Grab plötzlich zwei Engel, die lediglich eine mitleidige Frage stellen, aber keinerlei weitere Beachtung finden. Maria antwortet auf ihre Frage und wendet sich gleich wieder ab. Dann sieht sie einen Mann da stehen, der offenbar unversehens aufgetaucht ist. Sie wird wieder mitleidig ange­sprochen, antwortet und wendet sich wieder ab. Als sie aber dann ihren Namen hört von einer Stimme, die sie wiedererkennt, fährt sie wieder herum und faßt mit der Hand nach dem Sprechen­den. Aber sie muß loslassen. Solche Dinge erlebt man im Traum und hält sie während des Traums für ganz natürlich. Erst nach dem Erwachen kommt uns vielleicht alles etwas abstrus und komisch vor. Manchmal sagen wir auch von realen Erlebnissen: Es war wie im Traum. Von dieser Art müssen auch die Ostererlebnisse gewesen sein für diejenigen, die dabei waren. Nur der vierte Evangelist hat es geschafft, etwas von dieser Traumhaftigkeit auch dem Leser oder Hörer zu vermitteln. Das Komische in seiner Erzählung liegt in dem Kontrast, der dadurch entsteht, daß Engel wie Menschen sich natürlich verhalten in einer vollständig übernatürlichen Situation. Das gilt auch von der Verwechs­lung Jesu mit dem Gärtner. Sie ist naheliegend bei einer Grabhöhle, die zu einem Garten gehört, wie der Evangelist Johannes ausdrücklich betont (19,41), und der Irrtum wird auf die natürlichste und mensch­lichste Art und Weise aufgeklärt, indem Jesus Maria mit ihrem Namen anspricht. Schöner kann die menschliche Identität des Auferstandenen nicht offenbart werden. Von diesem Traumhaften und dem Komischen haben die übrigen Ostererzählungen des Johannesevangeliums nichts mehr.

Wenden wir uns anschließend dem 24. Kapitel des Lukas­evangeliums zu. Es ist das letzte Kapitel dieses Evangeliums, und es erzählt die Geschichte eines einzigen, ereignisreichen Tages, des Ostertages. Dieser Tag beginnt mit dem abenteuerlichen Besuch der Frauen im Grab. Lukas erzählt die Vorgänge ganz ähnlich wie Markus, aber er mildert das Ungeheuerliche des Geschehens deutlich ab. Die Frauen kommen ins Grab und vermissen den Leichnam. Während sie sich ratlos um­schauen, treten zwei Engel zu ihnen. Da wird ihnen doch etwas unheimlich, aber sie fliehen nicht in Panik, sondern senken lediglich die Blicke zu Boden, weil sie von den blitzenden Himmels­gewändern geblendet werden. Die Engel fragen sie nun ganz sachlich: „Was sucht ihr den Leben­den bei den Toten?“ – eine etwas seltsame Frage, zumindest aus der Sicht der Frauen, die beim Tod Jesu und seiner Grablegung immerhin dabei waren. Anschließend erinnern die himmlischen Boten die Frauen daran, daß Jesus das alles doch vorhergesagt hat: die Auslieferung des Menschensohns in Menschenhände, seine Kreuzigung und seine Auferstehung am dritten Tag. Darauf nicken die Frauen und gehen, um den Jüngern Bericht zu erstatten. Von einem Entsetzen der Frauen und einem fluchtartigen Abgang ist bei Lukas keine Rede. Das Wunderbare bleibt, aber die Komik der Szene hat er behutsam elimi­niert.

Dafür setzt gleich im Anschluß an die Geschichte vom leeren Grab auch bei Lukas unverhohlene Komik ein. Die Frauen geben ihren Bericht, und die Jünger glauben ihnen kein Wort. Immerhin läuft Petrus sofort zum Grab, schaut hinein und sieht nur noch die Lein­tücher daliegen. Und wie reagiert er? „Er ging davon und wunderte sich …“. So ist es ja auch im Johannes­evangelium dargestellt. Das leere Grab war für die Jünger zunächst nur eine verwunderliche, rätselhafte Tatsache. Die himmlischen Boten mochten von Auferstehung reden, aber damit konnten die Jünger und Jüngerinnen nichts anfangen. Niemand rechnete damals mit der Auferstehung irgendeines Menschen vor dem Jüngsten Tag. Die Lösung des Rätsels fanden sie erst, als die Erscheinungen des Auferstandenen einsetzten. Erst durch die Erscheinungen wurde ihnen klar, warum das Grab leer war. Indem sie die Tatsache der Erscheinungen mit der Tatsache des leeren Grabes verbanden, begriffen sie den Gedanken, der vorher undenkbar war: Christus ist auferstanden! Mit seiner Aufer­stehung setzen die endzeitlichen Ereignisse ein!

Eine der schönsten Erscheinungserzählungen ist nun zweifellos jene, die in den katholi­schen Kirchen am Ostermontag verlesen wird. Es ist die vielleicht humorvollste im ganzen Evange­lium. Da spazieren zwei Jünger Jesu – der eine wird namentlich genannt, der andere bleibt namenlos – nach Emmaus und treffen einen Unbekannten – wahrhaftig einen Unbekannten! Der fragt ganz harmlos: „Was sind denn das für Geschichten, die ihr da besprecht?“ Und sie fragen verwundert zurück: „Bist du der einzige Gast in Jerusalem, der nicht mitbekommen hat, was da in den letzten Tagen passiert ist?“ Die Hauptperson in diesen Ereignissen soll der einzige sein, der nichts mitbe­kommen hat! Wenn das nicht ein Witz ist! Aber diese Hauptperson stellt sich unwissend und sagt nur: „Was denn?“ Er will die beiden offensichtlich zum Erzählen bringen. Ein seelischer Heilungs­prozeß beginnt oft mit dem Erzählen von Dingen, mit denen man nicht fertig wird. Und die beiden erzählen ganz treuherzig alles, was der Angesprochene selbst am besten weiß, bis hin zu den Ereignissen des Morgens: wie die Frauen im Grab gewesen waren und wie man die Sache über­prüft habe und genauso gefunden, wie die Frauen behauptet hatten. „Ihn selber aber sahen sie nicht“ (Lk 24,24). Das sagen die, die neben ihm hergehen mit „gehaltenen“ Augen! Man muß sich das nur anschaulich vor­stellen, wie der Jünger bei den Worten „Ihn selber aber sahen sie nicht“ dem vermeint­lich Fremden ins Gesicht schaut! Stünde diese Geschichte in Grimms Märchen, würde an dieser Stelle jeder lachen. Und der Unterschied ist doch vielleicht nur der, daß dieses Märchen wahr ist oder „echt“, wie die Kinder sagen. Erst beim Brotbrechen, als er so selbstverständlich den Vorsitz übernimmt wie immer – ein klassisches déja vu – geht ihnen auf, wen sie vor sich haben und warum ihnen „das Herz gebrannt hatte, während er mit ihnen sprach“ (Lk 24,32). Der Erkannte jedoch verschwindet sofort, und die beiden kehren auf der Stelle die zehn Kilometer nach Jerusalem zurück. Dort schallt es ihnen gleich entgegen: „Der Herr ist auferstanden und dem Simon erschie­nen!“ (Lk 24,34) Da hat auch dieser die Erklärung für die Kuriosität eines leeren Grabes mit zurück­­­gelas­se­nen Leintüchern erhalten. Das wäre selbst dann eine gute Geschichte, bei der einem das Herz lacht, wenn man nicht an sie glaubt. Aber wenn man sie glaubt, dann lacht das Herz doppelt.

 

4. Das wahre Märchen

 

„Es ist alles ein Märchen“, murmelte ich. „Ja, es ist ein Märchen,

aber ein schönes Märchen“, lächelte Mr. Kirk, „und es ist wahr.“[14]

 

Nichtchristen bezeichnen die Evangelien gerne als Märchen. Wenn sie damit meinen, daß die Geschichte Jesu erfunden ist wie ein phantastischer Roman, ist diese Behauptung unsinnig. Die Evangelien erzäh­len eine wahre Geschichte. Die Beteiligten in dieser Geschichte agieren in einem realen geschicht­lichen Raum, an bestimmten Orten zu einer bestimmten Zeit, und das alles wird richtig und den historischen Umständen entsprechend geschildert. Pontius Pilatus ist beileibe keine Märchenfigur, sowenig wie Herodes der Große und seine Söhne oder der Hohepriester Kaiphas, Johannes der Täufer und Jesus selbst. Und dennoch hat diese Geschichte tatsächlich in vieler Hinsicht legenden- und märchen­hafte Züge. Wunder und Wunderbares spielen darin eine außergewöhnliche Rolle, auch wenn die für das Märchen so typische Welt der Magie fast vollständig fehlt.

Aber nicht nur das, die Geschichte Jesu hat in ihrer ganzen Struktur etwas Märchenhaftes. Das hat niemand so klar herausgestellt wie J.R.R. Tolkien, den wir vor allem als Verfasser einer Märchen­roman-Trilogie „The Lord of the Rings“ kennen. Lange bevor er diesen Märchenroman schrieb, hielt er einen Vortrag mit dem schlichten Titel: „On Fairy-Stories“. Darin fragt er sich unter anderem: Was haben wir eigentlich vom Hören oder Lesen guter Märchen und phantastischer Geschichten? Er antwortet: Dreierlei. Erstens gewinnen wir mit ihrer Hilfe den klaren Blick für die Eigenart der Dinge zurück. Denn die Eigenart der Dinge übersehen wir oft, weil wir uns zu sehr an sie gewöhnt haben. Erst im Licht ungewöhnlicher oder wunderbarer Ereignisse offenbaren sie ihre eigentliche Natur und Besonderheit. Zweitens verhelfen uns Märchen zum Entrinnen aus einem tristen oder elenden Alltag, ja sie vermitteln sogar eine Ahnung davon, daß auch der Tod nicht das letzte Wort haben muß. Das führt uns auf die dritte und nach Tolkien vornehmste Funktion des Märchens: Es spendet Trost. Denn Märchen enden im Gegensatz zu Tragödien grundsätzlich gut. „Und es war alles, alles gut“, nach der schönen Formel Joseph von Eichendorffs, mit der auch sein „Tauge­nichts“ schließt. Vor dem guten Ende stehen in den Märchen gewöhnlich gefährliche Aben­teuer und oft grauenhafte Ereignisse. An irgendeiner Stelle der Geschichte jedoch, meist gegen Schluß, tritt eine Wende zum Guten ein. Diese Wende zum Guten nennt Tolkien mit einer eigenen Neuprägung die „Eukata­strophe“. Das ist die Stelle, an der das Herz – und nicht nur das Herz von Kindern – höher schlägt. In der Freude über diese „gute Katastrophe“ liegt nach Tolkien der eigentliche Trost, den ein Märchen spendet, und die Befriedigung, die man am Ende verspürt. Und Tolkien fügt noch etwas hinzu: In dieser guten Katastrophe blitzt etwas von der Freude des Evangeliums auf.

So ist es nicht verwunderlich, daß er seinen Essay mit einem Epilog beendet, in dem er die Erkennt­nisse über die Struktur der Märchen auf die Evangelien anwendet:[15] „Die Evangelien“, so schreibt er, „enthalten ein Mär­chen oder eine Geschichte von komplexer Art, die das Wesen des Märchens vollständig um­faßt. Sie enthalten viele Wunder, eigentümlich kunstvolle, herrliche und bewegende Wunder, ‚my­thisch‘ in ihrer vollkommenen, in sich ruhenden Bedeutung. Und darunter ist die größte und denkbar vollständigste Eukatastrophe.“ Mit dieser „größten und denkbar vollstän­dig­sten Eukatastrophe“ meint Tolkien natürlich die Auferstehung Jesu.[16]

Dazu kommt noch eine weitere Besonderheit: In der Geschichte Christi „haben sich Legende und Historie getroffen und sind eins geworden“. Diese in sich konsistente Geschichte ist nämlich nicht nur wahr in einer sekun­dären Phantasiewelt, sondern in der primären Erfahrungswelt, in der wir leben. Deshalb können wir die Geschichte Christi, wie sie in den Evangelien erzählt wird, als wahres Märchen bezeichnen. Das Märchen hat sich sozusagen im vollen Licht der Geschichte und der realen Welt abgespielt, in der wir leben. Das gilt zumindest für Gläubige. Tolkien selbst formu­liert etwas hinter­gründiger: „Von keiner Geschichte, die je erzählt wurde, wün­schen sich Menschen mehr, daß sie wahr sei, als von dieser, und es gibt keine, die von so vielen Skeptikern um ihrer selbst willen als wahr akzeptiert worden ist.[17] Denn ihre Kunst hat den unwiderstehlich überzeugen­den Ton primärer, das heißt schöpfe­rischer Kunst. Sie abzu­lehnen hat entweder Trübsinn oder Zorn zur Folge.“ Tolkiens Behauptung, daß es unter allen jemals erzählten Geschichten keine gäbe, von der die Menschen mehr wünschen, daß sie wahr sei, als von dieser, ist sehr bemerkenswert im Hinblick auf den eingangs zitierten Gedanken Blaise Pascals zur Aufgabe der Prediger und Apologeten der christlichen Religion: Man müsse sie liebenswert erscheinen lassen, „so daß die Guten wünschen, sie möge wahr sein“, und dann müsse man zeigen, daß sie wirklich wahr ist. Darum habe ich mich hier bemüht.



[1] B. Pascal, Pensées 187 Brunschvicg. Übersetzung (mit einer kleinen Verbesserung): B. Pascal, Schriften zur Religion. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln 1982, 81. Balthasar folgt der Ausgabe J. Chevaliers.

[2] Näheres bei M. Reiser, Witz, Komik und Satire im lukanischen Doppelwerk, in: H. Grieser / A. Merkt (Hg.), Volksglaube im antiken Christentum. FS Theofried Baumeister, Darmstadt 2009, 71–86.

[3] Vgl. G. Luck, Art. Humor: RAC 16 (1994) 753–773, hier 766; M. Reiser, Das Lachen in der Bibel und die christliche Lachkultur, in: W. Wilhelmy (Hg.), Seliges Lächeln und höllisches Gelächter. Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters, Regensburg 2012, 26–37, hier 31–34.

[4] Vgl. M. Reiser, Der unbequeme Jesus, Neukirchen-Vluyn 32013, 224–242.

[5] Vgl. 1 Kor 15,12.35.

[6] Vgl. M. Hengel, Das Begräbnis Jesu bei Paulus und die leibliche Auferstehung aus dem Grabe, in: F. Avemarie / H. Lichtenberger (Hg.), Auferstehung – Resurrection (WUNT 135), Tübingen2001, 119–183.

[7] Vgl. 1 Kor 15,35–53.

[8] M.-J. Lagrange, Évangile selon Saint Marc, Paris 1966, 444: „On fait ce qu’on peut.“

[9] Näheres in dem Kapitel über den Wundertäter Jesus in: M. Reiser, Der unbequeme Jesus (Anm. 4) 158–197.

[10] Vgl. Ps 72,18; 77,15; 86,10; 136,4.

[11] M. Hengel, Das Begräbnis Jesu (Anm. 6) 181.

[12] Vgl. M. Vahrenhorst, “Se non è vero, è ben trovato”. Die Frauen und das leere Grab: ZNW 89 (1998) 282–288.

[13] Darauf weist Benedikt Schwank OSB mit Recht hin: Evangelium nach Johannes, erläutert für die Praxis, St. Ottilien 1996, 478.

[14] Walter J. Ciszek, „Der Spion des Vatikan“. 1939–1963. Dreiundzwanzig Jahre für Gott in Rußland, München 1965, 364.

[15] J.R.R. Tolkien, On Fairy-Stories, in: Ders., The Monsters and the Critics and Other Essays, London 1997, 109–161, hier 155–157. Daraus die folgenden Zitate. Der Text war ursprünglich ein Vortrag, der 1939 gehalten und 1947 erstmals publiziert wurde. Deutsch in: J.R.R. Tolkien, Die Ungeheuer und ihre Kritiker. Gesammelte Aufsätze, Stuttgart 1987, 141–208. Die obigen Übersetzungen sind meine eigenen.

[16] Tolkien erklärt, genau genommen sei es eine doppelte Eukatastrophe, eine am Anfang und eine am Ende der Geschichte. „Die Geburt Christi ist die Eukatastrophe der Menschheits­geschichte. Die Auf­erstehung ist die Eukatastrophe der Geschichte der Inkarnation.“ Mit der Geburt Christi tritt innerhalb der Menschheitsgeschichte die Wende zum Guten ein, mit der Auferstehung tritt sie innerhalb des Lebens Jesu ein. Diese Unterscheidung scheint mir von der Sache her schwierig. Denn Geburt Christi und Auferstehung Christi hängen sachlich zusammen. Und die Auferstehung ist als Beginn des neuen Äons, des neuen Himmels und der neuen Erde, ebenso als „Eukatastrophe der Menschheitsgeschichte“ zu verstehen wie die Inkarnation. Das entscheidende Ereignis bleibt die Auferstehung.

[17] „There is no tale ever told that men would rather find was true, and none which so many sceptical men have accepted as true on its own merits.“


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage

© Dr. Marius Reiser 2019 - All Rights Reserved -