Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Der Seewandel (Mk 6,45-52)


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Das Zusammensein der Jünger mit Jesus stellt Markus immer wieder als eine einzige Kette von wunderbaren Ereignissen dar, die nicht nur den Tag, sondern manchmal auch die Nacht verklären. Dabei steht der See Gennesaret buchstäblich im Mit­telpunkt. Die wunderbar­sten Ereignisse finden in den Städten an seinem Ufer, besonders Kafarnaum, statt, aber nicht nur in den Städten, sondern auch an un­wirtlichen Stellen, die Jesus für kurze Zeit zu bewirteten Orten machen kann. Und nicht nur am Ufer des Sees geschehen Wunder, sondern auch auf ihm. Die Serie der Wunder nach der Predigt, die Jesus in Kapitel 4 vom Boot aus hält, beginnt mit der nächt­lichen Stillung des Seesturms (Mk 4,35-41). Auch die Wundergeschichte, die wir als nächstes betrachten wollen, spielt wieder nächtens auf dem See. Sie wird eingeleitet mit einer Wendung, die Markus außeror­dentlich liebt und häufig benutzt: „und gleich“, „und sofort“. Diese Rede­wendung unter­streicht noch den Eindruck, daß sich um Jesus herum die Ereignisse zwar nicht überstürzen – Trubel und hektisches Treiben sind seine Sache nicht –, aber daß die Zeit dicht gefüllt ist mit Leben und Geschehnis­sen der wunderbarsten Art. Jesus schafft auch in diesem Sinn „erfüllte Zeit“. Und um ihn herum wird immer erfüllte Zeit sein.

1. Texterklärung

Jesus schickt seine Jünger weg, er „nötigt“ sie vorauszufahren. Wie er selbst nachkommen wollte, sagt der Evangelist nicht. Die Angabe „nach Betsaida“ oder „Richtung Betsaida“ macht gewisse Schwierigkeiten. Denn laut V. 53 kom­men sie schließlich nicht in Bet­saida an, sondern in Gennesa­ret. Ein Grund dafür wird nicht angege­ben. Da auch der Ausgangspunkt der Boots­fahrt unklar ist – der „abgelegene Ort“ am See war ja geographisch nicht näher bezeichnet worden –, sind diese Angaben etwas verwirrend. Betsai­da liegt am nord­öst­lichen Zipfel des Sees, Gennesaret in nord­west­licher Richtung gegenüber. Es scheint, daß der Evangelist hier nicht richtig aufgepaßt hat.

Jesus will sich von der Menge verabschieden und dann „auf den Berg“ gehen, um zu beten. Beides ist bemerkenswert. Denn es sieht doch so aus, als sei dieses Abschied nehmen für Jesus eine wichti­ge Ange­legenheit. Nirgends sonst in den Evangelien ist von einer der­artigen Verabschiedung die Rede; das Wort „Abschied nehmen“ kommt bei Markus nur hier vor. Eine herzliche, sich länger hinziehende Verabschiedung setzt aber entweder eine tiefe Freund­schaft voraus oder ein besonders schönes Zusammen­sein, nach dem man sich ungern trennt. Ein solches muß für Jesus das vorhergehen­de Mahl gewesen sein. Diese Beobachtung bestätigt noch einmal unsere Aus­legung der vorhergehenden Perikope.

Zum Beten geht Jesus hinauf „auf den Berg“. Von diesem Berg auf der West­seite des Sees ist im Markus­evangelium an drei Stellen die Rede: In Mk 3,13 steigt er auf den Berg, um die Zwölf auszu­wählen; hier an unserer Stelle, um zu beten, und schließlich in Mk 9,2 zu­sammen mit den drei engsten Vertrauten zur Verklärung. Der Berg wird nie näher bezeichnet, obwohl der bestimmte Artikel auf einen bestimmten Berg hinzuweisen scheint. Dieser müßte freilich in der Nähe des Sees liegen, und zwar am Nordwest­ufer, wenigstens in unserem Fall. Aber vielleicht handelt es sich doch um verschiedene Berge, und der bestimmte Artikel will nur sagen: der dortige Berg. Jedenfalls aber war damit das Motiv des Berges gegeben, auf dem herausgehobene, hervorstechende Ereignisse im Leben Jesu statt­finden. Matthäus hat dieses Motiv aufge­griffen und ihm vor allem durch die soge­nannte Berg­predigt einen neuen Höhe­punkt verschafft. Dieses literarische Motiv muß einen Anhaltspunkt im Leben Jesu gehabt haben. Daß er immer wieder die Einsamkeit und Höhe eines Berges zum Gebet suchte, ist höchst­wahrscheinlich.

So kommt es, daß sich nach Einfall der Dunkelheit das Boot mitten auf dem See befindet – Markus schreibt wie immer „Meer“ – und er allein auf dem Land (V. 47). Der Gegensatz, der in V. 47 eigens betont wird, erinnert in gewisser Weise an die frühere nächt­liche Überfahrt und ihre Ereignisse, wie sie Ende des 4. Kapitels erzählt werden. Auch dort befin­den sich Jesus und die Jünger, obwohl sie zusammen sind, gleichsam in zwei Welten: Die Welt der Jünger ist die sturmgepeitsch­te See und der Aufruhr der Elemente, die Welt Jesu ein Friede und eine Ruhe, die kein Sturm erreicht. Auch in unserer Geschichte haben die Jünger mit den Widrigkeiten einer Seefahrt zu kämpfen; der Wind bläst ihnen ins Gesicht und sie kommen nur mit Mühe vorwärts. Und wieder befindet sich Jesus in einer Welt der Ruhe und des Friedens, die kein Wind erschüttern kann: in der Welt des Ge­bets. Dieses Mal können ihn die Jünger nicht auf­stören; aber das ist in diesem Fall auch nicht nötig, denn Jesus sieht, wie sie sich plagen müssen (V. 48). Dieses Sehen hat etwas Übernatürliches; denn wenn sich das Boot mitten auf dem See befindet, muß es etwa drei bis vier Kilometer entfernt sein, außerdem ist es Nacht. Dieses Sehen ist also wohl am ehesten vergleichbar mit jenem „Sehen“, von dem es im Alten Testa­ment heißt, Gott „sehe“ das Elend seines Volkes, bevor er helfend ein­greift.[1] Allerdings ist in unse­rer Ge­schichte an ein wirkliches Er­blicken ge­dacht, nicht ein Wahrnehmen oder Erkennen im über­trage­nen Sinn.
&xnbsp;&xnbsp; Jesus „sieht“ also ihr Elend und kommt „um die vierte Nacht­wache“ zu ihnen. Die Einteilung der Nacht in vier „Nachtwachen“ von jeweils etwa drei Stunden Dauer ist eine ausgesprochen römi­sche Eigenart; die jüdische Tra­di­tion pflegt die Nacht wie die griechi­sche in nur drei Nachtwachen zu unter­teilen.[2] „Um die vierte Nacht­wache“ bedeutet also in den letzten Stunden vor Tagesan­bruch. Diese Angabe im Zusammen­hang mit dem Sehen vor dem rettenden Ein­greifen er­innert nun doch sehr an die Geschich­te vom Durchzug durch das rote Meer, in der es heißt: „Um die Zeit der Morgenwache blickte der Herr aus der Feuer- und Wolkensäule auf das Lager der Ägypter und brachte es in Ver­wirrung“ (Ex 14,24). Freilich, ganz passend ist diese Assozia­tion nicht, wenn man an den Kontext denkt; die Ähnlichkeit mag unbeabsichtigt sein.

Noch vor Sonnenaufgang also kommt Jesus „über das Meer“ auf das Boot zugeschritten. Jede Auslegung, die daraus ein Schreiten oder Laufen am Meeresstrand ent­lang macht, liest den Text gegen den offenkun­digen Sinn.[3] Mit derart seichten Rationalisierungen und phantastischen Spekulatio­nen brauchen wir uns nicht abzuge­ben. Jesus schreitet auf dem Wasser, wie er auch in der Nacht kilometer­weit sieht. Das sagt der Evangelist, und wir müssen ihn schon sagen las­sen, was er sagen will, ob uns das gefällt oder nicht. Auch das Alte Testament hilft uns bei diesem Erzähl­zug nicht viel weiter. Nur an einer einzigen Stelle ist davon die Rede, daß allein Gott, der den Himmel ausspannt und die Sterne geschaffen hat, auch „auf den Wogen des Meeres schreitet“ (Jjob 9,8). Dies ist eine entlegene Stelle, die in poetischer Sprache die einzigartige Macht Gottes preist. Wir lernen daraus eigentlich nur, was wir ohnehin wissen: Ein Mensch kann eigentlich nicht über das Wasser schreiten; das ist ein gött­liches Privileg.[4]

Es folgt im Text ein kurzes Sätzchen, das äußerst merkwürdig und befremdlich ist: „Und er wollte an ihnen vorübergehen“ (V. 48). Er kam doch zu ihnen über den See, weil er sah, wie sie sich plag­ten, also in der Absicht, ihnen zu helfen. Wie kann der Erzähler da sagen: „Er wollte an ihnen vorübergehen“? Die Ausleger haben eine Lösung dieses Rätsels gefunden. Sie bringen die Bemerkung vom Vorüberge­hen wollen zusammen mit jenen Theophanieerzählungen des Alten Testaments, in denen davon erzählt wird, daß Gott „vor­überging“. So „geht“ Gott bei seiner Erschei­nung vor Mose an ihm „vorüber“ (Ex 34,6) und ähnlich an Elija (1 Kön 19,11). Aber m.E. helfen diese Hin­weise überhaupt nicht weiter. Denn bei Mose und Elija geht es darum, daß Gott sich einem Menschen zeigt, aber nur gleichsam „vorübergehend“. Bei diesen Epi­phanien geht es gerade nicht um ein helfendes Ein­greifen, und Mose und Elija sind jeweils darauf vor­bereitet. Im Zusammenhang unserer Geschichte ist der Gedanke an eine Epiphanie aber auch schon deshalb sinnlos, weil es ja heißt: Er wollte vorübergehen. Wie der Fortgang der Geschichte zeigt, hat er es dann ja gar nicht getan. Hier läge also eine beabsich­tigte und dann doch unterlassene Epiphanie oder gar eine mißglück­te Epiphanie vor. Das ist ein abwegiger Ge­danke. Wir sollten die Vorstel­lung vom Vor­übergang Gottes hier besser aus dem Spiel lassen. Aber was fangen wir dann an mit der Be­mer­kung: „Er wollte an ihnen vorübergehen“? Den Versuch einer Ant­wort will ich auf später ver­schieben, wenn wir die Symbolik der Geschichte ins Auge fassen.

In V. 49 schildert der Erzähler die Reaktion der Insassen des Bootes. Sie halten das Wesen, das da über das Wasser auf sie zukommt, für ein „Gespenst“ und schreien auf. Das ist ganz natürlich und ginge jedem von uns so. Die beigefügte Erklä­rung, daß ihn alle sahen und ver­wirrt wurden, ist eigent­lich über­flüssig.

Um die Erschrockenen zu beruhigen, tut Jesus das, was jeder tut, wenn er andere, ohne es zu wollen, erschreckt hat: Er redet beruhi­gend auf sie ein. Und er sagt genau das, was jeder Mensch in gleichem Fall sagen würde: „Nur Mut, ich bin’s, keine Angst!“ Die Auf­forderung θάρσει oder θαρσεῖτε ist im Griechi­schen seit Homers Zeiten die gewöhn­lichste Form der Beruhigung und Aufmunte­rung; es ist das Wort, das Gebildeten wie Ungebilde­ten zuerst auf die Lippen kommt, wenn sie Trost und Zuspruch geben wollen.[5] Hier fügt sich auch das ἐγώ εἰμι „ich bin’s“ ein. Das ist nur, was man bis zum heutigen Tag als erstes sagt, wenn man einen ande­ren durch sein plötzliches Erscheinen erschreckt hat oder wenn der andere fragt: „Wer ist da?“ Jesus ist hier ganz mensch­lich; er tut so, als läge eine ganz all­tägliche Situation vor; er redet wie eine Mutter, die nachts etwas unver­mittelt ein Zimmer voller ängst­licher Kinder betritt. Diesen alltäglichen Sprachgebrauch finden wir auch im Johannesevangelium. Als sich die Leute fragen, ob der Blindgeborene wirklich der Bettler ist, sagen die einen: Er ist es, die anderen: Er sieht ihm nur ähnlich, er selber aber: „Ich bin es“ (ἐγώ εἰμι) (Joh 9,9).

Viele Ausleger sehen in dem ἐγώ εἰμι allerdings noch etwas mehr. Sie weisen darauf hin, daß im Alten Testament auch Gott selbst diese Worte gebraucht, um etwas über sich auszusagen. Aber die meisten an­ge­führten Stellen sind schon deshalb nicht ver­gleich­bar, weil das ἐγώ εἰμι dort nicht absolut ge­braucht ist, son­dern nur zur Einleitung einer Aussage dient, z.B. Jes 51,12: „Ich bin es, der euch trö­stet.“ Auch Dtn 32,39: „Seht nun, daß ich es bin und kein Gott neben mir ist“ kann man nicht verglei­chen. Ver­gleichbar wären nur Stellen, in denen Gott sich bei seinem Erscheinen mit „Ich bin es!“ vorstellt. Aber solche Stellen gibt es nicht. Dieser Hin­weis verstellt nur den Blick für den schlichten Sinn des Textes und hilft uns überhaupt nicht weiter. Das Auf­regende an unserer Stelle ist ja gerade das Para­dox, daß Jesus sich unter den unge­wöhn­lichsten Um­ständen ganz ge­wöhnlich be­nimmt, als wäre nichts Besonderes dabei, wenn er über das Wasser geschritten kommt, und als wäre nur sein etwas plötzliches Auf­tauchen schuld an dem Schrecken der Jünger. Es ist hier ähnlich wie im Fall des Todes der Tochter des Jaïrus (vgl. Mk 5,39): Für den Herrn der Elemente ist es tatsächlich nichts Besonderes, wenn er über das Wasser schrei­tet, so wie die Toten für den Herrn des Lebens wirklich nur schlafen. Aber aus der Sicht der Jünger sieht es eben anders aus.

Während er also beruhigend auf sie einredet, steigt Jesus zu den Jüngern ins Boot und zugleich legt sich der Wind. Um diese Wind­stille zu bringen, war er gekommen. Aber die Jünger lassen sich nicht so schnell beruhigen, sie geraten „in sich ganz außer sich“ (λίαν ἐν ἐαυτοῖς ἐξίσταντο), wie Markus etwas paradox formuliert. Und er kommentiert kritisch: „Denn sie hatten nicht begriffen bei den Broten, ihr Herz war vielmehr verkalkt“ (V. 52). Die Wunder hätten den Jüngern längst die Augen öffnen müssen, aber ihr Herz war „verkalkt“ . Das Wort heißt ursprünglich „hart“ oder „zu Stein werden“ und wird zur Bezeichnung von Ver­kalkungs- und Versteine­rungsvorgängen gebraucht, zum Beispiel wenn es um die Bildung von Tropf­steinen geht. An unserer Stelle liegt natür­lich eine Metapher vor. Da das Herz nach jüdischer Auffassung nicht so sehr der Sitz der Gefühle als des Verstandes war,[6] ist mit ei­nem „ver­kalk­ten Her­zen“ nicht etwa Hartherzigkeit gemeint, son­dern Unein­sichtigkeit, also das, was wir umgangssprachlich mit dem „Brett vor dem Kopf“ und dem „Ver­nageltsein“ meinen. Und das ist ja in der Tat ein sehr verbreite­tes Phäno­men. Da kann jeder von sich selbst Geschich­ten erzählen. Die Jünger hätten längst begreifen müssen, wen sie in Jesus als ihren Meister bei sich hat­ten; die Frage von Mk 4,41: „Wer ist dieser, daß ihm sogar Wind und Meer gehorchen?“ hätte inzwischen beantwortet sein müssen. Aber sie war es immer noch nicht. So geht es vielen Christen bis heute.

2. Historische Kritik

 

Die historisch-kritische Exegese diskutiert vor allem den geistes­ge­schicht­lichen Hintergrund unserer Erzählung. Wie die vorhergehenden Erläuterungen gezeigt haben, bietet das Alte Testa­ment in diesem Fall wenig Hil­fen, und manche angeblichen Parallelen und Anspielun­gen haben sich bei genauerem Zusehen als irreführend erwiesen. Die in der Sekundärlite­ratur angehäuften „Par­allelen“ legen sich manchmal wie Schutt über den Text, und man muß erst den Schutt abräumen, wenn man den ursprünglichen Sinn des Textes ergründen will. Wenn es nun aber kaum motivische Verbindungen zum Alten Testa­ment gibt, gibt es dann vielleicht solche Verbindungen zur hellenisti­schen oder sonstigen religionsgeschichtlichen Umwelt? Läßt sich dort etwas finden, was unsere Geschichte erklärt?

Viele Ausleger sind überzeugt davon. Dabei geht es allerdings nur um das Motiv des Über-das-Wasser-Schreitens. Diese Fähigkeit wird einigen Zaubermännern der grauen Frühzeit Griechenlands zugeschrieben, zum Beispiel Pythagoras und Abaris. Manche träumten von dieser Fähigkeit, wie Artemi­dor be­zeugt.[7] In buddhi­stischen Traditionen wird sie auch Jüngern Buddhas zugeschrieben.[8] Daraus schlossen manche Aus­leger nach einem üblichen Denkmu­ster der religions­geschichtlichen Schule, die frühchristliche Gemein­de habe solche Legenden aufgegriffen und auf Jesus übertragen. Nun hat sich ein derartiger Einfluß jedoch noch in keinem einzigen Fall wirklich nachwei­sen lassen. Er ist also von vornherein wenig wahr­scheinlich. Woher sollten die Evangelisten auch derartige Legenden kennen? Und selbst wenn sie etwas gewußt hätten von Pythagoras oder Abaris, hätte dieses Wissen genügt, um daraus eine solche Geschichte zu machen, wie sie bei Markus steht? Und was hätte sie dazu veranlaßt? Die Notwendigkeit, Jesus gegen­über solchen Wundermännern herauszustreichen, bestand im 1. Jahr­hundert nicht und schon gar nicht gegenüber einem christlichen Adressatenkreis, wie ihn die Evangelien voraussetzen. Auch sachlich gesehen helfen diese Parallelen eigentlich nichts zum Verständnis unserer Geschich­te. Denn sie sagen nur das, was wir ohnehin wissen: Das Gehen auf dem Wasser ist eine göttliche Fähigkeit; der normale Mensch kann davon nur träumen.

Für die Frage nach dem historischen Geschehen stehen wir somit vor folgendem Befund: Die Geschichte samt dem Motiv des Auf-dem-Wasser-Schreitens läßt sich weder aus alttestamentlichen noch aus helleni­stischen Vorgaben ableiten. Und es lag für die frühe Christen­heit gar kein Grund vor, eine solche Geschichte zu erfinden, denn sie sagt in christologischer Hinsicht nichts wesentlich Neues oder anderes als etwa die Geschichte von der Stillung des Seesturms, mit der sie viel Ähnlichkeit hat. Da wir also auch keinen spezifisch theologi­schen Grund für die Entstehung unserer Geschichte angeben kön­nen, bleibt eigentlich nur eine Erklärung übrig: Es muß so etwas im Leben Jesu und seiner Jünger vorgekommen sein. In einer schwie­ri­gen Situation auf dem See kam Jesus seinen Jüngern über das Wasser schreitend zu Hilfe. Da alle anderen Erklärungen versagen, ist diese An­nahme die wahrscheinlichste. Eine gewisse Bestäti­gung die­ser Annahme kann man auch in der traditionsge­schicht­lich un­ab­hängigen Version unserer Geschichte in Joh 6,16-21 sehen.

Nun ist aber wie bei allen Naturwundern so auch bei diesem nicht die historische Wahrheit entschei­dend; entscheidend ist viel­mehr die Wahrheit der symbolischen Aussage. Diese lautet: Chri­stus kann uns auch dann zu Hilfe kommen, wenn alle mensch­liche Hilfe versagt; ihn hindern keine Naturge­setze. Erst dieser Glaube macht uns zu Christen. Ob Jesus damals auf dem Wasser ging oder nicht, ist demgegenüber eine zweitrangige Frage.

3. Symbolik

Hinsichtlich der Symbolik ist unsere Geschichte eng verwandt mit der Geschichte von der Sturmstil­lung. Wir finden dieselben bedeu­tungstragen­den Ele­mente: Schiff, Wind und Wasser, dazu die Nacht, die in der zweiten Ge­schichte von größerer Bedeutung ist als in der ersten. Darum ähneln sich auch ge­wis­se Auslegungen der Kirchen­väter zu den beiden Ge­schich­ten. Es geht wieder um das gefährdete Schiff in den widrigen Stürmen dieser Welt, wobei das Schiff das Leben des einzelnen symbolisieren kann oder die Kirche. Christus aber schreitet zur Hilfe über die Wasser, also die Mächte des Chaos und die ab­gründigen Ängste des Menschen, hinweg. Seine Gegenwart bedeu­tet das Ende jeder Angst und Gefahr. Soweit es ähnliche Erfah­rungen einer gött­lichen Hilfe auch in anderen Religionen gibt, sind sie in der christlichen „aufge­hoben“, das heißt: mit inbe­griffen, bewahrt und zur Voll­endung gebracht.

Von diesen Einsichten her wollen wir noch einmal das Verständ­nis des rätselhaften „Und er wollte an ihnen vorübergehen“ ver­suchen. Hilfreich scheint mir dabei ein Essay zu sein, den Reinhold Schneider 1946 geschrie­ben hat. Er trägt den Titel: Rex tremendae majestatis.[9] Schneider ver­sucht, die Szene aus der Sicht der Jünger zu betrachten und sieht in den Jüngern zugleich uns selbst. Die Jünger sehen Chri­stus über die Wellen schreiten. Nie zuvor erblickten sie ihn in dieser unheimlichen Gestalt. „Und er möchte an dem kämpfenden Schiffe seiner Jünger vor­über, so wie ein Wande­rer auf fester Straße an einem Haus vor­übergeht, dessen Bewohner er nicht kennt.“[10] Nicht menschlich nah erscheint den Jün­gern Christus hier, sondern fremd, unheimlich und furcht­bar, so furcht­bar, daß sie laut auf­schreien vor Schrecken. Doch dieser Schrecken rettet sie; der laute Schrei ruft Christus ins Schiff.[11] Auch wir heute, meint Rein­hold Schneider, dürfen über dem einseitigen und unzuläng­lichen Bild des gütigen, mensch­lichen Jesus das Bild der gewaltigen Majestät Christi nicht ver­gessen, die in vielen seiner Worte und Gesten zum Ausdruck kommt. Und die Erfahrung des Erschreckens vor seiner Maje­stät und Fremd­heit kann auch heute noch heilsam sein. Denn unser Schreckens­ruf kann ihn auch heute wieder ins Schiff rufen.

4. Der kühne Petrus (Mt 14,22–33)

Matthäus übernimmt seine markinische Vorlage fast völlig ungekürzt, nur das Vorübergehen-wollen Jesu läßt er wegfallen. Dafür überrascht er den Leser mit der Einfügung einer ganz neuen Szene. Wir wollen sie genauer betrachten.

Bei Matthäus sind die Jünger nicht unverständig wie bei Markus, sondern begreifen, was sie begreifen sollen; sie werfen sich vor Jesus nieder und bekennen, daß er wahrhaft Gottes Sohn ist (Mt 14,33). Es ist das Bekennt­nis, das bei Markus der Hauptmann unter dem Kreuz ablegt (Mk 15,39), und im Markusevan­gelium ist es das erste Mal, daß sich dieses Bekennt­nis im Mund eines Menschen findet. Markus will sagen: Erst vom Kreuz her kann dieses Bekennt­nis in seiner ganzen Bedeutung erfaßt werden. Dem hätte Matthäus zuge­stimmt. Aber weil er die Jünger viel stärker als Markus zum Vorbild der nachösterlichen Gemeinde gestaltet, läßt er sie hier die Einsicht dieser Gemeinde aussprechen. Und zu Recht, wie wir gesehen haben.

Daß die eingefügte Szene von Matthäus von vornher­ein als gleich­nishafte Szene gestaltet ist, bedarf keiner weiteren Begrün­dung. Die christliche Rezep­tionsgeschichte hat sie auch stets so verstanden. Für die Metaphorik verwendet Matthäus vor allem Ps 69 (LXX Ps 68), auf den er mit mehreren Stichwörtern an­spielt: Rette mich, o Gott, denn die Wasser stehen mir schon bis zum Hals, ... in die Tiefen des Meeres bin ich geraten, die Strömung hat mich hin­ab­gezogen ... Rette mich aus dem Schmutz, damit ich nicht ver­sinke. Entreiß mich meinen Hassern und den Tiefen der Wasser. Laß mich nicht hinabgezogen werden von der Strömung, verschlungen werden vom Abgrund!“ (LXX Ps 68,2f. 15f). Die Stichworte „die Wasser“, das „Hinabge­zogen werden“ und das „Rette mich!“ aus dem Psalm kehren bei Mat­thäus wieder. Der angerufene „Herr“ – sagt Petrus – ist jetzt allerdings Christus, in dem Gott selbst zu Hilfe kommt.

Nicht von ungefähr ist der Held dieser Sene Petrus. Die Mi­schung aus impulsivem Glaubensmut und Versagen ent­spricht genau dem Charak­ter dessen, was wir sonst von Petrus wissen. In dieser Szene hat Matthäus aber nicht nur den Charakter des Petrus eingefangen, sondern zugleich „eine Grund­erfahrung jedes Jesusjüngers und jeder Jesusjüngerin“.[12]

Petrus verläßt die Sicherheit des Bootes, aber nicht von sich aus, nicht auf eigene Faust. Er bittet Christus ausdrücklich, ihm den Befehl dazu zu geben; erst dann wagt er es, das Menschenunmögli­che zu unternehmen. Nicht ma­gische Kniffe und Rezepte machen das Un­mögliche möglich, sondern allein Christi Wort. Dieses Wort schafft gleichsam einen Weg im Unwegsamen.

&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp;&xnbsp; Aber dann bekommt er doch Angst, und warum? Er sieht den starken Wind. Das erscheint uns zunächst ganz unglaublich. Aber tatsächlich geschieht es nicht selten, daß ein starker, bewährter Glaube durch eine scheinbar geringfügige Angelegenheit aus der Bahn geworfen wird und ins Schwanken gerät. Der Mensch ist nun einmal so gebaut.[13] Und dann bleibt nur der Hil­fe­ruf des Petrus.

In dieser Szene erhalten Wind und Wasser erst ihre ganze Sym­bol­kraft. Sie stehen für alles, was uns als Menschen und Christen be­droht: Schwer­mut, Depressio­nen, Schwächen; mitreißende Denkmo­den, political correctness und Verhaltens­muster, die nicht unbedingt gut, aber en vogue sind;[14] Egoismus, Anerken­nungsbedürfnis und vie­les ande­re, kurz: das, was die alte Katechismus-Tradition die drei Feinde der Seele genannt hat: Welt, Fleisch und Teufel. Und es geht dem besten Christen fast alle Tage so wie Petrus auf den Was­sern ...[15]

Romano Guardini sieht in dieser Perikope die Grundaufgabe des Glau­bens symbolisiert, die in einem „Umbau des Wirklichkeitsbewußtseins“ besteht. Für unser gewöhnliches Empfinden ist die Welt wirklicher als Gott. Der Gläubige aber muß sich in täglicher Übung daran gewöhnen, Christus als wirklicher und mächtiger zu empfinden als die Dinge des Daseins. „Diese Übung ist mühsam. Die Stunden, in denen Aug’ in Auge haftet, und das Kraftfeld sich schließt, sind selten. Meist ist der Sturm im Bewußtsein mächtiger als Christi verblassendes Bild. Meist scheinen die Wasser nicht zu tragen, und das Wort Christi, welches sagt, sie trügen doch, hört sich an wie fromme Symbolik. Was damals Petrus geschah, offenbart, was im Alltag jedes Christenlebens geschieht. Denn wirklich: auf das Wort Christi hin für gering einzuschätzen, was von der Welt her groß erscheint, und für entscheidend, was sie gering nennt; immer wieder von den Menschen draußen wie vom eigenen Wesen drinnen Widerspruch zu erfahren und dennoch auszuharren – das ist nicht leichter, als was Petrus getan hat!“[16]

In diesem Sinn hat schon Origenes ausgelegt und dabei die ganze Ge­schichte als Allegorie gelesen. Seine Deutung ist so groß­artig, daß ich ein längeres Stück daraus zitieren will.

Der Einfältigere mag sich also mit der Ge­schichte begnügen; wir aber wollen, wenn wir ir­gendwann dem Zwang der Versu­chungen unterliegen, uns daran erinnern, daß Jesus uns ge­zwungen hat, in das Boot zu steigen, weil er wollte, daß wir ihm vorausfahren an das jenseitige Ufer. Denn es ist nicht möglich, ohne Versuchungen durch Wellen und widrigen Wind zu erleiden, an das jenseitige Ufer zu kommen. Wenn wir dann sehen, daß die Dinge die uns umge­ben, zahlreich und schwierig sind, und wir mit bescheidener Mühe eine zeitlang durch sie hindurch­geschwommen sind, wollen wir annehmen, daß dann unser Boot mitten auf dem Meer ist und von den Wellen hin- und hergewor­fen wird, welche uns „im Glauben“ (1 Tim 1,19) oder einer der Tugenden Schiffbruch erleiden lassen wollen. Aber wenn wir sehen, daß der Geist des Bösen durch die Verhält­nisse gegen uns arbeitet, wollen wir das so auf­fassen, daß dann der Wind gegen uns steht. Wenn wir dies also erleiden und drei Nacht­wachen der Finsternis in den Versuchungen durch­gehal­ten haben und dabei nach Kräften gut kämpfen und uns vor einem Schiff­bruch im Glauben oder in einer der Tugen­den bewahren, ... dann wollen wir glauben, daß zu Beginn der vierten Nachtwache, „wenn die Nacht vorangeschritten und der Tag her­angekommen ist“ (Röm 13,12), der Sohn Gottes zu uns kommen wird, um das Meer für uns zu besänfti­gen, indem er dar­über wandelt. Und wenn wir den Logos sehen, der uns erscheint, werden wir zu­nächst verwirrt wer­den, bevor wir klar erfassen, daß der Heiland zu uns kommt, weil wir zunächst meinen, ein Gespenst zu se­hen, und voll Furcht schreien; aber er wird sogleich zu uns spre­chen und sagen: Habt Mut, ich bin es, fürchtet euch nicht! Und wenn sich unter uns ein Petrus findet, der durch das Wort: Habt Mut! in wärmere innere Be­wegung gerät, einer also, der zwar „auf dem Wege zur Vollkom­menheit“ (Hebr. 1,6), aber doch noch nicht vollkommen geworden ist, wenn er dann aus­steigt aus dem Boot, so als ob er aus der Versu­chung herauskä­me, in der er geprüft wird, dann wird er anfänglich in der Ab­sicht, zu Jesus zu kommen, über die Wasser hinge­hen, weil er aber noch kleingläubig ist und noch zweifelt, wird er den starken Wind sehen und sich fürchten und an­fangen unter­zugehen; aber das wird ihm doch nicht zustoßen, weil er mit lauter Stimme nach Jesus ruft und zu ihm sagt: Herr, rette mich! Und dann wird sogleich, während dieser Petrus noch spricht und sagt: Herr, rette mich!, der Logos die Hand aus­strecken und diesem Menschen Hilfe gewäh­ren; er wird sich seiner an­neh­men, da er anfängt unterzugehen, und er wird ihn hart anfahren wegen der Kleingläubigkeit und des Zweifels. Behalte aber im Auge, daß er nicht sagt: Du Ungläubiger, sondern: Du Kleingläubiger, und daß gesagt wird: Warum hast du gezweifelt? Warum hast du zwar etwas Glauben, neigst du aber auch zu seinem Gegenteil? Und darüber werden Jesus und Petrus in das Boot steigen und der Wind wird sich legen und die in dem Boot werden erkennen, aus welchen Gefahren sie errettet wurden, werden sich niederwerfen und nicht einfach sagen: Du bist Gottes Sohn (wie auch die zwei Besessenen sagten [Mt 8,28]), sondern: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn. Das sagen die Jünger im Boot; ich meine nämlich, daß keine anderen als die Jünger das gesagt haben.[17]

Am 19. November 1905 hielt der dreißigjährige Vikar zu St. Nikolai in Straßburg, Albert Schweitzer, die Morgenpredigt über Mt 14,22–32, also die matthäische Version unserer Geschichte. Er beginnt ganz schlicht: „Ihr wißt, daß die eben erwähnte Erzählung nur ein Gleichnis ist. ... Und wenn unter uns auch solche sind, die aus Respekt vor dem Buchstaben der Schrift daran festhalten zu müssen glauben, daß Jesus wirklich auf dem Meere als auf dem festen Lande gewandelt und daß Petrus desgleichen getan, so stimmen sie doch mit uns darin überein, daß sie die Hauptbedeutung dessen, was dort geschehen, nicht darin suchen, daß es dort einmal so geschehen, sondern in der geistigen, ewigen Bedeutung, die das erzählte Gleichnis oder Wunder für uns hat. Von dieser geistigen Bedeutung laßt uns reden.“[18] Was der Prediger denn auch tut, indem er eine klassische Allegorese bietet: Die von Jesus durch einen großen Abstand getrennten Jünger sind wir, die das Gefühl haben, als sei Jesus ihrer Zeit ganz fremd geworden und wie ein Gespenst. Unsere Welt „treibt“ „von ihm ab und kann nicht glauben, daß er etwas Lebendiges ist“. „Und uns reißt sie mit sich!“ Wir kämpfen mit den „Stürmen der Gedanken“, an Versuchung, der Verzweiflung nahe. Da ruft Jesus sein „Komm her!“ und damit ist der Weg zur Rettung klar. Es ist nicht kein Weg, „für den natürlichen Menschen gebahnt“; nur wer „mit der gewöhnlichen Betrachtungsweise des Lebens“ Schluß gemacht hat, der ist in der Lage, „über die Untiefen zu wandeln, die ihn von Jesus trennen und wo der Mensch, mit den natürlichen Gedanken beschwert, nicht den Mut hat und einsinken würde“. Albert Schweitzer gibt dann noch ein paar praktische Ratschläge, wie die Schritte auf Jesus zu aussehen können: kleine Dienste der Nächstenliebe. So finden wir zu Jesus, und „wenn der Mensch Jesus gefunden hat, legen sich alle Stürme“. Diese Auslegung eines liberalen, historisch-kritisch geschulten Exegeten unterscheidet sich in keiner Weise von der des Origenes, außer darin, daß Origenes an der tatsächlichen Begebenheit festhält. Der Prediger kann auf die allegorische Auslegung nicht verzichten, wenn er den Text als aktuellen Text verstehen will.

Daß unsere Geschichte aber noch ganz andere Möglichkeiten der Aktualisierung hat, möchte ich abschließend an Reinhold Schneider zeigen. Ich habe ihn ja schon einmal zitiert. Er hat fünf Jahre vor dem zitierten Essay, 1941, einen anderen Aufsatz ge­schrieben: „Der Glaube des Petrus“.[19] Darin geht es ihm vor allem um das ent­schlossene „Aus­steigen“ des Petrus und darum, was dies für uns bedeuten könnte. Es ist meiner Ansicht nach eine der eindrucksvollsten Applikationen dieses biblischen Textes für unsere heutige Zeit.

Und wenn wir nun selbst im Schiffe wären im Sturm und zum anderen Ufer strebten, ohne es zu erreichen, und der Herr er­schiene auf den Wellen, würden wir dann aus dem Schiffe steigen wie Pe­trus? Es müßte ja leichter für uns sein als für ihn, weil wir seine Geschichte kennen und wir besser wissen, als er damals wissen konnte, was der Herr erwartet und wie er uns beistehen wird. Und vielleicht würden diejenigen, die mit uns im Schiffe sind, die Erscheinung wieder für einen Geist halten wie die Jünger, und von uns würde eine Tat verlangt, die unseren Glauben an die Macht des Herrn be­zeugt. Unser Leben strebt vom Ufer unseres Ausgangs zum Ufer des Todes über die Ge­schichte hinweg, die aufge­wühlt wird vom Sturm. Sind wir bereit, auf die Wellen zu treten, wenn die heilige Gestalt über ihnen er­scheint? Wenn wir uns nur ein wenig besinnen, so wissen wir: darum ward dem Sturme die Macht gegeben, damit wir ein Zeugnis ablegen. Alles ist in des Herrn Hand, Sturm und Wellen, das Schiff und die Gefähr­ten und wir. Nicht darum geht es, daß das Schiff gerettet wird; – wir können es dem Herrn anvertrauen, er kann es retten zu einer jeden Stunde, und es wäre doch eine törichte Antwort am Tage des Gerichtes, daß wir für das Schiff hätten sorgen müssen und daß wir es nicht ver­lassen konnten. Es geht viel­mehr um das Zwiege­spräch, das einst Petrus mit Christus geführt hat, um des Apostels gläubige Frage und um das einfache, mächtige Wort „Komm!“

Wer hätte dieses Wort nicht gehört? Darum steht die Gestalt vor uns im Morgendämmer, daß wir ihrem Worte fester vertrauen als einer Brücke und, ohne den Sturm zu fürchten, hinausschrei­ten auf die Wellen der empörten Zeit. Christus kann seine Macht jeden Tag offenbaren und dem Sturme gebie­ten; aber diese seine Macht bleibt noch verborgen in ihrer Gegenwart. Offenbar soll eine andere Macht werden: die Macht unseres Glaubens an ihn. Es genügt nicht, daß wir in eine Kammer des Schif­fes hinunter­steigen und beten oder daß wir es offen oder heimlich auf dem Verdeck tun. Wir sol­len das Schiff verlassen; wir sollen hinaus. Wir sollen zeigen, daß eine unerschüt­terliche Brücke über die Wellen führt. Wohin wollen wir denn, an welches Ufer? Nicht die Ufer sollen wir suchen, sondern den Herrn, der mitten in der Zeit steht. Das Ziel ist immer da; es ist das Wagnis. Das Glück, das Petrus empfunden hat, als er über die Tiefen schritt, steht uns offen. Wieviel leichter als er können wir es erringen, die wir vom Auf­erstandenen wissen, von Christi Sieg über den Tod! Und wenn unser Herz doch ver­sagen würde im Tosen des Sturms und vor den Abgründen zu unseren Füßen, und wir im Ver­sinken das einzige Wort rufen könn­ten: „Herr, rette uns“, wäre das nicht doch bes­ser, als auf dem Schiffe zu bleiben? Denn auf dieser Überfahrt wird ein jeder ein­zelne angerufen und ein jeder soll, sobald er das Wort vernimmt, hinaustreten auf die Wellen. Diese Freiheit ist unser; alles andere ist Gottes, der seinen Sieg verhei­ßen hat. Jahrtausendelang treiben Schiffe vorüber, tobt der Sturm; jahrtausendelang steht der Herr auf den Wellen. So sind die Mächtigen mit ihren Kronen und Zeichen, so die Völker vorüberge­fahren. Wir wissen nicht, was mit denen geschah, die dem Ruf nicht folgten, an welches Ufer sie getrieben wur­den und was dort mit ihnen geschah, oder ob sie schon untergingen auf dem Wege, dem Retter fern und als Schiff­brüchige vielleicht doch noch um Hilfe rufend. Wir wissen nur, daß in dem Gehor­sam gegen das Gebot, auf die Wellen zu tre­ten, der Sinn der Zeiten und des Lebens beschlos­sen ist. Wir wissen von den Schicksalen, die auf unserem Wege geschahen, nur wenig; wir wissen aber: jetzt ist unsere Stunde.[20]

In dem Schiff sieht Reinhold Schneider offensicht­lich die Kirche, in diesem Fall allerdings nicht die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, sondern die Kirche als Institution. Der ganze Text ist eine Mah­nung an diese Institution und ihre Gläubigen, nicht um äußerer Vorteile und Si­cherheiten willen dem un­bedingten Ruf Christi unge­horsam zu werden. Diese Mahnung ist heute so aktuell wie 1941.



[1] Ex 3,7; 4,31; Dtn 26,7. Vgl. O. Vetter, THAT II 696f.

[2] Vgl. Bill I 688-691; R.T. Beckwith, Calender 1‑3. Zur römischen Tageseintei­lung und ihren Stunden s. J. Marquardt, Das Privatle­ben der Römer I 253-258. Die Stun­den waren verschie­den lang, da man jeweils den Tag von Sonnen­aufgang bis Sonnen­untergang und entsprechend die Nacht in zwölf Teile unterteilte. Die Länge einer Stunde variierte also je nach Ort und Jahreszeit. Das gilt übrigens noch im Mittelalter: A.J. Gurjewitsch, Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen, Mün­chen 41989, 109.

[3] So z.B. P. Lapide, Er wandelte nicht auf dem Meer, in: Ders., Was geschah beim „Seewandeln“? Gütersloh 1984. 21991, 16-54, bes. 20-24.

[4] Vgl. 2 Makk 9,8.

[5] Belege aus Homers Ilias: 4,184; 8,39; 10,383. Eng verwandt mit unserer Stelle ist 24,170f: Die Göttin Iris tritt zu Priamos und sagt zu ihm „mit leiser Stimme – ihm aber aber ergriff ein Zittern die Glieder –: ‚Fasse Mut, Dardanide Priamos, im Sinn und fürchte dich nicht!‘“ (Übersetzung von W. Schade­waldt)

[6] Vgl. M. Reiser, Der biblische Begriff des Herzens in der Benediktsregel, in: J. Kaffanke (Hg.), „...Nimm den Zuspruch des Gütigen Vaters willig an“. Geistliche Vaterschaft bei den Wüstenvätern und im benediktinischen Mönchtum, Beuron 2015, 98–119, hier 100–109.

[7] Artemidor, Traumbuch 3,16; 4,35 (die Stelle 1,5 ist eine Ergän­zung).

[8] Auch die christliche Tradition der Volkserzählung kennt dieses Motiv. Tolstoi hat es in den „Volkserzählungen“ gestaltet („Die drei Greise [oder Starzen]“). Vgl. L.G. Barag, Art. Heiligkeit geht über Wasser: Enzyklopä­die des Märchens 6 (1990) 694-698.

[9] Reinhold Schneider, Gesammelte Werke Bd. 9, Frankfurt a.M. 1978, 59–63.

[10] Ebd. 60.

[11] An diese „Lösung“ dachte schon Augustinus: „Quomodo ergo eos volebat praeterire quos paventes ita confirmat, nisi quia illa volun­tas praete­reundi ad eliciendum illum clamorem volebat cui subveniri oportebat?“ (De cons evang. 2,47. Catena Aurea ed. Marietti I 480).

[12] U. Luz, Die Jesusgeschichte des Matthäus 109. Ebd. 109f legt Luz gut dar, inwiefern und warum Petrus für Matthäus der typische Jünger ist und zugleich der wichtigste.

[13] „So ist die menschliche Natur; oft bringt sie das Große zustan­de und versagt im kleinen“ (Jo­hannes Chrysostomus, Mt h. 50,2; PG 57/58, 506).

[14] Vgl. Eph 4,14!

[15] Mit einer entsprechenden Paränese schließt Augustinus seine Predigt über diese Perikope (Sermo 76,6; PL 38,482f).

[16] R. Guardini, Der Herr 231f.

[17] Origenes, Mt XI 6f. Übersetzung von H.-J. Vogt: Origenes, Der Kommentar zum Evangelium nach Matthäus. Eingeleitet, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Hermann J. Vogt (BGL 18), Stuttgart 1983, 115–117.

[18] A. Schweitzer, Straßburger Predigten, hg. von U. Neuenschwander, München 1966, 57-66, hier 58. Jetzt in: ders., Predigten 1898-1948, hg. von R. Brüllmann u. E. Gräßer, München 2001, 686-691, hier 686.

[19] Reinhold Schneider, Gesammelte Werke Bd. 9, 89-96.


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