Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Geschichte und Demut im Magnifikat der niedrigen Magd*



* Vortrag bei der 25. Theologischen Sommerakademie in Augsburg am 15. September 2017

ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage

1. Gotteslob und Geschichte

Das Magnifikat ist die längste Äußerung Marias im Neuen Testament. Und es ist als fester Bestandteil der Vesper einer der wichtigsten liturgischen Texte unserer Kirche. Der Gattung nach ist es ein Hymnus, das heißt ein Gesangstext, ganz im poetischen Stil der Psalmen des Alten Testaments gehalten und durchgehend geprägt von biblischen Wendungen. Aber nicht nur die Sprache ist biblisch, auch der Inhalt ist von typisch biblischen Denkweisen des Alten Testaments geprägt, insbesondere von seinem geschichtlichen Denken. So stellt sich dieses Lied ganz in die Tradition Israels und seiner Heiligen Schrift und ist dennoch ein Revolutionslied, das Revolutionslied einer demütigen, niedrigen Magd Gottes. Beginnen wir zur Verdeutlichung dieser Sachverhalte mit einem Psalm aus dem alttestamentlichen Gesangbuch und vergleichen wir ihn anschließend mit dem Magnifikat. Besonders geeignet dazu scheint mir Psalm 111. Ich übersetze ihn nach dem griechischen Text in der Septuaginta (Ps 110):

Halleluja!

Ich will dich preisen, Herr, aus ganzem Herzen

im Rat der Aufrechten, in der Versammlung!

Groß sind die Werke des Herrn,

wenn man sie auf seine Absichten hin erforscht.

Dankenswert und großartig ist sein Wirken,

seine Gerechtigkeit bleibt bestehen für alle Zeiten.

Er hat Sorge getragen für das Gedächtnis seiner Wundertaten,

barmherzig und voller Mitleid ist der Herr.

Nahrung hat er denen gegeben, die ihn fürchten,

seines Bundes bleibt er eingedenk auf ewig.

Seinem Volk hat er die Wucht seiner Werke kundgetan,

indem er ihnen das Erbe der Völker gab.

Von Wahrheit und Recht zeugen die Werke seiner Hände,

zuverlässig sind alle seine Gebote,

fest gegründet für alle Zeiten,

geschaffen in Wahrheit und Geradheit.

Er hat seinem Volk Erlösung gesandt,

seinen Bund für ewig bestimmt –

heilig und furchtgebietend ist sein Name!

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit,

wer danach handelt, zeigt gute Einsicht.

Sein Lob bleibt bestehen für alle Zeiten.

Dieser Psalm ist ein einziges Loblied auf Gott, dessen Name „heilig und furchtgebietend“ ist. Das Lob wird begründet mit der Größe seiner Wundertaten, seiner Barmherzigkeit und der ewigen Treue zu dem Bund, den er mit seinem Volk geschlossen hat. Dabei wird angespielt auf das ganz konkrete Wirken Gottes in der Geschichte Israels. Mit dem Gedächtnis seiner Wundertaten, für das er Sorge getragen hat, ist das Paschafest als Gedenken an den Auszug aus Ägypten gemeint (vgl. Ex 12,14), mit der Nahrung, die er denen gegeben hat, die ihn fürchten, die wunderbare Ernährung des Volkes beim Zug durch die Wüste (Ex 16; Num 11), mit dem Erbe der Völker, das er Israel gegeben hat, das Gelobte Land. Auf diese Weise hat Gott seinem Volk Erlösung gesandt. Wer also die Geschichte Israels aufmerksam erforscht, begreift, daß der Anfang der Weisheit die Furcht des Herrn ist.

Lesen wir daraufhin das Magnifikat (Lk 1,47–55), werden wir alle wesentlichen Elemente dieses Psalms wiederfinden, insbesondere die Begründung des Gotteslobs durch seine geschichtlichen Taten:

Hoch preist meine Seele den Herrn,

und es jubelt mein Geist über Gott, meinen Heiland.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut,

siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn Großes hat an mir getan der Mächtige,

heilig ist sein Name.

Sein Erbarmen waltet von Geschlecht zu Geschlecht

über denen, die ihn fürchten.

Gewaltiges hat er getan mit seinem Arm,

auseinandergetrieben, die in ihrem Herzen überheblich denken.

Herabgeholt hat er Mächtige von ihren Thronen

und Niedrige erhöht.

Hungernde hat er angefüllt mit Gutem

und Reiche leer davongeschickt.

Er hat sich Israels angenommen, seines Knechtes,

eingedenk seines Erbarmens,

wie er es zugesagt hat unseren Vätern,

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Auch dieser Hymnus beginnt mit einem Lobpreis Gottes, dessen Name heilig ist. Auch hier wird dieser Lobpreis begründet mit der Größe seiner Taten: der Verheißung an die Väter, dem ewigen Erbarmen für sein Volk und für alle, die ihn fürchten. Und wieder wird zum Beleg dafür auf sein konkretes Wirken in der Geschichte Israels hingewiesen. Dieser Zusammenhang ist in unseren üblichen Übersetzungen allerdings dadurch verschleiert, daß die Präterita, die Vergangenheitsformen, des griechischen Textes im Deutschen gewöhnlich mit Präsentia, Gegenwartsformen, wiedergegeben werden. Da lesen und singen wir: „Er vollbringt, er zerstreut, er stürzt, er erhöht, er beschenkt, er läßt leer ausgehen, er nimmt sich an“, wo es doch zweifellos heißen müßte: „Er hat vollbracht, er hat gestürzt, er hat erhöht, er hat beschenkt, er hat leer ausgehen lassen, er hat sich angenommen“. Zur Begründung der präsentischen Übersetzung liest man in den Kommentaren philologisch unhaltbare Theorien, auf die ich hier nicht eingehen will.[2]

Wenn man sich fragt, woher diese Übersetzungstradition kommt, denkt man natürlich zuerst an die Übersetzung Martin Luthers. Doch da macht man eine merkwürdige Entdeckung. In seinem Septembertestament von 1522 gibt Luther die griechischen Präterita richtig mit deutschen Perfekta wieder: „Er hat Gewalt übet ... und zerstreuet, ... er hat die Gewaltigen von dem Stuhl gestoßen“ und so weiter.[3] In seiner berühmten Auslegung des Magnifikats aus dem Jahr zuvor beginnt er dagegen mit einer Übersetzung, in der aus den Präterita Präsentia geworden sind. Vor die einzelnen Abschnitte seiner Auslegung setzt er dann allerdings wieder eine Übersetzung mit Perfekten. Diesen Wechsel erklärt er selbst wie folgt:

Niemand lasse sich irremachen durch die Verdeutschung, daß ich oben so verdeutscht habe: „Er wirkt gewaltiglich“, und hier: „Er hat Gewalt geübt.“ Es geschieht, damit wir die Worte desto besser verstehen, die an keine Zeit gebunden sein sollen, sondern Gottes Art und Werk frei anzeigen, die er allezeit getan hat, allezeit tut, allezeit tun wird. So daß es dasselbe wäre, wenn ich’s in solcher Weise auf deutsch sagte: Gott ist ein solcher Herr, dessen Werke dermaßen vor sich gehen, daß er kräftig zerstreut die Hochmütigen und barmherzig ist über die Gottesfürchtigen.[4]

In seine endgültige Übersetzung der Heiligen Schrift nahm Luther die präsentische Wiedergabe der Präterita auf. Diesem Vorbild sind dann fast alle Übersetzungen gefolgt, selbst Allioli, der in der Vulgata doch ebenfalls Präterita, nämlich lateinische Perfekte, vorfand. Dazu kommt noch eine weitere Fehlübersetzung. Luther schreibt: „Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl / und erhebt die Elenden. / Die Hungrigen füllet er mit Gütern / und läßt die Reichen leer.“ In keinem dieser Fälle steht im griechischen Text ein bestimmter Artikel; es ist dort nur indefinit von Gewaltigen, Elenden, Hungrigen und Reichen, also Einzelfällen, nicht der Gesamheit aller, die Rede. Auch in diesem Punkt ist die Einheitsübersetzung, auch die neue, leider Luther gefolgt. Durch die präsentische Übersetzung im Verein mit dem bestimmten Artikel vor den Substantiven werden die biblischen Aussagen jedoch geradezu falsch: Gott zerstreut ja nicht alle Hochmütigen, er stürzt nicht alle Mächtigen vom Thron und erhöht auch nicht alle Niedrigen, er sättigt nicht alle Hungernden und läßt die Reichen nur selten leer ausgehen. Doch die Geschichte, und nicht nur die Geschichte Israels, kennt immer wieder Beispiele für solche Vorgänge. Wirklich richtig sind diese Aussagen also nur im Vergangenheitstempus ohne den bestimmten Artikel vor den Substantiven.

Die genannten Fälle im Magnifikat sind sehr allgemein formuliert und nicht so konkret identifizierbar wie im Fall von Psalm 111. Sie sind offensichtlich als typische Handlungen Gottes gemeint, für die man in der Geschichte Israels und der Geschichte überhaupt leicht Beispiele finden kann. Insofern hat Luther mit den zitierten Worten sicher recht, und in diesem Sinn hat sich ja schon Beda Venerabilis geäußert.[5] Eine Konkretisierung ist am ehesten noch bei dem Auseinandertreiben der Überheblichen mit seinem starken Arm möglich. Da wird wohl jeder zuerst an den Pharao und sein Heer beim Auszug von Ägypten denken. Griechen konnten aber auch an die Siege über die Perser denken, besonders den von Salamis. Herodot versteht die Niederlage des Xerxes gemäß einem Orakelspruch als göttliche Strafe für seine Hybris.[6] Beim Herabholen Mächtiger von ihren Thronen und dem Erhöhen Niedriger kann man zum Beispiel an Saul und David denken. Eine vergleichbare Sentenz bietet der weise Jesus Sirach: „Der Herr hat Herrscherthrone umgestürzt und Sanftmütige an ihre Stelle gesetzt“ (Sir 10,14).[7] Aber dieses göttliche Prinzip kannten auch die Griechen. So schreibt Xenophon: „Es scheint so, daß der Gott oftmals seine Freude daran hat, die Kleinen groß zu machen und die Großen klein.“[8] Und warum soll man beim Herabholen Mächtiger von ihren Thronen nicht etwa an Napoleon denken und beim Erhöhen Niedriger zum Beispiel an Papst Johannes XXIII.? Oder an den einfachen Elektriker Lech Wałęsa und seine Solidarność-Bewegung, die das kommunistische Regime in Polen zum Rücktritt zwang?

„Herabgeholt hat er Mächtige von ihren Thronen und Niedrige erhöht, / Hungernde hat er angefüllt mit Gutem und Reiche leer davon geschickt“: Diese Antithesen klingen nicht harmlos, sie hören sich eher nach Revolution an. Gerhard Lohfink schreibt zu Recht: „Nur die fromme Gewöhnung macht, daß wir die marseillaise-artige Schärfe des Magnifikat nicht mehr wahrnehmen. Das Magnifikat preist keineswegs die Kleinheit und das Sich-Bescheiden. Es preist den Gott Israels, der den Verachteten zu ihrem Recht verhilft und den Aufgeblasenen und Arroganten ihren wahren Platz zuweist.“[9] Vor allem die scharfe Antithese über die Hungernden und die Reichen hat keine rechte Parallele, weder in der jüdischen noch in der heidnischen Literatur. Ihre nächste Parallele hat sie in Jesu Seligpreisung der Armen und Hungernden mit dem dazugehörigen Weheruf über die Reichen und Satten im Lukasevangelium selbst (Lk 6,20f. 24f). Es ist ein Thema Jesu, für das sich der Evangelist Lukas besonders interessiert hat und das seither im Christentum nicht mehr verstummt ist.[10] Und es ist gut, daß wir uns in jeder Vesper daran erinnern lassen.

Geschichtlich konkret sind nur die im Magnifikat zuerst und zuletzt genannten Gottestaten: das Große, das Gott an seiner niedrigen Magd getan hat, und die Erwählung Israels, die mit der Berufung Abrahams beginnt. Maria beginnt zwar, wie natürlich, mit dem, was an ihr selbst geschehen ist, und erwähnt erst am Ende ihres Liedes den Namen, mit dem die Verheißung Gottes an Israel seinen Anfang nimmt. Sie dreht also den realen Verlauf der Geschichte um, aber das kann man als eine Art Hysteron proteron betrachten, eine rhetorische Figur, in der man das zeitlich Spätere zuerst nennt. Der innere Zusammenhang dieser beiden Ereignisse ist zwar nicht explizit gemacht, doch die Entsprechung von Gottes Blick auf seine niedrige Magd und der Annahme seines Knechtes Israel sagt genug: „Was mit Abraham begonnen hat, vollendet sich in Maria und ihrem Kind. Gottes Handeln an Israel und Gottes Handeln an Maria sind fest miteinander verknüpft.“[11] Damit ist die Heilsgeschichte an ihr Ziel gelangt. Seither ist Christus die Hauptperson der Geschichte, jedenfalls aus christlicher Sicht.

Das geschichtliche Denken ist eine Besonderheit Israels. Es konzipiert die Geschichte als einen von Gottes Willen und Plan bestimmten Prozeß, in dem sogar gewisse Gesetzmäßigkeiten erkennbar sind.[12] Es ist in unserem Zusammenhang bemerkenswert, daß diese Geschichts­konzeption auch in Hymnen begegnet. In mehreren Psalmen findet man erzählende oder einfach konstatierende Geschichtsüberblicke, die im Präteritum gegeben werden.[13] In dieser Tradition steht auch das Magnifikat. Diese Geschichtskonzeption ist wesentlich für die Missionspredigten der Apostelgeschichte. Das Christentum hat sie beibehalten und kann sie nur aufgeben, wenn es sich selbst aufgibt. Mir scheint, daß Edith Stein ganz recht hatte, wenn sie – noch als Assistentin Husserls im Jahr 1918 –bemerkt: „Übrigens rücken Religion und Geschichte für mich immer näher zusammen, und es will mir scheinen, daß die mittelalterlichen Chronisten, die die Weltgeschichte zwischen Sündenfall und Weltgericht einspannten, kundiger waren als die modernen Specia­listen, denen über wissenschaftlich einwandfrei festgestellten Tatsachen der Sinn für Geschichte abhanden gekommen ist.“[14]

 

2. Gotteslob und Demut

 

Ein gründlicher Blick in die Geschichte macht demütig. Die Maria des Magnifikats hat einen solchen Blick getan und gilt der gesamten christlichen Tradition als Muster der Demut, ja als die Demütigste der Demütigen. Aber heute tun wir uns mit dieser Tugend schwer, sehr schwer. In meiner Jugend und Studienzeit hat man die Demut schlecht gemacht und regelrecht gegen sie gepredigt. Man verband Demut mit Unterwürfigkeit, Selbsterniedrigung, Servilität, Kriecherei und Duckmäuserei und sprach von einer „alten Verdemüti­gungs­­ideo­lo­gie“.[15] Die Demut, so sagte man, läßt sich alles gefallen und führt nur zu innerer Verkrümmung und Unfreiheit, ein Christ aber müsse den aufrechten Gang üben und jeder Ungerechtigkeit widerstehen. Das alles zeugt nur von einem falschen Verständnis von Demut, aber die jahrzehntelange Verleumdungskampagne hat dazu geführt, daß diese grundlegende christliche Tugend sogar im Katechismus der Katholischen Kirche keinen Ort mehr hat. Im Zusammenhang mit dem Neid heißt es dort lediglich: „Neid entspringt oft dem Stolz; der Getaufte bemüht sich, in Demut zu leben.“[16] Das ist buchstäblich alles, was man in diesem Katechismus dazu erfährt. In dem von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenen Erwachsenenkatechismus fehlt das Stichwort ganz. Die weitgehende Abwesenheit dieser Tugend in unserer Kirche ist überall spürbar und erklärt meiner Ansicht nach einen großen Teil der Übel, unter denen wir alle miteinander leiden. Deshalb will ich mich hier ein wenig damit befassen.

Die Tugend der Demut war der gesamten vorchristlichen Welt fremd.[17] Sie kannte zwar das Ideal der Schlichtheit, Zurückhaltung und Bescheidenheit, aber für das, was wir Demut nennen, hatte sie nicht einmal ein Wort.[18] Das griechische Wort, das in der christlichen Tradition die Bedeutung Demut annahm, war ταπεινοφροσύνη. Dieses Wort hätte man im klassischen Griechisch übersetzt mit „gemeine, niedrige Gesinnung“, wie sie für Sklaven und Ganoven als typisch galt. Denn das Wort ταπεινός bedeutet in Bezug auf die Gesinnung oder Ethik „niedrig, gemein“, in Bezug auf Sachen „klein, armselig, heruntergekommen und unansehnlich“. Es wird fast immer im negativen, abschätzigen Sinn gebraucht. Nur in einer Reihe von späten Schriften des Alten Testaments, im Frühjudentum und bei den Rabbinen findet man einen positiven Begriff von Niedrigkeit im Gegensatz zu Hochmut und Überheblichkeit.[19] Im übrigen basiert das gesamte vor­christliche Ethos auf Ehrgeiz und dem Streben nach gesellschaft­lichem Ansehen. Dafür waren norma­ler­weise ein möglichst großer Reichtum und Besitz nötig. Man will geehrt und gefeiert sein und nach Möglichkeit Ruhm erlangen, der über den Tod hinaus bleibt. Selbst der Ruhm eines Ver­brechers erschien manchen noch besser als ganz vergessen zu werden.[20] Deswegen war der Kern des vorchristlichen Ethos die Tugend des Stolzes. Hochmut galt als positive Haltung, solange er in einem gewissen Rahmen blieb und nicht zu Überheblichkeit und Hybris wurde. Hoch­gesinnt­heit gepaart mit Zurück­haltung und Schlichtheit: Das schätzten die Griechen ebenso wie die Römer, nicht weniger aber auch die Juden. Ein armer, bescheidener Philosoph wie Sokrates dagegen, der lieber Unrecht leiden als Unrecht tun wollte und dem es nur um geistige Reichtümer ging, war in der Antike eine große Ausnahmegestalt.

In dieser Hinsicht wie in so mancher anderer bedeutete das Auftreten und das Evangelium Jesu eine Revolution.[21] Er brachte wirklich die Umkehrung der Werte. Warum sollte er, der doch ohne Sünde war, sich der Taufe Johannes des Täufers unterziehen, die eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden war (Mk 1,4), – wenn nicht aus Demut? Im Heilands­­­ruf nennt er sich selbst sanftmütig und demütig von Herzen (Mt 11,29). Am Beispiel vom Pharisäer und Zöllner im Tempel stellt er die Haltung des demütigen Sünders der Haltung der Selbstgerechtigkeit gegenüber (Lk 18,9–14). Das Gleichnis schließt mit der bekannten Sentenz: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“[22] Auch das Wort über die Art und Weise, wie man es im Jüngerkreis zu etwas bringt und die erste Stelle einnimmt, erläutert Jesus durch das eigene Beispiel: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld zu geben für viele“ (Mk 10,45). Er erklärt ausdrücklich, daß es im Jüngerkreis nicht so zugeht, wie üblicherweise in Staat und Gesellschaft. Dabei sagt er, zumindest nach Markus, nicht etwa: „So soll es in meiner Kirche nicht sein!“, sondern hart und kompromißlos: „So ist es bei euch nicht“ (Mk 10,43). Sollte es hier doch so sein, ist es eben nicht seine Kirche. Solche Gedanken erinnern doch sehr an die auseinandergetriebenen Hochmütigen und die Erhöhung der Niedrigen im Magnifikat.

Was Demut gegenüber den Mitmenschen ist, zeigt Jesus in der Fußwaschung beim letzten Abend­mahl, die ausdrücklich als nachzuahmendes Beispiel bezeichnet wird (Joh 13,15). Am Kreuz wird seine Demut überdeutlich, als er von Spöttern aufgefordert wird, sich selbst zu retten und vom Kreuz herabzusteigen (Mk 15,29–32). Er hätte es können, aber er tat es nicht. Das ist vielleicht seine größte Tat. Bei seiner Wiederkunft am Jüngsten Tag wird der Herr nach einem Wort bei Lukas seine Bediensteten, die ihn treu und beharrlich erwartet haben, zu Tisch bitten und persönlich bedienen (Lk 12,37).

Auch für Paulus ist Christus das große Vorbild der Demut. Die Philipper fordert er auf: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...“. Zur Begründung und Erläuterung führt er in hymnischen Worten Christus selbst an, der von sich aus auf seine göttlichen Vorrechte verzichtet hat und eben darum über alle erhöht wurde (Phil 2,3–11). Diese Haltung empfielt er auch den Römern: „Seid eines Sinnes untereinander; strebt nicht nach den hohen Dingen, sondern laßt euch von den niedrigen einnehmen; haltet euch nicht selbst für klug und weise“ (12,16). Und im 1. Petrusbrief lesen wir: „Ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut, denn Gott tritt Stolzen entgegen, Demütigen aber schenkt er seine Gnade.“[23] Die frühchristliche Tradition mag das Motiv noch eigens betont haben, aber erfunden hat sie es sicher nicht, denn es widerspricht dem antiken Ethos allzu radikal. Übrigens wird in der christlichen Tradition auch Mose als Vorbild der Demut begriffen, weil es in der Septuaginta von ihm heißt, er sei sanftmütiger gewesen als alle anderen Menschen auf Erden.[24]

Demut hat nach den zitierten Beispielen tatsächlich etwas mit Selbsterniedrigung zu tun, ja sie besteht schon vom griechischen Wort her in freiwilliger oder bewußt gewählter Niedrigkeit. Der Demütige läßt sich wirklich vieles gefallen, was andere sich nie bieten lassen würden. Aber das geschieht nicht aus Schwäche oder Unterwürfigkeit, sondern aus innerer Überlegenheit. Der Demütige hat manches einfach nicht nötig. Er muß nicht immer protestieren, wenn er zurückgesetzt oder ungerecht behandelt wird. Er kann vieles mit einem stillschweigenden Lächeln abtun. Und nur diese Haltung kann sozialen Frieden schaffen. Entscheidend ist die Freiwilligkeit. Andere demütigen ist natürlich immer falsch.

Um diese Umwertung der Werte richtig einzuschätzen, müssen wir uns zunächst klar machen, wogegen sich die Demut richtet. Ihr Widerpart ist der im Magnifikat so deutlich verurteilte Hochmut. Hochmut ist der gesamten christlichen Tradition zufolge der Ursprung und Wurzelgrund aller Sünden; das einzige Heilmittel dagegen und die Mutter aller Tugenden ist die Demut.[25] In Dantes „Göttlicher Komödie“ müssen die Hoch­mütigen, unter Lasten gebeugt, auf der ersten Stufe des Läuterungsberges sich ihren Stolz abgewöhnen, indem sie Reliefbilder mit Beispielen der Demut und des Hochmuts betrachten.[26] Hochmut und Stolz sind von einem Schwarm weiterer Untugenden umgeben. Dazu gehören falsche Empfindlichkeit, Überheblichkeit, Einbildung, Rechthaberei, Selbstgerechtigkeit, Selbstüberschätzung, Selbstgefälligkeit, Eitelkeit, Geltungsdrang und Arroganz. Der Stolze kann keinen Fehler zugeben und läßt sich nichts sagen, schon gar nicht von Untergebenen. Nur die Demut bringt den Menschen zur ehrlichen Selbsteinschätzung, zur Einsicht in Fehler, Beschränkt­heiten und Schwächen, zur Umgänglichkeit und zur Liebe gegen den Nächsten, und sei dieser Nächste sein Feind. Das zeigt schon eine ganz schlichte Beobachtung, die Thomas von Kempen in einer kleinen Schrift zum Lob der Demut macht: Zwei Demütige harmonieren gut miteinander, zwei Stolze streiten sich auch um belanglose Dinge (Duo humiles bene concordant, duo superbi pro vili etiam re conten­dunt).[27] Das ist Alltagserfahrung. Kein menschlicher Typus ist überall so unbeliebt wie der Überhebliche, der Selbstgerechte oder der Anmaßende, der verlangt, daß sich alles nach ihm richtet. Wenn zwei sich streiten, sei es in der hohen Politik, in gesellschaftlichen Gruppen, in Familien oder wo immer: was den Streit zum Äußersten, vor den Richter, ja zum Krieg kommen läßt, ihn immer neu anfacht und am Leben erhält, sind Hochmut und Stolz. Die Bildung von Nationalstaaten mit einem übertriebenen Selbstbewußtsein hat zu den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts geführt.

Was bedeutet das alles nun für das Magnifikat und die Demut der niedrigen Magd? Die kirchliche Tradition fand einen Anknüpfungspunkt für die Hochschätzung der Demut im Magnifikat. Sie beginnt mit dem ersten großen Schriftausleger der Kirche im 3. Jahrhundert, Origenes. Er schreibt in seiner Homilie zum Magnifikat: „Auf was für eine Niedrigkeit Marias hat denn der Herr geschaut? Was hatte die Mutter des Heilands an Niedrigem und Kleinem an sich, wo sie doch den Sohn Gottes in ihrem Schoß trug?“ Und er antwortet auf diese Frage: „Damit will Maria sagen: Gott hat auf mich niedrige geschaut, weil ich nach der Tugend der Sanftmut und Selbsterniedrigung strebe.“[28] Diese Auslegung des Origenes wird auch in der Catena aurea des Thomas von Aquin zitiert.[29] Origenes deutete die Niedrigkeit der Magd im Magnifikat demnach als die innere Haltung der Demut, die Maria erstrebt. Dabei hat er offensichtlich noch kein geläufiges Wort für diese Haltung; er umschreibt sie mit „Sanftmut und Selbsterniedrigung“. Und als Beleg dafür, daß diese Haltung eine Tugend ist, verweist er auf das schon zitierte Wort Jesu, eines seiner schönsten und bis heute beliebtesten Worte: „Kommt alle zu mir, ihr Mühseligen und Beladenen, ich will euch erquicken! Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist milde und meine Last ist leicht“ (Mt 11,28–30). Dieses Wort nennt man in der Tradition der Lutherbibel sehr schön den Heilandsruf. Hier bezeichnet Jesus sich selbst als „sanftmütig“ – die Einheitsübersetzung schreibt leider „gütig“ – und „demütig von Herzen“. Die Übersetzung mit „demütig“ ist eigentlich schon eine Verdeutlichung, denn genau genommen heißt es einfach „niedrig von Herzen“. Durch den Zusatz „von Herzen“ wird deutlich, daß mit dieser „niedrigen Gesinnung“ eine innere Haltung gemeint ist, und zwar eine positive Haltung, deren Vorbild Jesus selbst sein möchte. Das bedeutet eine grundlegende Umwertung des ganzen antiken Wertesystems. Um sie begrifflich auszudrücken, mußte der griechische Begriff des „Niedrigen, Gemeinen“ umgepolt und positiv als Demut verstanden werden.

Maria zeigte ihre Demut schon in ihrer Antwort auf die Botschaft des Engels: „Siehe, ich bin die Magd [wörtlich: die Sklavin] des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38). In dieser Antwort äußert sich nach Ambrosius die Demut Marias, und er meint: „Sie, die den Sanftmütigen und Demütigen gebären sollte, mußte auch selbst Demut zeigen.“[30] Er bezieht sich also wie Origenes auf die Selbstaussage Jesu im Heilandsruf. Und Beda Venerabilis meint: „Wie durch den Hochmut unserer ersten Mutter der Tod in die Welt eintrat, so wurde durch die Demut Marias dem Leben der Zugang aufs Neue eröffnet. Das war ganz passend.“[31] Und deshalb ist es wiederum ganz passend eine Darstellung der Verkündigungsszene, die auf Dantes Läuterungsberg den Hochmütigen als erstes Bild zur Betrachtung aufgegeben ist.[32]

Daß Maria im Magnifikat von sich als demütiger Magd spricht, blieb die ungebrochene Tradition der Kirche bis zum Jahr 1516, als Erasmus von Rotterdam seine Ausgabe des Neuen Testaments veröffentlichte. In einer Anmerkung weist er erstmals darauf hin, daß das das Wort ταπείνωσις das sozial Schwache meine und nicht eine Tugend der Seele.[33] Darin hat Erasmus, rein philologisch betrachtet, zunächst einmal recht, und das ist auch der Grund, warum die Übersetzungen seither mit seltenen Ausnahmen bei der „Niedrigkeit“ bleiben. Auf diese Beobachtung stützt sich auch Martin Luther in seiner berühmten Auslegung des Magnifikat, aus der ich schon zitiert habe.[34] Seiner Ansicht nach geht es in der Aussage von der Niedrigkeit seiner Magd, die Gott angesehen hat, um den verachteten, niedrigen Stand Marias, nicht um ihre Demut. Dabei hat Luther gar nichts gegen die Demut, im Gegenteil, er hält sie für eine grundlegende Tugend.[35] Und Maria war seiner Ansicht nach von so großer Demut, daß ihr diese gar nicht bewußt war. Es sei doch unmöglich, daß Maria sich ihrer Demut rühme. Dann ist es allerdings auch unmöglich, daß sich Jesus seiner Demut rühmt in dem zitierten Heilands­ruf, den Luther in diesem Zusammenhang merkwürdigerweise gar nicht erwähnt.

Nun ist es natürlich offenkundig, daß es sich in beiden Fällen, sowohl bei Maria als auch bei Jesus, nicht um ein Angeben mit der Demut handelt. Aber Luther geht es um etwas anderes. Er möchte einfach nicht, daß der Mensch sich irgendein Gut als selbsterworben einbildet, da jedes Gut und jede Tugend ganz und gar ein Geschenk Gottes sei. Alles Gute, was wir an uns haben, haben wir allein aus Gnade. Das ist ja ganz richtig, aber Luther übertreibt die Unfähigkeit des Menschen, in irgendeiner Weise der Gnade Gottes entgegenzukommen. Diese Neigung zum Übertreiben, die sich immer wieder bei ihm zeigt, ist vielleicht sein größter Fehler. Der Mensch muß sich der Gnade Gottes doch mindestens öffnen, sonst kann sie nicht an ihm wirken. Wer die Haltung der Demut gar nicht anstrebt und immer wieder von Gott erbittet, der wird sie nie erlangen. Nun weiß Luther durchaus, daß „nicht die Dinge, sondern wir verwandelt werden müssen in Gemüt und Sinn“ und daß wir wie Maria „hohe Dinge verachten und fliehen und niedrige achten und suchen“ sollen.[36] Aber das zu bewerkstelligen müssen wir seiner Ansicht nach Gott ganz allein überlassen.

Müssen wir also den Gedanken an die Demut Marias im Magnifikat fallen lassen? Da kommt einem doch wenigstens ein Einwand: Ist es nicht auffällig, daß der Gegentypus zu den Demütigen, die Stolzen und Überheblichen, in diesem Lied mit so scharfen Worten verurteilt wird? Müssen wir das Wort Marias, das sich tatsächlich auf ihre soziale Niedrigkeit bezieht, nicht doch als Äußerung ihrer Demut als „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) verstehen? Viele Exegeten haben es getan, und wie mir scheint, mit Recht.[37] Maria selbst spricht zwar nur von ihrer Niedrigkeit, aber wir sehen eben darin einen Ausdruck ihrer Demut.

Hätte sie ohne diese Demut all das hingenommen, was ihr der eigene Sohn später zumutete? Immer wieder beobachten wir eine für uns befremdliche Schroffheit Jesu ihr gegenüber, die sie vor Ostern unmöglich verstehen konnte. „Kind, wie konntest du uns das antun?“ fragt Maria den Zwölfjährigen nach dreitägiger Suche. Und seine Antwort: „Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr denn nicht...?“ (Lk 2,48f) Als sie ihn Jahre später zusammen mit seinen Brüdern nach Hause holen will und rufen läßt, anwortet er: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ (Mk 3,33) Das konnte man damals nur als Affront auffassen. Als bei einer seiner Predigten eine Frau ihm zuruft: „Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat!“, reagiert Jesus wieder ganz ähnlich: „Selig vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11,27f). Und in Kana antwortet er auf ihre sanfte Anregung: „Was willst du von mir, Frau?“ (Joh 2,4) Nur große Demut konnte solche Schroff­heiten hinnehmen und geduldig warten, bis sich alle Rätsel lösten.

Vielleicht darf man in diesem Zusammenhang auch fragen: Ist es denn wirklich nur die Niedrigkeit dieser Jungfrau, ihre niedrige soziale Stellung als Verlobte eines armen Zimmermanns, die Gott dazu gebracht hat, sie zur Mutter seines Sohnes zu erwählen? Da hätte Gott doch wohl noch viele brave, arme Mädchen zur Auswahl gehabt. An Maria mußte noch etwas ganz Besonderes sein, daß Gott gerade sie erwählte. Und das war eben doch ihre vollkommene Demut. Allein dieser Demut konnte Gott sich anvertrauen. Und so darf ich zum Schluß den syrischen Dichter und Bischof Jakob von Sarug (oder Batnä) zitieren, der 521 n.Chr. gestorben ist:

 

„In Furcht und Staunen will ich von Maria reden, zu welch großer Würde diese Tochter der Erde aufgestiegen ist. Es ist klar, daß Gott aus Gnade zur Erde herabgestiegen ist. Maria aber durfte ihn aufnehmen, weil sie ganz besonders rein war. Er sah ihre Demut, ihre Sanftmut und Reinheit an, und er wohnte in ihr. Denn er weilt gern unter den Demütigen. Er sah, daß sie unter allen Menschen die Demütigste war; und deshalb wohnte er in ihr. Sie sagt es ja selbst, daß er auf ihre Niedrigkeit geschaut und in ihr gewohnt hat. Weil Gott an ihr Wohlgefallen fand, soll sie gepriesen sein. Die Demut ist der Gipfel der Vollkommenheit. Denn je größer die Nähe ist, aus der ein Mensch Gott schaut, desto mehr kommt er sich gering und klein vor. Durch die Demut haben die Heiligen aller Zeiten Wohlgefallen bei Gott gefunden, denn sie ist die gut befestigte Straße, auf der die Menschen zu Gott gelangen. Aber so tief wie Maria hat nie ein Mensch die Demut gekannt. Und deshalb ist klar, daß auch kein Mensch so hoch wie sie erhöht wurde.“[38]



[1] Vortrag bei der 25. Theologischen Sommerakademie in Augsburg am 15. September 2017.

[2] Vgl. G. Lohfink / L. Weimer, Maria – nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, Freiburg i.B. 2008, 256f. So auch schon J. Knabenbauer S.J., Evangelium secundum Lucam, Paris 1905, 90; Th. Zahn, Das Evangelium des Lukas, Leipzig-Erlangen 1920 (Nachdr. Wuppertal / Gießen 1988 mit einem Geleitwort von M. Hengel), 106.

[3] Vg. M. Luther, Das Newe Testament Deutzsch (Septembertestament 1522), Leipzig 2005, XLI.

[4] M. Luther, Das Magnifikat, verdeutscht und ausgelegt 1521, in: Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hg. von K. Bornkamm und G. Ebeling, 2. Bd., Frankfurt a.M. 1982, 115–205, hier 171.

[5] Beda, In Lucae evangelium expositio (CChr. SL 120, 38) (zu Lk 1,52f). Er ist, etwas ungenau, zitiert in der Catena aurea des Thomas von Aquin zu Lk 1,51 (in Lc I 20).

[6] Hdt. VIII 77.

[7] Vgl. auch LXX Spr 3,34: „Der Herr widersetzt sich den Überheblichen, den Demütigen (ταπεινοῖς) aber schenkt er seine Huld.“

[8] Xen. Hell. VI 4,23.

[9] G. Lohfink, Beten schenkt Heimat. Theologie und Praxis des christlichen Gebets, Freiburg i. B. 2010, 89. Vgl. ders., Das Magnifikat: Signal für eine Revolution, in: Ders., Gegen die Verharmlosung Jesu. Reden über Jesus und die Kirche, Freiburg i.B.2013, 415–422.

[10] Vgl. M. Reiser, Armut und Reichtum, in: Ders., Der unbequeme Jesus, Neukirchen-Vluyn 32013,115–136.

[11] G. Lohfink, Beten schenkt Heimat (Anm. 9) 93.

[12]&xnbsp; Die nächste Parallele zu dieser Geschichtskonzeption außerhalb Israels bietet Herodot und später etwa Vergil. Näheres bei: M. Reiser, Das christliche Geschichtsbild. Seine Herkunft und seine moderne Rezeption, in: Ders., Die Letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments, Aachen 2013, 179–199, hier 179–184.

[13] Vgl. Ps 78; 105; 106; 107; 135; 136.

[14] E. Stein, Brief vom 19.2.1918 an Roman Ingarden, in: Edith Steins Werke Bd. XIV: Briefe an Roman Ingarden 1917–1938. Einleitung von H.-B. Gerl, Anmerkungen von M.A. Neyer O.C.D., Freiburg i.B. 1991, 68. Näheres über diesen abhanden gekommenen Sinn für Geschichte in dem in Anm. 12 genannten Beitrag.

[15] Peter Eicher, Gottesfurcht und Menschenverachtung. Zur Kulturgeschichte der Demut, in: H. Von Stietencron (Hg.), Angst und Gewalt. Ihre Präsenz und ihre Bewältigung in den Religionen, Düsseldorf 1979, 111–136, hier 136. Dieser Beitrag ist keine Kulturgeschichte, sondern eine hinterhältige Verleumdung.

[16] Katechismus der Katholischen Kirche, München u.a. 1993, § 2540.

[17] A. Dihle, Art. Demut: RAC 3 (1957) 735–778, hier 737: „Die Demut als Tugend ist der gesamten antiken Ethik fremd.“

[18] Bemerkenswerte Ausführungen darüber – unmittelbar vor der berühmten Charakteristik des Gentleman, dessen Ethos eben auf Bescheidenheit basiert, nicht auf Demut – in: J.H. Newman, The Idea of a University VIII 9, dt. bei: E. Stein, Übersetzung von John Henry Newman, Die Idee der Universität (ESG 21), Freiburg i.B. 2004, 181–185.

[19] Vgl. Ps 131; Spr 3,34 (LXX!); 11,2; 16,19; Sir 3,17–20; 10,14; 13,20; 12,5; Jes 57,15; 66,2; Zef 2,3; 3,12; Sach 9,9. W. Grundmann, Art. ταπεινός etc.: ThWNT 8 (1969) 1–27, hier 9–15; THAT 2, 341–350, hier 345–350.

[20] Vgl. z.B. Hdt. VI 126–130, zitiert und kommentiert bei: M. Stahl, Gesellschaft und Staat bei den Griechen: Archaische Zeit, Paderborn u.a. 2003, 49–55. Er spricht von „negativer Aristie“ (ebd. 54).

[21] Vgl. M. Reiser, Ethik und Anthropologie in der Spruchweisheit Jesu: TThZ 126 (2017) 58–82. Zur Demut ebd. 74–78.

[22] Vgl. Lk 14,11; Mt 23,12.

[23] Die Begründung ist ein Zitat: LXX Spr 3,34.

[24] LXX Num 12,3. So auch Philo, Mos II 279. Auch in Sir 45,4 wird er als sanftmütig bezeichnet. Vgl. Th. Heither OSB, Biblische Gestalten bei den Kirchenvätern: Mose, Münster 2010, 209–215.

[25] Annie Kraus, Über den Hochmut, Frankfurt a.M. 1966.

[26] Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, 2. Teil, 10.–12. Gesang.

[27] Thomas von Kempen, De imitatione Christi. Nachfolge Christi und vier andere Schriften, München 1966, 36 (S. 500).

[28] Orig., h. in Lc 8,4f (Fontes Christiani 4/1, hg. und übersetzt von H.-J. Sieben SJ, 120–123). Ich habe kleine Verbesserungen an der Übersetzung vorgenommen.

[29] Thomas v.A., Catena aurea zu Lk 1,48 (I 16).

[30] Ambrosius, in Lc II 16 (zu Lk 1,38) (CSEL 32/4, 50). Auch zitiert in der Catena aurea des Thomas von Aquin, in Lc I 12.

[31] Beda, In Lucae evangelium expositio (CChr.SL 120) 37 (zu Lk 1,48): Decebat enim ut sicut per superbiam primae nostris parentis mors in mundum intravit ita denuo per humilitatem Mariae vitae introitus panderetur.

[32] Dante, Göttliche Komödie 10,28–45. Die Bilderserie mit Beispielen des Hochmuts zu Beginn des 12. Gesangs.

[33] Novum Instrumentum von 1516 zu Lk 1,48. Immerhin muß man darauf hinweisen, daß dieses Wort im Sprachgebrauch der griechischen Kirchenväter die Bedeutung Demut angenomme hat und in diesem Sinn oft gebraucht wird (vgl. Lampe, PGL s.v.). Im Kapitel über die Demut in der Scala Paradisi von Johannes Klimakos werden ταπεινο­φροσύνη und ταπείνωσις als austauschbare Begriffe gebraucht. Vgl. die Ausgabe von Pietro Trevisan Kapitel 25.

[34] Vgl. Martin Luther, Ausgewählte Schriften, hg. von K. Bornkamm und G. Ebeling, Frankfurt a.M. 1982, Bd. 2, 115–196, hier 137–152 zu Lk 1,48. Hier übersetzt Luther: „Denn er hat angesehen die Nichtigkeit seiner Magd.“

[35] Dabei ist er beeinflußt von Johannes Tauler. Vgl. D. Blum, Der katholische Luther: Begegnungen – Prägungen – Rezeptionen, Paderborn, 40–43 und Register s.v.

[36] M. Luther, Magnificat (Anm. 34) 142.

[37] So z.B. J. Maldonado, Commentarii in quatuor evangelistas, hg. von J.M. Raich, Mainz 1874, Bd. 2, 58f; H. Schürmann, Das Lukasevangelium. Erster Teil, Freiburg u.a. 31984, 73f; F. Jung, ΣΩΤΗΡ. Studien zur Rezeption eines hellenistischen Ehrentitels im Neuen Testament (NTA. NF 39), Münster 2002, 265–272. Weitere Vertreter bei J. Knabenbauer S.J., Evangelium secundum Lucam (Anm. 2) 86f. Vgl. auch die Zeugnisse bei A. Ziegenaus, Art. Demut Marias: Marienlexikon 2 (1989) 167–169.

[38] Zitiert nach: Kirchenväterauslegungen zum Lesejahr A, zusammengestellt für die Stundenliturgie der Abtei Mariendonk, zum 8. Dezember. Vgl. Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl nach Themen geordnet, hg. von A. Heilmann und H. Kraft, Bd. 2, München 1963, 252f.


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage

© Dr. Marius Reiser 2018 - All Rights Reserved -