Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Johannes der Täufer und der Kommende


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1. Der Prophet

Jesus hat Johannes den Täufer als den größten unter den Weibgeborenen bezeichnet und mehr als einen Propheten (Mt 11,9.11). Aus christlicher Sicht beschließt der Täufer die Zeit des Alten Bundes und bereitet den Neuen vor. Traditionell nennt man ihn gern den „Vorläufer“ Jesu, aber diese Bezeichnung trifft nur einen Teil seiner Berufung. Er war so bedeutend, daß auch der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus ihn erwähnt.[1] Der Zusammenhang ist folgender: Herodes Antipas, der Tetrach von Galiläa und Peräa, führt Krieg gegen den nabatäischen König Aretas. Beim ersten Zusammenstoß wird das gesamte Heer des Herodes aufgerieben.

 

Manche unter den Juden waren der Ansicht, Gott selbst habe das Heer des Herodes vernichtet, um ihn büßen zu lassen als Sühne für Johannes, den man „den Täufer“ nannte. Diesen hatte Herodes getötet, obwohl er ein edler Mann war, die Juden an­hielt, nach Tugend zu streben, untereinander Gerech­tigkeit zu üben und Gott gegenüber in Frömmigkeit zu leben. So vorberei­tet sollten sie sich der Taufe unterziehen, denn nur so sei diese Gott wohlgefällig. Die Taufe solle man nicht auf sich nehmen, um Vergebung für irgendwelche Sünden zu erlangen, son­dern zur Heiligung des Leibes; für die Reinigung der Seele ge­nüge ja die Übung der Gerechtigkeit. Die Menge strömte ihm zu und lauschte be­geistert seinen Worten. Herodes aber fürchtete, dieser Einfluß auf die Menschen könnte zum Aufstand führen, sah es doch so aus, als ob sie in allem seinem Rat folgten. Um also möglichen Umsturzplänen von seiner Seite zuvorzukommen, hielt Herodes es für besser, ihn aus dem Weg zu räumen, als zu bereuen, wenn es zu spät sei. Auf den Verdacht des Herodes hin legte man also Johannes in Fesseln und schickte ihn nach Machärus, die oben erwähnte Festung. Dort wurde er getötet. Die Juden aber waren überzeugt, der Untergang des Heeres sei die Vergeltung für Johannes, mit der Gott Herodes strafen wollte.

 

Das hier gezeichnete Bild des Täufers ist ziemlich blass und farblos. Man hat den Eindruck, daß er das christliche Bild des Täufers kennt und alles vermeiden will, was dafür kennzeichnend ist. Josephus präsentiert den Täufer seiner heidnischen Leserschaft als frommen Tugendprediger, als eine Art jüdischen Sokrates. In einem wesentlichen Punkt verfälscht er sogar sein Bild ganz bewußt, indem er behauptet, die Taufe habe der Täufer nicht etwa zur Vergebung irgendwelcher Sünden gespendet, sondern lediglich zur Heiligung des Leibes. Da merkt man ganz deutlich, wie er gegen die christliche Überlieferung schreibt. Den Asketen im Kamelhaarmantel, der von Heuschrecken und wildem Honig lebt, will er seinen Lesern nicht zumuten. Und was er ihnen schon gar nicht zumuten will, ist seine donnernde Gerichtspredigt. Damit fehlt diesem Porträt aber alles, was für den Täufer bezeichnend war und ihn zu einer geschichts­mächtigen Gestalt gemacht hat, an der auch Josephus nicht vorbeigehen konnte.

Aber seien wir ganz ehrlich: Sind wir so viel anders als die heidnische Leserschaft des Josephus? Wie schmeckt denn uns die Askese des Täufers, seine kompromißlose Gerichtspredigt, seine Forderung der Umkehr zur Vergebung der Sünden? Denn daß seine Taufe etwas mit Sünden zu tun hatte, beweist schon die Tatsache, daß Josephus diesen Zusammenhang völlig unmotiviert bestreitet. Wer damals vom Täufer hörte, dachte eben automatisch an seine Sünden, selbst Josephus. Das Wort „Sünde“ hört man in heutigen Predigten nur noch selten, die Pfarrer sitzen, wenn sie es überhaupt noch tun, einsam in den Beichtstühlen und man hat den Eindruck, daß sich die meisten Christen in Deutschland für Unschuldslämmer halten. Was der Täufer wohl dazu gesagt hätte?

Betrachten wir also das Bild des Johannes etwas näher, wie es in den Evangelien gezeichnet wird. Was an ihm war denn prophetisch? Johannes war nicht für den Schreibtisch geschaffen, er eignete sich nicht zum Schriftgelehrten, der sich mit kniffligen Problemen der Tora herumschlug; seine Bestimmung war es, „die Stimme des Rufers in der Wüste“ zu sein (Mk 1,3). Ein Prophet ist wesentlich ein mündlicher Botschafter Gottes. Als solcher trat Johannes in Betanien im öden, unwirtlichen Land westlich des Jordans auf (vgl. Joh 1,28). Dort mußte ihn das Volk aufsuchen, das ihn hören wollte, dort wirkte er als Rufer und Warner. Er lebte von dem, was ihm die Wüste bot: von Heuschrecken und wildem Honig. Heuschrecken standen vor allem bei Armen immer wieder auf dem Speisezettel, sie gelten aber bis heute auch als Leckerbissen. Daß der Täufer einen Fluß zur Taufe hat, aber trotzdem in der Wüste lebt, ist von den geographischen Gegebenheiten zu erklären. Josephus sagt sehr schön, daß der Jordan vom See Gennesaret bis zum Toten Meer „viel ödes, unwirtliches Land“ durchmißt.[2]

Was Johannes äußerlich als Propheten auswies, war seine Tracht, der Kamelhaarmantel mit dem Gürtel (Mk 1,6). Jeder Bibelkundige wußte damals, wessen Tracht das war: die des Propheten Elija. Elija wird in der Heiligen Schrift beschrieben als „ein Mann, der mit einem haarigen Mantel bekleidet ist und einen ledernen Gurt um die Hüften trägt“ (2 Kön 1,8). Nach dem Propheten Sacharja ist der Mantel aus Tierhaaren die Prophetentracht schlechthin (Sach 13,4). Der Täufer übernimmt also bewußt die Rolle des Propheten Elija. Wir kommen noch darauf zurück.

Zum Propheten gehören weiter Symbol- oder Zeichenhandlungen. Der Täufer beschränkte sich auf eine einzige, die ihm seinen Beinamen gab, eben das Taufen. Auch Josephus kennt diesen Beinamen. Mit seiner Taufe bezeugte der Täufling öffentlich, daß er sich von seinem bisherigen Leben abkehren und ein neues beginnen wolle. Der Taufakt war begleitet von einem Sündenbekenntnis. Die bekannten Sünden wurden gleichsam den Jordan hinab ins Tote Meer geschwemmt. Diese Taufe als wirksamer Akt der Sündenvergebung hat eindeutig sakramentalen Charakter. Das sah man in Jerusalem zweifellos nicht gern. Denn nach offizieller Doktrin gab es im damaligen Judentum nur eine Möglichkeit, Sündenvergebung zu erlangen: durch entsprechende Opfer im Tempel von Jerusalem. Die Sadduzäer und Pharisäer, die nach Matthäus „zur Taufe“ kamen, möglicherweise aber auch nur, um alles in Augenschein zu nehmen, werden von Johannes hart angefahren und als „Schlangenbrut“ tituliert (Mt 3,7).

Ein Prophet scheut die Mächtigen nicht. Er tritt den religiösen Autoritäten ebenso entgegen wie den politischen und sagt ihnen die ungeschminkte Wahrheit, und zwar öffentlich. Auch dafür ist der Täufer ein klassisches Beispiel, und wir wollen ein wenig dabei verweilen, denn dieses Beispiel kann uns viel lehren. Herodes Antipas, der Tetrarch von Galiläa, war zunächst mit der Tochter des Nabatäerkönigs Aretas verheiratet, verstieß diese jedoch, um die Frau eines Halbbruders heiraten zu können, die berühmte Herodias. Dieses Verstoßen war der Anlaß für den Krieg mit Aretas, der Josephus den Anlaß für die eingangs zitierte Charakteristik des Täufers gab. Nun war das Verstoßen der Ehefrau nach jüdischem Recht kein Problem, aber die Heirat mit der Frau des Bruders fällt nach Lev 18,16 unter das Inzestverbot. Dieses sexuelle Vergehen machte ihm der Täufer öffentlich zum Vorwurf. Daraufhin ließ ihn Antipas verhaften. Er konnte sich aber offenbar nicht entschließen, ihn hinrichten zu lassen, wie es seine neue Frau wünschte. Dazu schreibt der Evangelist Markus: „Herodes nämlich fürchtete Johannes, da er ihn als einen gerechten und heiligen Mann kannte, und so hielt er ihn in Gewahrsam. Wenn er ihm zuhörte, geriet er in große Verlegenheit, und trotzdem hörte er ihm gerne zu“ (Mk 6,20). Diese Schilderung hat historisch sehr viel für sich und gehört meines Erachtens nicht zu den legendarischen Zügen der Geschichte, wie sie Markus erzählt. In ihr zeigt sich etwas von der Persönlichkeit des Täufers und ihrer Wirkung. Selbst ein skrupelloser Politiker wie Herodes Antipas ist ein religiöser Mensch und spürt etwas von der Größe unbedingter Wahrhaftigkeit und entschiedener Heiligkeit; er kann nicht anders als sie „fürchten“, d.h. ihr mit scheuer Achtung und Ehrfurcht begegnen. Aber nicht nur das; unbedingte Wahrhaftigkeit und entschiedene Heiligkeit wirken anziehend, selbst wenn sie unangenehm sind. Nur den gänzlich Abgestumpften und Abgebrühten läßt die Wahrheit völlig kalt. Zu diesen gänzlich Abgestumpften und Abgebrühten gehört Antipas nicht. Er besucht seinen Gefangenen ab und zu in seiner Zelle und unterhält sich mit ihm. Und bei diesen Unterhaltungen gerät er jedesmal in Verlegenheit, in einen Zwiespalt, in eine große Aporie, wie es im griechischen Text heißt. Er sieht ganz genau, daß sein Verhalten ein Verstoß gegen Gottes Willen ist, und kann es trotzdem nicht lassen. Und doch, fügt der Evangelist hinzu, „hörte er ihm gerne zu“. Es ist schön, von Gottes gutem Willen zu hören, von Heiligkeit und davon, wie ein gelungenes, glückliches Leben eigentlich aussehen müßte, selbst dann, wenn man sich nicht dazu entschließen kann, weil man auf ein scheinbares Glück und sinnliche Freuden nicht verzichten will. Das ist vom Evangelisten mit feinem psychologischem Gespür geschildert, und die Wahrheit dieser Schilderung kann jeder mit etwas Selbstbeobachtung nachvollziehen.

Wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Der Prophet mußte seinen Kopf doch lassen. Wir wissen nicht, ob die Umstände genauso oder so ähnlich waren, wie der Evangelist die Sache schildert, mit dem Tanz der Tochter, dem freigestellten Wunsch, der Nachfrage bei der gehässigen Mutter und dem Kopf auf der Servierplatte. Vielleicht ging es ja viel weniger märchenhaft, viel banaler zu, als vom Evangelisten dargestellt. Andererseits ist die exaltierte Begeisterung über eine weibliche Tänzerin als Anlaß für den Mord an einem geschätzten Menschen banal genug, und wie wir wissen, kommt Derartiges in der Wirklichkeit durchaus vor. Man könnte da eine lange Liste historischer Beispiele zusammenstellen. Josephus behauptet zwar, Antipas habe Johannes aus dem Weg geräumt, weil er einen politischen Umsturz von seiner Seite fürchtete. Aber das ist zweifellos eine Verfälschung der Tatsachen. Ein Mann wie Johannes der Täufer ruft nicht zum bewaffneten Aufstand auf. Von der Gesetzwidrigkeit der Ehe mit Herodias und dem entsprechenden Vorwurf des Täufers sagt Josephus kein Wort. Deshalb mußte er ein anderes Motiv erfinden. Josephus, der sonst ein ausgesprochen zuverlässiger Historiker ist, zeigt sich im Fall des Täufers von seiner schlechtesten Seite. Heiligen gegenüber tut sich ein Historiker, der für ein sensationslüsternes Publikum schreibt, sehr schwer. Das ist heute noch so.

Über den Fortgang der Geschichte wissen wir übrigens noch mehr, freilich nicht aus den Evangelien, sondern von Josephus. Die um der Herodias willen verstoßene Ehefrau, die Nabatäer­prinzessin, floh zu ihrem Vater, noch bevor ihr der Scheidebrief ausgehändigt wurde. Der Vater geriet in gerechten Zorn, rüstete ein Heer und zog gegen Antipas. Das Heer des Antipas wurde beim ersten Zusammenstoß vollständig aufgerieben. Josephus fügt hinzu: Manche unter den Juden deuteten diese Niederlage als Strafe Gottes für die Ermordung des Täufers. Es waren dann römische Legionen, die Antipas vor den Nabatäern retteten.[3] Eheangelegenheiten bei den Herrschenden können große Auswirkungen haben.

Aber auch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Die neue Ehefrau des Antipas erwies sich auch nicht als das große Glück. Sie war nicht nur rachsüchtig, sondern auch ehrgeizig und lag ihrem Mann ständig in den Ohren mit der Bitte, er solle sich doch in Rom um den Königstitel bewerben, den sein Vater vom römischen Senat erhalten hatte. Irgendwann war Antipas mürb und bewarb sich tatsächlich. Aber da war der Königstitel schon einem anderen versprochen, und Antipas fiel Intrigen zum Opfer. Im Jahr 39 n.Chr. wurde er vom Kaiser abgesetzt und nach Lugdunum (Lyon) in Gallien verbannt. Die Anstifterin zu dem Unheil hatte immerhin den Anstand, ihm ins Exil zu folgen.[4] Sünden lohnen sich meistens nicht.

2. Jesu Urteil über den Propheten

Die mündliche Botschaft im Auftrag Gottes, die Tracht und die asketische Lebensweise, die auffällige Symbolhandlung, der Konflikt mit den Mächtigen und der gewaltsame Tod: das alles sind typische Kennzeichen eines Propheten. Betrachten wir als nächstes das Urteil Jesu über ihn etwas näher. Es ist rhetorisch sorgfältig gestaltet in Form einer sich steigernden Triade. Jedes der drei Glieder ist mit einer immer gleichen rhetorischen Frage eingeleitet: „Was wolltet ihr sehen?“ Diese Frage wird in den beiden ersten Fällen versuchsweise beantwortet, mit eigentümlicher Ironie und wiederum in Form einer Frage. Erst die dritte Antwort, jetzt ohne Ironie wird zur gültigen Aussage.

Was wolltet ihr sehen, als ihr in die Wüste hinausgezogen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? Ja, was wolltet ihr sehen? Einen Menschen, der weiche Kleider trägt? Schaut doch, die Weichgekleideten sind in den Königshäusern! Ja, was wolltet ihr sehen? Einen Propheten? In der Tat, sage ich euch, und mehr als einen Propheten. Dieser ist es, über den geschrieben steht: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll“ (Mal 3,1). Amen, ich sage euch: Unter den Weibgeborenen ist kein größerer aufgestanden als Johannes der Täufer. Aber der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. (Mt 11,7–11)

Schilfrohr gab es am Jordan natürlich viel zu sehen. Aber Jesus redet von „einem Schilfrohr, das im Winde schwankt“. Schwankendes Schilfrohr und Wind – bei diesen Stichworten mußte einem antiken Hörer eine Äsopfabel einfallen, die auch die Rabbinen kannten, die berühmte Fabel von der Eiche und dem Schilfrohr. Sie lautet: „Eiche und Schilfrohr stritten sich, wer stärker sei. Als nun ein starker Wind aufkam, schwankte das Schilfrohr, und indem es sich seinem Blasen beugte, entging es der Entwurzelung. Die Eiche aber, die sich unbeugsam entgegenstellte, wurde mit dem Wurzelstock fortgerissen. Die Fabel zeigt, daß man mit den Mächtigen nicht streiten soll.“[5] Der Täufer hat mit den Mächtigen gestritten; er war eine aufrechte Eiche, kein schwankendes Schilfrohr, und hat schließlich auch das Schicksal der Eiche erlitten. Und mit seinem Kamelhaarmantel war er das genaue Gegenteil derer, die weiche Kleider bevorzugen. Aber er war „mehr als ein Prophet“. Worin besteht dieses „Mehr“? Jesus sagt: Er ist der letzte der Propheten, jener, den der Prophet Maleachi als Wegbereiter für Gottes eigenes Kommen, seinen endgültigen Advent, vorhersagte.

3. Der Prophet des Kommenden[6]

Das Buch des Propheten Maleachi hatte für den Täufer offenbar eine ganz besondere Bedeutung. In diesem Buch fand er nämlich sich und seine Berufung wieder. Denn der Prophet, der den endgültigen Advent Gottes ankündigen sollte, war nach Maleachi kein anderer als der wiedergekommene Elija. Davon spricht der Schluß dieses Prophetenbuchs:

Bevor aber der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare, siehe, da sende ich zu euch den Propheten Elija. Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne wieder ihren Vätern. Sonst muß ich kommen und das Land dem Untergang weihen. (Mal 3,23f)

Als dieser eschatologische Vorläufer Gottes wird Johannes in der Kindheitsgeschichte des Lukas geschildert. Dort kündigt der Engel Gabriel dem Priester Zacharias die Geburt eines Sohnes an, von dem er sagt:

Er wird groß sein vor dem Herrn; weder Wein noch starkes Getränk wird er trinken und schon von Mutterleib an wird er mit Heiligem Geist erfüllt werden. Er wird viele der Söhne Israels zum Herrn ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm [d.h. vor Gott!] hergehen im Geist und in der Kraft des Elija, um die Herzen der Väter den Kindern zuzukehren und die Ungehorsamen zur Gesinnung der Gerechten, um dem Herrn ein wohlgerüstetes Volk zu bereiten. (Lk 1,15–17)

Auch im Benedictus finden wir diesen Bezug auf den Propheten Maleachi und die Identifikation des Täufers mit dem wiederkehrenden Elija:

Und du, Kind, wirst Prophet des Höchsten genannt werden,
denn du wirst dem Herrn vorangehen, um seine Wege zu bereiten. (Lk 1,76)

Wieder ist mit dem „Herrn“, dessen Advent der Täufer vorbereiten soll, zunächst einmal Gott selbst gemeint. Mir scheint es sicher, daß dies auch das Selbstverständnis des Täufers war. Er war überzeugt, daß ihm von Gott die endzeitliche Rolle des Propheten Elija zugedacht war, wie sie vom Propheten Maleachi skizziert wird. Das beweist schon seine Tracht, die ganz klar auf Elija verweist.

Umso verwirrender ist es, daß der Täufer im Johannesevangelium auf die Frage, ob er Elija sei, mit einem glatten Nein antwortet (Joh 1,21). Wie sollen wir das erklären? Die modernen Kommentare haben keine Antwort und bemühen sich auch nicht groß um eine solche. Die Väter sagen meistens: Der Täufer wollte nur sagen: Ich bin nicht der wiedergekommene Elija selbst, sondern übe nur sein Amt aus. Aber das kommt mir etwas spitzfindig vor. Mir scheint, wir finden die Antwort eher, wenn wir auf den Charakter des Interviews achten, von dem hier erzählt wird. Es ist nämlich gar kein richtiges Interview, sondern eher so etwas wie ein Verhör durch eine Kommision, eine Priester und Leviten, die von der Jerusalemer Tempelaristokratie geschickt ist. Die Fragesteller wollen nicht die Wahrheit erfahren, sondern suchen nach einem Aufhänger für den Strick, den sie ihm drehen wollen, ähnlich wie jene Kommission, die Jesus später die Steuerfrage stellt. Die ersten drei Fragen sind einfach Schublädchen, die sie aufziehen, um den Täufer hineinzustecken. Das erste Schublädchen: „Bist du der Messias?“ Das zweite: „Elija?“ Das dritte: „Der endzeitliche Prophet?“ Der Täufer beantwortet alle Fragen mit Nein, weil er das hinterhältige Spiel durchschaut. Nachdem die Schublädchen alle gezogen sind, stellt die Kommission endlich eine vernünftige Frage: „Was sagst du denn über dich selbst?“ Da antwortet der Täufer, wie wir es erwarten: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn!“ (Joh 1,23) Wieder ist mit dem „Herrn“ Gott gemeint.

Nun nennt der Täufer den, dessen Kommen er ankündigt, nie direkt „Gott“ oder „Herr“, er gebraucht vielmehr Umschreibungen und Gleichnisse, um von ihm zu reden. Da ist zunächst das Gleichnis von der Axt an der Wurzel der Bäume (Mt 3,10). In diesem Gleichnis wird das Volk Israel als eine Obstbaumplantage vorgestellt. In einer solchen Plantage werden die Bäume, die nicht tragen, ausgehauen und als Brennholz verwendet. Und nun erklärt der Täufer seiner Zuhörerschaft: Die Axt für die letzte Fällaktion ist bereits angelegt an der Wurzel der Bäume, im nächsten Augenblick wird der Fäller ausholen und zuschlagen. So will er deutlich machen, wie dringend die Umkehr ist für alle, die keine Frucht in ihrem Leben bringen, die vor Gott bestehen kann. Eigentlich ist gar keine Zeit mehr dafür, die Umkehr muß sofort erfolgen. Am besten, sie machen sich alle gleich an eine Gewissenserforschung und dann bereit zur Taufe.

Nicht weniger plastisch ist das Gleichnis vom Worfler, der die Worfschaufel schon in der Hand hat (Mt 3,12). Auch hier finden wir wieder das Moment der Dringlichkeit: Der Bauer hat die Worfschaufel schon in der Hand wie der Holzfäller die Axt! Geworfelt wird auf der Tenne. Dort liegt der Ausdrusch bereit, das geschnittene und gedroschene Getreide, ein Gemengsel aus Getreidekörnern, groben Strohteilen und kleinen Strohteilen, die man Spreu nennt. Der Bauer wartet, bis ein nicht zu starker, gleichmäßiger Wind weht. Dann nimmt er die Wurfschaufel oder Wurfgabel und wirft damit den Ausdrusch gegen den Wind. Die schweren Körner fallen gleich wieder zu Boden, die groben Strohteile fliegen ein Stück weit und fallen dann ebenfalls zu Boden, die leichte Spreu wird vom Wind davongetragen. So wird das Korn von den Strohteilen getrennt. Es ist aber klar, daß das, was verbrannt werden kann, nicht die Spreu ist, wie in unseren Übersetzungen fälschlich steht, sondern die gröberen Strohteile, was man heute Häcksel nennt. Das ist ein Gleichnis über das Jüngste Gericht und das Schicksal, bei dem die Guten von den Unbrauchbaren getrennt werden. Zum Jüngsten Gericht gehört immer eine Scheidung. Im ersten Gleichnis war es die Scheidung zwischen frucht­baren und unfruchtbaren Obstbäumen, hier zwischen Korn und Strohteilen. Daß es in diesem Gleichnis wirklich um das Jüngste Gericht geht, sieht man schon an dem Motiv des „unauslöschlichen Feuers“, in das die Unbrauchbaren geworfen werden. Unauslösch­lich ist nur das ewige Feuer, oder sagen wir es deutlich: das Höllenfeuer. Die Tenne oder genauer: der auf ihr ausgebreitete Ausdrusch, das Gemengsel vor dem Worfeln, ist ein Bild für das Volk Israel, das beim Jüngsten Gericht „durchgereinigt“ wird, wie der Ausdrusch auf der Tenne. Die Guten kommen in den Speicher, der hier ein Bild für das ewige Heil ist, die Bösen in das Feuer, das für das ewige Unheil steht. Der worfelnde Bauer ist das Bild für den Richter beim Jüngsten Gericht, im vorigen Gleichnis war er als Holzfäller dargestellt. Der Richter beim Jüngsten Gericht ist normalerweise Gott selbst.

Vor dem Gleichnis vom Worfler steht noch ein anderes Gleichnis, in dem der Täufer sich mit einem anderen Täufer vergleicht, der nach ihm kommen soll. Er erklärt, daß er diesem Täufer gegenüber eine ganz untergeordnete Stellung hat. Der nach ihm kommende Täufer, so drückt er sich aus, ist „stärker als ich, ja ich bin es nicht wert, ihm auch nur die Sandalen nachzutragen“ (Mt 3,11). In einer anderen Version dieses Wortes ist vom Lösen der Sandalenriemen die Rede (Mk 1,7; Joh 1,27). Das war der niedrigste Sklavendienst, den man in einem reichen Haushalt der Antike kannte. Die reichen Hausherren hatten für die Füße einen eigenen Sklaven, der nichts anderes zu tun hatte, als die Sandalen zu bringen, zu binden und wieder abzunehmen und aufzuräumen. Nicht einmal dazu fühlt sich der Täufer dem Kommenden gegenüber gut genug. Hier zeigt sich die große Demut des Täufers. Und er vergleicht seine Taufe mit der des Kommenden: „Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr, er aber wird euch mit heiligem Geist und Feuer taufen.“ Es ist deutlich, daß der Täufer seine Taufe mit Wasser als Vorbereitung für die feurige Taufe des Kommenden versteht. Irgendwie soll seine Taufe vor der des Kommenden schützen wie Wasser gegen Feuer. Insofern hat die von ihm gespendete Taufe zweifellos den Charakter eines Sakraments, eines Zeichens, das bewirkt, was es bezeichnet. Bei Markus ist zur Charakterisierung der Taufe des Kommenden nur vom Heiligen Geist die Rede (Mk 1,8). Da ist der Gegensatz also Wassertaufe und Heiliggeisttaufe. Die Taufe mit Heiligem Geist ist zweifellos ein Hinweis auf das Pfingstgeschehen.

Als der Täufer schon im Gefängnis sitzt, läßt er bei Jesus anfragen: „Bist du der Kommende oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mt 11,2f) Jesus antwortet, indem er ihn auf seine Wunder und das Evangelium für die Armen verweist. Man sieht in der Frage des Täufers heute meistens einen Zweifel angedeutet. Aber wenn er auch nur einen leisen Zweifel daran gehabt hätte, daß Jesus der Erwartete war, warum fragt er dann Jesus selbst? Die Anfrage hatte vielleicht einen ganz anderen Sinn: Der Täufer wollte, daß Jesus sich offenbart, indem er klar und eindeutig sagt, wer er ist. Aber das ist es nun einmal, was Jesus nicht tun will. Er will, daß die Leute aus seinem Reden und Tun erkennen, wer er ist. Den Dämonen, die sein Wesen erkennen, verbietet er das Wort. Auch die drei, die bei der Verklärung anwesend waren, müssen schweigen, „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist“ (Mk 9,9). Jesus will so wenig in ein Schublädchen gesteckt werden, wie der Täufer selbst. Erst seit Ostern kann von seiner Identität mit Gott selbst offen geredet werden.

Die modernen Exegeten haben immer wieder gerätselt, warum sich der Täufer im Hinblick auf den kommenden Richter so merkwürdig ausdrückt, warum er ihn nicht einfach „Gott“ nennt oder einen eindeutigen Titel verwendet. Warum gebraucht er immer nur Umschreibungen wie „der Kommende“ oder „der nach mir Kommende“ oder Bilder wie das vom Holzfäller und vom Worfler? Viele moderne Exegeten sind der Meinung, damit könne nicht Gott selbst gemeint sein, sondern eher endzeitliche Richterfiguren wie der Messias oder der Menschsohn. Nun gibt es in den frühjüdischen Traditionen aber noch andere Figuren, die in der Endzeit als Richter fungieren, zum Beispiel der Erzengel Michael oder Melchisedek. Da hätte man also eine große Auswahl. Aber die Diskussion darüber erscheint mir müßig. Denn in jedem Fall ist klar, daß alle diese Richterfiguren nur stellvertretend für Gott selbst agieren. Der eigentliche Richter ist im Judentum und im Alten Testament immer Gott selbst. Und an vielen Stellen ist im Alten Testament davon die Rede, daß Gott zu diesem Gericht kommen wird. Deshalb wird der Tag des Gerichts bei den Propheten so oft als „Tag des Herrn“ bezeichnet. Beim Propheten Maleachi, der für das Selbstverständnis des Täufers so wichtig war, wird der Tag des Jüngsten Gerichts an einer Stelle als „Tag seines Kommens“ bezeichnet (Mal 3,2). Dieses Prophetenwort beginnt mit dem berühmten Satz, mit dem der Täufer im Markusevangelium eingeführt wird: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite“ (Mal 3,1). Der Text bei Maleachi fährt dann fort: „Und plötzlich kommt zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, den ihr herbeiwünscht, siehe, er kommt, spricht der Herr der Heerscharen. Wer aber kann den Tag seines Kommens ertragen, und wer wird bestehen bei seinem Erscheinen?“ Dreimal fällt in diesem Spruch das Stichwort „Kommen“, und es meint immer die endzeitliche Ankunft Gottes zum Gericht.

So deutet meines Erachtens schon die Rede vom Kommenden darauf hin, daß der Täufer niemand anders als Gott selbst zum Gericht erwartet. Man hat in der Exegese gegen diese Annahme immer wieder eingewendet, daß doch niemand von Gottes Sandalenriemen reden würde, das sei doch ganz unpassend und unangemessen, geradezu geschmacklos. Aber es ist ja klar, daß dies bildliche Rede ist, und genau diese bildliche Rede kommt schon in den Psalmen vor, die damals jeder Fromme auswendig kannte. In Ps 108,10 spricht Gott selbst: „Moab ist mein Waschbecken, auf Edom werde ich meine Sandale.“ (Die üblichen Übersetzungen lassen ihn einen „Schuh“ werfen.) Daran konnte der Täufer anknüpfen. Im übrigen könnte man ja auch behaupten, das Bild vom Holzfäller oder vom worfelnden Bauern für Gott sei ganz unangemessen. Aber man kann nicht behaupten, daß diese Bilder das Gemeinte nicht sehr passend und anschaulich zum Ausdruck brächten.

Wie wir schon gesehen haben, hat Jesus das Selbstverständnis des Täufers akzeptiert. Damit war freilich eine Folgerung unausweichlich gegeben: Wenn der Täufer der Wegbereiter für den endzeitlichen Advent Gottes war, dann mußte Jesus, und zwar der vorösterliche, historische Jesus, wenn er sich für den Angekündigten hielt, davon ausgehen, daß in ihm irgendwie Gott selbst auftrat. Die Christen haben es nie anders gesehen. Auch wir heute können das Selbstverständnis des Täufers akzeptieren, weil wir wissen, daß Jesus Gottes Sohn war. Und so verstehen wir auch das paradoxe Urteil Jesu, wenn er sagt: „Unter den Weib­geborenen ist kein größerer aufgestanden als Johannes der Täufer. Aber der Kleinste im Himmelreich ist größer als er“ (Mt 11,11) Eben weil der Täufer den Weg des Herrn bereitet hat, kann der Kleinste im Himmelreich größer sein als er.



[1] Jos. Ant. 18,116–119.

[2] Jos. Bell. 3,515.

[3] Vgl. Jos. Ant. 18,109–125.

[4] Vgl. Jos. Ant. 18,240–255.

[5] Fab. Aes. ed. Hausrath 71.

[6] Zum Folgenden vgl. M. Reiser, Die Gerichtspredigt Jesu. Eine Untersuchung zur eschatologischen Verkündigung Jesu und ihrem frühjüdischen Hintergrund (NTA. NF 23), Münster 1990, 153–175.


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