Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Die Gerechten und ihre Gerechtigkeit nach Matthäus


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Es gibt keine Gemeinschaft, die sich immer an dieselben Sitten und Gebräuche hält, und es gibt in dieser Hinsicht von Stadt zu Stadt große Unterschiede. Um das Gerechte jedoch bemühen sich alle Menschen in gleicher Weise, weil es den größten Nutzen bringt, Griechen wie Barbaren. Und das ist es, worum es in unseren Gesetzen vor allen Dingen geht. Deshalb machen sie uns, wenn wir sie getreulich einhalten, allen Menschen gegenüber wohlwollend und freundlich.[2]  

Das schreibt, nicht ohne Stolz, der große jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der ein Zeitgenosse der Evangelisten war. Die Sitten und Gebräuche der Völker und Städte mögen noch so verschieden sein, Recht und Gerechtigkeit wollen sie alle. Und das ist es, worum es im jüdischen Gesetzbuch, der Tora, vor allen Dingen geht. Wer sich an diese Weisungen getreulich hält, den machen sie allen Menschen gegenüber wohlwollend und freundlich. Aus dieser Überzeugung heraus wirbt Josephus bei seinem heidnischen Publikum unermüdlich für das Judentum.

      Wir wollen nun nicht fragen, ob die Tora wirklich das beste Gesetzbuch und der beste Erzieher zur Gerechtigkeit ist. Diese Frage wäre schwer zu beantworten. Nicht umsonst sagt Josephus ausdrücklich: Das gilt nur, wenn man sich getreulich daran hält. Wir wollen vielmehr fragen: Wer ist ein Gerechter und was zeichnet einen Gerechten aus? Worin besteht seine Gerechtigkeit? Was ist gerecht oder ungerecht? Unserem heutigen Verständnis nach ist gerecht zunächst einmal das, was recht und billig ist, was dem bestehenden Recht entspricht, was einem verdientermaßen zusteht, zum Beispiel der angemessene, gebührende Lohn, die angemessene, gebührende Behandlung. Gerecht ist, wer alle zufrieden stellt und unparteiisch zuteilt, was jedem zusteht. Diesem Begriff von Gerechtigkeit würde auch ein antiker Mensch, ob Jude oder Heide, zustimmen. Aber antike Menschen würden sagen: ‚Das ist allerdings ein etwas enger Begriff von Gerechtigkeit; zur Gerechtigkeit eines wahrhaft Gerechten gehört noch mehr.‘ Worin dieses „Mehr“ besteht, wollen wir im Folgenden genauer untersuchen. Wir wollen uns dazu den berühmtesten Gerechten der griechischen Tradition etwas näher anschauen, nämlich Sokrates, dann ein wenig in die frühjüdische Tradition hineinschauen und uns dann dem Matthäusevangelium zuwenden.

1. Sokrates in der Sicht Platons

Seine Schrift über den Tod des Sokrates, den „Phaidon“, schließt Platon mit folgendem Satz:

So war das Ende unseres Freundes, eines Mannes, von dem wir wohl sagen dürfen, daß er unter seinen Zeitgenossen, die wir kannten, der beste war und außerdem der einsichtsvollste und gerechteste. (Phaid. 118)

Im 7. Brief spricht Platon von Sokrates als seinem „älteren Freund, den ich unbedenklich den gerechtesten unter seinen Zeitgenossen nennen möchte“, und er resümiert er den Prozeß, in dem Sokrates zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt wurde, ganz knapp so:

Ihn zogen einige einflußreiche Leute vor Gericht und brachten eine ganz nichtswürdige, auf Sokrates am allerwenigsten zutreffende Anklage vor. Der Gottlosigkeit klagten sie ihn an, und sie verurteilten ihn und ließen ihn hinrichten, ihn, der sich seinerzeit, als sie selbst im Unglück der Verbannung waren, geweigert hatte, bei der verbrecherischen Verhaftung eines ihrer Anhänger mitzumachen. (7. Brief, 325 b/c)[3]

Hier finden wir bereits einen Charakterzug, durch den sich der antike Gerechte auszeichnet: den unerschütterlichen Mut, der sich auch dann weigert, bei einem Unrecht mitzumachen, wenn er ganz alleine steht und diesen Mut vielleicht sogar mit dem Tod bezahlen muß. Sokrates hat diesen Mut bewiesen. Er war im übrigen der Überzeugung, daß Unrechttun schlimmer sei als Unrecht erleiden, und daran hielt er bis zum Schluß fest. Mit dieser Überzeugung stand Sokrates in der Antike fast völlig allein da. Erst lange nach seinem Tod nahmen einige römische Stoiker diese Überzeugung wieder auf. Mit dieser Überzeugung kommen Sokrates und diese römischen Stoiker christlichen Überzeugungen sehr nahe. Auch ein Christ sollte das Unrechttun für schlimmer halten als das Unrecht erleiden.

      Der Fall des Sokrates ließ Platon zeit seines Lebens nicht los und brachte ihn dazu, das Problem der vollkommenen Gerechtigkeit tiefer zu durchdenken als irgendein anderer antiker Autor.[4] Dabei gelangte er zu Einsichten, die wir im Nachhinein nur als prophetisch bezeichnen können. In seinem Buch über den Staat läßt er einen gewissen Glaukon ein Gedankenexperiment anstellen. Er überlegt sich ganz realistisch: Wie sähe wohl ein perfekter Gerechter aus und wie ein perfekter Ungerechter und wie würde  es ihnen jeweils ergehen, so wie die menschlichen Verhältnisse nun einmal sind. Er charakterisiert zunächst den perfekten Ungerechten. Dieser muß Mut haben, alle politischen Kniffe beherrschen, sich überall durchsetzen, sich bei keinem Betrug erwischen lassen und dabei so geschickt agieren, daß er im Ruf des ehrenhaftesten Menschen steht. Seine Vollkommenheit besteht ja gerade darin, daß er als Gerechter erscheint, in Wirklichkeit jedoch das genaue Gegenteil davon ist.

      Genau umgekehrt müssen wir den vollkommenen Gerechten konzipieren. Dieser ist schlicht und ehrlich; er will nicht gut scheinen, sondern wirklich gut sein. Und daß er es wirklich ist, beweist sich darin, daß er es selbst dann bleibt, wenn es ihm keinen Vorteil einbringt und der Schein sogar gegen ihn spricht. Ja, wir müssen ihn uns so denken, daß er alles Üble nachgesagt bekommt und bei seinen Mitmenschen geradezu als ungerecht gilt, trotz allem jedoch unerschütterlich bei seiner Gerechtigkeit bleibt.

      Nachdem er nun seinen idealen Gerechten von aller scheinbaren Gerechtigkeit so entblößt hat, daß er geradezu als das Gegenteil erscheint, und seinen idealen Ungerechten von aller scheinbaren Ungerechtigkeit so entblößt hat, daß er als reiner Ehrenmann dasteht, fragt Glaukon: Wie wird es den beiden nun aller Wahrscheinlichkeit nach ergehen im realen Leben? Der wahrhaft Ungerechte, so antwortet er, wird eine glänzende Partie heiraten, reich werden und überall den Ton angeben; er wird seinen Freunden Gutes erweisen können und seinen Feinden Schaden zufügen; ja, er wird sich durch große religiöse Stiftungen auszeichnen, Opferfeste veranstalten und gottgefälliger erscheinen als der Gerechte.

      Welches Schicksal dagegen erwartet den wahrhaft Gerechten? Ich zitiere Platons eigene Worte:

Der Gerechte wird gegeißelt werden, gefoltert, in Fesseln gelegt, er bekommt beide Augen ausgebrannt und wird schließlich, nachdem er alles Schlimme erlitten hat, ans Kreuz geheftet. Dann wird er erkennen, daß man nicht darauf aus sein sollte, gerecht zu sein, sondern gerecht zu scheinen. (Plat. res publ. 361 e)

 

Die Kreuzigung oder Pfählung war im damaligen Griechenland eine Hinrichtungsart, die nur für Sklaven vorgesehen war; ihre Anwendung für Freie galt als Brauch von Barbaren. Die Blendung ist im athenischen Strafrecht gar nicht als Strafe vorgesehen. Sokrates selbst starb viel humaner durch den Schierlingsbecher. Aber Platon führt sein Gedankenexperiment ganz radikal durch und denkt sich einen noch vollkommeneren Gerechten als Sokrates und erwartet demgemäß für ihn die schimpflichste Behandlung und eine Hinrichtungsart, wie sie in Athen nur für Sklaven und Schwerverbrecher vorgesehen war. Damit hat Platon sein Gedankenexperiment konsequent zu Ende gedacht. Er hat wohl kaum erwartet, daß dieser konstruierte Fall real eintreten könnte. Aber wir wissen, daß er doch eingetreten ist. Ein vollkommener Gerechter trat auf und erlitt genau das von Platon vorausgesehene Schicksal: nach gräßlichen Qualen endet er am Kreuz. Diese Tatsache zeigt ihrerseits, wie realistisch Platon gedacht hat. Diese Art von Philosophie bleibt bei allen Gedankenflügen und Spekulationen doch immer ganz nah am wirklichen Leben. C.S. Lewis schreibt dazu:

Die unvollkommene und doch verehrungswürdige Güte des Sokrates führte zum sanften Tod durch den Schierlingsbecher, und die vollkommene Güte Christi führte zum Tod am Kreuz – nicht zufällig, sondern aus dem gleichen Grunde; weil Güte Güte ist, und weil die gefallene Welt so ist, wie sie ist. Wenn Plato von einem bestimmten Beispiel und von seiner Einsicht in das Wesen der Güte und das Wesen der Welt ausging und dazu gelangte, die Möglichkeit eines vollkommenen Beispiels zu entdecken und darin etwas zu schildern, was der Passion Christi außerordentlich gleicht, dann geschah das nicht, weil er Glück hatte, sondern weil er weise war.[5]

Statt „Güte“ sollte man vielleicht besser „Gerechtigkeit“ sagen, im übrigen aber hat C.S. Lewis völlig recht.

2. Gerechte und Ungerechte im Frühjudentum

Nach Josephus wandten sich die Leute an Mose, weil sie sicher waren, daß sie bei ihm zu ihrem Recht kommen würden. Und wenn sie ihren Prozeß verloren, hätten sie das nicht schwer genommen in der Gewißheit, daß bei Mose nicht Gewinnsucht, sondern Gerechtigkeit entschied.[6] Mose galt im Judentum als vorbildlich Gerechter, der Gerechtigkeit auch mit Güte und Menschenfreundlich verband, wie sich das für einen guten König gehörte, und sein Gesetz galt als Weg zur Gerechtigkeit für jeden, der sich daran hielt.[7] Denn dieses Gesetz ist von Gott gegeben, und „Gottes Stärke liegt in Recht und Gerechtigkeit“.[8] Aber den Weisen der Hasmonäerzeit wurde immer klarer, daß es nicht genügte, den Leuten am Sabbat dieses Gesetz vorzulesen. Es mußte mehr geschehen. Das soll im Folgenden am Beispiel einer frühjüdischen Schrift gezeigt werden.

      Unter den Henochschriften befindet sich auch der sogenannte „Henochbrief“ (Hen 92-105).[9] Entstanden ist diese Schrift um 100 v.Chr., noch vor dem Buch der Weisheit. Es ist ein Trostwort für die Gerechten und eine Gerichtspredigt für die Sünder. Die Sünder werden in dieser Schrift als reich und mächtig charakterisiert, aber sie haben ihr Gold und Silber auf ungerechte Weise erworben. Sie unterdrücken die Armen und Gerechten und verdrehen das Gesetz. Sie wollen nichts als „essen und trinken, Menschen nackt ausziehen und berauben, sündigen, Besitz hinzuerwerben und gute Tage sehen“.[10] Über sie ergehen reihenweise Weherufe. Und entsprechend werden die Gerechten selig gepriesen und wie folgt charakterisiert:

Und dann [d.h. am Jüngsten Tag] selig alle, die auf die Worte der Weisen hören und sie lernen, um die Gebote des Höchsten zu tun; die auf den Wegen seiner Gerechtigkeit wandeln und nicht in die Irre gehen mit den Irrenden. (1 Hen 99,10)

Die Weisen, deren Worte man hören und lernen soll, um auf den Wegen der Gerechtigkeit des Höchsten zu wandeln, sind zweifellos die Schriftgelehrten, und mir scheint die Annahme durchaus naheliegend, daß damit insbesondere die pharisäischen Schriftgelehrten gemeint sind, so wie mit der reichen Gegenpartei, die auf ungerechte Weise zu ihrem Reichtum gekommen ist, konkret die Sadduzäer und die herrschende Schicht der Aristokraten anvisiert sein dürfte. Den Ausgleich wird der Jüngste Tag bringen. Dann ergeht das Strafgericht über die Sünder.

      Im Henochbrief und in anderen frühjüdischen Schriften deutet sich eine Entwicklung an, die zur Zeit Jesu schon weit fortgeschritten war. Sie führte zum allmählichen Erfolg der pharisäischen Bemühungen, das Volk zu größerer Gesetzestreue und zur Heiligung des Alltags zu bewegen oder, um mit dem Henochbrief zu reden, „auf den Wegen seiner Gerechtigkeit zu wandeln und nicht in die Irre zu gehen mit den Irrenden“. Zu diesem Zweck zogen „die Weisen“ mit Hilfe von genaueren Bestimmungen und Spezifizierungen der Anweisungen in der Heiligen Schrift „einen Zaun um die Tora“. Die Tora verbot die Arbeit am Sabbat; die Weisen definierten, was unter Arbeit im einzelnen zu verstehen ist. Die Tora gebot dem Volk Reinheit; die Weisen erklärten ganz konkret, wie die Reinheit zu erlangen ist. Die Tora bestimmte den Zehnten von Getreide, Wein und Öl für den Tempel; die Weisen dehnten diese Bestimmung auf sämtliche Erträge aus dem Anbau aus, auch auf Küchenkräuter wie Minze, Dill und Kümmel. Die Tora gebot das Beten; die Weisen sagten den Frommen genau, welche Gebete zu verrichten waren und wann dies zu geschehen habe. Die Tora gebot das Fasten einmal im Jahr am großen Versöhn­ungs­tag; die frommen Pharisäer fasteten zweimal in der Woche. Das hat Lukas in dem berühmten Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner ganz richtig festgehalten. Da betet der Pharisäer:

O Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die anderen Menschen, wie Räuber, Betrüger [wörtlich: Ungerechte], Ehebrecher oder auch dieser Zöllner da. Ich faste zweimal in der Woche und ich gebe den Zehnten von allen Erträgnissen. (Lk 18,11f)

Der Fehler des Pharisäers in diesem Gleichnis Jesu liegt nicht in seiner Bemühung um Gerechtigkeit, auch nicht in seinem Fasten zweimal in der Woche oder in seinem Verzehnten sämtlicher Erträge und Erwerbungen; sein Fehler liegt in der Gewichtung dieser Dinge, die ihn zur Verachtung des reumütigen Zöllner verleitet. Das „Landvolk“ sträubte sich zwar noch lange dagegen, sich an diese pharisäische Art der Gerechtigkeit zu halten, aber die Pharisäer hielten zäh an ihrem Ziel fest, das ganze Volk zu einer besseren Heiligung des gesamten Lebens zu führen. Zum eigentlichen Erfolg konnten sie diese Bemühungen aber erst nach der Zerstörung des Tempels führen.

3. Die Gerechtigkeit nach Matthäus

Das Substantiv „Gerechtigkeit“ ist ein Schlüsselwort des Matthäusevangeliums. Überall, wo es vorkommt, hat es des Evangelist in seine Quelle eingefügt. Von den sieben Belegen im Evangelium stehen fünf in der Berpredigt. Dort ist es neben dem Wort „Vater“ für Gott das wichtigste Schlüsselwort.[11] Wir werden im Folgenden aber nicht nur das Substantiv, sondern auch das Adjektiv „gerecht“ berücksichtigen. 

      Der erste Mensch, der im Matthäusevangelium als „gerecht“ bezeichnet wird, ist Josef (1,19). Und es wird auch gleich erklärt, womit er sich diese Auszeichnung verdient hat. Seine Frau ist schwanger, und Josef muß annehmen, daß sie Ehebruch begangen hat. Mit vollem Recht könnte er eine öffentliche Strafanzeige erstatten und das hätte üble Folgen für seine Verlobte, aber als Gerechter wählt er den schonendsten Weg und entscheidet sich lediglich für eine private Auflösung seiner Verlobungsrechte. Er will sie nicht öffentlich „bloßstellen“, wie es bei Matthäus heißt. „Gerecht“ bedeutet hier also soviel wie anständig. In diesem Fall müßten wir sagen: Das war mehr als anständig.

      Mehr als anständig ist auch der Gutsherr im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (20,1-16). „Ich will euch zahlen, was gerecht ist“, sagt er zu den gedungenen Arbeitern (20,4). Daß er mehr als anständig ist, erweist sich allerdings erst am Ende des Arbeitstages, bei der Lohnauszahlung, als er allen einen Denar zahlt – das ist ein guter Tageslohn! –, denen, die er bei Tagesanbruch eingestellt hatte und die die Hitze des Tages ertragen hatten, ebenso wie denen, die nur eine Stunde vor Sonnenuntergang gearbeitet hatten. Daraufhin murren die ersteren und reden von Gleich­macherei oder genauer: von gleichem Lohn bei ungleicher Arbeit, was sie als ungerecht empfinden. Gegenüber einem dieser Kritiker rechtfertigt sich der Gutsherr mit folgenden Worten:

Freund, ich tue dir kein Unrecht. Haben wir uns nicht auf einen Denar geeinigt? Nimm das Deine und geh! Ich will diesem Letzten nun einmal soviel geben wie dir. Ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will? Oder machst du ein böses Gesicht [wörtlich: ein böses Auge], weil ich gut bin? (20,13-15)

Dieser Gutsherr ist gerecht, denn er zahlt den vereinbarten Lohn. Er ist aber auch gütig, denn er weiß, daß die Arbeiter, die zur elften Stunde noch müßig auf dem Marktplatz herumstehen, nichts dafür können, daß sie keine Arbeit gefunden haben, aber genauso ihren Lebensunterhalt brauchen wie die anderen. Und er warnt die Kritiker, daß sie nicht hehre Prinzipien vorschieben, wo es nur um Habgier und Neid geht (das ist gemeint mit dem „bösen Auge“ in 20,15). Die Gerechtigkeit dieses Gutsherrn verbindet sich also mit Güte und Barmherzigkeit. Die vollkommene Verbindung von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist freilich allein Gott möglich. Und es ist klar, daß der Guts­herr im Gleichnis Gott repräsentiert. Mit diesem Gleichnis hat Jesus eine wesentliche Eigenschaft Gottes veranschaulicht, der wir, so weit es menschenmöglich ist, nacheifern sollen.

      In der Bergpredigt steht eine Warnung, die einen weiteren Aspekt der christlichen Gerechtigkeit beleuchtet:

Achtet darauf, daß ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen erweist, um in ihren Augen gut dazustehen. Sonst könnt ihr von eurem Vater im Himmel keinen Lohn erwarten. (6,1)

Der Gerechte tut das Gute allein um Gotteslohn.Wer Almosen geben will, soll es nicht vor sich her posaunen; da soll die die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut (6,2-4). Der Gerechte füllt nicht einen dicken Scheck aus, läßt diesen vergrößern und bestellt einen Pressephotographen für ein Bild in der Tageszeitung. Genau das kann Jesus nicht leiden. Wer das tut, hat sich selbst belohnt und von Gott keinen Lohn mehr zu erwarten. Aber heute wird ja empfohlen: Tue Gutes und sprich davon! Das ist unchristlich.

      In dieselbe Richtung geht eine scharfe Kritik Jesu an den Pharisäern:

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht getünchten Gräbern, die von außen zwar schön anzuschauen sind, innen aber voller Totengebein und aller Unreinheit. So erscheint auch ihr den Leuten von außen zwar gerecht, innen aber seid ihr angefüllt mit Heuchelei und Ungesetzlichkeit. (23,27f)

Scheinheiligkeit gilt in der christlichen Tradition als typisch pharisäisch. Aber ein frommer Pharisäer hätte sie nicht weniger verurteilt als Jesus. Daß es scheinheilige Pharisäer gab, wußten die Pharisäer selbst. Insofern wäre es ungerecht, wenn man das Urteil Jesu auf alle Pharisäer beziehen wollte. Aber so hat es Jesus auch nicht gemeint. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir „Heuchler“ und „Pharisäer“ wie Synonyme gebrauchen. Jesus dringt auf Wahrhaftigkeit. Ein Gerechter muß wahrhaftig sein, und Wahrhaftigkeit verträgt sich nicht mit Heuchelei, Verlogenheit und Schein­heiligkeit.

      Damit ist es auch klar, warum die Gerechten beim Jüngsten Gericht den Richter so überrascht fragen, wann sie ihn sie ihn denn hungrig und durstig gesehen hätten oder fremd und obdachlos oder krank und im Gefängnis? (25,37-40) Sie können sich nicht erinnern, ihm jemals etwas Gutes getan zu haben, weil sie allen Gutes tun, die hungrig und durstig sind, fremd und obdachlos, krank und im Gefängnis. Bei ihnen weiß wirklich die Linke nicht, was die Rechte tut, wenn es um Nächstenliebe geht. Und genau das ist die christliche Haltung, die als Gerechtigkeit bezeichnet wird.

      Damit haben wir schon wichtige Aspekte und Elemente der Gerechtigkeit im Matthäusevangelium erfaßt. Gerechtigkeit besteht zunächst in Anständigkeit, umfaßt aber auch selbslose Güte und Barmherzigkeit. Außerdem gehört dazu unbedingte Wahrhaftigkeit. Sie ist unvereinbar mit Heuchelei und Scheinheiligkeit. Das ist die gerechte Haltung, nach der jene „hungern und dürsten“, das heißt: streben, die von Jesus zu Beginn der Bergpredigt seliggepriesen werden (5,6). Wie weit die Selbstlosigkeit und Wahrhaftigkeit der Gerechten jedoch gehen soll, das offenbart die achte Seligpreisung:

Selig die um der Gerchtigkeit willen Verfolgten,

denn ihnen gehört das Himmelreich. (5,10)

Damit sind wir wieder bei Sokrates und dem idealen Gerechten Platons angelangt. Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun ist auch ein christliches Prinzip. Nicht umsonst hatten Sokrates und Platon im Christentum immer eine gute Presse. Ich meine, zu Recht.

      Aber auch damit haben wir den ganzen Umfang dessen, was Gerechtigkeit im Matthäusevangelium meint, noch nicht erfaßt. Es gibt Stellen im Evangelium, für die das bisher Erarbeitete noch nicht hinreicht. Die erste davon begegnet gleich zu Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu bei der Taufe. Johannes versteht nicht, daß Jesus sich seiner Taufe der Sündenvergebung unterziehen will: „Ich müßte von dir getauft werden und du kommst zu mir?“ (3,14) Darauf antwortet Jesus:

      Laß jetzt, das ist die angemessene Weise, wie wir alle Gerechtigkeit erfüllen. (3,15)

Was ist hier für eine Gerechtigkeit gemeint, die mit Hilfe der Taufe Jesu „erfüllt“ werden soll? Was meint hier „alle Gerechtigkeit“? Offensichtlich meint „Gerechtigkeit“ hier etwas, das Anforderungen stellt, und „alle Gerechtigkeit“ ist soviel wie „alles, was gerecht ist“. Aber damit haben wir meines Erachtens immer noch nicht ganz erfaßt, worum es an unserer Stelle geht. Zu dem „alles, was gerecht ist“ müssen wir noch einen kleinen Zusatz machen: Alles, was vor Gott gerecht ist. Gerechtigkeit ist nicht lediglich eine sozialethische Tugend, sondern der Inbegriff für alles, was Gott von einem Menschen erwartet oder, um mit Ulrich Luz zu reden, „das, was Gott in seiner Liebe vom Menschen verlangt“.[12] Dabei erwartet Gott nicht von jedem Menschen dasselbe. Es gibt Erwartungen, die Gott nur an bestimmte Menschen stellt. Jeder Mensch hat seine besondere, von Gott gestellte Aufgabe; die muß er erfüllen. Johannes und Jesus haben eine große Aufgabe, die allein ihnen gestellt ist. Um sie zu erfüllen, muß sich Jesus in aller Demut der Taufe des Johannes unterziehen. Er muß die göttliche Sendung des Täufers anerkennen und sich mit den umkehrwilligen Sündern solidarisieren. Damit ist seine Aufgabe natürlich noch lange nicht erfüllt, aber das ist ihr notwendiger und angemessener Beginn. Die Vorbildlichkeit Jesu besteht in der Demut, mit der er nach seiner ihm von Gott gestellten Aufgabe fragt und an ihre Erfüllung geht. Die Gerechtigkeit besteht somit letztlich in der Erfüllung der von Gott gestellten Aufgabe.

      Damit wird auch verständlich, was Jesus Jesus wiederum in der Bergpredigt sagt:

Wenn eure Gerechtigkeit nicht die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit übersteigt, werdet ihr auf keinen Fall ins Himmelreich kommen. (5,20)

Die Gerechtigkeit der Pharisäer ist eine gute Sache, aber sie genügt nicht. Es kann nicht darum gehen, für alle Gegebenheiten und Eventualitäten des Lebens eine Vorschrift und Regelung zu haben. Josephus sah den Ruhm des Mose darin, daß er „auch nicht das Geringfügigste der Willkür und dem Belieben derer überließ, die nach seinem Gesetz leben sollten“.[13] Das war die pharisäische Sicht der Dinge, die zu dem geführt hat, was wir schon geschildert haben, der ständigen Erweiterung und Anpassung der Einzelbestimmungen, um möglichst keine Eventualität ohne Regelung zu lassen. Und das war genau der Punkt, an dem Jesus Nein gesagt hat. Aber mit diesem Nein traf er die Pharisäer an ihrem empfindlichsten Punkt und machte sie zu seinen unerbittlichen Feinden. Ihm ist nicht die pünktliche Verrichtung auch der kleinsten Vorschrift der Tora das Wichtigste, sondern die Ausrichtung und Bildung des Herzens. Die Quelle der Unreinheit sind nicht äußerliche Versehen und Verstöße, diese Quelle ist vielmehr das Herz. Dieses muß erzogen und gebildet werden. Inner­halb der Gebote gab Jesus der Gottes- und Nächstenliebe einen absoluten Vorrang, das heißt: In einer aktuellen Situation tritt jedes andere Gebot der Tora außer Kraft, das mit diesen beiden kollidiert. Das gewissenhafte Einhalten religiöser Vorschriften, das Verrichten regelmäßiger Gebete und die Bemühung um ein geheiligtes Leben ist damit in keiner Weise verurteilt oder gering­geschätzt; im Gegenteil, diese Bemühungen bleiben unverzichtbar, aber lediglich als Hilfen, um das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren. Das war nur eine Akzentverlagerung, aber eine folgenschwere. Sie führte zu einer größeren Gewichtung des Gewissens. Ein Leben nach dem Gewissen kann anstrengender sein als ein Leben nach vorgegebenen Regeln. Aber die christliche Gerechtigkeit darf nicht weniger sein als die pharisäische; sie muß diese „weit übersteigen“.

      Im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums steht eine der berühmtesten Passagen aus der Bergpredigt. Da heißt es:

Sorgt euch nicht darum: ‚Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Was werden wir anziehen?‘ Um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß doch,daß ihr all das benötigt. Kümmert euch zuerst um Gottes Herrschaft und seine Gerechtigkeit, dann erhaltet ihr all das als Zugabe. (6,31-33)

In der Parallele bei Lukas ist nur von Gottes Herrschaft die Rede (Lk 12,31). „Seine“, das heißt: Gottes Gerechtigkeit hat Matthäus hinzugefügt, und diese Ergänzung ist völlig sinngemäß. Worin die „Gerechtigkeit Gottes“ nach Matthäus besteht, dürfte jetzt ziemlich klar geworden sein. Es geht dabei nicht nur um die Erfüllung sozialethischer und moralischer Anforderungen, sondern um die Bemühung, so zu leben, daß es Gott recht ist. Jeder soll die ihm persönlich gestellte Aufgabe so erfüllen, daß er am Ende zur Rechten des Menschensohns zu stehen kommt und nicht zur Linken. Wer dieses Bemühen an die erste Stelle setzt, dem wird versprochen, daß er die nötigen Dinge des Lebens als Zugabe erhält.

      In Jerusalem, als sich seine Situation zuspitzt, wird Jesus wegen seiner Tempelaktion von den „Hohenpriestern und Ältesten des Volkes“ zur Rede gestellt (21,23). Mit den „Hohenpriestern“ sind die Vertreter der führenden Priestergeschlechter gemeint, die auch den Hohenpriester stellten, die „Ältesten des Volkes“ sind die Vertreter der Laienaristokratie. In diesem Zusammenhang sagt ihnen Jesus eine harte Wahrheit ins Gesicht:

Amen ich sage euch: Die Zöllner und Dirnen werden vor euch in das Reich Gottes einziehen. Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt; die Zöllner und Dirnen dagegen haben ihm geglaubt. Und obwohl ihr es gesehen habt, habt ihr ihr euch auch nachher nicht eines Besseren besonnen und ihm geglaubt. (6,31f).

Daß Johannes „auf dem Weg der Gerechtigkeit“ kam, bedeutet: Er war von Gott gesandt; sein Taufen war ein Auftrag vom Himmel und deshalb hätte man ihn als Propheten anerkennen und seinem Umkehrruf folgen müssen. Genau das wollten die „Hohenpriester“ und die „Ältesten des Volkes“ nicht. Der Frage Jesu, ob die Taufe des Johannes vom Himmel kam oder von Menschen, wichen sie aus mit der Antwort: „Wir wissen es nicht“ (21,23-27). Deshalb werden am Ende die Zöllner und Dirnen, die dem Bußruf des Täufers gefolgt sind, von Gott bevorzugt werden nach dem Prinzip: „Die Letzten werden Erste sein und die Ersten Letzte“ (20,16).

      Damit kommen wir zur letzten Stelle im Matthäusevangelium, wo das Stichwort „gerecht“ fällt. Und hier zum einzigen Mal wird dieses Attribut Jesus selbst zugesprochen. Es ist die berühmte Notiz, die die Frau des Pilatus ihrem Mann zukommen läßt, während dieser über Jesus zu Gericht sitzt:

Unternimm nichts gegen diesen Gerechten, denn seinetwegen habe ich heute nacht im Traum viel gelitten. (27,19)

Es gibt eine ganze Reihe von Stellen im Neuen Testament, wo Jesus als Gerechter bezeichnet wird.[14] Er gilt als der Gerechte, den das 4. Gottesknechtslied in Jes 53 beschreibt, und als der Gerechte, von dem in Weish 2 die Rede ist. Und schon in frühchristlicher Zeit wurde man auf das Gedanken­experiment Platons aufmerksam und das Schicksal, das er dem vollkommenen Gerechten prophezeite.[15] Aus der Tatsache der Kreuzigung dieses Unschuldigen konnte man mit Hilfe der platonischen Überlegungen sozusagen zwingend schließen, daß er der von Platon konzipierte Gerechte gewesen sein muß. Und so hat es vielleicht eine tiefere Bedeutung, daß die einzige Charakteristik Jesu als eines Gerechten, die wir im Matthäusevangelium finden, im Mund einer Heidin erscheint. Ihre Notiz half nichts. Denn der vollkommene Gerechte mußte am Kreuz enden. Auch auf Pilatus trifft das paradoxe Wort zu, das Jesus über Judas gesagt hat:

Der Menschensohn geht seinen Weg, wie es geschrieben steht über ihn. Aber wehe jenem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Er wäre besser nie geboren worden. (26,24)

Der Gerechte wird, so wie die Welt nun einmal ist, immer leiden, auch wenn er unschuldig ist. Und wer nie als Unschuldiger zu leiden hat, muß sich fragen, ob er ein Gerechter ist.

 



[1] Vortrag im Haus am Dom, Frankfurt, am 12. Februar 2011.

[2] Jos. Ant. 16, 176f.

[3] Zitiert nach: Platon, Apologie des Sokrates. Übersetzung und Kommentar von E. Heitsch, Göttingen 2004, 194f.

[4] Zum Folgenden vgl. M. Reiser, Drei Präfigurationen Jesu: Jesajas Gottesknecht, Platons Gerechter und der Gottessohn im Buch der Weisheit, in: ders., Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik (WUNT 217), Tübingen 2007, 331-353, hier 347-350.

[5] C.S. Lewis, Das Gespräch mit Gott. Bemerkungen zu den Psalmen, Einsiedeln 1959, 142. Englisch: Reflections on the Psalms, Glasgow 191987, 88.

[6] Jos. Ant. 3,66f.

[7] Vgl. L.H. Feldman, Jew and Gentile in the Ancient World. Attitudes and Interactions from Alexander to Justinian, Princeton 1993, 276-282.

[8] Jos. Ant. 4,217: τοῦ θεοῦ γὰρ ἰσχύς ἐστι τὸ δίκαιον.

[9] Vgl. dazu M. Reiser, Die Gerichtspredigt Jesu. Eine Untersuchung zur eschatologischen Verkündigung Jesu und ihrem frühjüdischen Hintergrund (NTA. NF 23), Münster 1990, 47-52.

[10] Vgl. 1 Hen 94,8; 96,4f.8; 97,8; 99,2; 102,9.

[11] Vgl. U. Luz, Die Jesusgeschichte nach Matthäus, Neukirchen-Vluyn 1993, 13.

[12] U. Luz, Jesusgeschichte (s. Anm. 6) 166.

[13] Jos. Ap. 2,173f.

[14] Mt 27,19; Lk 23,47; Apg 3,14; 7,52; 22,14; Jak 5,6; 1Petr 3,18. Vgl. Lk 23,41.

[15] Vgl. M. Reiser, Präfigurationen (s. Anm. 3) 347. 350.


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