Christus

Prof. Dr. Marius Reiser

Die Letzten Dinge aus neutestamentlicher Sicht:
ein Ende mit Schrecken?


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage


 1. Endzeitliche Schrecknisse

Wie wird die irdische Geschichte enden? Diese Frage gilt als ganz unwissenschaftlich, und sie ist es wohl auch. Die Zukunft ist ungewiß, wer will da eine Prognose über das Ende der irdischen Geschichte abgeben? Wer kann darüber Bescheid wissen – außer Gott? Nun gibt es ein ganzes Buch im Neuen Testament, das genau über die gestellte Frage Auskunft geben will, und wie zu erwarten beruft sich der Autor für seine Informationen gleich im ersten Satz auf eine Enthüllung, die ihm Gott selbst zukommen ließ. Es ist das letzte Buch des Neuen Testaments und damit der Bibel überhaupt, die Offenbarung des Johannes, auch Apokalypse genannt. Apokalypse heißt dieses Buch nach dem griechischen Wort, mit dem es beginnt. Das Wort bedeutet eben „Enthüllung“, „Offenbarung“. Die Deutung dieses Buchs im einzelnen ist oft schwierig, da es zum großen Teil Visionen beschreibt und in Bildern spricht, die schwer verständlich oder mehrdeutig sind. Die Grundaussage dieser Prophetie ist aber klar erkennbar: Das Ende der irdischen Geschichte wird ein Ende mit Schrecken sein. Die Schrecken werden in dreimal sieben Visionszyklen ausgemalt, die in immer neuen Anläufen Katastrophen mit weltweiten Auswirkungen schildern: Krieg, Inflation, Flächenbrände, Vergiftung des Wassers, Dürre, Hagel, Blutregen und Tod in vielen Formen. Darunter sind Katastrophen, die sozusagen historischer Alltag sind, wie Krieg, Inflation oder Dürre, aber auch Katastrophen, die für einen antiken Menschen unter normalen Bedingungen undenkbar waren. So zum Beispiel die folgende (Offb 8,10f):

Und der dritte Engel blies die Posaune: Da fiel ein großer Stern vom Himmel, brennend wie eine Fackel, und er fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns lautet ‚Wermut‘, und der dritte Teil des Wassers wurde zu Wermut. Und viele Menschen starben, weil das Wasser bitter geworden war.

Eine solche Katastrophe mußte nach Ansicht des Sehers Johannes vom Himmel selbst ausgelöst werden, im Bild: Da muß ein Stern namens „Wermut“ vom Himmel fallen. Uns heute kommt die Vision, daß ein Drittel des Wassers auf Erden einmal ungenießbar sein wird, durchaus realistisch vor. So herrlich weit haben wir es gebracht.

      Dem biblischen Seher ist es wichtig, daß alle diese Katastrophen letztlich von Gott selbst in Gang gesetzt werden. Sie alle beginnen mit Aktionen im Himmel. Das Ziel dieser Aktionen ist aber nicht etwa die Vernichtung um der Vernichtung willen, sondern das Verschwinden des Bösen und der Böswilligen von der Erde, damit das Gute und die Gutwilligen sich endlich frei und ungehindert entfalten können. Am Ende einer furchtbaren Leidensperiode steht die heilige Stadt Jerusalem inmitten einer erlösten Schöpfung. Das ist das Ziel des Geschichtsprozesses. Wie die jüdischen Apokalyptiker vor ihm – denken wir nur an Daniel – ist auch der Seher Johannes überzeugt, daß die Weltgeschichte  nicht ewig so weitergeht, wie wir sie kennen, mit Unglück, Unrecht, Ausbeutung, Betrug und Lüge, mit Freud für die wenigen und Leid für die vielen, sondern daß alles ein von Gott bestimmtes Ende nimmt.

      Daß es dazu nicht ohne den Widerstand der Betroffenen kommen kann, weiß man auch ohne Prophetengeist. Katastrophen kosmischen Ausmaßes sind unumgänglich, und es müssen Mächte auf den Plan treten, die stärker sind als Gewaltherrschaft, Wirtschaftsinteressen und Kapital, die bisher die Welt regieren. Das sieht der Seher Johannes so gut wie ein erfahrener Politiker. Die „Hure Babylon“ im 17. Kapitel seines Buches, die auf sieben Bergen sitzt (Offb 17,7), ist unschwer als die Hauptstadt Rom zu identifizieren, die bekanntlich auf sieben Hügeln erbaut ist. Sie symbolisiert zugleich jede vergleichbare Weltmacht. Aber wie jede irdische Weltmacht, so ist auch sie dem Untergang geweiht. Und dieser Untergang löst Freude und Schrecken aus: Freude im Himmel, und Schrecken bei „den Königen der Erde“, den Händlern und Großunternehmern, die für ihre überflüssigen Waren plötzlich keine Abnehmer mehr finden, für Gold und Silber, Perlen und Edelsteine, für Purpur, Seide und teure Hölzer, für Marmor, Erz und Elfenbein, für Zimt und Amomum, Parfüm und Weihrauch, für Wein und Öl, Weißmehl und Weizen, für Rinder und Schafe, Pferde, Wagen und Sklaven. Diese eindrucksvolle Liste von überflüssigen Dingen bietet Offb 18,13 und sie allein ist Beweis genug, daß hier kein weltfremder Mystiker schreibt, sondern ein Mann, der sich in der Welt auskennt, auch in der Welt der Wirtschaft.

      Das letzte Buch des Neuen Testaments schildert also, wie es zum des Kapitalismus und zur endgültigen Herrschaft Gottes kommt. Denn die Herrschaft im Himmel wie auf Erden steht allein Gott zu, und nur wo sie ihm auch tatsächlich überlassen wird, kann der Mensch glücklich leben. Das ist die gemeinsame Grundüberzeugung von Juden, Christen und Muslimen. Im Unterschied von Juden und Muslimen jedoch sind Christen außerdem überzeugt, daß die entscheidende Rolle bei der Durchsetzung von Gottes Herrschaft Christus zukommt. Das wird im Buch des Sehers Johannes vor allem an zwei Stellen deutlich: im 4. und 5. Kapitel und im 19. Kapitel, d.h. unmittelbar vor Beginn der drei Katastrophenzyklen und nach dem Untergang der „Hure Babylon“, vor dem abschließenden Jüngsten Gericht.

      Im 4. und 5. Kapitel schildert der Seher eine himmlische Schlüsselszene, bei der er wie in einem Traum selbst anwesend ist. Im Mittelpunkt dieser Szene steht das Buch der Geschichte, das selbstverständlich Gott selbst in der Hand hält. Denn das Buch der Geschichte ist ein altes Symbol der Geschichte selbst, die von Gott gleichsam im voraus aufgezeichnet ist. Dabei ist ursprünglich natürlich an eine Buchrolle zu denken. Das irdische Geschehen rollt buchstäblich ab, es wird gleichsam nach und nach vom himmlischen Buch der Geschichte abgerollt. Damit ist zugleich gesagt, daß die irdische Geschichte weder ein Zufallsprodukt ist noch allein von irdischen Mächten bestimmt wird. Hier gilt vielmehr: Der Mensch denkt und Gott lenkt.

      Dieses himmlische Buch erweist sich allerdings auch als ein Problem, und zwar das einzige Problem, das es im Himmel der Apokalypse gibt. Es ist nämlich siebenfach versiegelt, und so steht man vor der Frage: „Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen?“ (Offb 5,2) Ein versiegeltes Schriftstück darf  ja nur von dem geöffnet werden, für den es bestimmt ist. Wenn sich nun für dieses Schriftstück kein Würdiger findet, kann das vorgesehene Geschehen nicht abrollen, kann die Geschichte nicht weitergehen; sie steht still oder dreht sich im Kreis. Dann gibt es keine endzeitlichen Katastrophen, aber auch kein endzeitliches Jerusalem in einer neuen Schöpfung. Dann wird der Reiche auf ewig den Armen und Schwachen unterdrücken und ausbeuten, die Lüge wird ewig über die Wahrheit, und das Unrecht ewig über das Recht siegen. Dann kommt Gottes Plan mit seiner Schöpfung nie zum Ziel. Und zunächst sieht es so aus, als könne tatsächlich niemand das Buch öffnen, „weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde“ (Offb 5,3). Da bricht der Seher, der diesen wahrhaft historischen Moment ja live miterlebt, in Tränen aus. Das ist der dramatischste Augenblick im ganzen Buch und in einem gewissen Sinn der dramatischste Augenblick der Weltgeschichte.

      Aber der Seher wird getröstet und mit ihm wir alle: Der Würdige findet sich, und zwar in der merkwürdigsten Gestalt der ganzen Apokalypse. Es ist eine Gestalt, die man tatsächlich weder den himmlischen noch den irdischen noch den unterirdischen Wesen zurechnen kann. Denn der Würdige ist ein Lamm, das zugleich ein Löwe ist, nämlich „der Löwe aus dem Stamm Juda“. Dieses Lamm hat einen Schächtschnitt am Hals und steht trotzdem auf seinen Füßen; es lebt mit einer tödlichen Wunde. Dieses mächtige Lamm, dieses Bündel von Paradoxen, ist natürlich ein Bild für Christus. Es empfängt das Buch der Geschichte aus der Hand Gottes und führt sie mit all ihrem Grauen zum Ziel, indem es Siegel um Siegel öffnet. Christus ist es dann auch, der ganz am Ende die letzten Feinde Gottes besiegt, jetzt freilich in einer anderen Gestalt: nicht als Lamm, sondern als Reiter auf einem weißen Pferd, auf dem Haupt viele Diademe, mit einem Mantel, der in Blut getaucht ist, und einem Titel, der zu all dem gar nicht passen will: „Das Wort Gottes“ (Offb 19,11-13).

      Ich will jetzt nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern nur resümierend festhalten: Es geht im letzten Buch der Bibel um die christliche Sicht der Geschichte, um den Sinn und das Ziel des ganzen Geschichtsprozesses. Dieser Prozeß führt nach Gottes Plan zu einem Ende mit Schrecken, aber der Schrecken trifft nur die Feinde Gottes. Hier gilt der sonst eher leichtfertig gebrauchte Spruch: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Das Ziel des Prozesses ist die heilige Stadt Jerusalem inmitten einer erlösten Schöpfung. Die Hauptrolle in diesem Prozeß hat kein anderer als Christus. Und die Menschheit kann nichts Vernünftigeres tun, als sich – möglichst vor dem Ende – an ihn zu halten.

 

2. Der Jüngste Tag

Wir haben im letzten Buch der Bibel ein geschichtsphilosophisches Grundmuster gefunden, das vereinfacht besagt: Der Geschichtsprozeß führt die Menschheit in eine Krise, die damit endet, daß alles Böse in den irdischen Dingen, das Menschen verursacht haben – möglicherweise als Werkzeuge in der Hand höherer Mächte –, endgültig vernichtet wird, damit das Gute, wie Gott es schon immer gewollt hat, zur freien Entfaltung gelangen kann. Daß es tatsächlich soweit kommt, dafür hat Gott gesorgt, indem er Christus zur Hauptperson in diesem Geschichtsprozeß gemacht hat. Dieses geschichtsphilosophische Grundmuster liegt nun nicht nur der Offenbarung des Johannes, sondern dem gesamten Neuen Testament zugrunde. So unterschiedlich seine Autoren von der Krise des Geschichtsprozesses und vor allem vom Höhepunkt dieser Krise reden,das Grundmuster ist immer dasselbe, so wie der Ausgang immer derselbe ist. Das sei an einigen Beispielen vorgeführt.

      Im 13. Kapitel des Markusevangeliums wird Jesus von seinen Jüngern gefragt, wann „das alles“ zum Ende oder zur Vollendung kommen werde (Mk 13,4). Darauf antwortet Jesus zunächst durch eine Aufzählung von „Wehen“ der Endzeit. Das sind Schrecknisse wie Kriege, Hungersnöte und Erdbeben. Aber, so heißt es weiter, das sei nur „der Anfang der Wehen“. Auf diese anfänglichen „Wehen“ folgen dann kosmische Katastrophen: Die Sonne verfinstert sich, der Mond verliert sein Licht, die Sterne fallen vom Himmel. Das Ziel dieser „Wehen“ ist das Kommen des Menschensohns mit den Wolken des Himmels in großer Macht und Herrlichkeit. Hier ist der Geschichtsprozeß als eine Art Geburtsvorgang aufgefaßt, der unter Wehen den Menschensohn hervorbringt.

      Auch der Evangelist Matthäus hat dieses Bild aufgegriffen und ihm noch ein geheimnisvolles Element hinzugefügt: Dem Kommen des Menschensohns vom Himmel her geht noch sein „Zeichen“ voraus. Dieses nicht näher beschriebene Zeichen bringt „alle Völker der Erde“ dazu, daß sie sich reumütig an die Brust klopfen (Mt 24,30). Die christliche Tradition hat in diesem „Zeichen des Menschensohns“ von frühester Zeit an das Zeichen des Kreuzes gesehen. Deshalb gehört zum Fest Kreuzerhöhung am 14. September der Versikel: Hoc signum crucis erit in caelo, cum Dominus ad iudicandum venerit. „Dieses Zeichen des Kreuzes wird am Himmel sein, wenn der Herr kommt, um zu richten.“ Auf Darstellungen der Parusie und des Weltgerichts ist das Kreuz deshalb ein festes Element, oft begleitet von den übrigen Leidenswerkzeugen.

Die Deutung des Zeichens auf das Kreuz wird von modernen Exegeten meistens abgelehnt, ohne triftigen Grund, wie ich meine. Sie sehen im Menschensohn selbst das Zeichen. Das leuchtet mir nicht ein. Denn die Deutung auf den Menschensohn selbst erklärt nicht, warum sich die Völker reumütig an die Brust schlagen. Der Anblick des Kreuzes erklärt das viel besser. Aber wir wollen uns jetzt nicht in Einzelheiten verlieren.

      Deutlich ist jedenfalls, daß die sogenannte „synoptische Apokalypse“ demselben Grundmuster folgt wie die Apokalypse des Johannes und daß auch hier die Hauptperson Christus ist. Das Gericht, zu dem er kommt, ist in der bekannten Szene vom Weltgericht in Mt 25,31-46 dargestellt als eine Trennung von „Schafen“ und „Böcken“, genauer „Ziegen“. Den einen gilt ein „Kommt!“, den andern ein „Geht!“

      Auch Paulus wagt einen prophetischen Blick in die Zukunft. Er skizziert sogar eine regelrechte Aktfolge der Endereignisse. Wir werden sehen, daß er dabei zwar eigene Akzent setzt, aber doch dem schon herausgearbeiteten Grundmuster folgt. In dem berühmten 15. Kapitel des 1. Korintherbriefs setzt sich Paulus mit christlichen Gegnern auseinander, die erklären: „Es gibt keine Auferstehung der Toten!“ Sie können sich offenbar ein Weiterexistieren der Seele nach dem Tod vorstellen, aber nicht eine leibliche Auferstehung. Dagegen argumentiert Paulus, daß eine rein geistige Weiterexistenz gar keine Auferstehung ist. Dann ist aber auch Christus nicht auferstanden. In der Auferstehung Christi jedoch, und zwar der leiblichen Auferstehung, gründet die ganze christliche Hoffnung. Denn die reale Auferstehung Christi ermöglicht auch die reale Auferstehung der mit ihm verbundenen Christgläubigen. Und genau in diesem Zusammenhang spricht Paulus von einer „Staffelung“ oder „Reihenfolge“ in der Ordnung der Letzten Dinge (1 Kor 15,20-28). Die Endereignisse beginnen mit der Auferstehung Christi als des „Erstlings“ der Entschlafenen. Als nächstes folgt die Parusie Christi. Die Parusie oder Wiederkunft Christi ist jenes Ereignis, das die Synoptiker als das Kommen des Menschensohns mit den Wolken des Himmels schildern. Mit diesem zweiten Kommen Christi ist die Auferstehung der Christgläubigen verbunden. Der dritte Akt ist merkwürdig, zumindest auf den ersten Blick. Paulus schreibt: „Dann kommt das Ende.“ Das griechische Wort τέλος meint „Ende“ und „Ziel“. Dieses endgültige Ziel des Prozesses, der mit der Auferstehung Christi eingeleitet ist, wird von Paulus noch näher erläutert. Bevor es erreicht wird, muß nämlich noch etwas anderes geschehen: Erst muß sich Christus alle „Herrschaft, Macht und Gewalt“ unterwerfen, d.h. seine sämtlichen Feinde einschließlich der bösen Geister. Dieser Vorgang entspricht der großen Schlacht des Logos, die wir in der Apokalypse finden. Als mächtigsten und furchtbarsten Feind nennt Paulus den Tod. Der Tod wird von ihm personifiziert gedacht als eine Art Geistwesen. Auch zu dieser Einzelheit bietet die Apokalypse des Johannes eine Parallele: Dort reitet der Tod auf einem fahlgrünen Pferd und wird am Ende zusammen mit dem Hades in den Feuersee geworfen (Offb 6,8; 20,14). Erst nach seiner Vernichtung kann es nach Paulus zum Ziel des Geschichtsprozesses kommen und das Ende eintreten. Dann gibt Christus die Reichsherrschaft an seinen Vater zurück, damit Gott „alles in allem“ sei oder „alles in allen“ – beide Übersetzungen sind möglich und sinnvoll. Das also ist das Ziel aller Dinge: dieses Alles-in-allem (oder allen)-sein Gottes.

      Nachdem Paulus sich noch viel Mühe gemacht hat, um seinen Lesern die Leiblichkeit der Auferstehung – von Anfang an ein harter Brocken selbst für Christen – vorstellbar und denkbar zu machen, kommt er noch einmal zurück auf den zweiten Akt der Endereignisse, zu dem die Auferstehung der Christgläubigen ja gehört. Es ist ja der Akt, der uns am meisten betrifft und zunächst bevorsteht. Aber wie soll man sich das Unvorstellbare vorstellen, das da mit uns und der Welt geschehen soll? Paulus nennt es ausdrücklich ein „Mysterium“ und sagt dann, worin dieses Mysterium besteht: in einer großen Wandlung, einer Verewigung des Geschaffenen. „Denn dieses Verwesliche muß die Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche die Unsterblichkeit“ (1 Kor 15,53). Der menschliche Leib wird bei der Auferstehung nicht abgelegt, sondern verwandelt in einen verklärten Leib, wie man das in der christlichen Tradition genannt hat. Nähere Erläuterungen gibt Paulus nicht.

      Aber er sagt etwas über den Zeitpunkt und den Zeitraum, in dem das geschehen soll, und das ist sehr interessant. Die Auferstehung und der Wandlungsprozeß der irdischen Leiber erfolgen nämlich „in einem Nu, einem Augenblick, bei der letzten Fanfare“ (1 Kor 15,52). „Die letzte Fanfare“ – man übersetzt im Deutschen meistens mit „Trompete“ oder „Posaune“, aber „Fanfare“ wäre viel passender – ist ein Motiv, das auch in Mt 24,31 und in der Offenbarung des Johannes begegnet. Sie gibt das Zeichen für den letzten großen Geschichtsakt. Dieser vollzieht sich aber nicht mehr in einem irdischen Zeitraum. Die Wiederkunft Christi, Auferstehung, Weltgericht und Wiederherstellung der ursprünglich guten Schöpfung samt heiliger Stadt, das alles geht „in einem Nu, einem Augenblick“ vor sich. „In einem Nu“ ist die Übersetzung des griechischen ἐν ἀτομω. Das ἄτομον – von diesem Wort kommt unser Atom – ist das nicht mehr weiter Teilbare, d.h. in unserem Fall: ein Zeitraum, der so oft halbiert ist, daß er durch keine Messung mehr erfaßt werden kann. Daß man über das Geschehen in einem solchen „Zeitraum“ nur aufgrund göttlicher Offenbarung und nur in andeutenden Bildern reden kann, ist wohl einsichtig. Wenn also Paulus selbst und mit ihm die christliche Tradition vom „Jüngsten Tag“, vom „Tag des Gerichts“ oder vom „Tag des Herrn“ redet, dann ist klar, daß auch dies nur eine Redeweise ist, ein Kürzel, um das genannte Geschehen zu bezeichnen.

      Paulus spricht an vielen Stellen seiner Briefe von dem Gericht, das an diesem „Jüngsten Tag“ stattfinden soll. Dieses Gericht faßt er in unterschiedliche Bilder. Es erscheint je nachdem als eine Art Examen, eine Rechenschaftsablegung, ein Ans-Licht-Kommen des Verborgenen und Verheimlichten, als ein Ernten des Gesäten, eine Art Qualitätsprüfung mit Hilfe von Feuer oder als ein Erscheinen vor dem Richterstuhl Christi. Statt vom Richterstuhl Christi kann auch vom Richterstuhl Gottes die Rede sein, das wechselt. Gott und Christus sind im Letzten ja doch eins. Im Kern bringen alle diese Bilder den Gedanken der Verantwortung zum Ausdruck. Überhaupt ist der Hinweis auf die Verantwortung der Hauptsinn aller biblischen Gerichtsaussagen. Wir werden uns hinsichtlich unseres Tun und Lassens einmal verantworten müssen, und das nicht vor irgend­jemandem, sondern vor Christus. In der Begegnung mit Christus am Jüngsten Tag wird uns blitzartig klar, was wir aus eigener Schuld versäumt und unterlassen haben. Und dann werden wir uns das Fegfeuer, in dem wir diese Schuld mit der Wurzel ausrotten können, selbst wünschen und uns den Reinigungsübungen mit der größten Freude unterziehen. Diese Reinigung deutet Paulus ebenfalls im 1. Korintherbrief an, nämlich dort, wo er von einer Erlösung „wie durch Feuer hindurch“ spricht (1 Kor 3,15).

      Damit ist wohl deutlich geworden, daß die unterschiedlichen Aussagen des Neuen Testaments zu den Letzten Dingen nur unterschiedliche Aspekte aufzeigen, aber eine große Einigkeit im Grund­muster aufweisen. Warum das so ist und wie es dazu gekommen ist, das ist eine interessante Frage, die wir jetzt aber nicht weiter verfolgen können.

 

3. Tod und Jenseits

Aus dem Katechismus wissen wir, wenn wir noch solche Bücher benutzen, daß die Letzten Dinge vier sind: Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Man vermißt in dieser Aufzählung vielleicht das Fegfeuer, aber das gehört einerseits zum Gericht und andererseits zum Himmel. Wenn man Aussagen zu diesen vier Dingen im Neuen Testament sucht, macht man eine merkwürdige Beobachtung: Da ist viel vom Gericht die Rede, wenig vom Himmel und wenig von der Hölle; und vom Tod, vom Tod des einzelnen Menschen, und dem, was danach kommt, ebenso wenig. Das, was heutige Christen an den Letzten Dingen am meisten interessiert: Was ist, wenn ich sterbe, und was kommt danach?, das ist für die frühen Christen ungefähr das unwichtigste davon. Und das wiederum, was den frühen Christen vor allem am Herzen lag: die Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag, die Auferstehung der Toten, das  große Gericht am Ziel des Geschichtsprozesses, das kümmert heutige Christen, zumindest hier in Westeuropa, kaum noch. Der Jüngste Tag, auf den die Geschichte nach christlicher Überzeugung zuläuft und der jederzeit eintreten kann, spielt im Bewußtsein der Gläubigen faktisch keine Rolle mehr. Die Liturgie der Meßfeier ge­denkt der Wiederkunft Christi an mindestens drei Stellen: im Credo, im Anamnesegebet nach der Wandlung („Deinen Tod, o Herr, verkünden wir ...) und im sogenannten Embolismus im Anschluß an das Vater­unser. Dort heißt es: „Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“ Aber Priester wie Gläubige denken sich dabei offenbar nicht mehr viel. Wenn man über die vierzehn Glaubensartikel heute in Westeuropa ab­stimmen ließe, würde man das „Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ zweifellos hinauswerfen und der Klerus wäre der erste, der dafür stim­men würde. Dafür spricht schon die schlichte Tatsache, daß so gut wie nie darüber gepredigt wird. Mit diesen Bemerkungen will ich nicht die Kleriker und die Gläubigen kritisieren, sondern nur auf einen Befund hinweisen, der zumindest nachdenklich machen sollte.

      Wir denken heute bei den Letzten Dingen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, an unseren persönlichen Tod und das Jenseits oder an den Tod und das jenseitige Schicksal von uns nahe­stehen­den Menschen. Wie gesagt, darüber steht im Neuen Testament nicht viel. Es sind kaum mehr als vier Texte, die explizit darüber sprechen. Gehen wir sie kurz durch. Für Paulus heißt aus dem irdischen Leben scheiden so viel wie bei Christus sein, und das würde er, wie er im Philipperbrief ausdrücklich schreibt, wenn es nach ihm ginge, vorziehen, denn Christus sei sein Leben und Sterben sein Gewinn (Phil 1,21-23). Die Hoffnung auf die Heimat beim Herrn, wenn er stirbt, bringt er auch im 1. Korintherbrief zum Ausdruck (1Kor 5,1-10). Das Problem vieler späterer Dogmatiker, was mit den Verstorbenen bis zum Jüngsten Tag ist, hat Paulus offenbar nie Kopfzerbrechen gemacht. Mit einer „Zwischenzeit“ rechnet er nicht, das zeigt der Ab­schnitt im 1. Korintherbrief eindeutig.

      Dann bleiben nur noch zwei Texte im Lukasevangelium, die über das persönliche Schicksal nach dem Tod reden. Sie waren in der christlichen Tradition für die Frage von Tod und Jenseits von großem Einfluß. Da ist zunächst der reuige Schächer oder Bandit am Kreuz neben Christus. Er wendet sich an Christus mit der Bitte: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“, und erhält zur Antwort: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“ (Lk 23,42f) Wir haben hier die schöne Bezeichnung „Paradies“ für den jenseitigen Ort der Seligen. Der Himmel ist so herrlich wie ein grüner Garten mit Wasserläufen, voller Vögel und Obstbäume. Und dieser Ort wird einem Schwerverbrecher versprochen, nur weil er sich in letzter Minute reumütig an seinen Leidensgenossen neben ihm gewandt hat, in dem er Christus erkannte. Diese Szene war eine der wichtigsten Quellen christlicher Ermutigung. „Der du Maria (gemeint ist Maria Magdalena) losgesprochen und den Verbrecher erhört hast, hast auch mir Hoffnung gegeben“, heißt es im „Dies irae“.

      Fast noch einflußreicher war das Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus in Lk 16,19-31. Dort hat das Jenseits seine klassischen zwei Abteilungen Himmel und Hölle. Der Ort, an dem sich der hartherzige Reiche nach seinem Tod wiederfindet, wird als „Ort der Folter“ bezeichnet, und die Folter besteht in Feuerflammen. Demgegenüber hat Lazarus offenbar Zugang zu Wasser. Diese Bilder für die Höllenqualen sind ganz traditionell. Ungewöhnlich ist aber die Charakterisierung des Himmels als „Schoß Abrahams“. Wahrscheinlich ist dabei an ein Liegen im Schoß Abrahams gedacht, nämlich dem Zu-Tisch-liegen mit den Erzvätern im Reich Gottes, von dem Jesus in Mt 8,11f  redet. Auf die Deutung des Gleich­nisses und seiner Jenseitsbilder kann ich wieder nicht näher eingehen. Es genügt, wenn wir festhalten: Auch in diesem Fall gibt es einen positiven und einen negativen Ausgang der Dinge, und die Erzählung will deutlich machen, daß es nicht gleichgültig ist, wie man lebt. Was wir tun, hat Kon­sequenzen, für andere und für uns selber, und das über den Tod hinaus. Man kann das ganze Gleichnis als Kommentar zur ersten Seligpreisung verstehen, die bei Lukas lautet: „Selig ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes!“ Und dieser ersten Seligpreisung entspricht genau der erste Weheruf: „Wehe euch Reichen, denn ihr habt euren Trost schon empfangen!“ (Lk 6,20.24) Genau das ist es, was Abraham dem Reichen erklärt: „Mein Kind, denk daran, daß du dein Gutes zu deinen Lebzeiten empfangen hast und Lazarus in gleicher Weise das Schlechte. Dafür wird er jetzt getröstet, du aber leidest Pein“ (Lk 16,25). Das ist uns gesagt, damit wir uns rechtzeitig darauf einstellen können.

 

4. Die notwendige Besinnung

Zum Schluß möchte ich noch einmal auf die Beobachtung zurückkommen, daß wir heute, sofern wir überhaupt noch mit Letzten Dingen rechnen, dabei ganz fixiert sind auf unseren persönlichen Tod und das Jenseits danach, wobei wir in merkwürdiger Genügsamkeit meistens zufrieden sind, wenn es nach dem Tod überhaupt noch irgendwie weitergeht und wir einige Angehörige und Freunde wiedersehen. Diese Fixierung auf das individuelle Heil hat einen stark beschränkten sozialen Horizont im escha­tologischen Bewußtsein mit sich gebracht. In diesem Bewußtsein fällt die kirchliche Dimension ganz weg. Wir bekennen uns im Credo zwar zur „Gemeinschaft der Heiligen“, aber wer weiß noch, was das eigentlich ist und wer dazugehört? Wer kümmert sich darum, schon jetzt ein gutes Mitglied dieser Gemeinschaft zu sein, und wer freut sich darauf, ihr einmal endgültig angehören zu dürfen?

      Auch die nichtmenschliche Umwelt ist im heutigen Bewußtsein von den Letzten Dingen höchst dürftig vorhanden, wenn überhaupt. Vom Himmel wagt kaum noch jemand zu reden, das Wort Para­dies, das auch Tiere und Pflanzen umfaßt, nehmen nach meiner Erfahrung Pfarrer nicht von sich aus in den Mund. Ich fürchte, die meisten von ihnen könnten, wenn sie gefragt würden, kaum erklären, worauf sich ein Christ zu guter Letzt eigentlich noch freuen kann. In einem Beitrag über das Lied „‘Wachet auf!‘ ruft uns die Stimme“ schreibt Hermann Kurzke: „Die Theologie neigte lange dazu, die letzten Dinge ... ins Begriffliche zu transponieren. Sie destillierte die Bilder der Eschatologie so lange, bis nur noch klares Wasser in den Kolben rann. Übrig blieb ein aufgeklärtes Nichts. Vermeintlich aus dem Schlaf der Vernunft erwacht, reibt sich die Menschheit verdutzt die Augen, denn sie findet sich als törichte Jungfrau wieder, die zum Mahl nicht zugelassen ist.“[1]

      Neben der kirchlichen und der Umweltdimension ist es aber noch eine dritte Dimension, die im heutigen eschatologischen Bewußtsein fast völlig ausgefallen ist: die geschichtliche Dimension. Damit fehlt jene Dimension, die im Bewußtsein der frühen Christen im Vordergrund stand. Wer rechnet noch ernsthaft damit, daß die Geschichte auf den Jüngsten Tag zuläuft, der die Wiederkunft Christi mit sich bringt? Auf jenen Tag des Weltgerichts, in dem nur noch zwei Dinge zählen: die ungeschminkte Wahrheit und das Erbarmen Christi? Ich fürchte, auch unter den Kirchgängern denkt kaum noch jemand daran, sonst müßte ihr geistliches Leben anders aussehen.

      Die Folge des Schwundes dieser drei großen Dimensionen aus dem eschatologischen Bewußtsein der Gläubigen ist, daß auch die Christen ihre Mühe lieber darauf richten, den Trost wie der reiche Prasser schon in diesem Leben zu empfangen, als ihre Hoffnung auf ein vage versprochenes, nebulöses Jenseits zu setzen. Das Ende von diesem Lied ist, daß ihr Glaube überhaupt verblaßt und daß sie weder Gott, noch Christus, noch das Evangelium mehr ernst nehmen, selbst wenn sie, weil ihnen nichts Bes­seres einfällt und ihnen doch etwas fehlen würde, am Sonntag noch brav zur Kirche gehen. Wen wun­dert es da noch, daß der christliche Glaube in Westeuropa blutleer und leblos erscheint und seine for­mende Kraft fast völlig verloren hat, sowohl im Leben des Einzelnen als auch im Leben der Gesell­schaft im Ganzen? So komme ich also zu meiner Schlußthese: Mir scheint, daß dem christlichen Glauben im heutigen Europa nichts notwendiger ist als die Besinnung auf die Letzten Dinge. Denn irgendwann werden die Letzten die Ersten sein.



Vortrag am 22. Mai 2010, Haus am Dom, Frankfurt am Main

[1] H. Kurzke, Kirchenlied und Psychoanalyse, in: Ders., Die kürzeste Geschichte der deutschen Literatur und andere Essays, München 2010, 223-234, hier 233.


ball Vorträge-Zentralseite ball über den Autor ball AlphaOmega Homepage

© Dr. Marius Reiser 2011 - All Rights Reserved -