1. Eine merkwürdige Geschichte
Es war am
15. Nisan, im 17. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius (nach unserer Zeitrechnung
am 7. April des Jahres 30), da ließ der Präfekt von Judäa, Pontius Pilatus,
einen Delinquenten hinrichten. Der Delinquent hatte als Prophet gegolten,
mächtig in Wort und Tat. Dieser Prophet, in den seine Anhänger größte Hoffnungen
gesetzt hatten, beschloß seine irdische Laufbahn mit einem Fiasko, wie es
gräßlicher nicht mehr denkbar war. Er wurde ohne nennenswerte Gegenwehr von
der Tempelpolizei verhaftet. Die Verhaftung verlief reibungslos dank der Mithilfe
eines Kollaborateurs, der dem engsten Vertrautenkreis des Verhafteten angehört
hatte. Bei dieser Gelegenheit ergriffen seine übrigen Freunde, ohne die man
ihn in der Öffentlichkeit nie zu sehen bekommen hatte, die Flucht und
verschwanden so vollständig aus dem Geschehen, als seien sie nie daran
beteiligt gewesen. Nur einer von ihnen schlich dem Verhaftungskommando nach, um
zu sehen, wie die Sache weiterginge; aber als er erkannt wurde, leugnete er,
"diesen Menschen", wie er sich ausdrückte, jemals gekannt zu haben.
Wo sich diese famosen Freunde versteckten, wohin sie flohen, ist nicht bekannt.
Der
verhaftete Prophet wurde in einem summarischen Gerichtsverfahren - das
anstehende Paschafest gebot Eile und man wollte die Sache schnell hinter sich
bringen - noch in der Nacht vom Hohen Rat zum Tod verurteilt. Er hatte auf die
Frage, ob er der Messias sei, mit Ja geantwortet. Das deutete man als Aufruf
zur Revolution oder mindestens Widerstand gegen die Staatsgewalt. Am folgenden
Morgen überstellte man ihn dem römischen Statthalter, der das Urteil
bestätigen und vollstrecken mußte, da dem Hohen Rat die Kapitalgerichtsbarkeit
entzogen war. Der Statthalter ließ sich überzeugen - er hatte seine Gründe -
und verurteilte den Angeklagten dem Antrag der Kläger entsprechend zum Tod
durch das Kreuz - bekanntlich nicht nur die schmählichste, sondern auch die
qualvollste Hinrichtungsart, die die Römer kannten. Sie wurde vor allem bei
Sklaven, Banditen und Rebellen angewandt; römische Bürger waren davon
ausgenommen. Übrigens machte der Angeklagte keine Anstalten, um sich zu
verteidigen oder zu rechtfertigen. Er schwieg wie ein Lamm, das zum Schlachten
geführt wird, was den Statthalter ziemlich wunderte. Das Urteil wurde noch am
selben Morgen vollstreckt, denn mit Sonnenuntergang begann der Sabbat, der
nicht durch unbestattete Leichen entweiht werden durfte. So wurde der Prophet
zusammen mit zwei Banditen um die dritte Stunde gekreuzigt und starb nur sechs
Stunden später - für einen Gekreuzigten überraschend schnell. Übrigens schauten
bei der Kreuzigung eine ganze Anzahl der Anhängerinnen des Propheten von ferne
zu, während die Männer sich offenbar nicht zu zeigen wagten. Ein auffallend
lauter Schrei des Delinquenten vor dem Eintritt des Todes, eine seltsame
Äußerung des diensthabenden Centurio - er soll etwas von einem Gottessohn
gesagt haben - und schließlich noch eine nicht ganz erklärbare zeitweilige
Finsternis, wie von einigen Zeugen behauptet wird, - im übrigen aber eine ganz
normale Hinrichtung.
In
Jerusalem lebte damals ein römischer Ritter namens Clemens. Er stand schon
lange im Dienst der Statthalter und galt als Experte in jüdischen Sitten und
Gebräuchen, die einem Römer immer ein Buch mit sieben Siegeln blieben. Vor
allem bei Prozessen waren seine Kenntnisse gefragt. Er unterhielt im übrigen
gute Beziehungen zur jüdischen Aristokratie und lud zum Symposium am Sabbat
auch gern Mitglieder des Hohen Rats zu Gast. So war auch am Sabbat nach jenem
15. Nisan wieder eine Tischrunde beisammen. Nach guter alter Sitte, jüdischer
wie römischer, waren es natürlich nur Männer, und das Gespräch, das griechisch
geführt wurde, kam auf den hingerichteten Propheten. Jeder konnte eine Anekdote
oder Geschichte zum Besten geben, auch wenn vieles davon nur Klatsch und
Gerücht war. Besonders bei den Wundergeschichten wollte der Stoff nicht
ausgehen; eine Geschichte gab die andere. Einer wußte von der Heilung eines
Blinden namens Bartimäus von Jericho; der nächste behauptete, eine Frau sei
durch die bloße Berührung seines Gewandes von ihren unaufhörlichen Blutungen
geheilt worden, und zwar auf der Stelle.
"Ja",
schrie einer dazwischen, "und am gleichen Tag holte er eine junge Frau ins
Leben zurück, als die Totenklage schon in vollem Gang war!"
"War
das die von letzter Woche, die gleich ein ganzes Flacon Narden-Parfüm für ihn
verbrauchte, wo's dann den Streit gab wegen Verschwendung?"
"Nein",
sagt ein Pharisäer und angehender Schriftgelehrter, "das war doch das
Freudenmädchen, die peinliche Szene bei meinem Parteifreund Simon."
"Hat
sie nicht Maria von Magdala geheißen?"
"Ich
weiß nicht, solche Namen merke ich mir nicht."
"Jedenfalls",
bemerkt einer, der eine griechische Schule besucht hat, "mit den Frauen
scheint er's ja gekonnt zu haben!"
"Von
der eben erwähnten Maria von Magdala soll er sieben Dämonen ausgetrieben
haben!"
"So,
da hat einer genau gezählt!"
"Ach",
ruft ein anderer, "das ist noch gar nichts. Bei Gadara hat ein Exorzismus
die Stadt 2000 Schweine gekostet!"
"Was?
2000?"
"Ja,
ersoffen im See."
"Genau,
und das war gleich nach der Überfahrt, bei der er den Sturm zum Erliegen
gebracht haben soll, schneller als die Dioskuren", bestätigt der
Hausherr. "Er stellt unsere Götter in den Schatten, wenn es stimmt, daß er
in Kana bei einer Hochzeit sechs Steinkrüge voll Wasser in Wein verwandelt hat,
der Krug à zwei bis drei Metreten."
"600
Liter!"
"So
etwa. Da würde Dionysos vor Neid erblassen."
"Und
so einen tüchtigen Magier hat Pilatus hinrichten lassen?" fragt ein Jude
aus der Zyrenaika ungläubig.
Der
angehende Schriftgelehrte, dem die Sache mit den Wundern offensichtlich
unbehaglich ist, versucht, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
"Man erzählt viel; aber Nazaret ist nicht Tischbe und Jesus ist nicht
Elija oder Elischa. Mir scheint er bemerkenswerter gewesen zu sein als Lehrer
von Lebensweisheit. 'Neuer Wein in neue Schläuche'. 'Seid klug wie die Schlangen
und arglos wie Tauben.' 'Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!' Und ihr kennt
ja die, zugegeben, etwas überspitzten Sprüche vom Splitter und vom Balken, vom
Kamel und vom Nadelöhr..."
"...und
von der ausgeseihten Mücke und dem verschluckten Kamel, und von den blinden
Wegführern und den übertünchten Gräbern, die, glaube ich, in einer schönen
Weisheitsrede über Pharisäer und Schriftgelehrte vorkamen", stichelt der
Griechenfreund.
"Ja",
sagt ein Ratsmitglied darauf, "er konnte ziemlich despektierlich sein und
seine Weisheit war ganz schön subversiv und gesellschaftsschädigend.
Irgendwie hatte er etwas gegen die Reichen, während er die Armen glücklich
pries. 'Niemand kann zwei Herren dienen' - das ist leicht gesagt. Seine Frau
soll man nicht entlassen dürfen, obwohl es die Tora ausdrücklich erlaubt. Den
Feind soll man lieben, den Feind!, und jedem Geld leihen, der will. Das ist
doch lächerlich. Mit den Reinheitsgesetzen hat er es nicht besonders genau
genommen und mit den Sabbat-Geboten auch nicht. Und wenn ich bloß an die
unmöglichen Geschichten von dem verlorenen Sohn oder dem Samaritaner denke,
oder die von dem Gastmahl, wo sie auf einmal nicht kommen wollen - es ist ja
klar, wen er meinte! -, die sind doch eigentlich unverschämt."
"Aber
interessant!", ruft einer dazwischen.
"Jedenfalls",
fährt der angehende Schriftgelehrte fort, "seine Aktion im Tempel hat
sogar den neuen Schlauch zum Platzen gebracht. 'Räuberhöhle' nennt er den
Tempel und niederreißen will er ihn - da hört doch alles auf!"
"Er
war eben anmaßend und hatte ein ziemlich übersteigertes Selbstbewußtsein,
dieser Messias der Sanftmütigen. Als ob sich alles um ihn drehen müßte!"
"Richtig",
bestätigt der Ratsherr, "aber der Pöbel läuft jedem Demagogen nach, der
die Massen gut unterhält und kräftig auf die Regierung schimpft. Und wenn er
schöne Geschichten erzählt und ein paar Kunststückchen zeigt, wird er gleich
zum Idol."
"Handeln
die Geschichten nicht von der Königsherrschaft Gottes? Das klingt doch recht
fromm", wirft ein römischer Freund des Hausherrn ein.
"Schon",
antwortet der Ratsherr, "aber sein Reich Gottes ist eine ganz und gar
nebulöse Angelegenheit. Er wollte eben doch selber König darin sein. Aber sein
Ministerrat aus zwölf Fischern ist nicht gerade überzeugend, so wenig wie seine
'neue Familie' aus dahergelaufenem Volk, das ihn bloß anhimmelt. Außerdem
hatte er so einen Tick mit dem Jüngsten Tag."
Und
schon fängt einer zu deklamieren an: "'Und wie es war in den Tagen Noachs,
so wird es sein in den Tagen des Menschensohns: Sie aßen und tranken...'"
"Prosit!"
ruft es als Antwort, und alle heben den Becher.
"Wovon
lebte der Sprücheklopfer eigentlich?" will jetzt einer wissen.
"Er
war von Haus aus gelernter Bauhandwerker und Zimmermann, scheint den Beruf
aber nicht mehr ausgeübt zu haben, seit er auf Wanderschaft ging",
antwortet der Hausherr. "Offenbar hatte er jedoch einige reiche
Gönnerinnen, eine davon kennt ihr ja alle, Johanna, die Frau des Chuza."
"Was,
die Frau des Verwalters von Herodes Antipas?" fragt einer, dem das doch
neu ist.
"Sie
war schon immer ein bißchen exzentrisch!", bemerkt ein anderer.
"Ich
habs doch gleich gesagt, er war ein Frauenheld!" ruft der Graeculus triumphierend.
"Ja",
sagt der Hausherr, "man hat sie sogar während der Kreuzigung in der Nähe
von Golgotha beobachtet. Auf jeden Fall aber, jetzt ist alles vorbei. Es wird
keine neuen Wunder geben und keine neuen Reden ans Volk. Seine Anhänger sind
bereits wie vom Erdboden verschluckt, und die Frauen werden ihm doch auch nicht
ewig nachtrauern wollen!"
Eine
Woche darauf fanden sich die Gäste des Clemens wieder wie gewohnt in seinem schönen
Triklinium ein. Das Gespräch kam schnell wieder auf den Propheten.
"Mit
deiner Prognose von letzter Woche, verehrter Clemens, hast du dich
offensichtlich geirrt", stellt der zugezogene Zyrenäer herausfordernd
fest.
Und
der Hausherr, auffällig gut informiert, gibt zu: Ja, es seien schon merkwürdige
und teilweise geradezu unerklärliche Dinge im Gang; die Ereignisse überstürzten
sich und niemand wisse so recht, was eigentlich los sei. Man fordert ihn auf zu
erzählen, und er beginnt: "Zunächst: Die Männer sind wieder da!"
"Was
für Männer?"
"Die
feigen Anhänger, die seit der Verhaftung ihres Propheten spurlos von der Bildfläche
verschwunden waren. Sie trauen sich auf einmal wieder, treten überall
öffentlich auf und behaupten: 'Der Prophet lebt!'"
"Was
heißt: Er lebt? Er ist doch ordnungsgemäß gekreuzigt und sogar ordentlich
bestattet worden!"
"Nun
ja, sie behaupten, er sei 'aufgestanden', und immer wenn sie seinen Namen
erwähnen, fügen sie hinzu: 'den Gott von den Toten aufgeweckt hat' oder sowas
ähnliches."
Darauf
antwortet der, der eine griechische Schule besucht hat: "Ein Toter steht
nicht wieder auf!" Und zitiert auch gleich einen Vers des Aischylos:
"Ist ein Mann einmal tot und hat der Staub sein Blut geschlürft, dann
gibts kein Aufstehn mehr."
Und
der Pharisäer und angehende Schriftgelehrte ergänzt: "'Ein ans Holz
Gehenkter ist von Gott verflucht'!"
Ein
anderer Tischgenosse fragt ganz naiv, warum der Prophet nicht selber auftrete,
wenn er doch wieder lebe.
Darauf
erklärt der Hausherr: "Offensichtlich ist mit 'wieder leben' und 'aufgestanden
sein' nicht eine Rückkehr in dieses irdische Leben gemeint. Sie sprechen auch
davon, daß Gott ihn 'erhöht' hat."
Darauf
erklärt der angehende Schriftgelehrte: "So etwas kann es doch erst am
Jüngsten Tag geben, wenn die Toten aus dem Staub aufstehen, um gerichtet zu
werden und ihren Lohn zu empfangen. Aber dann erwachen alle miteinander zum
Leben. Wo steht geschrieben, daß ein einzelner Mensch vor dem Tag des Gerichts
wieder zum Leben erwachen werde?"
"Nun
gut," mischt sich da ein anderer ein, "lassen wir die theologischen
Probleme einmal ganz beiseite. Die entscheidende Frage ist doch: Wie kommen
diese Angsthasen dazu, auf einmal öffentlich aufzutreten, sich zu diesem
Propheten zu bekennen und zu behaupten: 'Er ist aufgestanden und lebt' -
gleich, wie sie das nun meinen."
"Bitte",
sagt der Schriftgelehrte, "es heißt 'auferstanden', nicht 'aufgestanden'."
"Also gut, aber gestern hat dieser Felsenmann noch gesagt: 'Ich kenne
diesen Menschen nicht!' und heute sagt er: 'Gott hat ihn von den Toten
aufgeweckt!'"
"Auferweckt!"
"Jetzt
laß mich doch mit deinen Spitzfindigkeiten in Ruh! Jedenfalls ist hier ein
Gesinnungswandel vor sich gegangen, und zwar ein ziemlich radikaler und
ziemlich plötzlicher. Das kommt doch nicht von ungefähr!"
"Nein",
sagt der Hausherr, "von nichts kommt bekanntlich nichts. Wenn man aber
die Leute fragt, wie sie auf einmal zu ihrer Behauptung kommen, dann erhält
man merkwürdige Antworten, und jeder erzählt eine andere Geschichte. Meistens
sind es Geschichten von Erscheinungen."
"Epiphanie-Geschichten",
wirft der griechisch Gebildete ein, um sein Wissen zu zeigen.
"Genau.
Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von zwei Anhängern dieses Propheten -
übrigens Leute, die früher nie besonders aufgefallen sind, sie gehörten auch
nicht zu den sogenannten 'Zwölf' -, die wollten also nach Emmaus. Das war am
ersten Wochentag. Unterwegs schließt sich ihnen ein Fremder an, mit dem sie
sich gut unterhalten. Abends haben sie noch zusammen gegessen, und wie er das
Brot bricht, kommt es ihnen auf einmal so vor, als sei der Fremde ihr
verstorbener Prophet. Und im selben Augenblick löst sich der Fremde in Luft
auf. Obwohl es so spät war, kehren die beiden daraufhin sofort nach Jerusalem
zurück, finden am gewohnten Ort die Zwölf versammelt - das heißt, jetzt waren's
ja nur noch elf - und weitere Anhänger, und bevor sie ihre Geschichte
loswerden können, schallt es ihnen entgegen: 'Der Herr ist auferstanden und
dem Simon erschienen!' Übrigens reden sie von dem Propheten jetzt nur noch als
von ihrem 'Herrn'."
"Eine
sklavische Angewohnheit", bemerkt der Graeculus.
"Und
wie geht die Geschichte mit Simon?"
"Das,"
antwortet der Hausherr, "konnte ich nicht herausfinden. Ausgerechnet über
diese Erscheinung, auf die sie alle den größten Wert legen - was man ja auch
verstehen kann -, konnte mir keiner eine nähere Auskunft geben. Aber die
Geschichte geht noch weiter. Denn die zwei von Emmaus sind noch nicht mit
Erzählen fertig, da steht auf einmal der Prophet mitten unter ihnen, wie vom
Himmel gefallen, und ..."
"Moment:
'Wie vom Himmel gefallen' - gut. Aber das könnte ja ein Engel oder sowas gewesen
sein. Woran erkannten sie ihn denn?"
"Angeblich
zeigte er ihnen seine Kreuzigungswunden an Händen und Füßen und aß ein Stück
gebratenen Fisch."
"Und
dann löste er sich wieder in Luft auf - samt dem verspeisten Fisch?"
"Offensichtlich.
Das heißt, manche erzählen, er habe dann noch eine längere Rede gehalten, habe
sie anschließend nach Bethanien hinausgeführt und sei dort auf einmal
Richtung Himmel verschwunden."
"Das
muß ja schon mitten in der Nacht gewesen sein!", bemerkt einer, der es
immer genau nimmt.
"Nun
ja, ich hab ja gesagt, es sind kuriose Geschichten. Und das ist erst der Anfang."
"Warum?
Ist er noch öfter erschienen?"
"Ja,"
sagt der Hausherr, "er soll auch dem Jakobus erschienen sein, seinem
Bruder, der bisher von seinem Prophetentum nichts wissen wollte. Aber darüber
ist so wenig Näheres zu erfahren wie im Fall der Erscheinung, die Simon erlebt
haben soll. Aber auf einem Berg in Galiläa soll er den Zwölfen, also den Elfen,
erschienen sein, und am See Genesareth..."
"Moment!
Bisher waren wir doch hier in Jerusalem. Erscheint er auch in Galiläa?"
"Offenbar.
Ich habe gehört, er soll Simon und einigen anderen am See Genesareth
erschienen sein und ihnen zu einem guten Fischfang verholfen haben."
"Und wie kommen Simon und die anderen nach Galiläa?" fragt der, der
es immer genau nimmt. "Ich dachte, sie seien hier in Jerusalem. Als die
zwei von Emmaus kamen, waren sie doch alle miteinander in Jerusalem. Und das
war, wohlgemerkt, am Abend des ersten Wochentags. Wann soll Simon denn dann
nach Galiläa gegangen sein?"
"Das
ist mir auch rätselhaft. Aber das ist noch lange nicht alles. Einige Frauen
..."
"Ja
richtig, die Frauen, die hatten wir ja ganz vergessen!" Und wie immer,
wenn das Gespräch auf Frauen kommt, wird es lebhaft am Tisch.
"Einige
Frauen sollen am Morgen des ersten Wochentags zum Grab gegangen sein und es
leer gefunden haben."
"Leer?"
ruft der Graeculus ungläubig.
"Natürlich
muß es leer gewesen sein", meint der angehende Schriftgelehrte, "wie
könnte man sonst behaupten, er sei auferstanden?"
"Weibergeschwätz!"
bemerkt ein anderer trocken, der sich bisher gar nicht am Gespräch beteiligt
hatte.
"Was
für Frauen sollen es denn gewesen sein? War die Frau des Chuza dabei?"
fragt der nächste.
"Nicht
einmal darüber sind sich meine Gewährsleute einig," antwortet der
Hausherr. "Manche behaupten, es seien drei Frauen gewesen, manche es seien
zwei gewesen, und einer behauptet gar, die Maria von Magdala habe das leere
Grab ganz allein entdeckt. Daß sie dabei war, darüber sind sich allerdings alle
einig. Manche sprechen noch von Salome und einer anderen Maria, einer behauptet
tatsächlich, auch Johanna, die Frau des Chuza, sei mit von der Partie gewesen.
Und das ist ja nun bestimmt kein gewöhnliches Weib ...".
"Und
das Grab war einfach leer? Die Leiche könnte ja immerhin von den Anhängern
beiseite geschafft worden sein."
"Möglich.
Es geht zwar auch die Geschichte um, Pilatus habe das Grab durch Soldaten sichern
lassen, aber das ist natürlich eine Legende. Übrigens war das Grab nicht
einfach leer."
"Was
heißt 'nicht einfach leer'?"
"Im
Grab soll ein Engel gewesen sein."
"Ach,
ein Engel! Wundert mich gar nicht. Und was sagte der Engel?"
"Der
Engel sagte das, was sie jetzt überall ausposaunen: 'Er ist nicht hier, er ist
auferstanden!' Allerdings gibt es auch eine ganz andere Version der
Geschichte. Die habe ich von dem, der behauptet, Maria von Magdala habe das
leere Grab ganz allein entdeckt und nicht dem Petrus sei der Herr zuerst erschienen,
sondern eben der Magdalenerin. Nach dieser Version kam sie zum Grab, sah, daß
der Stein weggewälzt war, dachte sofort an Leichenräuber und alarmierte
Petrus. Der lief sofort hin. Er fand das Grab leer, aber gut aufgeräumt; das
schließt Leichenräuber eigentlich aus. Das Schweißtuch sei sogar sorgfältig
zusammengelegt gewesen..."
"Die
Leichentücher waren also noch da?"
"Ja,
die waren noch da."
"Und
Petrus? Wie hat er reagiert?"
"Der
habe sich gewundert, sagte mein Gewährsmann."
"So,
so, gewundert. Wundert mich gar nicht. Und die Magdalenerin? Wie war das mit
der angeblichen Ersterscheinung? Oder ist darüber auch nichts Näheres herauszufinden
wie bei Petrus?"
"Doch,
das ist eine Geschichte so ähnlich wie die von den beiden Emmauswanderern.
Nachdem Petrus wieder weg war, habe die Magdalenerin, so erzählt man, auf einmal
einen Mann erblickt, den hielt sie zunächst für den Gärtner. Der sprach sie an
und fragte, warum sie weine. Da habe sie ihn angefleht, er möchte ihr doch
sagen, wohin er die Leiche gebracht habe; sie wolle sie holen."
"Am
dritten Tag noch?", wirft der ein, der es immer genau nimmt.
Aber
der Erzähler fährt fort: "Darauf redete der Mann sie mit ihrem Namen an
und in diesem Augenblick erkannte sie, wen sie vor sich hatte. Sie faßte nach
seinem Gewand ..."
"Moment!
Was ist das für eine Erscheinung, die man am Gewand fassen kann?"
"Die
Erscheinung kann ja auch essen und sich anschließend in Luft auflösen",
antwortet ein anderer spöttisch.
Dann
fährt der Hausherr fort: "Aber der Mann sagte, sie solle ihn nicht
festhalten und den andern mitteilen, daß er hinaufgehe zu seinem Vater. Und das
habe sie gleich erledigt. Mein Gewährsmann für diese Geschichte erzählt übrigens auch von der Erscheinung am
Abend des ersten Wochentags, aber ohne das Fischessen; stattdessen behauptet
er, die Erscheinung habe die Versammelten angehaucht und ihnen so den heiligen
Geist verliehen."
"Du
scheinst dich für diese Geschichten ja mächtig zu interessieren," sagt
jetzt einer aus der Runde, "was hältst du denn davon?"
"Ich
weiß nicht, was ich davon halten soll," antwortet der Hausherr
zurückhaltend. "Einiges ist unklar, einiges in diesen Geschichten ist
widersprüchlich. Aber eines scheint mir sicher: Es sind merkwürdige Dinge im
Gang!"
In
der Tat: Es waren merkwürdige Dinge im Gang. Zur gleichen Zeit nämlich saßen in
einem anderen Stadtteil Jerusalems einige Anhänger des angeblich Auferstandenen
hinter verschlossenen Türen zusammen, unter ihnen auch ein gewisser Thomas,
genannt Didymos... Der Tischrunde des Clemens sollte der interessante
Gesprächsstoff nicht zu schnell ausgehen.
2. Die Frauen am Grab
Mit
meiner Geschichte von der fiktiven Tischrunde in Jerusalem zur Zeit der Ereignisse,
um die es uns geht, habe ich versucht, einen kleinen Eindruck von der Vielfalt
der Osterüberlieferungen zu vermitteln, die uns das Neue Testament aufbewahrt
hat, und auch einen Eindruck von den Schwierigkeiten und Fragen, die sich bei
einer unbefangenen Lektüre dieser Überlieferungen geradezu aufdrängen müssen.
Wir können nicht alle behandeln, und so beschränke ich mich auf die
Überlieferung von den Frauen am Grab. Auf diese konzentriert sich auch eine
jüngst wieder neu aufgeflammte Diskussion. In dieser kann man die
unterschiedlichsten Urteile über die historische Zuverlässigkeit der Ostererzählungen
hören, auch von Seiten der Fachleute. Das neueste Heft von "Bibel und Kirche"
z.B. enthält einen Beitrag von Karheinz Müller, in dem dieser kategorisch
erklärt, es sei "kein wissenschaftlich vernünftiger Zweifel daran
möglich, daß sie [die Ostererzählungen] ohne Ausnahme sekundäre Bildungen späterer
urchristlicher Gemeinden sind"; diese wollten "keinerlei historische
Ansprüche erheben".
Diese Einschätzung teile ich nicht; mir scheint im Gegenteil, daß der
"wissenschaftlich vernünftige Zweifel" an dieser Behauptung nicht nur
möglich ist, sondern gefordert. Die historische Wahrscheinlichkeit spricht m.E.
durchaus für die Annahme, daß die Ostererzählungen nicht einfach nur fiktive
Geschichten zur Veranschaulichung von Glaubenssätzen sind, sondern auf historischen
Begebenheiten basieren. Selbst Gerd Theißen und Annette Merz, die man
wahrhaftig nicht als konservative Fundamentalisten verdächtigen kann, tendieren
zu diesem Urteil.
Dieses Urteil wird bestätigt durch den Althistoriker Hermann Strasburger, der
darauf hingewiesen hat, daß "gerade die Fülle von historischer
"Unstimmigkeit" in den Evangelien für "zwar wild, aber echt
gewachsene mündliche Kunde" spreche und damit für eine gewisse Glaubwürdigkeit.
Dies zeigt sich nirgends deutlicher als in den Osterüberlieferungen.
Nach
diesen Vorbemerkungen wollen wir uns der ältesten Version der Geschichten von
den Frauen am Grab zuwenden, wie sie bei Markus steht (Mk 16,1-8 nach der
Einheitsübersetzung):
Als
der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des
Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu
salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die
Sonne aufging.
Sie
sagten zueinander: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?"
Doch als sie hinblickten, sahen sie, daß der Stein schon weggewälzt war; er
war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite
einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da
erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: "Erschreckt nicht! Ihr sucht
Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier.
Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt
seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort
werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat." Da verließen sie das
Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie
sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.
Wir
wollen diese Geschichte zunächst einfach so betrachten und zu verstehen suchen,
wie sie dasteht, und dann die historische Frage nach der Wahrscheinlichkeit
des Erzählten stellen. Die Frauen, die am
Morgen des ersten Wochentags zum Grab gehen, waren nach Mk 15,40 unter den
Frauen, die von fern bei der Kreuzigung zusahen. Maria von Magdala hatte zusammen
mit einer weiteren Maria auch aufgepaßt, wo man Jesus beisetzte (Mk 15,47). Die
Erzählung setzt voraus, daß man bei dieser Beisetzung die übliche Salbung
unterlassen hatte und daß die Frauen dies jetzt, nach Ablauf des Sabbat,
nachholen wollen. Die arómata, von
denen im Text die Rede ist, sind stark duftende Salben, die man auf Kräuterbasis
herstellte im Unterschied zum myron,
das auf Ölbasis hergestellt war. Darum ist die Übersetzung mit "wohlriechende
Öle" (Einheitsübersetzung) falsch, richtig dagegen
"Duftkräuter" (F. Stier). Früher hieß es "Spezereien". Sie
dienten dazu, den Leichengeruch zu überdecken.
Nun
wird in allen modernen Untersuchungen zu dieser Perikope betont, wie
unrealistisch dieser Zug der Erzählung sei. Rudolf Pesch schreibt: "Bei
der raschen Verwesung von Leichen im Orient, wäre eine Totensalbung anderthalb
Tage nach der Bestattung - ein Vorgang ohne Parallele - heikel; auch wenn man
mit besserer Konservierung einer Leiche in einem kühlen Felsengrab im Frühjahr
rechnen darf, bleibt das den Frauen zugeschriebene Ansinnen analogielos."
Darum habe Matthäus diesen Zug gestrichen. Er habe bei Markus nur den
erzählerischen Zweck, den Gang der Frauen ins Grab hinein zu motivieren.
Marie-Joseph Lagrange, der viele Jahre im Heiligen Land gelebt hat, erklärt
schlicht: "On fait ce qu'on peut."
"Man tut, was man kann." Auch mir will dieser Zug so absurd nicht
scheinen. Denken wir doch nur an die Auferweckung des Lazarus in Joh 11. Dort
verlangt Jesus, man solle den Stein vom Grab des Lazarus wegnehmen. Da sagt
Martha ihren berühmten Spruch: "Herr, er riecht schon, denn es ist bereits
der vierte Tag" (wörtlich: "Er ist ja schon ein Viertägiger!")
(Joh 11,39). Aber auf Jesu Verlangen hin öffnet man das Grab doch. Und bei
Lazarus ist es nicht der dritte, sondern schon der vierte Tag!
Aber
die Gelehrten haben noch einen zweiten unwahrscheinlichen Zug in der
Geschichte gefunden: daß die Frauen sich erst auf dem Weg überlegen, wer ihnen
den Stein vom Grab wälzen soll. Auch diesen Zug deutet man als erzählerischen
Kunstgriff zur Spannungssteigerung. Das mag ja sein; aber die Frauen konnten
z.B. auf einen Bauern hoffen, der frühmorgens an seine Arbeit ging. Im übrigen
sehe ich in diesem Zug gar nichts Unwahrscheinliches; im Gegenteil, er scheint
mir äußert realistisch. Eine solche Gedankenlosigkeit können wir tagtäglich an
uns selbst und an unseren Mitmenschen beobachten. Ein Kollege hat in diesem Zusammenhang
an den vergessenen Reisepaß auf dem Flughafen erinnert.
Als
sie beim Grab ankommen, ist der Stein schon beiseite gerollt, und die Frauen
gehen ohne Umstände ins Grab hinein. Das Erschrecken kommt erst, als sie den
Engel sehen. Denn daß es ein Engel ist, das macht der Erzähler durch das Motiv
des weißen Gewandes deutlich. Weiße Kleider kennzeichnen himmlische Wesen. So
tragen die Engel in Apg 1,10 und die 24 Ältesten in Offb 4,4 weiße Kleider, und
in Mk 9,3 wird die Verwandlung Jesu in eine himmlische Gestalt durch das Motiv
des Weißwerdens seiner Kleider angezeigt. Die rechte Seite, auf der der
Engel sitzt, ist natürlich die glückverheißende Seite.
Wenn
Menschen himmlischen Wesen begegnen, erschrecken sie zunächst, so auch hier.
Dabei wird hier mit dem starken Wort ekthambeisthai
nicht ein alltäglicher Schrecken ausgedrückt, sondern ein Schrecken, der
einem "in die Glieder fährt", wie wir sagen, ein tiefer Schauder. Der
Engel will die Frauen beruhigen, und mit seiner Botschaft erreicht die
Erzählung ihren Höhepunkt. Diese Botschaft ist mit einer kaum zu überbietenden
Sachlichkeit formuliert; der Engel spricht wie ein Geschäftsmann oder ein
Hotelportier, der es gewohnt ist, sich auf die nüchterne Schilderung der
Sachlage und die Aufzählung der Fakten zu beschränken. Dabei zeigt das
"schau!" (nicht: "seht!", wie die Einheitsübersetzung
glättend schreibt), daß der Engel die schlichte Umgangssprache benützt:
"Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden,
er ist nicht hier. Da, schau, der Platz, wo man ihn hingelegt hatte." Mit
dem sachlichen Ton der Mitteilung kontrastiert die Ungeheuerlichkeit des
Mitgeteilten. Dies gilt natürlich nur auf der Ebene der Erzählung. In der
Sache sagt der Engel ja nichts anderes als das, was die urchristliche
Verkündigung sagte: "Er ist auferstanden!" Die ganze Geschichte
dient der narrativen Veranschaulichung und Bekräftigung dieser Aussage, des
fundamentalen Glaubensatzes der Christenheit bis heute. Allein um dieser
Aussage willen ist sie erzählt worden. Darum ist es eigentlich nicht ganz
richtig, wenn man diese Perikope "die Erzählung vom leeren Grab"
nennt. Denn erstens war das Grab ja gar nicht leer; ein Engel war drin. Und
zweitens geht es in der Geschichte nicht primär um die verschwundene Leiche,
sondern um die Botschaft: Er ist auferstanden! Und die Wahrheit dieses
Satzes wird durch die Autorität dessen unterstrichen, der ihn verkündet: Wird
denn ein Engel lügen? Nur weil die Menschen so langsam im Begreifen sind (Lk
24,25!) und immer alles sehen wollen
("Ich glaube nur, was ich sehe!"), weist der Engel noch auf die leere
Grabbank hin. Es ist also nicht so, daß die Frauen aus dem leeren Grab auf die
Auferstehung schließen, sondern so, daß der Hinweis auf die leere Grabbank nur
den Satz von der Auferstehung bestätigen und veranschaulichen soll. Wer einem
Engel nicht glauben will, dem zeigt man zusätzlich noch ein leeres Grab.
Merkwürdig
ist der Schluß der markinischen Geschichte: Die Botschaft des Engels erfüllt
die Frauen nicht mit Freude, wie man zunächst erwarten würde. Im Gegenteil, sie
stürzen voll Entsetzen aus dem Grab und fliehen. Sie denken nicht daran, den
Auftrag des Engels auszuführen. "Sie sagten niemand nichts, voll Furcht,
wie sie waren". Mit diesem seltsamen Schluß endete ursprünglich das ganze
Evangelium; der Rest ist eine Ergänzung, die erst etwa 100 Jahre später
hinzugefügt wurde (der sogenannte "kanonische Markusschluß").
Was
wollte der Evangelist mit diesem merkwürdigen Schluß sagen? Denn selbst wenn
die Frauen geschwiegen haben - die Sache ist ja bekannt geworden, wie die
Erzählung des Evangelisten selbst beweist. Vielleicht ist das auch schon alles,
was der Evangelist damit sagen wollte: Die Sache konnte nicht verborgen bleiben, auch wenn Menschen sie totschweigen
wollten. Oder wollte Markus die Frauen einfach gegen den Vorwurf der Sensationsgier
schützen und damit der Sache mehr Glaubwürdigkeit verleihen? Es ist eben kein Weibergeschwätz, wie die Jünger zunächst
glaubten (Lk 24,11). Die Frauen waren ja entschlossen, den Mund zu halten -
ausgerechnet da, wo sie einmal reden sollten! Was immer der Sinn dieses
Schlusses sein sollte, eins hat Markus damit jedenfalls erreicht: Der Leser muß
nachdenken, es läßt ihn nicht in Ruhe. Und diese Geschichte soll uns ja auch nicht in Ruhe lassen.
Der Leser soll sich am Schluß nicht beruhigt in den Sessel zurücklehnen: Ende
gut, alles gut! Er soll unruhig werden und nachdenken: Was bedeutet das alles -
für mich?
3. Die historische Frage
Unsere
Betrachtung der Geschichte, wie sie dasteht, hat deutlich gezeigt: In der
Engelserscheinung gipfelt die ganze Geschichte, nur um ihretwillen ist sie
überhaupt erzählt. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich: In den Augen des Evangelisten
hat das leere Grab für sich gesehen keine Bedeutung; bedeutsam wird es nur in
Verbindung mit dem Glauben an die Auferstehung. Das leere Grab kann die Auferstehung
nicht beweisen (zumal es genug andere Möglichkeiten gibt, sich ein leeres Grab
zu erklären); es setzt, richtig verstanden, den Glauben an die Auferstehung
vielmehr voraus. Aber es bleibt immer noch die Frage: War das Grab nun tatsächlich
leer oder ist die ganze Geschichte eine Legende
zur Veranschaulichung des Satzes: "Er ist auferstanden"?
Gegen die Historizität
des leeren Grabes werden im wesentlichen zwei Gründe angeführt:
1.
Man sagt, Paulus erwähne das leere Grab nicht. Nun, Paulus erwähnt noch viel
nicht. Das ist ein argumentum e silentio, und ein sehr schwaches dazu. Der
Befund spricht m.E. eher für das Gegenteil. In dem berühmten Zeugnis in
1 Kor 15,4 betont Paulus das Begrabenwerden Jesu vielleicht nur deswegen
so sehr, weil er an das leere Grab erinnern will.
2.
Die schon behandelten unwahrscheinlichen Züge in der Erzählung
(Salbungsabsicht; "Wer wird uns den Stein wegwälzen?"). Wie wir
gesehen haben, sind diese gar nicht so unwahrscheinlich.
Für die Historizität
des leeren Grabes führt man gewöhnlich folgende Gründe an:
1.
Auch die Gegner der Christen haben nie bestritten, daß das Grab leer war; sie
haben diese Tatsache nur anders erklärt. So hat man z.B. behauptet, die Jünger
hätten die Leiche heimlich aus dem Grab entfernt. Das läßt sich aus Mt
27,62-66 entnehmen: Nach dieser Darstellung erbitten sich die Pharisäer von
Pilatus eine Grabwache, damit seine Jünger nicht hingehen, den Leichnam
stehlen und dann behaupten, er sei von den Toten auferstanden (27,64). Die
ganze Geschichte von den Grabwächtern ist offenbar eine apologetische Legende,
die diesen jüdischen Vorwurf entkräften soll; hier wird eine Legende mit einer
Legende bekämpft. Freilich ist es eine eindrucksvolle Legende, die in der
christlichen Tradition noch eine weitere Funktion erhalten hat: Sie soll den Sieg Christi über alle irdischen Widersacher
symbolisieren. Dafür war sie glänzend geeignet. Man denke nur an die vielen
mittelalterlichen Darstellungen, in denen Christus, die Siegesfahne in der
Hand, seinen Fuß auf den Grabrand setzt, während die Soldaten zur Seite purzeln!
Es geschieht nicht oft, daß ein nackter Toter eine Schar bewaffneter Soldaten
außer Gefecht setzt.
Eine
weitere polemische Behauptung, die das leere Grab nur anders erklären will,
überliefert Tertullian in seiner Schrift De spectaculis 30,6. Danach soll der
Gärtner die Leiche beiseite geschafft haben, damit die vielen Besucher seine
Salatpflanzen nicht zertrampeln.
2.
Ein zweites Argument für die Realität des leeren Grabes lautet: Die Behauptung
der Auferstehung Jesu impliziert nach jüdischer Auffassung das Leersein des
Grabes, da nach jüdischer Auffassung Auferstehung
immer leibliche Auferstehung war. Also mußte das Grab leer sein, wenn man
diese Botschaft glaubhaft machen wollte. Dieses Argument scheint mir entscheidend.
3.
Ein drittes Argument für das leere Grab sagt schließlich: Es wurde von Frauen
entdeckt. Frauen waren nach jüdischem Recht nicht zeugnisfähig. Wenn die
Entdeckung eine Erfindung wäre, dann hätte man Männer als Finder auftreten
lassen, um die Geschichte glaubwürdiger zu machen.
Dieses
Argument ist m.E. allerdings das schwächste von allen. Da es keinen Gerichtsprozeß
gab zur Untersuchung der Sache, spielt es auch keine Rolle, ob Frauen vor
Gericht zeugnisfähig sind oder nicht. Viel wichtiger ist die Überlieferung,
daß die Jünger die Nachricht der Frauen, das Grab sei leer, zunächst für leeres
Geschwätz hielten (Lk 24,11). Aber auch, nachdem einige Männer die Sache
nachgeprüft haben und die Aussagen der Frauen bestätigt finden, wundern sie
sich zwar, kommen aber nicht auf den Gedanken, das könnte ein Hinweis auf die
Auferstehung sein (Lk 24,12.22-24). Es spielt also offensichtlich keine Rolle,
ob Männer oder Frauen als Zeugen dieses Sachverhalts auftreten. Was man nicht
wahr haben will, das glaubt man einem Mann so wenig wie einer Frau, heute wie
damals. Es gibt also aufs Ganze gesehen zwei schwache Gründe, die gegen eine
Historizität des leeren Grabes sprechen, und zwei starke Gründe, die für sie
sprechen. Damit ist die Sache für den Historiker eigentlich klar. Daß heute
dennoch selbst ernsthafte Exegeten davon ausgehen, daß unsere Geschichte keinen
historischen Kern hat, hängt m.E. nicht so sehr mit einer anderen Einschätzung
des historischen Befundes zusammen, sondern vielmehr mit einer
weltanschaulichen Vorentscheidung. Hier dürften zwei Vorurteile den Ausschlag
geben:
Erstens
halten viele Wunder, vor allem aber Naturwunder, für unmöglich, und zweitens
glauben viele nicht an die Wirklichkeit von Engeln. Ich halte beide Vorurteile
für ungerechtfertigt. Naturwunder kann man nicht von vornherein für unmöglich
erklären, und ich glaube auch, daß es so etwas wie Engel wirklich gibt. Das
heißt nicht, daß ich jedes behauptete Naturwunder, auch nicht jedes in der
Hl. Schrift, für historisch halte. Aber ich kenne keinen philosophischen oder
naturwissenschaftlichen Grund, der Naturwunder völlig ausschließt, und es gibt
genug zuverlässig bezeugte Naturwunder - man lese nur ein wenig in guten
Heiligenbiographien. Im übrigen muß ich das für wirklich geschehen nehmen,
was zuverlässig bezeugt ist. Wir müssen uns einfach klarmachen, daß eine
übertriebene, kritiklose Wundergläubigkeit
ebenso ein dogmatisches Vorurteil ist, wie eine übertriebene, kritiklose Wunderungläubigkeit. Weil ich also von diesem
Vorurteil ausgehe, sehe ich keine Schwierigkeit, die Entdeckung des leeren
Grabes samt der Engelserscheinung im wesentlichen so, wie sie Markus erzählt,
für historisch zu halten. Die historischen Gründe, die für diese Annahme
sprechen, haben wir ja behandelt.
Entscheidend
ist freilich nicht so sehr, was am Ostermorgen im einzelnen geschehen ist; entscheidend
ist, daß wir begreifen, was das Hauptereignis dieses Morgens bedeutet. Dazu müssen wir uns an das
erinnern, was wir zum Auferstehungsglauben im Frühjudentum gesagt haben.
Auferstehung konnte man sich im Judentum nur als gemeinschaftliches Ereignis am
Jüngsten Tag vorstellen, jenes Ereignis, mit dem der neue Äon inauguriert
werden sollte und die Welt wieder neu erstehen in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit.
Wenn Jesus an jenem dritten Tag wirklich auferstanden ist als
"Erstgeborener der Toten" (Offb 1,5), dann muß das alles irgendwie
eingetreten und Wirklichkeit geworden sein. Das hat G.K. Chesterton einmal in
der ihm eigenen originellen Weise so formuliert: "Als die Freundinnen
Christi am dritten Tag bei Tagesanbruch zum Grab kamen, fanden sie es leer und
den Stein weggerollt. In unterschiedlicher Weise begriffen sie das neue
Wunder; doch selbst sie begriffen schwerlich, daß die Welt in der Nacht
gestorben war. Was sie erblickten, war der erste Tag einer neuen Schöpfung mit
einem neuen Himmel und einer neuen Erde; und in der Gestalt eines Gärtners ging
Gott wieder durch den Garten, in der Kühle nicht des Abends, sondern der
Morgendämmerung."
In sachgemäßer Allegorese sieht Chesterton im Garten von Getsemani das
Paradies.
Wie Gott damals, beim Sündenfall, in der Kühle des Abends durch den Garten ging
(Gen 3,8), so jetzt in der Kühle des Morgens (Joh 20,11-18). Dazwischen liegt
die lange Nacht der vom Sündenfall gezeichneten Menschheitsgeschichte; sie
ist mit dem Ostermorgen potentiell vergangen. Und das ist es ja auch, was das
deutsche Wort "Ostern" und das englische "Easter" bedeuten:
Morgenröte, Morgendämmerung.
An Ostern feiern wie die Morgendämmerung der neuen Schöpfung. In der Kirche, wo
sie wirklich Kirche ist, dürfen wir diese neue Schöpfung erleben. Im Geist und
in der Gemeinschaft der Heiligen ist sie verwirklicht.
Literatur
Essen, G.: Historische Vernunft und Auferweckung Jesu. Theologie
und Historik im Streit um den Begriff geschichtlicher Wirklichkeit (TSTP 9),
Mainz 1995.
Kremer, J.: Die Osterevangelien - Geschichten um Geschichte,
Stuttgart 1977.
Theißen, G. / Merz, A.: Der
historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 1996, 415-446.