Christus

Dr. Ludwig Neidhart

"Für viele vergossen" - die neuen Wandlungsworte


Vortrag, gehalten am Dienstag, den 11.06.2013 in Augsburg, Haus St. Ulrich


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1. Biblischer Befund:

 

In der Überlieferung der Abendmahlsworte bei Matthäus (26,28) und Markus (14,24) sagt Jesus beim Kelchwort, sein Blut werde „für viele“ vergossen. Bei Lukas (22,19) heißt es: „für euch“. Bei Paulus (1 Kor 11,24) fehlt eine Angabe darüber, für wen Christi Blut vergossen wird. Bei der katholischen Eucharistiefeier zitiert der Priester eine Mischform der Abend­mahls­worte aus Matthäus/Markus und Lu­kas: „für euch und für viele“, wobei das Wort „viele“ seit Erscheinen des Deutschen Messbuches 1975 in Deutschland durch „alle“ ersetzt ist: „für euch und für alle“.

 

Übersicht über die verschiedenen Formen der Abendmahlsworte Jesu:

 

Matthäus 26,26-28:

„Nehmt und esst; das ist mein Leib.“

„Trinket alle daraus: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

 

Markus 14,22-24:

„Nehmt, das ist mein Leib.“

„Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“

 

Lukas 22,19-20:

„Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

„Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“

 

Paulus in 1 Kor 11,24-25:

„Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“

„ Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

 

Eucharistiefeier im Römischem Ritus

Zeichenerklärung:  +: Lateinischen Urtext des alten und neuen Ritus, der in der deutschen Adaption weggelassen wird.  ++: Lateinischer Urtext des alten Ritus, der im neuen Römischen Ritus (von 1970) weggelassen wird. *: Text der deutschen Adaption des neuen Ritus, gehört nicht zum lateinischen Urtext.

„Nehmet und esset alle davon: Das ist (+ nämlich) mein Leib, der für euch hingegeben wird.“

„Nehmet und trinket alle daraus: Das ist (+ nämlich) der Kelch (+ meines Blutes) des neuen und ewigen Bundes (++ Geheimnis des Glaubens), (* mein Blut),  das für euch und für (+ viele) (* alle) vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

 

Evangelisches Abendmahl:

„Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“

„Nehmet hin und trinket alle daraus: Das ist mein Blut des neuen Testaments (= Bundes), das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, sooft ihr′s trinket, zu meinem Gedächtnis.“

 

Eucharistiefeier im Byzantinischen Ritus (Chrysostomus-Liturgie, die Standardliturgie in der orthodoxen Kirche):

„Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.“

„Trinkt alle daraus, das ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

 

 

Was waren die wahren Worte? Andere Quellen als die biblischen Berichte und die frühen Liturgien in Ost und West haben wir nicht, und diese Quellen stim­men zum größten Teil überein. Wie erklären sich aber die Unterschiede? Wenn Jesus – wie es wahrscheinlich ist – beim letzten Abend­mahl über Brot und Wein einen längeren Text gesprochen hat, könnten die Unterschiede der Einsetzungsworte bei Pau­lus und in den Evangelien (Mt 26,26-28; Mk 14,22-24; Lk 22,19-20; 1 Kor 11,24-25 sowie in den liturgischen Texten da­durch er­klärt werden, dass jeweils verschiedene Teile der Rede Jesu weggelassen wurden; in diesem Fall wären alle über­lie­fer­ten Wor­te authentisch.

 

Dies wäre z.B. der Fall, wenn Jesus über das Brot gesprochen hätte:

Nehmet und esset alle davon: Das ist nämlich mein Leib, der für euch hingegeben und gebrochen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.

 

Und über den Kelch:

Nehmet und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Das ist nämlich der Kelch meines Blutes, und mein Blut ist das Blut des neuen und ewigen Bundes − Geheimnis des Glaubens − das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies, so oft ihr dies tut und daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

 

 

2. Geschichtliches

 

1965: Nach dem Ende des Zweitem Vatikanischen Konzils wurden in den folgenden Jahren die liturgischen Texte in die Lan­des­sprachen übertragen. Dabei genehmigten viele Bischofskonferenzen eine Übersetzung des Kelchwortes, in der das Wort „viele“ durch „alle“ ersetzt wird. Die deutsche Fassung (im Deutschen Messbuch 1975) lautete: „Dies ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Im Lateinischen Grund­text bleibt es bei „pro multis“ (für viele), auch ins Polnische und Russische wurde „für viele“ wortgetreu übersetzt. In den meis­ten Sprachen entsprach die Über­setzung aber dem deutschen Text „für alle“ (Englisch: „for all“, Italienisch: „per tutti“, Spa­nisch: „por todos“), im Fran­zö­si­schen lautete die Übertragung: „für die Vielheit“ („pour la mul­ti­tude“). In der Bevölkerung verstand man die neue Übersetzung häufig aus Ausdruck der Überzeugung, dass alle Menschen ohne weiteres gerettet werden.

 

Exegetischer Grund für die Neuübersetzung und Kritik an dieser Begründung. Joachim Jeremias (1900-1979) erklärte 1956: „viele“ bedeute in biblischer Sprache dasselbe wie „alle“, womit er viele damalige Exegeten überzeugte.[1]

Heute je­doch besteht darüber kein Konsens mehr und die sprachliche Angemessenheit der Wiedergabe „für alle“ kann aus vielen Gründen in Zweifel gezogen werden. Zunächst gibt es im Griechischen und Hebräischen verschiedene Worte für „viele“ und „alle“ (Griechisch: viele = „polloi“; alle = „pas“; Hebräisch: viele = „rabbim“; alle = „kol“), und es besteht zwischen diesen keine Synonymität: Wie im Deutschen ist „viele“ auch in diesen Sprachen ist eine Größenbestimmung, „alle“ bezeichnet dagegen die Ab­ge­schlos­sen­heit einer Gesamtheit. Wenn die Gesamtheit nur aus wenigen (z.B. drei Individuen) besteht, ist „alle“ keineswegs mit „viele“ identisch, sondern dann sind „alle“ wenige. Speziell bei Matthäus stehen zudem im Abendmahlsbericht die griechischen Worte für „alle“ und „viele“ direkt nebeneinander: Trinkt alle daraus ... das ist beim Blut für viele“, weshalb hier ein Unterschied vorliegen sollte.[2]

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass man in den approbierten Bibelübersetzungen (z.B. der Einheitsübersetzung) sich niemals getraut hat, das Kelch­wort Jesu bei Matthäus und Markus mit „für alle“ wiederzugeben, obgleich man die Abendmahlsworte in der Liturgie mit „für alle“ zitierte. Das kann in der Hl. Messe bei aufmerksamen Zuhörern für Irritationen sorgen, wenn in der Lesung des Evan­ge­li­ums das Kelchwort Jesu aus der Bibel (mit „für viele“) zitiert wird, es aber später bei der Wandlung heißt, Jesus habe gesagt: „für alle“. In der Lesung kommt Mt 26,28 („für viele“) z.B. am Palmsonntag im Le­se­jahr A vor, und Mk 14,24 („für viele“) am Palm­sonntag im Leseahr B.

Eine weitere Überlegung ist nun die, dass es selbst dann, wenn Christus mit dem Wort „viele“ wirklich alle gemeint hat, pro­ble­ma­tisch wäre, das von Christus ausgesprochene Wort „viele“ mit „alle“ wiederzugeben. Denn das wäre dann so ähnlich, wie wenn re­for­mierte Christen, welche glauben, dass das Eucharistische Brot nicht wahrhaft der Leib Christi ist, sondern nur ein Zeichen für den nicht real anwesenden Leib Christi, eine neue Bibelübersetzung anfertigen würden, in der sie die Worte Je­sus wiedergeben mit „Dies bedeutet mein Leib“. Tatsächlich tun dies die diesbezüglich in der reformierten Tradition stehenden ‚Zeu­gen Jehovas“ in ihrer Neuen-Welt-Übersetzung, was von Katholiken immer scharf kritisiert wurde. Aber dürf­ten wir denn hier Kritik üben, wenn wir selbst die Bibelworte „für viele“ mit „für alle“ wiedergeben? Die meisten Re­for­mier­ten haben in ih­ren Bibelübersetzungen „Das ist mein Leib“, auch wenn sie glauben, dass das Wörtchen „ist“ hier von Jesus im Sin­ne von „be­deu­tet“ gemeint ist. Und diese Treue zum Text ist doch zu begrüßen. Man sollte also Übersetzung und Aus­le­gung trennen; die Ver­mengung von Übersetzung und Auslegung ist selbst dann kritikwürdig, wenn die Auslegung richtig sein sollte.

Die jetzige Wendung „für euch und für alle“ in der Eucharistiefeier ist schließlich auch vom Sinn her fragwürdig: zu „für alle“ braucht man „für euch“ nicht hinzuzufügen, es würde „für alle“ genügen. Dagegen liefert die Wendung „für euch und für viele“ zwei sinnvolle Informationen: erstens sind es viele, für die Christus sein Blut vergoss, zweitens seid ihr dabei.

 

2001: Bereits im März 2001, noch unter Papst Johannes Paul II., wurde in der Instruktion „Liturgiam authenticam“ der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vorgeschrieben, dass bei einer Revision der volkssprachlichen Messbuchausgaben auf eine genaue Übersetzungen des lateinischen Textes geachtet werden soll.

 

2006: Kardinal Francis Arinze, der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakra­men­ten­ordnung, teilte am 17. Oktober 2006 im Auftrag von Papst Benedikt XVI. den Vorsitenden aller nationalen Bischofs­kon­fe­ren­zen mit, dass die Worte welt­weit wieder gemäß der lateinischen Fassung „pro multis“ in der jeweiligen Landessprache in „für euch und für viele ver­gos­sen“ geändert werden müssten. Zugleich bat die römische Kongregation im Jahre 2006 die na­ti­onalen Bischofskonferenzen,  „in den nächsten ein bis zwei Jahren [d.h. bis 2008] eine geeignete Katechese anzubieten, da­mit sie auf die Einführung einer prä­zisen landessprachlichen Übersetzung der Formel des pro multis (z.B. ‚for many’, ‚per mol­ti’, ‚für viele’ bzw. ‚für die Vie­len’) vorbereitet werden“, da in den „nun anstehenden Übersetzungen des Römischen Mess­buchs … diese neue Formel zur An­wendung“ komme. Eine solche Katechese wurde jedoch im gewünschten Zeitraum an­schei­nend nirgendwo in Deutschland durchgeführt, auch deshalb, weil der Wunsch des Hl. Vaters nach eine Revision der Wand­lungs­worte selbst bei den Bischöfen nicht auf einhellige Zustimmung stieß. Daher wandte sich Benedikt XVI. 2012 nochmals an die deutschen Bischöfe:

 

2012: Mit einem Brief vom 24.04.2012 an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz hat Papst Benedikt XVI., um einer ... Spaltung im innersten Raum unseres Betens zuvorzukommen“,  definitiv entschieden, „dass bei der neuen Über­set­zung des Missale das Wort ‚pro multis’ als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden müsse. An die Stelle der interpretativen Auslegung ‚für alle’ muss die einfache Übertragung ‚für viele’ treten.“ 


Der Papst bittet die Bischöfe „dringendst darum“, eine entsprechende „Katechese jetzt zu erarbeiten, um sie dann mit den Pries­tern zu besprechen und zugleich den Gläubigen zugänglich zu machen.“

 

Die Umsetzung dieser Forderung: Fast überall ist die gewünschte Änderung mittlerweile erfolgt, so im Englischen, Spa­ni­schen, und Ungarischen (dort wurden Klebezettel benutzt), in Mexiko z.B. wurde 2008 „por todos“ durch „por muchos“ er­setzt.[3] Nur in Italien und im deutschen Sprachraum steht die Änderung noch aus; in Deutschland allerdings steht „für viele“ be­reits im neu­en Gotteslob, das im Herbst dieses Jahres herauskommt. Und wenn die bereits vorbereitete Neuübersetzung des Messbuch erscheinen wird, wird auch dort „für alle und für viele“ stehen; erst von diesem Zeitpunkt an (dann aber definitiv) wer­den die Priester im deutschen Sprachgebiet gehalten sein, die originalen Worte „für euch und für viele“ zu be­nut­zen.

 

 

3. Argumente für die Ersetzung von „für viele“ durch „für alle“:

 

Die Hauptargumente, die für die vom Papst gewünschte Änderung sprechen, sind kurz gesagt folgende drei:

 

1.  das Traditionsargument: Die Rückkehr zu den Originalworten Jesu gemäß den uns überlieferten Bibeltext ist Ausdruck der Bibeltreue. Wie schon unter Punkt 2 näher begründet, bedeutet „alle“ und „viele“ nicht dasselbe, und in der Bibel benutzt Jesus das Wort „viele“. Ein formaler Grund, warum Jesus selbst „viele“ benutzt, könnte im Alten Testament zu finden sein: Im Gottesknechtslied Jes 53,4-12 heißt es am Ende (Verse 11-12): „Durch sein Leiden wird mein Knecht viele rechtfertigen ... Darum will ich ihm die Vielen als Anteil geben.“ Diese Worte bezog Jesus  wahrsheinlich auf sich selbst. Wie Papst Benedikt selbst in seinem Brief vom 2012 erläutert hat, entspricht der Gebrauch der Wendung „für viele“ dann einer doppelten Treue zur Bibel: unsere Treue zu den Worten Jesu im Neuen Testament bei Markuns und Matthäus, und Jesus Treue zu den Worten Gottes im Alten Testaments bei Jeremia.

2.  das ökumenische Argument: Die Benutzung des Originaltextes stärkt die Einheit unter den Christen. Die Rückkehr zu den Originalworten der Hl. Schrift stärkt erstens die Einheit der Katholiken untereinander, denn momentan betet man in der lateinischen Messe „für viele“ und in der landessprachlichen „für alle“, außerdem gibt es in verschiedenen Ländern verschiedene Überetzungen; die Rückkehr zu „für viele“ stellt somit hier die Einheit wieder her. Zweitens werden die Originalworte die katholische und die orthodoxe Kirche stärker verbinden, da in der orthodoxen Kirche diese Worte ebenfalls benutzt werden. Drittens verbindet die Rückkehr zu den Originalworten die Katholiken auch stärker mit den evan­ge­lischen und evangelikalen Christen, die ja mit Recht ganz allgemein auf Treue zum Bibeltext großen Wert legen.

3.  das Sinn-Argument: Die Formel „für viele“ kann eine falsche Heilssicherheit abwehren. Das Missverständnis, das sich mit der Wiedergabe des Kelchwortes mit „für alle vergossen“ breit gemacht hat, ist die sog. Allversöhnungslehre, wonach alle Menschen automatisch durch Christi Blut erlöst sind und in den Himmel kommen.  Im Schreiben von Kardinal Francis Arinze, vom 17. Oktober 2006, mit dem die richtige Übersetzung erstmals angemahnt wurde, wird genau dieses Argument angesprochen: „Der Ausdruck ‚für viele’, der offen bleibt, um jeden Menschen in das Heil einzuschließen, bringt deutlicher die Tatsache zum Ausdruck, dass das Heil nicht automatisch geschenkt wird, quasi ohne Einbeziehung des eigenen Willens oder Anteilnahme am Heil. Der Gläubige ist vielmehr eingeladen, in Glauben das Geschenk anzunehmen, welches ihm von Gott angeboten wird, und das übernatürliche Leben zu empfangen, das demjenigen geschenkt wird, der an diesem Mysterium teilnimmt. In seinem Leben ist der Christ eingeladen, dieses Mysterium umzusetzen, um so unter die ‚vielen’ gerechnet zu werden, auf die der Text sich bezieht“. Am Ende komme ich nochmals auf dieses wichtige Argument zurück.

 

 

4. Reaktionen

Eine positive Reaktion auf die bevorstehende Änderung stammt von Bischof Gregor Maria Hanke von Eichstätt (Quelle: Tagespost vom 30. Dez 2006): Hanke wurde gefragt: „Der Vatikan drängt darauf, die Wandlungsworte künftig wörtlich zu übersetzen: ‚für viele’ statt ‚für alle’. Ist das sinnvoll oder eher ein pastorales Problem?“ Darauf antwortete Bischof Hanke: „Wenn der Priester bei der Wandlung die Worte Jesu sozusagen zitierend wiederholt, dann sollte er das wörtlich tun. Mein La­tein­lehrer hätte die jetzige Übersetzung mit Sicherheit rot angestrichen. Ich kann es gut verstehen und begrüße es aus­drücklich, dass im Deutschen jetzt auch die wörtliche Übersetzung ‚für viele’ eingeführt werden soll. Ich halte dieses Anliegen für absolut berechtigt. Man ändert deswegen nicht die Theologie. Der Heilswille Gottes ist in der Tat auf alle Menschen gerichtet, aber es bedarf natürlich immer noch der Entscheidung jedes einzelnen Menschen. Außerdem sollte man bedenken, dass es auch außerhalb der katholischen Kirche – etwa in den reformatorischen Gemeinschaften – überhaupt keine Probleme mit der wörtlichen Übersetzung ‚für viele’ gibt. Die verschiedenen reformatorischen oder anglikanischen Traditionen haben sich alle um eine wörtliche Übersetzung bemüht. Und dort hat man ja schon länger Erfahrung mit der Muttersprache.“

 

Es lässt sich eine ganze Reihe von negativen Reaktionen aus der Presse zusammentragen, z.B.

    „Die katholische Kirche hat eigentlich andere Sorgen als solche Spitzfindigkeiten, die der Lebenswelt der Menschen zunehmend fremd erscheinen“, 

    Als gäbe es in der deutschen Kirche nicht andere Probleme

    Der Papst geht einen Schritt zurück zum Trienter Konzil

    „Ein politischer, kein theologischer Schritt“

    „Jesus starb nicht mehr für alle“

    „Die Diskussion ist beendet, auch wenn die Diskussionen weitergehen werden“.

 

5. Exkurs: Der Vorgang, dass eine gut gemeinte Liturgieänderung aus Rom in der Öffentlichkeit derart falsch verstanden werden und sogar heftigen Protest hervorrufen kann, ist nicht einmalig. Ganz ähnlich war die Lage nach der Änderung der Kar­freitagsfürbitte für die Juden durch Papst Benedikt XVI., so dass dies hier einmal zum Vergleich herangezogen werden kann. Der Karfreitagsgottesdienst hat vier Teile: Lesungen (am Ende die Johannespassion) – Große Fürbitten – Kreuzverehrung – Kommunionfeier. Der Fürbittteil enthält eine Reihe vorgeschriebener feierlicher Fürbitten. Im neuen Messbuch sind dies im Einzelnen Fürbitten für (1) die Kirche, (2) den Papst, (3) die Stände der Kirche, (4) die Taufbewerber, (5) die Einheit der Christen, (6) die Juden, (7) Menschen, die nicht an Christus glauben, (8) Atheisten, (9) die Regierenden und (10) die Notleidenden. In der alten, tridentinischen Messe, die jetzt wieder als „außerordentliche Form des Römischen Ritus“ gefeiert werden darf, waren es Fürbitten für (1) die Kirche, (2) den Papst, (3) die Stände der Kirche, (4) die Regierenden, (5) die Taufbewerber, (6) die Notleidenden, (7) die Häretiker und Schismatiker, (8) die Juden und (9) die Heiden.

Man muss nun in Wesentlichen drei Formen der (seit dem 6. Jahrhundert bezeugten) Fürbitte für die Juden unterscheiden:

 

A. alte Version (enthalten z.B. in der „tridentinische Messe“, die nach dem Konzil von Trient, 1546-1562, durch das Messbuch St. Pius V. 1570 eingeführt wurde, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Missale_Romanum)

„Lasset uns auch beten für die treulosen/ungläubigen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“  (lat: Oremus et pro perfidis Judaeis, ut Deus et Dominus noster auferat velamen de cordibus eorum, ut et ipsi cognoscant Jesum Christum Dominum nostrum.) 

[Stille bzw. seit 1956 Kniebeuge]

„Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.“

Die unterstrichenen Adjektive waren in Anlehnung an Bibelstellen formuliert; vgl. Jes 48,8; Röm 11,7-10; Röm 11,25; 2 Kor 3,14-15. Das Wort „perfidus“ (treulos/ungläubig) wurde seit 1960 auf Anweisung von Papst St. Johannes XXIII. weggelassen, insbesondere steht es nicht mehr in der letzten aktualisierten Form der tridentinischen Messe von 1962. In dieser Form – ohne perfidis – wird es heute in der kirchlich nicht voll anerkannten Piusbruderschaft gebetet.

Das perfius (Treulos) war missverständlich: Man konnte der Text so missverstehen, dass er unterstellt, alle Juden wären treulos, so als ob Treulosigkeit gewissermaßen ein Wesensmerkmal eines jeden Juden wäre. So war es aber natürlich nicht ge­meint; bei gutwilliger Auslegung konnte man den Text so verstehen, dass man nur für einen Teil der Juden Fürbitte einlegt, nämlich für diejengen, auf die das Adjektive der Treulosigkeit zutrifft, während die „treuen“ Juden das Gebet nicht nötig haben. Ein analoger Fall wäre es, wenn jemand für „die abtrünnige Christen“ betet; ein solcher will in der Regel nicht unterstellen, dass alle Christen abtrünnig sind, sondern schließt nur diejenigen Christen in sein Gebet ein, auf die das zutrifft.

B. neue Version (nach dem 2. Vatikanischen Konzil 1962-1965, eingeführt durch das Messbuch Pauls VI. 1970)

 

„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“


[Beuget die Knie. – Stille – Erhebet Euch.]


„Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

 

Es fällt auf, dass die Juden hier nicht nur nicht mehr als „treulos“ bezeichnet werden, sondern dass geradezu das genaue Gegenteil vorausgesetzt wird, nämlich das die Juden Gott „treu“ sind und nur noch in dieser Treue bewahrt werden müssen.

 

C. von Papst Benedikt XVI. 2008 für die Tridentinische Messe vorgeschriebener geänderter Text:

„Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen.“ (lat: Oremus et pro Iudaeis. Ut Deus et Dominus noster illuminet corda eorum, ut agnoscant Iesum Christum salvatorem omnium hominum).


[Beuget die Knie – Stille – Erhebet Euch.]


„Allmächtiger ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

Diese Änderung betrifft nicht die Feier der gewöhnlichen neue Messe, die nach dem Willen des Papstes der Regelgottesdienst (die „ordentliche Form des römischen Ritus“) bleiben soll, sondern sie betrifft nur den „usus antiquior“, den sog. „Römischen Ritus in seiner außer­ordentlichen Form“ (das ist der Tridentinische Ritus, jetzt mit der neuen Karfreitagsfürbitte, ansonsten in seiner Form von 1962), der von jedem katholischen Priester unter bestimmten Bedingungen gefeiert werden kann, der jedoch nur in einigen wenigen Orden und Instituten (z.B. in der Petrusbruderschaft) mit kirchlicher Erlaubnis der Regelgottesdienst ist. Interessant ist, dass die neue Formulierung vom Papstes einige Wochen vor Ostern 2008 angekündigt wurde, und in den Orden und Instituten, welche mit kirchlicher Erlaubnis den alten Ritus zelebrieren, schon am Karfreitag 2008 übernommen wurde, anscheinend ohne dass es  hier zu Kontroversen, Protesten oder zur Ablehnung der päpstlichen Weisung gekommen wäre,  wie man es im Fall der Wandlungsworte zu befürchten scheint.

Reaktionen auf die Änderung der Karfreitagsfürbitte durch Papst Benedikt XVI.

1. Frust über Vatikan: „Welcher Teufel reitet Benedikt?“  Enttäuscht, frustriert, wütend: Auf ihrem Glaubenstreffen in Osnabrück machen Deutschlands Katholiken gemeinsam mit Rabbinern Front gegen die umstrittene Karfreitagsfürbitte von Papst Benedikt XVI. Die Angreifer attackieren geschlossen – doch ihr Ziel ist unerreichbar.  (1. Spiegel Online 23. Mai 2008):

Osnabrück – Ein Laie, ein einfacher Katholik aus Frankfurt am Main, bringt es auf den Punkt: „Welcher Teufel hat den Papst ge­ritten?“ – und erntet großen Beifall auf dem Katholikentag in Osnabrück. Was hat Benedikt XVI. getrieben, in der neuen, la­tei­nischen Fassung der Karfreitagsfürbitten zu formulieren: „Lasset uns beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen“?

Da ist sie wieder: Jene alte Vorstellung, der jüdische Glaube sei defizitär. Jene Geringschätzung des jüdischen Selbst­ver­ständ­nis­ses. Jene Obsession, die darin besteht, zu meinen, das Judentum – Volk Gottes – komme nur zu Gott, wenn es an Jesus Chris­tus glaubt. Jene Tradition der Missachtung, wonach Juden angeblich nicht mehr zur Gotteserkenntnis fähig sind, weil ihr Herz, so die Karfreitagsliturgie von 1570, nach der Jahrhunderte lang gebetet wurde, verschleiert sei.

„Die Alarmglocken schrillten“, sagt Henry Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, auf der „Christlich-jü­di­schen Gemeinschaftsfeier“, wo er gestern Abend zusammen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erz­bi­schof Robert Zollitsch, auftrat – beide, um zu demonstrieren, dass der schwer in Mitleidenschaft gezogene Dialog nicht gänz­lich verstummen darf. „Enttäuschung, Frustration und Zorn“, so hatte Brandt seine Gefühle nach Bekanntwerden der Kar­frei­tags­fürbitte beschrieben. Und noch immer lässt der päpstliche Ratschluss den Rabbiner verständnislos, ratlos, leicht ver­zwei­felt zurück: „Ohne Not und gegen die begründete Warnung von jüdischer und katholischer Seite ist eine neue Formulierung ge­schehen“, klagt er in Osnabrück.

2. Karfreitagsfürbitte: Juden werfen Papst Respektlosigkeit vor. (Focus online 20. März 2008):

 Papst Benedikt lässt am Karfreitag für die Erleuchtung der Juden beten, die sich nun respektlos behandelt fühlen. Der katholisch-jüdische Dialog ist in Gefahr. Die neu formulierte Karfreitagsfürbitte für die alte lateinische Messe, die Papst Benedikt gerade wieder erlaubt hat, sorgt für eine abrupte Abkühlung im ohnehin sensiblen Verhältnis zwischen Juden und katholischer Kirche. Es solle gebetet werden für die Juden, damit sie Jesus Christus erkennen ...

3. Charlotte Knobloch (2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland) und Dieter Graumann (seit 2010 heutiger Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) laut Tagesschau / ARD vom 21. 03. 2008:

Knob­loch sagte, Benedikts Vorgänger Papst Paul VI. habe 1970 eine Formulierung gewählt, die eine aufrichtige Wert­schät­zung des Judentums ausgedrückt habe. Heute werde stattdessen ‚einer Geringschätzung der jüdischen Religion das Wort ge­re­det’, wie sie einer ‚toleranten Theologie’ nicht angemessen und deshalb gefährlich sei. Knobloch zeigte sich empört, dass die ka­tholische Kirche ‚heute wieder meint, um das Seelenheil des jüdischen Volkes besorgt sein zu müssen’. Auch Knob­lochs Stell­vertreter Dieter Graumann sagte, der Papst solle die Formulierung ‚möglichst schnell, glaubwürdig und total’ zu­rück­neh­men.

4. Stellungnahme von Rabbi Jacob Neusner, New York (Tagespost vom 23. Februar 2008):

 

 Der New Yorker Rabbiner Jakob Neusner wies darauf hin, dass die Ju­den selbst in ihrer Liturgie täglich für die Be­keh­rung aller Nichtjuden beten. „So wenig wie das Christentum und der Islam An­stoß am israelitischen Gebet nehmen, sollte auch das heilige Israel keinen Einwand gegen das katholische Gebet erheben.“ Das katholische Karfreitagsgebet bringe dieselbe groß­herzige Haltung zum Ausdruck, die für das Gebet des Judentums cha­rak­te­ristisch sei. Wörtlich sagte Neusner: „Is­rael betet für die Nichtjuden, also sollten die anderen Monotheisten – ein­schließlich der katholischen Kirche – gleiche Rech­te haben, ohne dass jemand sich dadurch verletzt fühlte. Jedes andere Verhalten ge­gen­über den Nichtjuden würde diesen den Zu­gang zu dem einen Gott verwehren, den Israel aus der Torah kennt. Das katholische Kar­freitagsgebet bringt dieselbe groß­her­zige Geisteshaltung zum Ausdruck, die für das Gebet des Juden­tums charakteristisch ist”

Kommentar: Wie diese Reaktionen (abgesehen von der verständnisvollen Reaktion Rabbi Neusners) zeigen, war in der Öf­fent­lich­keit nicht angekommen, worum es dem Papst wirklich ging: Dass es eigentlich um eine judenfreundlichere Formulierung ging, dass es ein Schritt war, den der Papst geradezu aus Respekt vor den Juden getan hat. Man hat den Eindruck, die Kritiker wä­ren zufriedener gewesen, wenn der Papst nichts getan hätte, so dass dann in der alten Messe die frühere, noch miss­ver­ständ­li­chere Formulierung (wo von Schleier und Finsternis die Rede war) in Kraft geblieben wäre.

Es zeigt sich hier, dass es wich­tig sein kann, liturgische Änderungen den Gläubigen, aber nötigenfalls auch der nichtkatholischen Öffentlichkeit genauer zu erkären. Daher ist der Wunsch des Papstes nach Katechesen verständlich, welche die Revision der Wandlungsworte erläu­tern sollen.

Aktuelle Ergänzung zum Vortrag (1. Juli 2013): Am 1. Mai 1013 ordnete die Sakramentenkongregation an, in die Hochgebete II bis IV der Hl. Messe den Namen des Hl. Joseph eizufügen. Im Gegensatz zur Änderung der Judenfürbitte und der Wand­lungs­worte hat diese Änderung zu keinen ausgedehnten Diskussionen und Kontroversen geführt. Die neue Weisung wird be­reits jetzt befolgt, und zwar bemerkenswerterweise, ohne dass man auf das neue Messbuch warten musste. Reaktionen aus dem Kirchenvolk sind bislang ebenfalls anscheinend ausgeblieben.

6. Theologische Reflexion über das Sinn-Argument:

„Für alle vergossen“ ist in einem bestimmten Sinn richtig, in einem anderen Sinn aber ist es ungewiss, ob das richtig ist. Zu beachten sind hier zwei wichtige Glaubenssätze der Kirche, die in den Jahren 1653 bzw. 543 aufgestellt wurden.

1653: In der Apostolischen Konstitution Cum occasione an alle Gläubigen vom 31. Mai 1653 nahm Papst Innozenz X. Stellung zu dem Satz der sog. Jansenisten (der Anhänger des Bischofs Cornelius Jansen von Ypern in Belgien, † 1638), es sei eine Irrlehre, „dass Christus für schlechthin alle Menschen gestorben sei und sein Blut verossen habe“.[4] Dazu schrieb der Papst, das sei „falsch, leichtfertig, skandalös, und in dem Sinne verstanden, dass Christus nur für die Prädestinierten gestorben ist, gottlos, lästerlich, schändlich, der göttlichen Barmherzigkeit abträglich und häretisch“. Daraus folgt:

Es ist rechtgäubig, zu sagen: „Christus vergoss sein Blut für alle Menschen ohne Ausnahme.“

Das „für alle“ ist demnach wahr im Sinne eines uneingeschränkten Heilsangebotes.

Biblische Begründung: Gott will, dass alle Menchen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen  (1 Tim 2,4). Und dann weiter: „Es ist ja nur ein Gott, ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat.“ (1 Tim 2,5-6). Ebenso Röm 8,32: Gott hat seinen Sohn „für alle“ hingegeben; und 2 Kor 5,14: „Einer ist für alle gestorben.

Interessanterweise steht aber bei Mt 20,28: „Der Menschensohn ist gekommen, ... sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele“ und bei Hebr 9,28: „So hat sich auch Christus einmal zum Opfer dargebracht, um die Sünden vieler hinwegzunehmen“.

 

543: Eine Synode von Konstantinopel verurteilte die sog. Allversöhnungslehre des Theologen Origenes († 254), der auch für alle „Dämonen und gottlosen Menschen“ erwartete, dass sie mit Sicherheit einst in den Himmel eingehen werden.

Das „für alle“ ist also nicht wahr im Sinne der automatischen Allversöhnung, derart dass alle Menschen, gleichgültig wie böse und gottlos sie auch sein mögen, einst mit Sicherheit in den Himmel gelangen werden.

Eine biblische Begründung hierfür sind die mehrfach vorkommenden Hinweise auf eine dem Sünder drohende ewigen Höllenstrafe (vgl. z.B. Mt 18,8-9; Mk 9,43-48; Mt 25,46; Apk 14,9-11). Außerdem heißt es in Mt 7,21: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut.“ Und sogar: „Viele sind berufen, nur wenige aber auserwählt“ (Mt 22,14).

Bemerkung: An keiner dieser Stellen sagt Jesus allerdings mit Bestimmtheit, dass es Menschen geben wird, die in den Hölle kommen werden (vgl. hierzu den folgenden Abschnitt). Zum Verständnis dieser schwierigen Stellen werden wir auf die Lehre von der Hölle gleich näher eingehen müssen.

Wir können jetzt aber zunächst festhalten, dass die Formulierung „für alle“ sich  rechtgläubig verstehen lässt (alle im Sinne des Heilsangebotes), weshalb man dem Text der hl. Messe in seiner jetzigen Form keinen dogmatischen Irrtum unterstellen kann. Andererseits lässt sich die Formulierung „für alle“ aber auch falsch verstehen im Sinne eines Heilsautomatismus, und so ist es von vielen Gläubigen offenbar auch verstanden worden.

7. Zur Lehre von der Hölle:

Wie „Himmel“ und „Fegfeuer“ ist auch die „Hölle“  nicht in erste Linie als Ort, sondern als ein möglicher Zustand zu denken, in den der Mensch nach diesem Leben geraten kann. Dazu kann man theologisch folgendes sagen.

Wer kommt in die Hölle? Voraussetzung dafür, dass jemand in den so bezeichneten Zustand gerät, ist der Tod im Zustand der unbereuten persönlichen schweren Sünde (die Bejahung einer schwerwiegenden Sünde im vollen Wissen um die Verkehrtheit, bei voller Willenszustimmung), eine Haltung, die man kurz als die vollständige Abwendung vom Guten oder von Gott bezeichnen kann.

Das Wesen der Hölle:  Mit dem Zustand der Hölle verbindet man folgende Merkmale:

(1)          Verdammnis (Ausschluss vom Himmel, wobei der Himmel ein Zustand ist, zu dessen Wesensmerkmalen die seligmachende Gemeinschaft mit Gott und mit den übrigen Heiligen und Erlösten gehört),

(2)          Unseligkeit und Schande, die aus dem Ausschluss vom Himmel resultiert. Zu beachten ist zweierlei:

(2a) Der Unseligkeitsaspekt wird in der Bibel durch sich widersprechende Bilder von der sog. Höllenqual beschrieben (einerseits „Feuer“, andererseits „äußerste Finsternis“); diese Bilder sind daher wohl symbolisch zu verstehen. Feuer kann verstanden werden als Symbol für Hass und Gewissensqualen, Finsternis als Symbol für das Fehlen von Gemeinschaft, das Alleinsein, die Isolation.

(2b) Diese Unseligkeit ist je nach dem Grad der Schuld verschieden groß, da je nach dem Grad des Gottes- und Nächstenhasses die geistige „Entfernung“ von Gott und den Nächsten größer oder kleiner ist und somit auch das dadurch empfundene Unglück.

(3)          Ewigkeit (Unverlierbarkeit, Endgültigkeit) dieses unglückseligen Zustandes. Diese dritte Eigenschaft unterscheidet die Hölle vom sog. Fegfreuer, unter dem man den Zustand eines nur zeitweiligen Ausschlusses vom Himmel versteht, der den Sinn hat, einen noch nicht für den Himmel reifen, noch mit verzeihlichen Sünden belaseten Menschen für den Himmel vorzubereiten; das symbolische „Feuer“ des Fegfeuers lässt sich daher nicht wie das Höllenfeuer als Hass, sondern eher als reinigende Reue deuten, durch welche die Sünden getilgt und der Mensch „gereinigt“ wird.

Eine natürliche Erklärung für die Hölle: Die Hölle scheint mit der Liebe Gottes nur vereinbar zu sein, wenn sie als eine automatisch (von Natur aus) eintretende Folge der Sünde erklärt werden kann, nicht als eine von Gott den Sündern noch zusätzlich bereitete Qual. Tatsächlich er­gibt sich der Höllenzustand der Gottesferne aus der freiwilligen endgültigen Abwendung des Sünders von Gott (und daraus, dass es auch für Gott nicht möglich ist, Liebe zu erzwingen, da sich Zwang und Liebe logisch ausschließen). Die „Höllenqual“ muss man sich nicht durch eine künstliche Hinzufügung von äußerlichen Schmerzen verursacht denken. Sie ist einfach der natürliche Zustand einer allein auf sich selbst gestellten, von Gott und liebenden Mitgeschöpfen verlassenen Seele. Die Ewigkeit dieses Zustanden ergibt sich da­raus, dass (a) die Seele unvernichtbar ist und (b) Gott dem Menschen die unbegreifliche Würde geschenkt hat, eine endgültige freie Ent­scheidung für oder gegen seinen Schöpfer zu treffen und damit auch in freier Entscheidung über sein eigenes ewiges Schicksal zu ent­schei­den.

Möglichkeit einer Aufhebung oder Linderung der Höllenstrafe? Es ist plausibel, dass der barmherzige Gott das Leid eines Ver­damm­ten lin­­­dern würde, wenn das möglich wäre. Manche glauben, dass Gott die Verdammten nach einer gewissen Zeit ver­nichtet. Dies wider­spricht aber der biblische Lehre von der Ewigkeit der Hölle (Mt 18,8-9=Mk 9,43-48; Mt 25,41-46; Apk 14,9-11) und ebenso der phi­lo­so­phisch be­gründ­baren These, dass die Seele ei­ne natürliche Unsterblichkeit und somit eine Art  Unvernichtbarkeit besitzt. Viele Gläubige sind der Meinung, dass Gott aufgrund seiner Allmacht einfach alles kann, was wir uns denken oder wünschen können, aber das ist falsch: Allmacht bedeutet nur, dass Gott alles logisch Mögliche verwirklichen kann, nicht auch, dass er Widersprüchliches (Unsinniges) wie eckige Kreise hervorbringen könnte. So kann Gott z.B. nicht einen Menschen erschaffen, der zugleich frei ist, zwischen Gut und Böse wählen zu können, und doch gezwungen, das Gute zu wählen: Denn Freiheit und Zwang schließen sind logisch aus. Ebenso kann Gott keine unvernichtbare Seele erschaffen, die er dennoch vernichten kann. Aufgrund der Beschränktheit unseres Verstandes können wir aber oftmals nicht erkennen, ob etwas einen Widerspruch impliziert oder nicht und müssen uns damit begrüngen, unser Unwissen darüber einzugestehen, ob Gott etwas kann oder nicht. So wäre es vielleicht denkbar, dass Gott die Höllenstrafe dadurch lindern könnte, dass er den Grad des Bewusst­seins ei­nes Verdammten abschwächt, derart dass es nach einer gewissen Zeit derart ab­­gestumpft ist, dass dies im Effekt seiner Ausschaltung gleichkäme. Wenn Gott das kann, wird er es aus Barmherzigkeit wahrscheinlich tun. Das ist jedoch reichlich spekulativ und muss offen bleiben: Wir wissen zu wenig über das Wesen des Bewusstseins von Menschen nach dem Tod, und einen biblischen Hinweis, ob Gott so ver­fahren kann und wird, ha­ben wir aber nicht.

Über die Zahl der Verdammten: Jesus wurde gefragt, ob es „viele“ sind, die gerettet werden (Lk 13,23). Darauf antwortete Jesus nicht mit „Ja“ oder „Nein“, sondern sagte, man solle sich bemühen, durch die enge Pforte zu gehen (Mt 7,13-14; Lk 13,24); „viele“ versuchen es, und kommen nicht hindurch (man muss wohl hinzufügen: sie schaffen es nicht aus eigener Kraft, vielleicht aber doch mit Gottes Gnade); außerdem seien „viele“ auf dem breiten Weg, der ins Verderben / in die Verlorenheit führt (damit lässt er jedoch offen, ob auch alle den breiten Weg bis zum Ende gehen, oder ob sie nicht vielleicht doch „auf Wegen, die Gott allein kennt“ gerettet werden). Jesus wird nach Mt 7,22 (vgl. Mt 25,1-11; Lk 13,27-28) am künftigen Tag des Gerichts auch zu „vielen“, die ihn nur mit Worten („Herr, Herr“) und äußerlich imposanten Taten (Prophetie, Wunder und Dämonen­aus­trei­bungen) geehrt haben werden, sagen: „ich kenne euch nicht“ und „geht weg von mir“ (es bleibt aber offen, ob dies ihre Verurteilung zur endgültigen Ver­damm­nis oder nur eine beschämende Zurechtweisung mit vorläufigem Ausschuss vom Gottesreich sein wird – also ihre Verurteilung zum Fegfeuer). Schließlich erklärte Jesus in Mt 22,14: „Viele sind berufen, nur wenige aber auserwählt“, wobei aber auch hier wieder unklar bleibt, ob die vielen Nicht-Auwerwählten in die Hölle oder auf dem Umweg über das Fegfeuer doch noch in den Himmel kommen. Zwar sagt er z.B. in Lk 14,24: „Keiner der Berufenen wird von meinem Mahle kosten“, und spricht davon, dass Menschen Abraham, Isaak und Jakob im Reichen Gottes sehen werden, während sie selbst ausgeschlossen sind (Lk 13,28; vgl. Mt 8,11-12; 22,13), aber er sagt nicht, dass dieser Zustand ewig währen wird (z.B. heißt es in Lk 14,24 nicht, dass die Berufenen Nicht-Erwählten „niemals“ von seinem Mahle kosten werden). Der in diesen Zusammenhägen fallende Satz „die Ersten werden die Letzten und die Letzten die Ersten sein“ (vgl. Lk 13,30; Mt 19,30; 20,16; Mk 10,31) könnte so zu verstehen sien, dass die Berufenen („Ersten“), die sich nicht als würdig erweisen, als „Letzte“ eben doch noch gerettet werden.

Aber man muss zugeben: Obwohl Jesus nicht direkt und mit letzter Klarheit auf die Frage antwortet, klingen seine Aus­sagen auf den ersten Blick eher so, als sei die Ausgangsfrage mit Nein zu beantworten, und deshalb haben manche Theologen die Meinung vertreten, dass nur wenige gerettet werden. Dem kann man nun entgegensetzen, dass Jesus in Mt 8,11 lehrt, dass sein Blut für „viele“ ver­gossen wird (Mt 26,28; Mk 14,24) und „viele“ im Himmelreich mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch sitzen werden (Mt 8,11) und  dass es ferner in Jesaja 53,11-12 prophetisch heißt, der Knecht Gottes (was Jesus offenbar auf sich bezog) werde „die Vielen“ gerecht machen; ähnlich verheißt Gott auch in Ez 37,26, er werde die Angehörigen seines endzeitlichen  Volkes „viele werden lassen“. Vor allem aber bil­den gemäß Apk 7,9 die Geretteten im Himmel eine Schar, „die niemand zählen kann“, was eine der wenigen Stellen ist, wo in der Schrift von Unzählbarkeit (eine Art Unendlichkeit im übertragenen Sinn) die Rede ist, also ganz das Gegenteil von „wenige“. So scheint vorsichtiger Optimismus an­ge­bracht zu sein. Es ist sogar denkbar, dass die Hölle „ganz leer“ bleiben wird. Es wurde und wird von Theologen sogar darüber spekuliert, ob die Hölle „ganz leer“ bleiben wird:

Hoffnung auf die leere Hölle? Besonders in neuerer Zeit haben Theologen (wie Hans Urs v. Balthasar) darauf hingewiesen, dass sich das Problem der Hölle vielleicht so lösen lässt, dass der Höllenzustand zwar eine reale, in der heiligen Schrift klar gelehrte Möglichkeit ist, die aber vielleicht in keinem einzigen Fall realisiert werden wird (sog. „leere Hölle“). Man kann darauf hinweisen, dass es in der Kirche nie das Pendant zu Heiligsprechungen gegeben hat: Man hat nie über einen konkreten Menschen geurteilt, dass er verdammt sei, auch im Fall des Judas ist es nicht geschehen. Judas ist der einzige Mensch, über den einige Bibelverse auf den ersten Blick anzudeuten scheinen, dass er verdammt wurde (Apg 1,25; Joh 17,12; Mt 26,24=Mk 14,21). Am stärksten weist Mt 26,24 in diese Richtung: „für ihn wäre es bes­ser, wenn er nie geboren wäre“. Doch hat Papst Joh. Paul II. erklärt, diese Stelle könne „nicht mit Sicherheit im Sinne der ewigen Ver­dam­m­nis aufgefasst werden“ (Die Schwelle der Hoffnung überschreiten S. 211). Tatsächlich ist ein anderes Verständnis möglich: Jesus könnte hier einen Gedanken ausgedrückt haben, den Judas kurz vor seinem Selbstmord haben würde: Judas dürfte ja damals in der Tat den Gedanken gehabt haben, es wäre besser für ihn, nie geboren zu sein, weshalb er sich dann das Leben nahm. Wenn er den Akt seiner Selbsttötung kurz vor Eintritt des Todes noch bereut haben sollte, könnte er dann der ewigen Verdammnis entgangen sein. – Demnach könnte also vielleicht die Hölle menschenleer sein. Die These allerdings, dass die Hölle mit Sicherheit leer ist (die sog. „Aller­lö­sungslehre), welche im Altertum der Theologe Origenes gelehrt hat, wurde, wie gesagt, im Jahre 543 von einer Synode von Konstantinopel als Irrlehre ver­wor­­fen. Demnach darf man also nicht mit Sicherheit behaupten, wohl aber hoffen, dass es Gott vielleicht gelingen wird, jeden Menschen aus der Gefahr der Hölle zu erretten. Man müsste dann sagen, dass uns die (biblischen und außerbiblischen) Reden, Bilder und Visionen, welche den Zustand von Verdammten beschreiben, uns nur eine nicht eintretende reale Möglichkeit plastisch vor Augen führen wollen. Ob dem so ist, muss man offen lassen, aber man kann und soll auch in hoffnungslos erscheinenden Fällen für die Errettung aller Menschen beten (1 Tim 2,1).

Kommt nicht wenigstens der Teufel in die Hölle? In einer konsequenten „Leere Hölle“-Theologie möchte man nicht nur keine Menschen, sondern auch keine anderen We­sen in der Hölle leiden sehen. Denn der Gedanke, dass es in der zukünftigen voll­endeten Welt neben der ewigen Seligkeit noch ewiges Leid geben soll, wirkt irgendwie störend und unpassend. Da nun jedoch der Teufel und seine Engel (die Dämonen) biblisch eindeutig zu den Ver­damm­ten gezählt werden (Mt 25,41; Offb 20,10), ergibt sich hier ein weiteres Pro­blem: Der tröstende Gedanke, dass vielleicht niemand ins endgültige Verderben stürzt, scheint damit wieder aufgehoben zu sein.

Manche lösen dieses Problem so, dass sie den dämonischen Wesenheiten (zumindest dort, wo von ihrer Verdammnis die Rede ist) die Personalität absprechen und sie (zumindest dort) als reine Symbole für das Böse deuten. In Offb 20,10 etwa wird der Teufel zusammen mit dem „Tier“ und dem „falschen Propheten“ in den Feuersee geworfen – aber zumindest die letzten bei­den, das „Tier“ und der „Prophet“, sind dem Kontext der Offenbarung zufolge wohl keine Einzelpersonen, sondern das „Tier“ ist eine christen­verfolgende Staatsmacht und der „Prophet“ ist ihre religiöse Ideologie. Könnten Teufel und Dämonen auch derartige personifizierte Mächte sein?  Ihre ewige Verdammnis wäre dann bloß als die ewige Wegfluchung des Bösen zu deuten, nicht aber als Fluch über konkrete Personen.[5]

Doch gibt es außer der Möglichkeit, die Personalität der Dämonen einfach zu leugnen, noch eine zweite Lösung des Pro­blems der Dämonenverdammnis, die besser mit der Lehr­verkündigung der Kirche übereinstimmt, weil man die Personalität der Dä­monen hierbei nicht auszuschließen braucht. Diese Lösung besteht in der Überlegung, dass wir uns um das Schicksal der Dä­mo­nen auch dann, wenn ihnen in irgend­einem Sinne Personalität zu­ge­spro­chen werden muss, nicht so viele Sorgen machen müssen wie um das Schicksal unserer Mitmenschen. Denn wir können uns ja in das Bewusstsein über­menschlicher personaler We­sen nicht adäquat hineinversetzen, und darum gar nicht er­messen, was eine Höllenstrafe für sie konkret bedeuten würde. Vor allem wissen wir nicht im Mindesten, ob sie im selben Sinne leidensfähig sind wie wir. Wo­mög­lich sind sie es nicht: Dann könn­ten es personale Wesenheiten im Bereich des Geistes sein, die unser Denken in der Jetztzeit in ähnlicher Weise vergiften können, wie Viren unseren Leib, die aber ebensowenig wie Viren selbst leidensfähig sind und darum am Ende der Zeiten einfach in der Hölle (Gottesferne) verbannt und so „entsorgt“ werden können, ohne dass dadurch irgendwo bleibendes Leid entsteht. Dann wäre aber jegliches Mitleid mit dem Teufel und den Dämonen unangebracht.[6]

 

Fazit: Trotz der real gegebenen Gefahr der Hölle braucht man die Möglichkeit einer letztlich umfassend heilen zu­künf­­tigen Welt nicht auszuschließen, auch dann nicht, wenn man an der unverkürzten katholischen Dogmatik festhält. Gleich­wohl bleibt die Ungewissheit in dieser Frage ein wichtiger Bestandteil der kirchlichen Lehrverkündigung, worin die Kirche offenbar Jesus selbst folgt.

 

Die Frage: Ist Christus für alle gestorben? Kann man jetzt also kurz wie folgt beantworten:

 

Versteht man „für alle“ Bezüglich des Heilsangebotes,       so lautet die Antwort: Eindeutig Ja.

Versteht man „für alle“ bezüglich der Heilswirksamkeit,     so lautet die Antwort: Wir wissen es nicht.

 

Wenn man wie Jesus sagt „für viele“, hällt man diese Spannung offen – und das dürfte von Jesus selbst so gewollt sein.

Dies ist wohl theologisch der wichtigste Grund, der gegen das „für alle“ spricht und für die Formulierung „für viele“.

 

8. Schlusswort:

 

„Viele“ kann „alle“ bedeuten (viele im inkludierenden Sinn), es kann auch „nicht alle“ bedeuten (viele im exkludierenden Sinn). Jesus lässt also – wohl bewusst – offen, ob die von ihm Gemeinten Vielen alle sind oder nicht. Die Bedeutungsnuancen und Interpretationsmöglichkeiten des „für viele“ sind:

 

(1) „es sind nicht wenige“,

(2) „niemand ist von vornherein aus­ge­schlos­sen“,

(3) „es könnten sogar alle sein“,

(4) „vielleicht sind es aber auch nicht alle“.

 

Vermutlich geht es Jesus hier aber weniger um die Gegenüberstellung viele und alle (vgl. die Deutungsmöglichkeiten (3) und (4)) als vielmehr um die Gegenüberstellung viele und wenige (gemäß den Deutungsmöglichkeiten (1) und (2)). Er hätte so gesehen mit seinen Worten beim letzten Abendmahl einen vorsichtigen, tröstlichen Heilsoptimisnus verbreiten wollen, der in einem gewissen Gegensatz zu seiner früheren Mahnung stünde, dass der Weg zum Leben schmal sei und nur wenige auf ihm gehen (Mt 7,13-14). Der Augsburger Dogmatiker Prof. Thomas Marschler erklärte auf dem Eucharistischen Weltkongress (vor einigen Tagen, am 8. Juni)  in Köln sinn­gemäß: Man soll die Worte nicht argumentativ überfrachten! Wer sagt, für alle, ist noch kein Vertreter der All­er­lö­sungs­lehre. Wer sagt, für viele, schränkt das Heil deswegen nicht ein. Die Entscheidung des Papstes zielt vor allem auf Trennung von Übersetzung und Interpretation. Das ist sinnvoll, da alle Interpretationen hypo­the­tisch sind. Man sollte den Text stehen lassen und zum Klingen bringen, wie er steht.

 

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Anhang: Ein Literaturhinweis und zwei Dokumente zum Thema

 

A. Literaturhinweis zum Thema:

 

Manfred Hauke, „Für viele vergossen“. Studie zur sinngetreuen Wiedergabe des pro multis in den Wandlungsworten, Augs­burg: Dominus Verlag, 2., stark erweiterte Auflage 2012, mit einem Vorwort von Erzbischof Malcolm Ranjith, Sekretär der Kon­gregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung (heute Kardinal und Erzbischof von Colombo/Sri Lan­ka).

Dieses Werk empfahl kein geringer als Papst Benedikt XVI. selbst im zweiten Teil seines Werkes „Jesus von Nazareth“, wo er schrieb: „Die Niederschrift dieses Kapitels [5. Kap. Das Letzte Abendmahl] war eben abgeschlossen, als das gründlich gearbeitete kleine Buch von Manfred Hauke erschien: ‚Für viele vergossen’. Studie zur sinngetreuen Wiedergabe des pro multis in den Wandlungsworten. Dominus-Verlag, Augsburg 2008“ (Joseph Ratzinger - Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung, Freiburg 2011, S. 325).

 

B. Schreiben von Kardinal Arinze an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt über die Übersetzung der Worte „pro multis“ im Einsetzungsbericht der Eucharistiegebete vom 17.10.2006:

 

Das Schreiben wurde in der Zeitschrift NOTITIAE 481-482 (Sept./Okt. 2006) veröffentlicht (Posteingang DLI 16.2.2007). Dort ist der Text neben der italienischen Fassung (441-443) und anderen auch in deutscher Sprache (453-455) wiedergegeben:

 

Hochwürdigste Eminenz / Exzellenz,

 

im Juli 2005 hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung in Übereinstimmung mit der Kongregation für die Glaubenslehre allen Vorsitzenden der Bischofskonferenzen geschrieben. Objekt der Konsultation war das Einholen einer Stellungnahme bezüglich der Übersetzung des Ausdrucks pro multis in die verschiedenen Landessprachen, der sich im Formular der Wandlung des kostbaren Blutes Christi während der Feier der Heiligen Messe befindet (vgl. Prot. N. 467/05/L vom 9.Juli 2005). Die Antworten, die diesem Dikasterium von den Bischofskonferenzen übersandt wurden, sind von den beiden oben genannten Kon­gregationen untersucht worden. Im Anschluss ist dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., ein Bericht übersandt worden. Auf Anweisung seiner Heiligkeit schreibt diese Kongregation nun Ihrer Hochwürdigsten Eminenz / Exzellenz mit folgendem Wort­laut:

 

1. Ein Text, der den Worten pro multis entspricht und von der Kirche überliefert wird, konstituiert die Formel, die im Rö­mi­schen Ritus in Latein seit den ersten Jahrhunderten in Gebrauch ist. Ungefähr in den letzten 30 Jahren haben einige approbierte Übersetzungen die interpretatorische Übersetzung „for all“, „per tutti“ bzw. „für alle“ oder ähnliche Übersetzungen benutzt.

 

2. Es besteht kein Zweifel über die Gültigkeit der Feier der Heiligen Messe, wenn in dieser Feier eine ordentlich approbierte Formel benutzt wird, die eine gleichwertige Formel zu dem Ausdruck „für alle“ beinhaltet, wie dies die Kongregation für die Glaubenslehre bereits erklärt hatte (cf. Sacra Congregatio pro Doctrina Fidei, Declaratio de sensu tribuendo adprobationi versionum formularum sacramentalium, 25 Ianuarii 1974, AAS 66 [1974], 661). In der Tat würde die Formel „für alle“ zwei­fellos einer richtigen Interpretation der Intention des Herrn entsprechen, die in diesem Text zum Ausdruck kommt. Es ist ein Glaubensdogma, dass Christus für alle Menschen am Kreuz gestorben ist (Joh 11, 52; 2 Kor 5, 14-15; Titus 2, 11; 1 Joh 2, 2).

 

3. Es gibt allerdings viele Argumente dafür, die traditionelle Formel pro multis noch präziser zu übersetzen:

a) Die synoptischen Evangelien (Mt 26, 28; Mk 14, 24) beziehen sich spezifisch auf den Ausdruck „viele“ (pollôn), für die der Herr sein Opfer darbringt. Dieser Wortgebrauch wird darüber hinaus von einigen Bibelgelehrten in Verbindung mit den Worten des Propheten Jesaja (53, 11-12) betont. Es wäre durchaus möglich gewesen, in den Evangelientexten den Ausdruck „für alle“ zu wählen (wie z.B. Lk 12, 41); stattdessen benutzt der Einsetzungsbericht aber die Formel „für viele“ und diese Worte sind in den meisten modernen Bibelübersetzungen treu übersetzt worden.

b) Der Römische Ritus hat immer den Ausdruck pro multis und niemals den Ausdruck pro omnibus bei der Wandlung des Weins in das Blut Christi benutzt.

c) Die Anaphoren der verschiedenen Orientalischen Riten, sei es in griechischer, syrischer, armenischer oder slawischer Sprache usw., enthalten in ihren jeweiligen Sprachen das sprachliche Äquivalent zu dem lateinischen Ausdruck pro multis.

d) Der Ausdruck „für viele“ oder „für die Vielen“ ist eine genaue Übersetzung des Ausdruck pro multis, wogegen der Ausdruck „für alle“ eher eine Erläuterung darstellt, die eigentlich in die Katechese gehört.

e) Der Ausdruck „für viele“, der offen bleibt, um jeden Menschen in das Heil einzuschließen, bringt deutlicher die Tatsache zum Ausdruck, dass das Heil nicht automatisch geschenkt wird, quasi ohne Einbeziehung des eigenen Willens oder An­teil­nah­me am Heil. Der Gläubige ist vielmehr eingeladen, in Glauben das Geschenk anzunehmen, welches ihm von Gott angeboten wird, und das übernatürliche Leben zu empfangen, das demjenigen geschenkt wird, der an diesem Mysterium teilnimmt. In sei­nem Leben ist der Christ eingeladen, dieses Mysterium umzusetzen, um so unter die "vielen" gerechnet zu werden, auf die der Text sich bezieht.

f) In Übereinstimmung mit der Instruktion Liturgiam authenticam sollte sich bemüht werden, den lateinischen Text der editiones typicae genauer und präziser zu übersetzen.

 

4. Die Bischofskonferenzen derjenigen Länder, bei denen die Formel „für alle“ oder eine ähnliche Formel in Gebrauch war, werden daher gebeten, den Gläubigen in den nächsten ein bis zwei Jahren eine geeignete Katechese anzubieten, damit sie auf die Einführung einer präzisen landessprachlichen Übersetzung der Formel des pro multis (z.B. „for many“, „per molti“, „für viele“ bzw. „für die Vielen“) vorbereitet werden. Denn in den nun anstehenden Übersetzungen des Römischen Messbuchs, die von den Bischofskonferenzen und vom Heiligen Stuhl zu approbieren sind, wird diese neue Formel zur Anwendung kommen.

In diesem Sinne möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen alles Gute und Gottes Segen zu wünschen,

 

Ihr im Herrn ergebener

+ FRANCIS Kard. ARINZE

Präfekt

MONS. MARIO MARINI 
Untersekretär

 

C: Brief von Papst Benedikt XVI. an  den Erzbischof von Freiburg und Vorsitzenden der Deutschen Bischofs­kon­fe­renz,  Dr. Robert Zollitsch vom 14.04.2012

 

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/letters/2012/documents/hf_ben-xvi_let_20120414_zollitsch_ge.html

Fettdruck, Unterstreichungen und Hervorhebungen entstammen dem Original.

 

Exzellenz!


Sehr geehrter, lieber Herr Erzbischof!



 

Bei Ihrem Besuch am 15. März 2012 haben Sie mich wissen lassen, dass bezüglich der Übersetzung der Worte „pro multis“ in den Kanongebeten der heiligen Messe nach wie vor keine Einigkeit unter den Bischöfen des deutschen Sprachraums besteht. Es droht anscheinend die Gefahr, dass bei der bald zu erwartenden Veröffentlichung der neuen Ausgabe des „Gotteslobs“ einige Teile des deutschen Sprachraums bei der Übersetzung „für alle“ bleiben wollen, auch wenn die Deutsche Bischofskonferenz sich einig wäre, „für viele“ zu schreiben, wie es vom Heiligen Stuhl gewünscht wird. Ich habe Ihnen versprochen, mich schriftlich zu dieser schwerwiegenden Frage zu äußern, um einer solchen Spaltung im innersten Raum unseres Betens zuvorzukommen. Den Brief, den ich hiermit durch Sie den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz schreibe, werde ich auch den übrigen Bischöfen des deutschen Sprachraums zusenden lassen.



 

Lassen Sie mich zunächst kurz ein Wort über die Entstehung des Problems sagen. In den 60er Jahren, als das Römische Missale unter der Verantwortung der Bischöfe in die deutsche Sprache zu übertragen war, bestand ein exegetischer Konsens darüber, dass das Wort „die vielen“, „viele“ in Jes 53,1l f. eine hebräische Ausdrucksform sei, um die Gesamtheit, „alle“ zu benennen. Das Wort „viele“ in den Einsetzungsberichten von Matthäus und Markus sei demgemäß ein Semitismus und müsse mit „alle“ übersetzt werden. Dies bezog man auch auf den unmittelbar zu übersetzenden lateinischen Text, dessen „pro multis“ über die Evangelienberichte auf Jes 53 zurückverweise und daher mit „für alle“ zu übersetzen sei. Dieser exegetische Konsens ist inzwischen zerbröckelt; er besteht nicht mehr. In der deutschen Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift steht im Abendmahlsbericht: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk 14, 24; vgl. Mt 26, 28). Damit wird etwas sehr Wichtiges sichtbar: Die Wiedergabe von „pro multis“ mit „für alle“ war keine reine Übersetzung, sondern eine Interpretation, die sehr wohl begründet war und bleibt, aber doch schon Auslegung und mehr als Übersetzung ist. 


 

Diese Verschmelzung von Übersetzung und Auslegung gehört in gewisser Hinsicht zu den Prinzipien, die unmittelbar nach dem Konzil die Übersetzung der liturgischen Bücher in die modernen Sprachen leitete. Man war sich bewusst, wie weit die Bibel und die liturgischen Texte von der Sprach- und Denkwelt der heutigen Menschen entfernt sind, so dass sie auch übersetzt weithin den Teilnehmern des Gottesdienstes unverständlich bleiben mussten. Es war ein neues Unternehmen, dass die heiligen Texte in Übersetzungen offen vor den Teilnehmern am Gottesdienst dastanden und dabei doch in einer großen Entfernung von ihrer Welt bleiben würden, ja, jetzt erst recht in ihrer Entfernung sichtbar würden. So fühlte man sich nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, in die Übersetzung schon Interpretation einzuschmelzen und damit den Weg zu den Menschen abzukürzen, deren Herz und Verstand ja von diesen Worten erreicht werden sollten.



 

Bis zu einem gewissen Grad bleibt das Prinzip einer inhaltlichen und nicht notwendig auch wörtlichen Übersetzung der Grundtexte weiterhin berechtigt. Da ich die liturgischen Gebete immer wieder in verschiedenen Sprachen beten muss, fällt mir auf, dass zwischen den verschiedenen Übersetzungen manchmal kaum eine Gemeinsamkeit zu finden ist und dass der zugrundeliegende gemeinsame Text oft nur noch von Weitem erkennbar bleibt. Dabei sind dann Banalisierungen unterlaufen, die wirkliche Verluste bedeuten. So ist mir im Lauf der Jahre immer mehr auch persönlich deutlich geworden, dass das Prinzip der nicht wörtlichen, sondern strukturellen Entsprechung als Übersetzungsleitlinie seine Grenzen hat. Solchen Einsichten folgend hat die von der Gottesdienst-Kongregation am 28.03.2001 erlassene Übersetzer-Instruktion Liturgiam authenticam wieder das Prinzip der wörtlichen Entsprechung in den Vordergrund gerückt, ohne natürlich einen einseitigen Verbalismus vorzuschreiben. Die wichtige Einsicht, die dieser Instruktion zugrunde liegt, besteht in der eingangs schon ausgesprochenen Unterscheidung von Übersetzung und Auslegung. Sie ist sowohl dem Wort der Schrift wie den liturgischen Texten gegenüber notwendig. Einerseits muss das heilige Wort möglichst als es selbst erscheinen, auch mit seiner Fremdheit und den Fragen, die es in sich trägt; andererseits ist der Kirche der Auftrag der Auslegung gegeben, damit – in den Grenzen unseres jeweiligen Verstehens – die Botschaft zu uns kommt, die der Herr uns zugedacht hat. Auch die einfühlsamste Übersetzung kann die Auslegung nicht ersetzen: Es gehört zur Struktur der Offenbarung, dass das Gotteswort in der Auslegungsgemeinschaft der Kirche gelesen wird, dass Treue und Vergegenwärtigung sich miteinander verbinden. Das Wort muss als es selbst, in seiner eigenen vielleicht uns fremden Gestalt da sein; die Auslegung muss an der Treue zum Wort selbst gemessen werden, aber zugleich es dem heutigen Hörer zugänglich machen.



 

In diesem Zusammenhang ist vom Heiligen Stuhl entschieden worden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale das Wort „pro multis“ als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden müsse. An die Stelle der interpretativen Auslegung „für alle“ muss die einfache Übertragung „für viele“ treten. Ich darf dabei darauf hinweisen, dass sowohl bei Matthäus wie bei Markus kein Artikel steht, also nicht „für die vielen“, sondern „für viele“. Wenn diese Entscheidung von der grundsätzlichen Zuordnung von Übersetzung und Auslegung her, wie ich hoffe, durchaus verständlich ist, so bin ich mir doch bewusst, dass sie eine ungeheure Herausforderung an alle bedeutet, denen die Auslegung des Gotteswortes in der Kirche aufgetragen ist. Denn für den normalen Besucher des Gottesdienstes erscheint dies fast unvermeidlich als Bruch mitten im Zentrum des Heiligen. Sie werden fragen: Ist nun Christus nicht für alle gestorben? Hat die Kirche ihre Lehre verändert? Kann und darf sie das? Ist hier eine Reaktion am Werk, die das Erbe des Konzils zerstören will? Wir wissen alle durch die Erfahrung der letzten 50 Jahre, wie tief die Veränderung liturgischer Formen und Texte die Menschen in die Seele trifft; wie sehr muss da eine Veränderung des Textes an ei­nem so zentralen Punkt die Menschen beunruhigen. Weil es so ist, wurde damals, als gemäß der Differenz zwischen Übersetzung und Aus­le­gung für die Übersetzung „viele“ entschieden wurde, zugleich festgelegt, dass dieser Übersetzung in den einzelnen Sprachräumen eine gründ­li­che Katechese vorangehen müsse, in der die Bischöfe ihren Priestern wie durch sie ihren Gläubigen konkret verständlich machen müss­ten, wo­rum es geht. Das Vorausgehen der Katechese ist die Grundbedingung für das Inkrafttreten der Neuübersetzung. Soviel ich weiß, ist eine sol­che Ka­techese bisher im deutschen Sprachraum nicht erfolgt. Die Absicht meines Briefes ist es, Euch alle, liebe Mitbrüder, dringendst darum zu bit­ten, eine solche Katechese jetzt zu erarbeiten, um sie dann mit den Priestern zu besprechen und zugleich den Gläubigen zugänglich zu machen.



 

In einer solchen Katechese muss wohl zuerst ganz kurz geklärt werden, warum man bei der Übersetzung des Missale nach dem Konzil das Wort „viele“ mit „alle“ wiedergegeben hat: um in dem von Jesus gewollten Sinn die Universalität des von ihm kommenden Heils un­miss­ver­ständ­lich auszudrücken. Dann ergibt sich freilich sofort die Frage: Wenn Jesus für alle gestorben ist, warum hat er dann in den Abendmahlsworten „für viele“ gesagt? Und warum bleiben wir dann bei diesen Einsetzungsworten Jesu? Hier muss zunächst noch eingefügt werden, dass Jesus nach Matthäus und Markus „für viele“, nach Lukas und Paulus aber „für euch“ gesagt hat. Damit ist scheinbar der Kreis noch enger gezogen. Aber gerade von da aus kann man auch auf die Lösung zugehen. Die Jünger wissen, dass die Sendung Jesu über sie und ihren Kreis hinausreicht; dass er gekommen war, die verstreuten Kinder Gottes aus aller Welt zu sammeln (Joh 11, 52). Das „für euch“ macht die Sendung Jesu aber ganz konkret für die Anwesenden. Sie sind nicht irgendwelche anonyme Elemente einer riesigen Ganzheit, sondern jeder einzelne weiß, dass der Herr gerade für mich, für uns gestorben ist. „Für euch“ reicht in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein, ich bin ganz persönlich gemeint; wir, die hier Versammelten, sind als solche von Jesus gekannt und geliebt. So ist dieses „für euch“ nicht eine Verengung, sondern eine Konkretisierung, die für jede Eucharistie feiernde Gemeinde gilt, sie konkret mit der Liebe Jesu verbindet. Der Römische Kanon hat in den Wandlungsworten die beiden biblischen Lesarten miteinander verbunden und sagt demgemäß: „Für euch und für viele“. Diese Formel ist dann bei der Liturgie-Reform für alle Hochgebete übernommen worden. 



 

Aber nun noch einmal: Warum „für viele“? Ist der Herr denn nicht für alle gestorben? Dass Jesus Christus als menschgewordener Sohn Gottes der Mensch für alle Menschen, der neue Adam ist, gehört zu den grundlegenden Gewissheiten unseres Glaubens. Ich möchte dafür nur an drei Schrifttexte erinnern: Gott hat seinen Sohn „für alle hingegeben“, formuliert Paulus im Römer-Brief (Röm 8, 32). „Einer ist für alle gestorben“, sagt er im zweiten Korinther-Brief über den Tod Jesu (2 Kor 5, 14). Jesus hat sich „als Lösegeld hingegeben für alle“, heißt es im ersten Timotheus-Brief (1 Tim 2, 6). Aber dann ist erst recht noch einmal zu fragen: Wenn dies so klar ist, warum steht dann im Eucharistischen Hochgebet „für viele“? Nun, die Kirche hat diese Formulierung aus den Einsetzungsberichten des Neuen Testaments übernommen. Sie sagt so aus Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben. Die Ehrfurcht vor dem Wort Jesu selbst ist der Grund für die Formulierung des Hochgebets. Aber dann fragen wir: Warum hat wohl Jesus selbst es so gesagt? Der eigentliche Grund besteht darin, dass Jesus sich damit als den Gottesknecht von Jes 53 zu erkennen gab, sich als die Gestalt auswies, auf die das Prophetenwort wartete. Ehrfurcht der Kirche vor dem Wort Jesu, Treue Jesu zum Wort der „Schrift“, diese doppelte Treue ist der konkrete Grund für die For­mulierung „für viele“. In diese Kette ehrfürchtiger Treue reihen wir uns mit der wörtlichen Übersetzung der Schriftworte ein.



 

So wie wir vorhin gesehen haben, dass das „für euch“ der lukanisch-paulinischen Tradition nicht verengt, sondern kon­kretisiert, so können wir jetzt erkennen, dass die Dialektik „viele“- „alle“ ihre eigene Bedeutung hat. „Alle“ bewegt sich auf der ontologischen Ebene – das Sein und Wirken Jesu umfasst die ganze Menschheit, Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Aber faktisch, geschichtlich in der konkreten Gemeinschaft derer, die Eucharistie feiern, kommt er nur zu „vielen“. So kann man eine dreifache Bedeutung der Zuordnung von „viele“ und „alle“ sehen. Zunächst sollte es für uns, die wir an seinem Tische sitzen dürfen, Überraschung, Freude und Dankbarkeit bedeuten, dass er mich gerufen hat, dass ich bei ihm sein und ihn kennen darf. „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat ...“. Dann ist dies aber zweitens auch Verantwortung. Wie der Herr die anderen – „alle“ – auf seine Weise erreicht, bleibt letztlich sein Geheimnis. Aber ohne Zweifel ist es eine Verantwortung, von ihm direkt an seinen Tisch gerufen zu sein, so dass ich hören darf: Für euch, für mich hat er gelitten. Die vielen tragen Verantwortung für alle. Die Gemeinschaft der vielen muss Licht auf dem Leuchter, Stadt auf dem Berg, Sauerteig für alle sein. Dies ist eine Berufung, die jeden einzelnen ganz persönlich trifft. Die vielen, die wir sind, müssen in der Verantwortung für das Ganze im Bewusstsein ihrer Sendung stehen. Schließlich mag ein dritter Aspekt dazukommen. In der heutigen Gesellschaft haben wir das Gefühl, keineswegs „viele“ zu sein, sondern ganz wenige – ein kleiner Haufen, der immer weiter abnimmt. Aber nein – wir sind „viele“: „Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen“, heißt es in der Offenbarung des Johannes (Offb 7, 9). Wir sind viele und stehen für alle. So gehören die beiden Worte „viele“ und „alle“ zusammen und beziehen sich in Verantwortung und Verheißung aufeinander.


 

Exzellenz, liebe Mitbrüder im Bischofsamt! Mit alledem wollte ich die inhaltlichen Grundlinien der Katechese andeuten, mit der nun so bald wie möglich Priester und Laien auf die neue Übersetzung vorbereitet werden sollen. Ich hoffe, dass dies alles zugleich einer tieferen Mitfeier der heiligen Eucharistie dienen kann und sich so in die große Aufgabe einreiht, die mit dem „Jahr des Glaubens“ vor uns liegt. Ich darf hoffen, dass die Katechese bald vorgelegt und so Teil der gottesdienstlichen Erneuerung wird, um die sich das Konzil von seiner ersten Sitzungsperiode an gemüht hat. 


 

Mit österlichen Segensgrüßen verbleibe ich

 

im Herrn Ihr

 

Benedictus PP XVI.



[1] Vgl. J. Jeremias, Abhandlungen zu "polloi", in Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1956.

[2] Nebenbei bemerkt ist auch die französische Übersetzung „die Vielheit“ ungenau, denn es fehlt im Grie­chi­schen der Artikel vor „viele“.

[3] Es wurde während einiger Sonntage den Gläubigen der Sinn des "pro multis" erklärt: daß alle eingeladen sind, aber auch daß jeder einzelne bewußt ein­stim­men und teilnehmen muß. Die Übersetzung "por muchos" wurde von den Gläubigen in Mexiko ohne irgendwelche Schwierigkeiten angenommen.

[4] Genauer sagten die Jansenisten, dies sei ein „semipelagianischer“ Irrtum. Die Pelagianer und Semipelagianer waren Irrlehrer, welche lehrten, dass der Mensch die helfende Gnade Gottes nicht nötig habe, um das Heil zu erlangen.

[5] Ob Teufel und Dä­mo­nen personal oder nicht-personal sind, ist dog­ma­tisch bislang nicht endgültig entschieden. Zwar spricht die gewöhnliche Lehr­ver­kün­di­gung der Kirche, wie sie z.B. in Katechismen greifbar wird, vom Teufel und den Dämonen als von Gott abgefallenen Engeln, und Engel wiederum werden in die­ser Verkündigung als Per­sonen beschrieben, und zwar rein geistige Personen, die von Natur aus körperlos sind. Diese „reinen Geister“ sind von anderer Art  als die menschlichen Seelen, die von Natur aus auf einen Körper hingeordnet sind, und nur in unnatürlicher Weise leibfrei existieren können. – Aber die Kir­che hat diese Lehre von der Personalität der Dämonen nicht als ein irreversibles Dogma mit Unfehlbar­keitsanspruch festgeschrieben. Dass es sich um Per­so­nen handelt, soll man daher (wie alle Sätze der ordentlichen Lehrverkündigung) nicht leichtfertig ab­leh­nen, aber seine Leugnung hat nicht die Exkommuni­ka­tion zur Folge, bleibt also im Rahmen des kirchlichen Glaubens mög­lich. – Übrigens ist die Redeweise, man „glaube an den Teufel“ in jedem Fall ab­zu­leh­nen, weil der Terminus „glauben an“ im kirchlichen Sprachgebrauch soviel wie „vertrauen auf“, „sein Leben ausrichten auf“ bedeutet und somit ein Ausdruck der Ver­ehrung ist. In diesem Sinne „glauben“ nur Teufelsanbeter und Satanisten an den Teufel, während kirchliche Theologen – auch diejenigen, welche Teu­fel und Dämonen als Personen bezeichnen – nicht in diesem Sinne an ihn glauben: „An den Teufel kann man nicht glauben, dem Teufel kann man nur wider­sa­gen“, so drückte es Kardinal Kasper aus (Kasper, Walter & Lehmann, Karl, Teufel-Dämon-Besessenheit, Mainz 1978, S. 65).

[6] Interessant ist in diesem Zu­sam­menhang Kardinal Walter Kaspers Stellungnahme. Zunächst sagt er: „Der Teufel ist keine personale Gestalt“,  womit Kasper aber nicht die Personalität des Teufels schechthin abstreiten will, sondern ihm nur eine uns verständliche Personalität abspricht, in die wir uns mitfühlend hin­ein­versetzen können. Denn er fährt fort, der Teufel sei „eine sich ins Anonyme und Antlitzlose auflösende Ungestalt, ein Wesen, das sich ins Unwesen per­ver­tiert; er ist Person in der Weise der Unperson. ... Er ist deshalb personal im Modus des Zerfalls und der Auslösung des Personalen.“ (Kasper, Walter & Lehmann, Karl, Teufel-Dämon-Besessenheit, Mainz 1978, S. 63, Hervorhebung von mir). Im gleichen Sinne heißt es auch in einem Text von Papst Benedikt XVI., geschrieben in seiner Zeit als Kardinal: „Wenn man fragt, ob der Teufel Person sei, so müsste man richtigerweise wohl antworten, er sei die Un-Person, .... der Zerfall des Personseins, und darum ist es ihm eigentümlich, dass er ohne Gesicht auftritt ...“ (Abschied vom Teufel? In: Ratzinger Joseph, Dogma und Ver­kündigung, 3. Aufage, München 1973, S. 255-234, Zitat S. 233-234).


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