Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Das Papstamt: Anmaßung oder
biblisches Amt der Einheit?


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Die Lehre vom Papst ist in ökumenischen Gesprächen eines der schwierigsten Themen. Auf evangelischer Seite (aber nicht nur dort!) gibt es oft eine starke Abneigung gegen das Papstamt und seine als erdrückend und anmaßend empfundene Machtfülle. So stellt z.B. der Protestant Arno Pagel in seinem Artikel „Warum wir nicht katholisch werden können“ (Brücke zum Menschen Nr. 51/52, S. 33-36) sehr eindrucksvoll zwei Bilder gegenüber: Auf der einen Seite die römische Kirche mit ihrem Papst, der „unter berauschender Prachtentfaltung ... ein Dogma verkündet, vor dem es dann keine biblischen Bedenken mehr geben darf“,  und auf der anderen Seite eine evangelische Gemeinde als „kleiner Bruderkreis, der sich betend um die Schrift schart“ (S. 34-35). Es ist nachvollziehbar, dass viele das Bild vom Bruderkreis sympathischer finden, denn der kleine Freundeskreis, die persönliche Erleuchtung und Führung durch den Geist ist es, worauf es für den einzelnen ankommt. Aber ob es für das Ganze, für die Christenheit insgesamt, gut wäre, wenn sie lediglich aus autonomen bibelstudierenden Kleingruppen bestünde, das ist doch eine ganz andere Frage. Im Gegensatz zu Pagel sehen heute viele offizielle Vertreter der lutherischen Kirchen das Papstamt nicht mehr ausschließlich negativ. In dem Dokument „Das geistliche Amt in der Kirche“, das 1981 gemeinsam von einer gemischten Kommission des lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche herausgegeben wurde, kann man lesen (Artikel 73): „In verschiedenen Dialogen zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass auch das Petrusamt des Bischofs von Rom als sichtbares Zeichen der Einheit der Gesamtkirche von den Lutheranern nicht ausgeschlossen zu werden braucht“, wobei die Lutheraner allerdings fordern, dass dieses Amt zuvor evangeliumsgemäß reformiert werden müsste. Angesichts der verschiedenen Ansichten über das Papstamt lohnt es sich, der Frage nachzugehen, was das Papsttum zu sein beansprucht und inwieweit es sich dabei auf die Schrift stützen kann.

 

1. Die besondere Stellung des Petrus

Der Apostel Petrus hatte in der Urkirche eine besondere, führende Stellung. Petrus wird in allen Apostel-Listen als erster genannt. Die Apostel-Liste des Matthäus (Mt 10,2) beginnt sogar mit der Feststellung „zuerst“ (andere Übersetzung: „erster ist“) Petrus, und da er zeitlich erst nach Andreas berufen wurde (vgl. Joh1, 40-41) deutet das Wort „zuerst“ bzw. „erster“ auf einen Vorrang innerhalb des Apostelkollegiums hin. Der auferstandene Jesus erschien dem Petrus, noch bevor er den übrigen Aposteln erschien (1 Kor 15,5; Lk 24,34). Petrus trat immer wieder als Sprecher des ganzen Apostelkollegiums auf (Mt 16,15-16; 19,27; Apg1,15; 2,14.37;  5,3.29 usw.). Er ergriff die Initiative zur Ergänzung des Apostelkreises (Apg 1,15) und hielt die Eröffnungsrede auf dem Apostelkonzil  (Apg 15, 1-11). Er wies Leute zurecht, die  seinen Mitapostel Paulus falsch verstanden (2 Petr 3,15-16) und war der erste Apostel, den Paulus nach seiner Bekehrung aufsuchte (Gal 3,18). Seine besondere Stellung im Apostelkreis wird auch in Formulierungen deutlich, die ihn aus diesem Kreis deutlich hervortreten lassen (Apg 5,29: „Petrus und die Apostel sagten ...“; Mk 16,7: „sagt dem Petrus und den Aposteln ...“). Bemerkenswert ist auch die Bezeichnung der Apostel als „die Männer um Petrus“ (Mk 16,9 in einem Teil der Handschriften). Vor allem aber zeigen die folgenden drei Schriftstellen, dass Christus den Petrus in eine für die Kirche zentrale Stellung eingesetzt hat:

a)      Jesus betet, dass der Glaube Petri nicht mehr wanken sollte, damit er seine Mitapostel stärken könne (Lk 22,32).

b)   Petrus wird von Jesus als Hirte eingesetzt, um die Jesu Schafe zu weiden (Joh 21,15-17). Jesus sagt ohne Einschränkung „weide meine Schafe“ bzw. „weide meine Lämmer“, so dass alle Schafe und Lämmer gemeint sind. Das kann man so verstehen, dass dem Petrus hier ein gesamtkirchlicher Hirtendienst übertragen wird.

c)    Jesus gibt ihm den Namen Petrus (= Felsenmann), erklärt ihn zum Felsenfundament seiner Kirche und überträgt ihm eine vor Gott gültige Binde-und Lösegewalt (Mt 16,18) - diese Stelle unterstreicht die fundamentale Stellung Petri am meisten. Dass auch den übrigen Aposteln eine vor Gott gültige Binde- und Lösegewalt zugesprochen wird (Mt 18,18), ist kein Argument gegen den Vorrang des Petrus: Denn dieser Vorrang zeigt sich darin, dass dem Petrus einzeln und als erstem zugesprochen wird, was die anderen erst später und kollektiv erhalten.

Sicher hat Petrus auch versagt, hat den Herrn verleugnet und musste von Jesus und später von Paulus scharf zurechtgewiesen werden (Mt 16,23; 26,69-75; Gal 2,11-14). Diese Vorfälle machen uns von vornherein klar, was auch die spätere Papstgeschichte immer wieder bestätigt: dass die Erwählung zu einem hohen geistlichen Amt nicht vor menschlichem Versagen schützt. Dass man aber die Verleugnung des Petrus in allen Evangelien überliefert hat, ist wiederum ein Hinweis auf seine besondere Stellung.

 

2. Das  Papsttum als oberstes Kirchenamt

Petrus war einmalig und niemand kann beanspruchen, eine ähnlich bedeutsame Stellung in der Heilsgeschichte zu haben wie Petrus und die Apostel.  Aber die Frage ist, ob es einen „Nachfolger Petri“ geben kann und soll, der die Aufgabe des Petrus weiterführt, für die Kirche zu sprechen und ihre Einheit zu garantieren, und der insofern ein „Petrusamt“ ausübt. Die katholische Kirche jedenfalls schreibt dem Papst eine solche Aufgabe zu.
Leider wird in der Diskussion für und wider das Papsttum oft zu wenig beachtet, was eigentlich nach katholischer Lehre unveränderlich und wesentlich zu diesem Amt gehört und was nicht. So ist z.B. das jetzige Verfahren der Papstwahl  (Wahl durch die von den vorhergehenden Päpsten ernannten Kardinäle) zwar eine sehr zweckmäßige, aber nicht  die einzig mög­liche Form. Ursprünglich wurde der Papst von der gesamten römischen Gemeinde gewählt, erst 769 wurde das Wahlrecht auf die römischen Kleriker beschränkt, und 1059 schließlich auf die Kardinäle. Theoretisch könnte der Papst in Zukunft auch vom gesamten Kirchenvolk gewählt werden oder (was vielleicht angemessener wäre) vom gesamten Bischofs­kollegium. Die Frage „Papst ja oder nein“ ist demnach also nicht identisch mit der Frage, ob die Kirchenleitung „von oben“ eingesetzt oder durch „demokratische“ Wahlen konstituiert werden soll. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob es überhaupt eine (wie auch immer zu konstituierende) Leitung und Repräsentation der Kirche auf Weltebene geben soll.

 

Wenn der Protestant Pagel schreibt, dass es „überall Ordnung und Ämter... geben“ muss und dass die „Pflicht zur Ordnung und das Gebot der Liebe“ die Einsetzung von Pastoren, Predigern und Ältesten in der Gemeinde fordert (Brücke zum Menschen Nr. 51/52, S.35), warum sollte dieselbe Pflicht und Liebe nur auf Gemeinde- und Landesebene, aber nicht auf Weltebene zum Zuge kommen? Vielfach hört man die Antwort: Weil nach der Schrift Christus und niemand sonst das „Haupt der Kirche“ (Eph 5,32) ist. Doch ist Christus nicht nur Haupt der Weltkirche, sondern ebenso auch Haupt jeder Ortskirche bzw. Gemeinde (denn mit „Kirche“ bzw. mit dem griechischen Wort „Ekklesia“ ist im Neuen Testament meistens die Ortskirche bzw. Gemeinde gemeint!) Wenn man also argumentiert, es dürfe auf Weltebene keine menschlichen Hirten in der Kirche geben, weil Christus das Haupt der Kirche ist, so müsste man konsequenterweise auch alle menschlichen Hirten ablehnen, die auf Gemeindeebene fungieren. Das aber wäre sicher nicht schriftgemäß, denn die Bibel spricht klar von menschlichen Hirten, die der Heilige Geist zur Leitung der Kirche eingesetzt hat (Apg 20,28; vgl. 1 Petr 5,2-4). Wenn aber das Amt des Gemeindepastors sich mit der Tatsache verträgt, dass Christus Haupt der Gemeinde ist, müsste dann nicht genauso auch das Amt eines gesamt­kirchlichen Hirten bestehen können, ohne mit Christus in seiner  Funktion als eigentlichem Kirchenhaupt in Konflikt zu geraten?

Was man hier vor allem bedenken muss, ist nun dies: Jesus selbst hat, wie oben gezeigt wurde, Petrus in ein fundamentales gesamtkirchliches Amt eingesetzt. Zwar sagt die Schrift nicht direkt, dass dieses Petrusamt nach dem Tod des Petrus fortbestehen soll, doch ergibt sich dies ziemlich klar aus den Worten Jesu Mt 16,18-19, mit denen er das Petrusamt beschreibt. Denn diese Worte scheinen doch zu besagen, dass Petrus in seiner Funktion als Inhaber der Schlüsselgewalt das Felsenfundament sein soll, auf dem die Kirche gebaut wird, so dass die Mächte der Hölle sie nicht überwältigen können. Nun muss aber das schützende Fundament ebenso lange Bestand haben, wie der Bau, den es trägt, d.h. das von Jesus eingerichtete Felsenfundament muss ebenso lange bestehen wie die Kirche. So gesehen ist klar, dass das Amt des Petrus nach dessen Tod von Nachfolgern übernommen werden musste. Aber auch dann, wenn man dieses klassische Schriftargument für das Fortbestehen des Petrusamtes für nicht überzeugend hält, könnte man das Fortbestehen des Petrusamtes dennoch für schriftgemäß halten. Man könnte nämlich so argumentieren: Wenn Jesus für die Urkirche ein Leitungsamt eingesetzt hat, ohne über das spätere Fortbestehen oder Erlöschen des Amtes etwas auszusagen, und wenn im Allgemeinen das Beispiel der Urkirche für die spätere Kirche als normativ zu gelten hat, so ist es eher schriftgemäß, dieses Amt beizubehalten als es abzuschaffen. Dies gilt umso mehr, als ein solches Amt für die spätere Großkirche noch viel notwendiger zu sein scheint als für die relativ überschaubare Urkirche.

 

3. Zur Unfehlbarkeit des Papstes

Die größte Schwierigkeit bei einer Verständigung über das Papstamt liegt indessen nicht in der Existenz eines Kirchenamtes auf höchster Ebene, sondern in der Lehre, dass der Papst als Inhaber dieses Amtes sogenannte „unfehlbare“ Lehrentscheide treffen kann, wenn er eine Lehre zum Dogma erhebt, d.h. endgültige Entscheidungen in Glaubensfragen trifft. Aber auch hier sind oft Missverständnisse im Spiel, die man ausräumen sollte, bevor man sich über diese sicher herausfordernde These ein Urteil fällt.
Als nach jahrhundertelangem Ringen der katholischen Theologie um den genauen Umfang der Vollmachten des Papstes das Erste Vatikanische Konzil im Jahre 1870 die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes definitiv zum Glaubenssatz erhob,  hatten viele Beobachter den Eindruck, damit hätte man nun dem Papst endgültig einen Freibrief ausgestellt, der ihn ermächtigt, zu lehren, was ihm beliebt. Auf dem Konzil war viel darüber diskutiert worden, wer bei definitiven Glaubensentscheidungen das letzte Wort habe, der Papst oder die allgemeinen Bischofsversammlungen (Konzilien). Dieser Streit wurde (vom Konzil selbst!) zugunsten des Papstes entschieden. Der Schlusssatz des berühmten Konzilstextes lautete, dass endgültige Entscheidungen des Papstes in Glaubensfragen „aus sich heraus und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche“ als unabänderlich zu gelten haben. Dieser Satz hat viel Staub aufgewirbelt. Bedeutet dies, dass der Papst ohne die „Zustimmung der Kirche“, d.h. letztlich ohne Rücksicht auf den Glauben der Kirche neue Lehren einführen kann?
Nein, so war das nicht gemeint. „Denn auch den Nachfolgern Petri ist der Heilige Geist nicht verheißen, dass sie auf seine Eingebung hin eine neue Lehre veröffentlichen sollten“, so betonte das Konzil. Der Papst ist also kein Offenbarungsempfänger. Das Konzil sieht die Auf­gabe des Papstes lediglich darin, dass er „die durch die Apostel überlieferte Offenbarung ... heilig bewahren und getreulich auslegen“ soll. Aber mehr noch: Auch die Auslegung der Offenbarung kann der Papst nicht einfach nach eigenem Gutdünken vornehmen. Die Bestimmung, der Papst könne unabänderliche Lehrsätze ohne die Zustimmung der Kirche aufstellen, kann man nur dann richtig verstehen, wenn man weiß, was hier mit „Zustimmung der Kirche“ gemeint war. Die „Zustimmung“ war nämlich im juristischen Sinne gemeint, d.h. im Sinne einer Gültigmachung von päpstlichen Entscheidungen durch eine rechtliche Kircheninstanz wie z.B. ein allgemeines Konzil. Es wurde also die Auf­fas­sung abgelehnt, dass höchste päpstliche Entscheidungen in Glaubensfragen erst dann in Kraft treten können, nachdem der Papst die Zustimmung irgendeiner kirchlichen Instanz ein­ge­holt hat. Würde erst eine solche „Zustimmung der Kirche“ die päpstlichen Ent­schei­dun­gen gültig machen, so könnte der Papst nicht mehr der Schiedsrichter im theologischen Streit sein, worin gerade die Hauptaufgabe seines Lehramtes besteht.

 

Nicht abgelehnt hat das Konzil die Notwendigkeit einer „Zustimmung der Kirche“ in dem Sinne, dass eine Übereinstimmung der päpstlichen Entscheidung mit dem bereits vorher bestehenden Glauben der Kirche notwendig ist. Denn der Glaube der Kirche ist in der Tat Richter auch über den Papst. Es ist nämlich gültige Rechtsanschauung in der katholischen Kirche ,dass ein Papst, der eine Irrlehre zum Dogma zu erheben versucht, durch eine dann von selbst eintretende Strafe sein Amt verlieren würde. Anders gesagt: Der Papst kann zwar keine Irrlehre zum Glaubenssatz erklären, solange er Papst ist, aber er könnte es unter Verlust seines Amtes dennoch tun - zumindest ist eine solche Möglichkeit vom katholischen Kirchenrecht in Betracht gezogen worden.[1] So zeigt sich, dass sich die Kirche keineswegs auf die Lehre festgelegt hat, der Papst könne garantiert niemals persönlich vom Glauben abirren. Die Kirche rechnet vielmehr damit, dass der Mensch, der zum Papst erwählt wurde, in Irrtum fallen und sogar versuchen könnte, eine Irrlehre als Dogma zu verkünden. Wenn dies geschähe, müsste die Kirche den Irrtum des Papstes feststellen und ihn, der rechtlich gesehen im Augenblick der Dogmatisierung sein Amt bereits verloren hätte, auch faktisch vom Amt entfernen. Eine Schwierigkeit besteht dann allerdings darin, dass es keine  Instanz gibt, die einen Papst gewissermaßen „auf amtlichem Wege“ als Irrlehrer verurteilen und absetzen könnte. Die Feststellung der Irrlehre und Absetzung des Papstes kann also gewissermaßen nur „charismatisch“ (d.h. auf einem rechtlich nicht geregeltem Wege) erfolgen. Einen solchen Fall (Absetzung eines Papstes wegen Glaubensabfalls) hat es zwar noch nicht gegeben, wohl aber gab es in der Geschichte der Kirche bereits ähnlich gelagerte Fälle. So sind bereits Päpste wegen Unfähigkeit abgesetzt worden, und zwar einige vom deutschen Kaisern und einige vom allgemeinen Konzil zu Konstanz. Außerdem hat die Kirche bestimmte Ansichten der Päpste Liberius, Honorius und Johannes XXII posthum als Irrlehren verurteilt. Angesichts dieser Sachlage muss ein Papst immer bestrebt sein, im möglichst großem Einvernehmen mit den Bischöfen zu handeln. Ein Papst übt daher sein unfehlbares Lehramt in der Regel so aus, dass er Konzils­entscheidungen in Kraft setzt. Es gibt nach heutigen Erkenntnissen wahrscheinlich in der ganzen Kirchengeschichte nur drei mit Unfehlbarkeitsanspruch vorgetragene päpstliche Lehrentscheidungen, die ohne Mitwirkung eines Konzils zustande kamen, und in allen drei Fällen bestand nachweislich eine breite Zustimmung der Bischöfe und des gesamten Kirchenvolkes: 1336 (Das Dogma von der Beseligung bzw. Verdammnis der Seele unmittelbar nach dem Tod), 1854  (Unbefleckte Empfängnis Marias) und 1950  (Marias Aufnahme in den Himmel mit Leib und Seele). Das Dogma von 1336 wurde geradezu von der Kirche gegen den Papst erzwungen, da Papst Johannes XXII. zuerst das Gegenteil lehren wollte (nämlich dass die Seelen erst am Weltgericht in den Himmel oder in die Hölle kommen). Unter dem Druck der Öffentlichkeit nahm der Papst kurz vor seinem Tod seine Meinung zurück und sein Nachfolger erhob dann 1336 den Glauben der Kirche zum Dogma. Vor den letzten beiden Dogmen (1854 und 1950) nahmen die Päpste ausdrücklich eine Befragung der Bischöfe vor, deren Ergebnis beide Male eine überwältigend große Zustimmung war. So waren unfehlbare Lehrentscheidungen bisher noch nie der Kirche auf­gezwungene Privatmeinungen eines einzigen Mannes, sondern stets echte Glaubensäußerungen der Mehrheit der Bischöfe und der gesamten katholischen Kirche.

 

Die Unfehlbarkeit des Papstes, so wie sie die katholische Theologie versteht, ist also in erster Linie nicht eine besondere Gnadengabe Gottes für den Papst persönlich, sondern eine solche für die Kirche. Denn nur, wenn der Papst wirklich als Sprecher der Kirche auftritt und ihren Glauben zusammenfasst, kann eine unfehlbare Entscheidung zustandekommen. Eine unfehlbare päpstliche Lehre muss sich somit stets als eine Lehre erweisen, die von der All­ge­mein­heit der ganzen Kirche und insbesondere von der Mehrheit der Bischöfe aller Zeiten geglaubt wird. Das heißt freilich nicht, dass ein Papst immer die gerade aktuelle Mehrheits­meinung aus­zu­sprechen hat; vielmehr hat er das Recht und vor seinem Gewissen zuweilen auch die Pflicht, etwas Unpopuläres lehren und sich gegen aktuelle Mehrheiten im Kirchenvolk und auch im Bischofskollegium zu stellen -doch muss sich schließlich seine Lehre, wenn sie wahr ist, auf  Dauer allgemein durchsetzen.

Wenn nun klar ist, was die katholische Theologie unter Unfehlbarkeit des Papstes versteht, so können wir noch fragen, wie es um die biblische Begründung dieser Lehre bestellt ist. Man könnte hier wie folgt argumentieren: Die christliche Kirche ist „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15) und muss daher bei der Auslegung des Wortes Gottes vor Irrtum geschützt sein, wenigstens dann, wenn sie in wichtigen Fragen eine grundlegende Entscheidung trifft. Mit dieser biblisch bezeugten Wahrheitsfunktion („Unfehlbarkeit“) der ganzen Kirche stünde es nun im Widerspruch, wenn die höchste kirchliche Lehrinstanz in grundlegenden und endgültigen Entscheidungen derart irren könnte, dass die ganze Kirche auf Dauer in die Irre geführt würde. Es muss einen Beistand Gottes geben, der dies verhütet. So gesehen muss also das höchste Lehramt der Kirche, das Petrusamt, an der Unfehlbarkeit der Kirche bzw. an ihrer Funktion, „Säule und Fundament der Wahrheit“ zu sein, Anteil haben. Eine Bestätigung für diese Schlussfolgerung kann man darin sehen, dass Jesus in Mt 16,13-18 dem Petrus aufgrund seines rechten Bekenntnisses (Vers 16) verheißen hat, er würde das Felsenfundament seiner Kirche sein, und dass Jesus ihm in Lk 22,32 zusicherte, er wolle für ihn beten, damit sein Glaube nicht wanke und er seine Mitapostel stärken könne.



[1] Der Ende des 5. Jahrhunderts ausgesprochene Grundsatz, dass der Papst von niemandem gerichtet werden dürfe, wurde bald erweitert durch den Zusatz „es sei denn, er wird überführt, dass er vom Glauben abweicht“. Mit diesem Zusatz fand der Grundsatz Eingang in das um 1140 verfasste „Decretum Gratiani“ des mittelalterlichen Rechtsbuches der Kirche (Corpus Iuris Canonici, Decr. Gratiani I Dist. 40 can 6 Si papa), das bis 1917 für das Kirchenrecht maßgeblich war. Auch der bedeutendste Papst des Mittelalters, Innozenz III. (1198-1216), hat seine Absetzungsmöglichkeit anerkannt, indem er erklärte, dass er wegen einer Sünde gegen den Glauben von der Kirche getrennt werden könne (Sermo 2 in consecratione pontificis, PL 117, Sp. 656). Wie man sich die Absetzung des Papstes im Falle einer Abweichung vom wahren Glauben dachte,  fasste der heilig­ge­sprochene Kardinal Robert Bellarmin (1542-1621) so zusammen: „Der offensichtlich irrende Papst hört von selbst auf, Papst und Haupt zu sein, indem er von selbst aufhört, ein Christ und Glied der Kirche zu sein, und kann deshalb von der Kirche gerichtet und bestraft werden.“ (De Romano Pontifice, Band 2 Kap. 30). Im neuzeitlichen Kirchen­recht ist zwar nicht mehr ausdrücklich vom irrenden Papst die Rede, aber es heißt (in CIC 1917, § 188.4 und CIC 1983, § 194.2), dass ein vom katholischen Glauben ab­ge­fal­le­ner Inhaber eines Kirchenamtes dieses „von Rechts wegen“ verliert. Das gilt allgemein, also auch für den Papst. Zwar waren und sind bedeutende Theologen (darunter auch Bellarmin) persönlich davon überzeugt, dass die gött­liche Vorsehung nicht zulassen wird, dass ein Papst öffentlich oder auch nur im Geheimen in einen Glaubens­irrtum verfällt, doch ist diese Ansicht, auch wenn man für sie gute Gründe anführen kann (etwa Lk 22,32), bisher nur eine theologische Meinung und kein verbindlicher Glaubenssatz.

 


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