Christus

Professor Robert Spaemann

Geboren von der Jungfrau Maria

Predigt in der Evangelischen Stadtkirche Darmstadt am 7. März 2004
im Rahmen einer Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis


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Im dritten Kapitel seines Evangeliums erwähnt Lukas die Taufe Jesu im Jordan und die Stimme von oben: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“ (Lk 3,22). Im nächsten Satz heißt es dann: „Er wurde für den Sohn Josephs gehalten“. Und dann folgt der lukanische Stammbaum des Josef, der Sohn des Heli war, der Sohn des Mattat war, der Sohn des Levi war usw. bis Seth, der Sohn des Adam war, von dem es kurzerhand,  so als gehöre das noch in die Genealogie, heißt:  „der Gottes war“ (Lk 3,23-38). Jesus wird so als der neue Adam präsentiert. Josef wird nur für seinen Vater gehalten. Tatsächlich ist er Gottes, wie Adam.
Im Matthäusevangelium geht der Stammbaum nicht in aufsteigender sondern in absteigender Linie: Abraham zeugte Isaak, Isaak den Jakob, usw. bis zu Joseph, von dem es dann nicht heißt, dass er Jesus zeugte, sondern dass er der Mann Mariens war, „aus der Jesus geboren wurde, der Messias genannt wird“ (Mt 1,16).

Im Prolog des Johannesevangeliums ist die Rede von denen, „ die nicht aus Blut, nicht aus dem Verlangen des Fleisches, nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13).  Es gibt eine frühchristliche Variante dieses Textes, die bereits im zweiten Jahrhundert von manchen  Kirchenvätern, darunter Justin und Tertullian für die ältere gehalten wurde und in der Jesus selbst als der gekennzeichnet wird, der nicht aus dem Blut, nicht aus dem Verlangen des Fleisches noch aus dem Wollen des Mannes sondern aus Gott geboren ist, was natürlich eine Anspielung auf seine jungfräuliche Empfängnis war.
Die Kirche hat seit jeher diese Texte so verstanden, wie ihre Autoren sie verstanden haben wollten. „Empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“, so spricht die sonntägliche Versammlung jeder Gemeinde der Christenheit. Wir sprechen sie als Teil dessen, was wir zu glauben bekennen, als ein Teil dessen also, was unsere gemeinsame Identität als Christen ausmacht. Aber, liebe Freunde, wir wollen uns nicht in die eigene Tasche lügen: es gibt viele von uns, die diese Worte mitsprechen, aber nicht glauben, was sie sagen. Das Sprechen des apostolischen Glaubensbekenntnisses ist für sie ein Bekenntnis der Zugehörigkeit zur Kirche Christi. Es ist ihnen eine ehrwürdige Formel, in der die Kirche einstmals ihre Identität ausdrückte. Sie sprechen diese Formel nun sozusagen als Zitat, nicht als Ausdruck ihres eigenen Glaubens. Wenn sie selbst zu formulieren hätten, was Inhalt des christlichen Glaubens ist, dann käme diese Formel darunter nicht mehr vor.

Warum nicht? Es sind in der Regel zwei Gründe, die geltend gemacht werden. Der erste beruft sich auf die Wissenschaft. Ich sage nicht, es ist ein wissenschaftlicher Grund, sondern einer, der sich auf die Wissenschaft beruft. Dem modernen, wissenschaftlich gebildeten Menschen sei, so heißt es, nicht zuzumuten, an die Empfängnis eines Menschen ohne Zeugung durch einen Vater zu glauben. Der zweite Grund ist ein theologischer. Er lautet etwa so: Die Göttlichkeit Jesu beruht nicht auf einem biologischen Faktum und macht ein solches biologisches Faktum auch nicht erforderlich. So wie die Auferstehung Jesu es auch nicht erforderlich macht zu glauben, dass sein Grab am dritten Tag leer war, ohne dass Menschen den Leichnam fortgenommen hätten. Am leeren Grab zweifelten übrigens die zeitgenössischen Rabbinen nicht. Darum musste der Leichnam gestohlen worden sein. So wie die Juden des ersten Jahrhunderts auch glaubten, Jesus sei nicht der leibliche Sohn Josefs. Deshalb musste Jesus das uneheliche Kind eines anderen sein. Der theologische Einwand beruht auf dem, was man in der Wissenschaft eine Immunisierungsstrategie nennt. Man will die christliche Botschaft unangreifbar machen, indem man sie so formuliert, dass kein vernünftiger Mensch ihr widersprechen kann. Das geht nur, wenn man sie trivialisiert zu einer Reihe von Selbstverständlichkeiten. Und außerdem muss man sie zu diesem Zweck so weit wie möglich unabhängig machen von bestimmten Tatsachenannahmen. So weit wie möglich. Wie weit ist es möglich? Manche meinen, es sei vollständig möglich. Wer die Verkündigung Jesu verstanden habe, der könne sogar der Möglichkeit ins Auge sehen, dass Jesus von Nazareth gar nicht existiert hat. So wie ja der Buddhismus nicht steht und fällt mit der historischen Existenz des Gautama Buddha.

Lassen Sie mich einige Worte sagen zu diesen beiden Einwänden. Zunächst müssen wir uns klar machen, dass es ein wissenschaftliches Argument in diesem Bereich nicht gibt. Die sogenannten wissenschaftlichen Argumente sind in Wirklichkeit Plausibilitätsargumente, common sense - Argumente, und zwar genau die gleichen, die bereits im dritten. Jahrhundert der griechische Kritiker des Christentums Kelsos vorgebracht hat. Nämlich dass Ereignisse wie eine jungfräuliche Geburt vom gewöhnlichen, regelmäßigen,  also vom natürlichen Lauf der Dinge abweichen und nur in Mythen vorkommen. Eine solche Abweichung glaubt man normalerweise nicht,  aber man kann sie glauben, wenn man dafür einen guten Grund hat. Die Tatsache, dass der regelmäßige Lauf der Dinge heute in der Gestalt mathematisch formulierter Naturgesetze beschrieben wird, ändert daran nichts und fügt dem Argument von Kelsos nichts Wesentliches hinzu. Naturgesetze sind empirische Verallgemeinerungen. Einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, der Begründer der sog. Analytischen Philosophie Ludwig Wittgenstein schreibt einmal: „Es ist der Aberglaube der Moderne, die Naturgesetze erklärten uns die Ereignisse der Natur, also den Lauf der Welt.“ Die Wissenschaft hat es prinzipiell mit den Regelmäßigkeiten zu tun, nicht mit den Ausnahmen, oder mit Ausnahmen nur dann, wenn sie es uns ermöglichen, die Regeln besser zu formulieren, nämlich so, dass die Ausnahmen keine Ausnahmen mehr sind. Ich habe einmal den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker gefragt, wie er reagieren würde, wenn er sehe, dass ein Stein, den er in der Hand hält und loslässt, plötzlich nach oben stiege statt nach unten zu fallen. Weizsäcker antwortete: „Ich würde versuchen, es so schnell wie möglich zu vergessen“. Das ist eine vernünftige Antwort eines Physikers. Denn die Physik hat es mit Regeln zu tun, nicht mit Ausnahmen. Und ein vernünftiger Physiker wird eher bereit sein an eine Halluzination zu glauben, als dass er wegen eines einzigen, nicht wiederholbaren Falles bereit wäre, Newtons Gravitationskonstante zu ändern. Im Übrigen sind uns Menschen, die leicht bereit sind, Wundergeschichten zu glauben, nicht vertrauenswürdig. Warum verdient es ein Ereignis, wie der nach oben fliegende Stein, vom dem, der es erlebt hat, alsbald vergessen zu werden, und von dem, dem man es erzählt hat, nicht geglaubt zu werden? Weil es keinen Sinn hat.
Ganz anders verhält es sich, wenn die Ausnahme Träger eines spezifischen Sinnes ist. Denken wir uns eine große Leinwand, die mit 999 kleinen schwarzen Quadraten bemalt ist, die uns sukzessiv enthüllt werden. Vor der Enthüllung des tausendsten Quadrates wird niemand daran zweifeln, dass das tausendste auch schwarz ist. Denn es handelt sich ja hier offensichtlich um eine Regelmäßigkeit, die mit jedem weiteren Quadrat sich einer strengen Gesetzmäßigkeit annähert. Anders allerdings, wenn wir in Rechnung stellen, dass es sich hier um das Werk eines Künstlers handelt. In diesem Fall hilft uns die Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Regelmäßigkeit ergibt, nicht weiter. Vielleicht ist gerade das tausendste Quadrat rot und eben dies macht die Pointe des ganzen Bildes aus. Für die Wissenschaft zählt das Wahrscheinliche, für die Kunst das Unerwartete, weil Unwahrscheinliche. Der christliche Glaube aber lehrt uns, die Welt und ihre Geschichte als Kunstwerk, als Heilsgeschichte zu betrachten, die aus dem Willen eines Schöpfers hervorgeht. Die Existenz der Welt als ganzer ist weder wahrscheinlich noch unwahrscheinlich, sie ist kein Fall der allgemeinen Regel, und die Existenz des Schönen darin ist es wiederum.
„Ich habe mich oft gefragt“, so heißt es in einem Gedicht von Gottfried Benn „und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und Gute kommt. Weiß es auch jetzt noch nicht und muss nun gehen“. Benn glaubte natürlich an die Evolution. Aber er wusste, dass gerade die Evolution das Wunder des Sanften und Guten nicht erklärt. Und so erklärt sie auch nicht das Wunder der jungfräulichen Mutterschaft Marias, der Mutter Gottes.

Aber hier kommt der Einwand der Theologen, der so lautet: Worum es hier geht, ist ein bloß biologisches Faktum. Dass Jesus Gottes Sohn ist, hat mit einem solchen Faktum nichts zu tun und hängt nicht daran. Wir können diese Aussagen allenfalls als Symbole für die Gottessohnschaft Jesu betrachten, aber dazu muss es nicht selbst ein historisches Ereignis sein. Dem steht zunächst entgegen, dass es gar nicht darum geht, ob dieses Faktum notwendig ist oder wahrscheinlich, sondern darum, dass das Neue Testament dieses Faktum als historisches berichtet und dass seine frühesten Leser es auch so verstanden haben. Die Schreiber der Texte aber wussten und wollten, dass die Leser es so verstehen. Ein Schreiber aber, der will, dass sein Bericht als historischer verstanden wird und der das wie der Verfasser des Lukasevangeliums sogar ausdrücklich versichert (vgl. Lk 1,1-4), will seine Leser betrügen und ist deshalb auch in dem, was er sonst mitzuteilen hat, nicht vertrauenswürdig. Das muss man einmal deutlich sagen.
Es gibt den Einwand, das Johannesevangelium und die Apostelbriefe wüssten offenbar nichts von der jungfräulichen Geburt Jesu. Aber wenn das ein Einwand wäre, dann gälte er auch für das Abendmahl und das Vaterunser. Dass Paulus vom Abendmahl spricht, verdanken wir nur dem zufälligen Umstand skandalöser Zustände bei der Feier des Herrenmahls in Korinth. Tatsache ist, dass Jesus, wenn er von seinem Vater spricht, immer Gott meint. Und wenn er sagt. „Wer den Willen meines Vaters tut, der ist mir Mutter, Schwester und Bruder“ (Mk 3,35), dann sagt er nicht: er ist mir Vater, Mutter usw., denn Vater ist ihm eben niemand außer dem Vater im Himmel, von dem er übrigens nie sagt: „unser Vater“, sondern immer nur: „mein Vater“ und „euer Vater“. Gott ist ihm offenbar in anderem Sinn Vater als uns, und uns ist er es nur durch ihn. Die Weise, wie er von seinem Vater spricht, das lässt keinen Raum für einen anderen Vater.

Die frühchristliche Textvariante des Johannesevangeliums, die ich erwähnte („wer nicht aus dem Blut, nicht aus dem Verlangen des Fleisches, nicht aus dem Wollen des Mannes, sondern aus Gott geboren ist“), führt in das Zentrum der Sache, und in den Sinn dieses Ereignisses und seine Bedeutung für die Geschichte unserer Rettung. Ohne eine solche Bedeutung handelte es sich ja tatsächlich nur um ein Kuriosum, das mit unserem Glauben an Jesus Christus nichts zu tun hat, und das deshalb nicht ins Glaubensbekenntnis gehört. Ein bloß biologisches Faktum allerdings wäre es dann auch nicht. Denn Vaterschaft und Mutterschaft, Zeugung, Geburt, Tod, Essen und Trinken sind beim Menschen nie bloß biologische Vorgänge, sondern bereits menschliche , das heißt personale. Und so ist auch die Jungfräulichkeit eines Menschen nie etwas bloß Biologisches.
Aber wir haben uns nun zu fragen: Worauf beruht der unverzichtbare Stellenwert der jungfräulichen Mutterschaft Mariens in der Heilsgeschichte? Dazu müssen wir uns zuvor fragen: Was ist denn eigentlich der Inhalt diese Ereignisses? Es wurde gesagt, mit dieser Erzählung habe man sich aus Gründen der Evangelisierung heidnischen Mythen angepasst. Das kann schon deshalb nicht sein, weil gerade Matthäus für Judenchristen schreibt und weil die Verwandtschaft mit heidnischen Mythen für antike Kritiker wie Kelsos gerade ein Argument gegen die Jungfräulichkeit Mariens war. An diese Mythen glaubte damals nämlich kein gebildeter Mensch mehr. Die Verteidiger des Evangeliums, also z.B. Origenes betonten deshalb gerade die Unähnlichkeit mit jenen Geschichten, in denen ein Gott einer menschlichen Frau beiwohnt und einen Halbgott zeugt. Hier hat nicht ein Gott einen Halbgott gezeugt, sondern der Geist Gottes, der am Anfang der Schöpfung über den jungfräulichen Wassern schwebte und die Erde Gestalt annehmen ließ, lässt nun in einer Jungfrau eine neue Schöpfung beginnen. Und wer hier empfangen wird, ist nicht ein Halbgott, sondern eine ganz und gar menschliche Natur, die von dem ewigen Logos als seine angenommen wird. Jesus ist kein Halbgott sondern ganz und gar Mensch, und dieser Mensch ist ganz und gar Gott, der von sich sagen kann: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58), und der auf die Bitte der Jünger hin, ihnen den Vater zu zeigen, antwortet:  „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Wenn er „ich“ sagt, dann ist dieses Ich das ewige Ich, das wie das große Credo sagt, „aus dem Vater geboren wurde vor aller Zeit“.
Die jungfräuliche Geburt dieses Menschen ist das Realsymbol dafür, dass mit seinem Eintritt in die Welt etwas ganz und gar Neues beginnt, eine neue Schöpfung. Er ist der neue Adam, schreibt Paulus. Was heißt das? Adam sollte Vater einer Menschheitsfamilie unter Gott werden. Diese Familie kam nicht zustande. Dieses Nichtzustandekommen nennen wir Erbsünde. Wir werden nicht in eine solche heilige Familie hineingeboren. Aber wir werden hinein getauft in die neue Familie Gottes, die durch den neuen Adam gestiftet wurde, den Vater des neuen Menschengeschlechts. Diese neue Familie hat Vorstadien, am Anfang das Volk Israel, dessen Stammmutter die alte, schon unfruchtbare Sara ist. Dann der Vorläufer, Johannes der Täufer, auch geboren von einer Mutter, die wegen ihres Alters längst unfruchtbar ist, Elisabeth, die Cousine Marias. Bedeutungsschwere Geschichten, an deren Historizität nichts Entscheidendes hängt. Der erste Adam wird nach dem biblischen Schöpfungsmythos aus Erde gemacht und Eva aus seiner Rippe. Nun ist es umgekehrt. Der neue Adam geht hervor aus der Frau, die in der christlichen Tradition immer als die neue Eva bezeichnet wurde. Aus der geöffneten Seitenwunde des neuen Adam aber geht, wie die Väter sagten, seine Braut, die Kirche hervor. Aber Geburt und Tod Jesu sind nicht mythische Ereignisse aus grauer Vorzeit, sondern sie fanden statt im vollen Licht der Geschichte, unter Augustus als Kaiser und unter Pontius Pilatus als Gouverneur von Palästina.
„Geboren von der Jungfrau Maria“ – das heißt : Mit dieser Geburt beginnt ein neuer Anfang, der nur vergleichbar ist mit der Schöpfung der Welt, ein Anfang, der nicht ableitbar ist aus dem, was vorherging. Im Film des Weltgeschehens erscheint etwas, was der immanenten Logik des Films nicht folgt, nämlich der Projektor des Films. Es gibt heute eine Tendenz, das Neue, das mit Jesus in die Wellt kam, zu beschränken auf eine Veränderung in den Köpfen, im Denken von Menschen. Um in der Sprache der Computer zu reden: Gottes Handeln wird beschränkt auf eine Veränderung der Software. Mit der Hardware hat Gott nichts zu tun. Jedenfalls hat er sich daraus seit der Erschaffung der Welt zurückgezogen. Aber Veränderung der Ideen, das gibt es in der Geschichte immer wieder. Das Evangelium fällt da nicht aus dem Rahmen der vielen heiligen Bücher der Menschheit. Auch die Menschwerdung Gottes, die Gottessohnschaft Jesu soll man als bloßes Bewußtseinsphänomen  verstehen. Jesus ist Sohn Gottes, das heißt:  der Mensch von Nazareth ist sich einer so besonderen Gottesnähe bewusst, er identifiziert sich so mit dem Willen des Vaters, dass man sagen kann: er und Gott sind eins. Dieser Erklärung steht im Weg, dass Jesus seinen Willen durchaus von dem des Vaters unterscheidet, wenn er am Ölberg sagt: Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe. Er als Mensch will nicht sterben. Sein Gehorsam ist gerade deshalb das genaue Gegenstück zum Ungehorsam des ersten Adams. Was aber heißt es dann, dass dieser Mensch Gott ist? Die Frage verschärft sich, wenn wir an Weihnachten singen: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu du mein Leben“. Und: „Da ich noch nicht geboren war, da warst du mir geboren“. Was heißt es, dass wir ein Kind in Windeln als unseren Schöpfer anbeten sollen?  Die Gottessohnschaft dieses Kindes geht jeder bewussten Haltung gegenüber dem Vater voraus.  Und was heißt es, ihn jetzt noch als Kind zu verehren, während doch die Kindheit nur ein vergangenes Stadium des erwachsenen Menschseins ist? Nur wenn dieser Mensch Gott ist, dann ist jedes der Stadien seines Lebens Teil des zeitlosen Lebens Gottes. Aber was kann es dann heißen, dass dieses Kind der menschgewordene Gott ist?
Zunächst heißt es, dass das Ereignis der Menschwerdung Gottes in gar keiner Weise auf eine Leistung des Menschen zurückführbar ist, auch nicht auf die Leistung des Menschen Jesus, der sich sozusagen die Gottessohnschaft verdient hätte. Nein: die Gottessohnschaft Jesu geht jedem bewussten Akt dieses Menschen voraus. Wenn Jesus sich seiner besonderen Beziehung zum Vater bewusst wird, dann so, dass er eine Beziehung entdeckt, in der er immer schon stand, d.h. seit seiner Existenz als Mensch. Worin aber bestand dann die Gottessohnschaft Jesu, ehe er sich ihrer bewusst wurde? Eben darin, dass er keinen irdischen Vater hatte; sondern als neue Schöpfung aus einer Jungfrau geboren wurde. Ohne den Glauben an die jungfräuliche Mutterschaft Marias müssten wir die Menschwerdung Gottes, wie es die Anthroposophen tun, am Fest der Taufe im Jordan feiern. Das Weihnachtsfest wäre dann nur der Geburtstag eines Menschen, der später einmal besondere Bedeutung für die Gottesbeziehung anderer Menschen bekommen hat. Die Jungfräulichkeit der Gottesmutter ist das Realsymbol des „sola gratia“ - durch Gnade allein, so wie das Ja Marias zu diesem Geschehen, das ihr verkündet wird, das unüberholbare Beispiel des „sola fide“ – allein durch Glauben ist. Den ersten Schritt zu unserer Erlösung können wir nicht selbst tun (darin sind sich Katholiken und Protestanten einig).

Liebe Freunde, die Wissenschaft hat es mit dem Alten zu tun. Wissenschaftliche Erklärungen sind Rückführung von Unbekanntem auf Bekanntes, vom Neuen auf Altes. Darum gibt es keine wissenschaftliche Erklärung des Auftretens von Neuem, vom Leben, vom Empfinden, von Bewusstsein. All diese Phänomene sind, wie uns die Physiker sagen, extrem unwahrscheinlich. Aber sie sind wirklich. Wenn uns also Fachleute sagen, die jungfräuliche Mutterschaft Marias sei sehr unwahrscheinlich, so sagen sie uns nichts Interessantes. Dieses Ereignis ist sogar extrem unwahrscheinlich, ähnlich wie das Auftreten von Leben im Universum. Aber deswegen ist es doch wirklich. „Empfangen von der Jungfrau Maria“, indem wir das bekennen, bekennen wir, dass es in der Geschichte der Menschheit  das Neue gibt, das nicht nur eine Variante des Alten ist. In der Apokalypse des Johannes sagt der, der auf dem Thron sitzt:  „Siehe, ich mache alles neu“ (Apk 21,5). Christlicher Glaube ist der Glaube an die Wirklichkeit des Neuen, an die reale Möglichkeit des neuen Anfangs. Mit der Jungfräulichen Empfängnis Jesu hat dieses Neue begonnen.
Worin besteht diese Neue? Das Evangelium nennt dieses Neue das „Reich Gottes“, die Königsherrschaft  Gottes. Was meinen wir, wenn wir sagen „Gott“? Wir nennen die Einheit von zwei Unbedingtheiten, die in unserer Erfahrung oft im Widerspruch miteinander stehen. Die Einheit der unbedingten Macht und des unbedingten Guten, der Liebe. Wer an Gott glaubt, der glaubt, dass die Macht am Grunde dessen, was geschieht, gut ist, und dass die Liebe, die wir alle schön finden, letzten Endes mächtig, ja allmächtig ist. Reich Gottes ist dort, wo aus diesem Glauben und aus diesem Vertrauen gelebt wird. Wir finden alle das Sanfte und das Schöne schön. Aber wir trauen der Sache nicht und wollen uns absichern für den Fall, dass man uns übervorteilt, damit wir nicht am Ende die Dummen sind. Wir glauben nicht, dass die Sanften das Land besitzen werden. Das Reich Gottes ist dort, wo Menschen im Vertrauen auf die Macht der Liebe handeln. Diese Haltung ist evolutionstheoretisch nicht ableitbar. Mit ihr bricht etwas Neues in die Welt ein. Und zwar nicht erst seit dem Eintritt Christi in die Welt. „Die Religion, die jetzt die christliche heißt, existiert seit Anbeginn der Welt“, schreibt Augustinus. Wenn Gott in Jesus Mensch geworden ist, und wenn Gott zeitlos ist, dann ist die Menschwerdung Gottes in Gott immer schon Realität gewesen, und immer schon gab es Menschen, die zum Reich der durch den Gehorsam Christ Erlösten gehörten, also zum Reich Gottes. Die Auferstehung Jesu hat den Gehorsam machtvoll bestätigt. Eine neue Welt ist in diese Welt eingebrochen. Aber diese neue Welt ist in Wirklichkeit die ursprüngliche, von Gott gemeinte. „Im Anfang war es nicht so“, sagt Jesus, wenn er die Legimitierung der Ehescheidung durch das mosaische Gesetz aufhebt (Mt 19,8). Dieses Neue ist mehr als das bloße Aufscheinen einer Utopie in den Köpfen der Menschen. Es ist Wirklichkeit. „Heute ist dieses Wort vor euren Ohren erfüllt“ sagt Jesus in der Synagoge von Kapharnaum nach der Verlesung eines Abschnitts des Propheten Jesaja über das messianische Reich (Lk 4,21). Wieso ist es schon erfüllt? Soll es nicht erst kommen? Es ist schon erfüllt, weil Jesus selbst das Reich ist, die „autobasileia“, wie es bei Origenes heißt. Er verkündet nicht nur die Herrschaft Gottes, in ihm ist sie bereits wirklich. Es ist schon der Anfang der neuen Schöpfung, die wir bekennen, wenn wir sagen: „Geboren von der Jungfrau Maria“.



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