Ich hatte mich im Haus meines Großvaters
Malal’el zum Schlafen gelegt, da hatte ich eine Vision: Ich sah, wie der Himmel
zusammenbrach, schwand und auf die Erde stürzte. Und als er niederstürzte, sah
ich: Die Erde wurde in einem großen Abgrund verschlungen, Berge hingen auf
Bergen, Hügel sanken auf Hügel, hohe Bäume rissen sich los, wirbelten hinab und
verschwanden im Abgrund. Da entrang sich mir ein Wort und ich rief: "Die
Erde ist untergegangen!" Da weckte mich mein Großvater und fragte:
"Was schreist du so, mein Sohn, und warum jammerst du?"
Dieser Angsttraum vom Weltuntergang steht in
einer frühjüdischen Apokalypse, dem Buch Henoch. Der Text dürfte in der Mitte
des 2. Jahrhunderts v.Chr. entstanden sein. Er beweist, daß es nicht ganz
falsch ist, wenn wir heute mit dem Wort "Apokalypse" kosmische
Katastrophen verbinden, die zum Weltuntergang führen. Und doch ist damit das
Wesentliche dieser Literaturgattung, soweit sie jüdisch und christlich ist,
nicht erfaßt. Was ist dieses Wesentliche? Wovon handeln die antiken
Apokalypsen? Kann man sie mit modernen Apokalypsen vergleichen? Das sind die
Leitfragen der folgenden Einführung. Es wird sich zeigen, daß das Wesentliche
der Apokalyptik ein ganz bestimmtes Bild der Menschheitsgeschichte und ihres
Zieles ist und daß sich dieses Bild charakteristisch unterscheidet von modernen
Geschichtsbildern, die Gott und seine Vorsehung aus dem Spiel lassen wollen.
1. Ende gut,
alles gut
Beginnen wir mit
der Frage: Woher kommt eigentlich das Wort "Apokalypse"? Den Ursprung
dieses Worts kann man ganz genau angeben: Es ist das erste Wort des letzten
Buchs der Bibel. Dieses beginnt mit den Worten: "Apokálypsis Jesou Christou" =
"Offenbarung (oder Enthüllung) Jesu Christi". Das Wort "apokálypsis" bezeichnet hier also den Inhalt einer Enthüllung, die Jesus Christus dem Verfasser gemacht hat. Den
Inhalt dieser Enthüllung oder Offenbarung bilden bekanntlich künftige Katastrophen,
die von einer himmlischen Regie in Gang gesetzt werden; sie führen zum
Untergang der alten und zur Geburt einer neuen Welt. Das Ganze wird in
verschlüsselter Sprache geboten, mit einem phantastischen Aufwand von Bildern
und Symbolen, die auf unvorbereitete Leser fremd und schwer verständlich
wirken. Nun ist aber das letzte Buch der Bibel nicht das einzige, das diese
Thematik und diesen Charakter hat; es gibt in der jüdischen und christlichen
Tradition eine große Zahl von Schriften dieser Art. Und weil man keinen
besseren Namen dafür finden konnte, nannte man sie "Apokalypsen".
Unter "Apokalypsen" oder "apokalyptischer Literatur"
versteht man also eine Art Enthüllungsliteratur, in der ein Stück der
göttlichen Vorsehung enthüllt wird, kurz: solche Schriften, die eine ähnliche
Thematik und einen ähnlichen Charakter haben wie die "Offenbarung"
Jesu Christi an den Seher von Patmos, den die Ostkirche Johannes "den
Theologen" nennt.
Das Judentum hat
vom 3. Jahrhundert v.Chr. an viele solche Schriften hervorgebracht, aber nur
eine davon wurde in den jüdischen Kanon aufgenommen: das Buch Daniel. So enthält die christliche Bibel also zwei
apokalyptische Bücher: das Buch Daniel
im Alten und das Buch der Offenbarung
im Neuen Testament. Nach dem 1. Jahrhundert n.Chr. verlor das Judentum jedoch
das Interesse an der apokalyptischen Literatur weitgehend; die Überlieferung
dieser Literatur geschah fast ausschließlich in christlichen Kreisen. Dort
wurden die hebräischen und aramäischen Originale ins Griechische und Lateinische
übersetzt und genossen oft hohe Wertschätzung. Das sogenannte 4. Buch Esra zum Beispiel ist uns nur
noch in lateinischer Übersetzung erhalten, und zwar als Anhang zur lateinischen
Bibelübersetzung, der Vulgata. Damit gilt dieses Buch zwar nicht als kanonisch,
aber immerhin so wertvoll, daß es zusammen mit den kanonischen Schriften
überliefert wird. Das Werk des 4. Esra hat diese Wertschätzung verdient, denn
es ist "die sympathischste unter den Apokalypsen".
Ein anderes dieser Werke ist das Henochbuch,
aus dem wir eingangs zitiert haben. Es ist eigentlich nicht ein Buch, sondern
eine ganze Sammlung von Büchern und ist uns vollständig nur in äthiopischer
Sprache erhalten, weil es die äthiopische Kirche in den Kanon aufgenommen und
dort vor dem Buch Ijob plaziert hat. Es sind aber auch Teile einer griechischen
Übersetzung gefunden worden und eine Reihe von aramäischen Fragmenten in den
Höhlen von Qumran. Die Fülle der überlieferten Schriften dieser Art und die
Textfunde in Qumran beweisen die Verbreitung und Bedeutung dieser Literatur und
ihrer Gedankenwelt im vorchristlichen Judentum. Warum das Judentum diesen Teil
seiner Tradition vom 2. Jahrhundert bis heute so stiefmütterlich behandelt hat,
ist noch kaum erforscht. Die Gründe dafür dürften aber mit der Beliebtheit
dieser Literaturgattung bei den Christen zusammenhängen.
Versuchen wir nun,
die sehr unterschiedlichen Werke dieser Literaturgattung noch etwas näher zu
charakterisieren. Von einer einheitlichen literarischen Gattung kann streng
genommen keine Rede sein; aber man kann doch einige Gemeinsamkeiten nennen, die
die Gedankenwelt dieser Schriften
betreffen, ihre theologisch-geschichtliche
Konzeption und ihre literarische
Darstellungsart. Alle diese Werke
haben einen erzählenden Rahmen und erheben darin den Anspruch, Offenbarungen
wiederzugeben, die einer großen Autorität der Vergangenheit zuteil wurden:
Henoch, Abraham, Baruch, Daniel, Esra usw. Darum sind sie durchweg pseudonym. In diesem Punkt hat der Seher von Patmos allerdings mit der
Tradition gebrochen. Er hat seine Offenbarung unter dem eigenen Namen
veröffentlicht und spricht im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht als
anonymer Literat, sondern als Prophet. Alle übrigen Charakteristika jedoch
finden sich auch in seinem Werk wieder. So geht es in den Offenbarungen in der
Hauptsache um die sogenannten Letzten Dinge: Tod, Gericht, Himmel und Hölle.
Die Theologen sprechen mit einem griechischen Wort von der Es’chata und der
Es’chatologie. Das Herzstück der meisten Apokalypsen ist die Schilderung des
Gerichts, das die Endzeit einleitet. Diese Endzeit und die Ereignisse, die sie
heraufführen, wird immer als nahe oder schon angebrochen gedacht. Die
Schilderung dieser Letzten Dinge wird gewöhnlich als Inhalt einer Vision
dargestellt, eines Einblicks in den himmlischen Spielplan, in dem die
bevorstehenden Ereignisse schon aufgenommen sind. Der himmlische Spielplan hat
die künftigen Ereignisse natürlich nur in verschlüsselter Form verzeichnet.
Deshalb wirken die Schilderungen dessen, was die Seher davon erzählen, wie
allegorische oder symbolische Schauspiele mit oft surrealistischen Elementen,
Schauspiele, die außerordentlich beziehungsreich und vieldeutig wirken und
zumindest für Uneingeweihte ziemlich rätselhaft. Deswegen lassen die Autoren
gern einen angelus interpres auftreten, einen Engel, der dem Seher und damit
auch seinen Lesern das Geschaute erklärt. Natürlich erklärt der Deuteengel
selten alles - das tun nicht einmal wissenschaftliche Kommentare ‑,
und so bleiben die Leser oder Hörer über vieles im Unklaren. Aber genau die
richtige Mischung aus Verständlichem und Rätselhaftem macht ja das
Faszinierende einer guten symbolischen Geschichte aus, selbst wenn sie nicht
göttlicher Eingebung, sondern menschlicher Phantasie entsprungen ist.
Da es in den
apokalyptischen Schriften um das Ziel der Geschichte und des Weltlaufs geht,
geben sie oft einen gerafften Überblick über die Geschichte von der Schöpfung
bis zum Jüngsten Tag. Dabei steht natürlich die Geschichte Israels im
Mittelpunkt. Ein Beispiel finden wir im Buch der Traumvisionen, das wir schon
eingangs kennengelernt haben. Die zweite Traumvision nach dem Traum vom
Weltuntergang bietet eine Geschichte der Welt in Form einer Tierallegorie (1
Hen 85-90). Sie beginnt mit einem weißen Bullen, der aus der Erde hervorkommt,
und einer Färse oder Kuh. Gemeint sind Adam und Eva. Die Sintflut beendet den
ersten Teil der Geschichte. Im nächsten Abschnitt stehen Schafe im Mittelpunkt,
die natürlich das Volk Israel symbolisieren. Wölfe, Raben und Geier stehen für
verschiedene Feinde Israels. Es tauchen aber auch Elefanten, Kamele, Tiger,
Löwen, Hyänen und Füchse auf; da sind "Hirten", die die Schafe töten
und den Löwen und Tigern ausliefern, und da ist ein Schreiber - wohl der
Erzengel Michael ‑, der alle Untaten sorgfältig notiert und sein
Buch hinaufbringt zum "Herrn der Schafe". Dieser nimmt eines Tages
seinen "Zornstab" in die Hand und schlägt damit auf die Erde. Dann
stellt er seinen Thron auf und richtet anhand der Sündenregister des Schreibers
alle Übeltäter. Schließlich erscheint der Messias in Gestalt eines weißen
Bullen, wie schon Noach, Abraham und Isaak. Mit ihm leben die guten Schafe
glücklich in dem schönen neuen Haus - gemeint ist der endzeitliche Tempel ‑,
das ihnen ihr Herr bringt.
Ein weiteres
Beispiel eines solchen apokalyptischen Geschichtsüberblicks wollen wir etwas
eingehender betrachten: die sogenannte Zehnwochenapokalypse
(1 Hen 93,1.3-10; 91,11-17). Sie ist ebenfalls ein Bestandteil des
Henochbuchs und heißt "Zehnwochenapokalypse", weil sie die gesamte
Geschichte in zehn Perioden einteilt, die "Wochen" genannt werden.
Sie entstand in der Makkabäerzeit, ungefähr zur selben Zeit wie das biblische
Buch Daniel und das Buch der "Traumvisionen", also in der 1. Hälfte
des 2. Jahrhunderts v.Chr.
Die Zehnwochenapokalypse
Das
schrieb Henoch, der Schreiber der Gerechtigkeit, weisester der Menschen,
Auserwählter der Erdensöhne, um ihre Taten zu richten: Für alle meine Kinder
und für kommende Geschlechter, für alle, die auf Erden wohnen und deren Taten
Rechtschaffenheit und Friede sein werden.
1. Ich,
Henoch, bin als der Siebte (vgl. Gen 5,1-18; Jud 14) in der ersten Woche
geboren worden. Bis zu mir dauerte noch die Gerechtigkeit.
2. Nach mir,
in der zweiten Woche, werden Lüge und Gewalttat aufsprossen. In ihr wird das
erste Ende (= die Sintflut) sein, und ein Mann (= Noach) wird darin
gerettet werden. Ist aber das Ende vorbei, wird die Ungerechtigkeit wieder
zunehmen, und für die Sünder wird ein Gesetz gemacht werden.
3. Danach, am
Ende der dritten Woche, wird ein Mann als Pflanze der rechten Satzung erwählt
werden (= Abraham), und nach ihm wird die ewige Pflanzung der
Gerechtigkeit (= Israel) hervorgehen.
4. Danach, am
Ende der vierten Woche, werden die Gesichte der Heiligen und Gerechten geschaut
werden, und ein Gesetz wird für alle kommenden Geschlechter hergestellt werden
(= Tora vom Sinai) und ein Hof (?) für sie.
5. Danach, am
Ende der fünften Woche, wird der Tempel der Königsherrschaft des Großen für
immer gebaut.
6. Darauf, in
der sechsten Woche, werden alle in ihr Lebenden erblinden, und die Herzen aller
werden gottlos die Weisheit verlassen. Ein Mann wird darin auffahren
(= Elia). An ihrem Ende wird das Heiligtum mit Feuer verbrannt (= 587
v.Chr.) und das ganze Geschlecht der auserwählten Wurzel zerstreut werden.
7. Danach, in
der siebten Woche, wird sich ein abtrünniges Geschlecht erheben; zahlreich
werden seine Taten und alle seine Taten werden Abfall sein. An ihrem Ende
werden die Erwählten zu Zeugen der Gerechtigkeit aus der ewigen Pflanzung der
Gerechtigkeit auserwählt werden; ihnen wird siebenfache Weisheit und Kenntnis
übergeben werden. Um ihretwillen reißt man die Fundamente der Gewalttat und des
Lügenwerks in ihr aus, um das Gericht zu vollstrecken (= Beginn der
makkabäischen Kämpfe, Zeit des Verfassers).
8. Danach
beginnt die achte Woche, die der Gerechtigkeit. In ihr wird allen Gerechten ein
Schwert verliehen, damit sie an den Bedrückern das gerechte Gericht
vollstrecken; sie werden in ihre Hände überliefert werden. Und an ihrem Ende
werden sie Besitz in Gerechtigkeit erwerben, und der Tempel der
Königsherrschaft des Großen wird großartig gebaut werden für alle Geschlechter
auf ewig.
9. Danach die
neunte Woche: Darin werden allen Söhnen der Erde Gerechtigkeit und rechte
Satzung geoffenbart werden. Alle, die gottlose Taten vollbringen, werden von
der ganzen Erde verschwinden und in die ewige Grube gestoßen werden. Und alle
Menschen werden auf den Weg der ewigen Wahrheit schauen.
10. Danach, in der zehnten Woche, im siebten Teil,
wird das ewige Gericht stattfinden. Das ist auch der Zeitpunkt des großen
Gerichtes an den Wächtern des Himmels (= gefallene Engel, vgl. Gen 6,4).
Der erste Himmel wird in ihr vergehen und ein neuer Himmel wird erscheinen;
dann werden alle Kräfte des Himmels aufstrahlen und leuchten auf immer,
siebenfach.
Danach wird es
viele Wochen geben, deren Zahl ohne Ende ist in Ewigkeit. Güte und
Gerechtigkeit werden herrschen, und die Sünde wird von da an nicht mehr erwähnt
werden bis in Ewigkeit.
Diese
Miniaturapokalypse wird Henoch in den Mund gelegt, der nach Gen 4,18 in der
siebten Generation nach Adam lebte und ohne zu sterben von Gott in den Himmel
entrückt wurde (Gen 4,24). Darum wird die gesamte Geschichte ab der zweiten
"Woche" im Futur geschildert. Die "Wochen" umfassen im Fall
der ersten bis zur siebten "Woche" etwas ungleiche Perioden, die nur
sieben Generationen umfassen können oder ungefähr 700 Jahre. Der Verfasser
charakterisiert jede dieser "Wochen" ganz knapp und hebt die bedeutendsten
Ereignisse und Entwicklungen hervor. Namen nennt er - außer dem eigenen -
keine, aber die wichtigsten Personen und Ereignisse sind leicht
identifizierbar. Die Personenauswahl ist sehr streng: Henoch, Noach, Abraham
und Elia. Nicht einmal Mose findet Erwähnung.
Die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse seit der Sintflut sind für den
Verfasser offenbar der Bau und die Zerstörung des Tempels. Entscheidend
bestimmt wird die ganze Geschichte jedoch durch die Befolgung oder
Nichtbefolgung des Gesetzes vom Sinai. Ungerechtigkeit, Sünde und Abfall vom
Gesetz sind für den Autor eins. Die Diagnose dieses Abfalls ist Sache der
erwählten "Zeugen der Gerechtigkeit", die Gott mit Weisheit begabt
hat. Mit ihnen sind wahrscheinlich fromme Gelehrte gemeint, zu deren Kreis der
Verfasser selbst gehört haben dürfte. Näheres wissen wir darüber nicht. Der
Abfall vom Gesetz führt konsequent zum großen Gericht, das Gott, teilweise
durch die Hand der "Gerechten", vollstreckt; "die Fundamente der
Gewalttat und des Lügenwerks" werden ausgerissen und es beginnt ein
blutiger Krieg gegen die "Bedrücker". Die Forschung ist sich einig,
daß der Autor hier auf die Makkabäerkriege anspielt, die Zeit in der er selbst
lebt. Er betrachtet also die zeitgenössischen Ereignisse als Auftakt des
Jüngsten Gerichts. Dieses Gericht soll in der achten und neunten
"Woche" stattfinden und erfaßt in der zehnten auch die gefallenen
Engel. Nach der Beseitigung der Bösen erscheint der neue Himmel und damit wird
erreicht, daß es nicht weitergeht wie nach dem "ersten Ende", der
Sintflut, als die Ungerechtigkeit aufs neue ihren Lauf nahm. Der neue Himmel
bringt es mit sich, daß "Güte und Gerechtigkeit" herrschen und
"die Sünde" nicht mehr erwähnt wird. Der Ort dieses glücklichen
Lebens ist im Unklaren gelassen, zumal nur ein neuer Himmel, aber keine neue
Erde erwähnt wird. Aber vermutlich denkt der Verfasser doch an eine irgendwie
erneuerte Erde als Heilsort.
Die
Zehnwochenapokalypse ist ein typisches Beispiel für das jüdische
Geschichtsbild, dessen Grundzüge auch das Christentum übernommen hat.
Charakteristisch für dieses Geschichtsbild sind drei Elemente: 1. Das erste
Element ist die Überzeugung, daß die Geschichte auf ein Ziel ausgerichtet ist, das ihr Gott selbst gesetzt hat. Dieses Ziel
ist das Leben in Güte und Gerechtigkeit für alle. 2. Das zweite Grundelement
des jüdisch-christlichen Geschichtsbilds ist die Überzeugung, daß Menschen, die
nur ihren eigenen Willen durchsetzen wollen, in ihrer Eigensucht dem Bösen
verfallen, andere bedrücken und schamlos für ihre Zwecke ausnützen. Das Ziel
der Geschichte kann deshalb nur erreicht werden, wenn alle sich dem Willen
Gottes fügen. Denn allein Gott hat das Wohl der ganzen Welt im Auge. 3. Das
dritte Grundelement ergibt sich logisch aus dem zweiten: Weil das Glück aller
den Gehorsam gegen den voraussetzt, der allein das Glück aller im Auge hat, muß
dem Ziel der Geschichte notwendig ein Gericht Gottes vorausgehen, in dem alles,
was sich diesem Gehorsam verweigert, besiegt wird, das Böse vernichtet und die
Sünde mit der Wurzel ausgerissen wird. Deshalb ist das Gericht in den meisten
jüdisch-christlichen Apokalypsen die Hauptsache.
2. Eine gescheiterte Erziehung
Die Vorstellung,
daß die Geschichte in einer linearen Entwicklung auf ein künftiges Ziel zuläuft
und daß sie Fehlentwicklungen aufweist, die konsequent in die Katastrophe bzw.
zum göttlichen Gericht führen, ist durchaus nicht selbstverständlich, wie etwa
ein Vergleich mit der chinesischen Geistesgeschichte zeigen kann. Dort ist der
Blick viel stärker in die Vergangenheit gerichtet; in ihr sucht man das Glück
viel eher als in der Zukunft. So kommt es, daß der Gedanke einer Erneuerung und
Rückkehr zur guten alten Ordnung in der chinesischen Geistesgeschichte eine
große Rolle spielt, während sich die Vorstellung von einem künftigen Ziel der
Geschichte in China nie richtig durchsetzen konnte.
Auch im Islam spielt der Gedanke einer Periodisierung der Geschichte auf ein
Ziel hin nur eine ganz marginale Rolle.
Das europäische Geschichtsdenken dagegen ist tief geprägt von der
jüdisch-christlichen Konzeption, so tief, daß sie selbst dort nicht aufgegeben
wird, wo man sich vom Christentum längst losgesagt hat. Das möchte ich
verdeutlichen an einem Text, der wie die Zehnwochenapokalypse eine
Miniaturapokalypse darstellt mit einem periodisierenden Geschichtsüberblick vom
Urbeginn bis zum nahe bevorstehenden Ende. Der Verfasser dieser
Miniaturapokalypse ist Günter Grass; es handelt sich dabei um ein Gedicht aus
dem Roman "Die Rättin".
Unser
Vorhaben hieß: Nicht nur, wie man mit Messer
und Gabel, sondern mit seinesgleichen auch,
ferner mit der Vernunft, dem allmächtigen Büchsenöffner
umzugehen habe, solle gelernt werden
nach und nach.
Erzogen
möge das Menschengeschlecht sich frei,
jawohl, frei selbstbestimmen, damit es,
seiner Unmündigkeit ledig, lerne, der Natur behutsam,
möglichst behutsam das Chaos
abzugewöhnen.
Im
Verlauf seiner Erziehung habe das Menschengeschlecht
die Tugend mit Löffeln zu essen, fleißig den Konjunktiv
und die Toleranz zu üben,
auch wenn das schwerfalle
unter Brüdern.
Eine
besondere Lektion trug uns auf,
den Schlaf der Vernunft zu bewachen,
auf daß jegliches Traumgetier
gezähmt werde und fortan der Aufklärung brav
aus der Hand fresse.
Halbwegs
erleuchtet mußte das Menschengeschlecht
nun nicht mehr planlos im Urschlamm verrückt spielen,
vielmehr begann es, sich mit System zu säubern.
Klar sprach erlernte Hygiene sich aus: Wehe
den Schmutzigen!
Sobald
wir unsere Erziehung fortgeschritten nannten,
wurde das Wissen zur Macht erklärt
und nicht nur auf Papier angewendet. Es riefen
die Aufgeklärten: Wehe
den Unwissenden!
Als
schließlich die Gewalt, trotz aller Vernunft,
nicht aus der Welt zu schaffen war, erzog sich
das Menschengeschlecht zur gegenseitigen Abschreckung.
So lernte es Friedenhalten, bis irgendein Zufall
unaufgeklärt dazwischenkam.
Da
endlich war die Erziehung des Menschengeschlechts
so gut wie abgeschlossen. Große Helligkeit
leuchtete jeden Winkel aus. Schade, daß es danach
so duster wurde und niemand mehr
seine Schule fand.
Dieses Gedicht
schildert das Scheitern eines großen Erziehungsprogramms: das Scheitern der
Erziehung des Menschengeschlechts durch Vernunft und Aufklärung. Die ersten
vier Strophen umreißen das Programm, die letzten vier Strophen das Scheitern
des Programms in drei Etappen. Die erste Etappe führt vom "Urschlamm"
zur "Hygiene", die zweite von der Hygiene zur Aufklärung. Die dritte
Etappe offenbart das Versagen der Vernunft angesichts der Gewalt. Grass erteilt
ein Orakel - oder ist es nur eine Prognose? ‑, denn er blickt, trotz
des beibehaltenen Präteritums, in die Zukunft: Das Friedenhalten durch
Abschreckung führt in die atomare Vernichtung, weil "irgendein Zufall
unaufgeklärt dazwischen kam".
"Die
Erziehung des Menschengeschlechts" ist ein Leitwort des ganzen Romans; es
fällt schon im ersten Satz. Grass spielt damit auf die berühmte Schrift
Gotthold Ephraim Lessings an, die diesen Titel trägt. In 100 Paragraphen
schildert Lessing darin, wie er sich diese Erziehung des Menschengeschlechts vorstellt.
Er teilt sie ebenfalls in drei Etappen ein: Die erste Etappe ist die
Menschheitsgeschichte bis zum Auftreten Christi, eine Art schulische
Unterstufe, deren Lehrbuch - Lessing sagt: "Elementarbuch für Kinder"
(§ 26) - das Alte Testament ist. Mit Christus beginnt die Mittelstufe; ihr
Lehrbuch - Lessing sagt: "das zweite bessere Elementarbuch"
(§ 64) - ist das Neue Testament. Die Oberstufe, die noch nicht erreicht
ist, nennt Lessing nach Offb 14,6 die Zeit des "neuen ewigen Evangeliums"
(§ 86). Sie wird kein Lehrbuch mehr benötigen, denn in ihr wird der
menschliche Verstand "zu seiner völligen Aufklärung gelangen und diejenige
Reinigkeit des Herzens hervorbringen", die das Gute einfach deshalb tut,
weil es das Gute ist, "nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt
sind" (§ 80.85). Werden wir diese Oberstufe je erreichen?
"Gewiß!", sagt Lessing.
Grass dagegen ist
skeptisch. Er bezweifelt, daß die Menschheit das Ziel der Geschichte auf dem
Weg der Erziehung und Aufklärung erreicht. Es ist ja auch eine merkwürdige
Erziehung: Wer ist dabei Erzieher oder Erzieherin? Schon Lessing blieb in
diesem Punkt vage: Nach ihm ist es Gott, die "ewige Vorsehung"
(§ 91) oder "die Natur" (§ 84). Alle drei kommen für Grass
nicht mehr in Frage. Bei ihm ist die Erziehung ganz subjektlos; es ist eine
Erziehung ohne Erzieher, eine Aufklärung ohne Aufklärer. Die "besondere
Lektion", die uns aufträgt, "den Schlaf der Vernunft zu
bewachen", hat keinen, der sie erteilt; "erlernte Hygiene" spricht
"sich" in einem Wehe-Ruf aus (übrigens eine typisch apokalyptische
Formel). Das Ganze ist einfach "unser Vorhaben", die Menschheit
erzieht sich selbst. Und wie Münchhausen sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf
zieht, so zieht sich das Menschengeschlecht bei Grass an der eigenen Vernunft
aus dem "Urschlamm". Nur mit der Gewalt wird diese Vernunft
schließlich nicht fertig; so scheitert das "Vorhaben". Dennoch sieht
Grass keine Alternative zum Programm der Aufklärung; er ist ratlos, wie er in
anderem Zusammenhang offen zugibt. Er hofft, daß der "schöne Traum",
von dem der Schluß seines Romans spricht: "... diesmal wollen wir
füreinander und außerdem friedfertig, hörst du, in Liebe und sanft, wie wir
geschaffen sind von Natur ...", daß dieser Traum doch noch wahr wird.
Wie das geschehen soll, woher die Anleitung und die Kräfte zu diesem
Füreinander in Liebe kommen sollen, weiß er nicht.
3. "Das große
Welttheater"
So rat‑ und
hoffnungslos, wie er selbst ist, läßt Günter Grass auch die Leser zurück. Das
hängt mit seiner Konzeption der Geschichte zusammen. Denn er konzipiert eine
Geschichte des Menschengeschlechts, die Gott aus dem Spiel lassen will. Aber
was ist die Geschichte, wenn man Gott aus dem Spiel läßt? Ein Drama, das weder
Autor noch Regisseur hat, in dem niemand weiß, was gespielt wird, und alle
Rollen beliebig sind. Dann gilt, was Shakespeares Macbeth einmal vom Leben des
einzelnen sagt, von der Geschichte insgesamt: It is a tale, told by an idiot,
full of sound and fury, signifying nothing: "Es ist eine Geschichte, wie
sie ein Irrer erzählt, voller Wildheit und Lärm, ohne jeden Sinn."
Eine solche
Geschichte kann nur in der Katastrophe enden oder wie das Hornberger Schießen.
Und ich sehe grundsätzlich nur drei mögliche Haltungen, die man ihr gegenüber
einnehmen kann: die erste ist die Haltung der Verzweiflung und Resignation; die
zweite ist die Haltung von Camus’ Sisyphos: das sinnlose Tun immer wieder neu
aufnehmen; die dritte ist jene Haltung, die heute am verbreitetsten zu sein
scheint: Gleichgültigkeit nach dem Motto: "Mach das Beste draus!"
Keine dieser Haltungen ist christlich. Und da mir der Glaube, die Menschheit
könne sich an der Vernunft aus dem Schlamassel ziehen wie Münchhausen an seinem
Zopf, nicht besonders rational scheint, ist es vielleicht nicht unvernünftig,
die apokalyptische Konzeption der Geschichte, die sich auf Offenbarung beruft,
neu in Betracht zu ziehen. Darum möchte ich zum Schluß noch einmal die
jüdisch-christliche Konzeption der Geschichte entwickeln, und dabei eine alte Metapher
zu Hilfe nehmen, die bereits in der Überschrift zu diesem Abschnitt genannt
ist: die Geschichte als großes Drama auf dem Theater der Welt.
Nach jüdischer und
christlicher Überzeugung waltet im Leben des einzelnen wie in der Geschichte
Gottes Vorsehung, auch wenn ihre Ratschlüsse notorisch unergründlich und ihre
Absichten oft genug undurchschaubar sind. Gott ist als der Schöpfer dieser Welt
auch der Herr ihrer Geschichte; er hat dieses große Drama in Gang gesetzt und
ist dabei gleichsam Autor und Regisseur in einer Person, ja er tritt in seinem
Stück sogar selbst als Darsteller auf; in Jesus von Nazaret betritt er in
eigener Person die Bühne des Weltgeschehens. Gott hat freilich keinen fertigen
Text geschrieben, nach dem gespielt werden muß, denn seine Darsteller sind
keine Figuren oder Marionetten, sondern freie Personen, denen er als Regisseur
viel Spielraum läßt. Immerhin hat er ihnen doch eine gewisse Idee ihrer Rolle,
des Stücks und seines beabsichtigten Schlusses vermittelt. Rollen gibt es in diesem
Drama nur in begrenzter Auswahl, dafür aber in unendlichen Variationen.
Diese ganz und gar
jüdisch-christliche Sicht des Weltgeschehens ist in unübertroffener Weise
dargestellt in Calderóns "Großem Welttheater" (Erstdruck 1655).
Calderón kommt darin mit elf dramatis personae aus, und mehr benötigten wir
auch heute nicht. Da ist der Schöpfer der Welt, der als Autor auch bestimmt,
was gespielt wird und als Regisseur die Rollen verteilt. "Die Welt"
als Schauplatz des Dramas ist selbst Figur im Drama. Auf ihrer Bühne agieren
neben der Schönheit und der geistlichen Weisheit der König, der Reiche, der
Bauer, der Arme und ein Kind. Das Wesen ihres Agierens ist Darstellung
(representación), auch wenn sie meinen, es sei Leben.
Als Darstellung hat das Leben des einzelnen seinen Sinn nicht in sich selbst,
sondern erhält ihn durch die zugewiesene Rolle, die es im Ganzen des Stücks zu
spielen hat. Die einzige Aufgabe, die die Darsteller haben, ist ihre Rolle gut zu spielen.
Als Souffleur
dient den Spielern "das Gesetz der Gnade", das ihnen, wenn sie nicht
weiter wissen, immer wieder zuflüstert, worum es geht: "Seinen Nächsten
lieben wie sich selbst" und "Gut handeln, denn Gott ist Gott".
Das genügt; mehr hat der Souffleur nicht zu sagen. Eine traurige Stimme singt
das Lied von Vergänglichkeit und Tod. Es erklingt immer dann, wenn die
Darsteller abtreten müssen, um von der Bühne des Scheins (Teatro de las
ficciones) hinüberzuwechseln auf die Bühne der Wahrheit (Teatro de las
verdades) (VV. 1387f). Und was ist der Sinn und Zweck des ganzen Spiels? Es ist
ein Feststück zur Verherrlichung der Größe und Macht des Schöpfers (VV. 39-42).
Das also ist das
Drama des Lebens und der Weltgeschichte, in dem wir alle mitspielen, und das
wir je nachdem als Tragödie, Komödie oder Farce erleben. Gleich zu Anfang von
Calderóns Stück gibt "die Welt" einen Überblick über ihre Geschichte,
die in drei Akte eingeteilt wird (VV. 99-224). Der erste Akt endet - wie könnte
es anders sein - mit der Sintflut. Der zweite Akt ist die Zeit des "Geschriebenen
Gesetzes" (V. 169). Er endet wiederum mit einer kosmischen Katastrophe:
der Sonnenfinsternis beim Tod Christi am Kreuz und einem großen Erdbeben (vgl.
Mt 27,51). Zu einem dritten Akt kommt es nur durch das Wunder der Auferstehung
Christi. Dieser Akt, die Zeit "des Gesetzes der Gnade" (V. 203),
dauert noch an. Aber irgendwann wird der letzte Auftritt sein. Denn wird das
Stück enden, wie es sich für ein Festspiel gehört: mit einem großen
"Feuerwerk" (V. 214). Der Gedanke an dieses "Feuerwerk" läßt
"die Welt" allerdings schaudern und sie hofft, daß diese Szene,
"dieser furchtbar harte Schluß" sich noch hinausziehe, "so weit,
daß keines der künftigen Jahrhunderte sie je zu sehen bekommt" (VV.
221-224).
Auch wenn die Welt
hofft, daß es nie stattfinden möge: Das abschließende "Feuerwerk" des
Jüngsten Gerichts ist unausweichlich, denn am Ende muß entschieden werden, ob
die Darsteller ihre Rolle gut gespielt haben und damit würdig sind, zum ewigen
Gastmahl des Schöpfers gerufen zu werden. In Calderóns Stück wie im Christentum
überhaupt ist der Sinn des Gerichtsgedankens, die Darsteller an ihre Aufgabe zu
erinnern und an die Verantwortung, die mit jeder Rolle verbunden ist. Das
Erinnern daran übernimmt im konkreten Fall der "Souffleur", der die
Stimme des Gewissens und damit die Stimme des "Autors" und Richters
selbst ist. Es ist also nicht beliebig, wie man seine Rolle spielt; denn jede Rolle will gut gespielt sein und
gehört zum Ganzen. Und im Wissen darum, was gespielt wird und für wen, kann uns
auch "der furchtbar harte Schluß" vor dem Fallen des Vorhangs nicht
in Verzweiflung treiben. Ohne diesen Schluß würde es ja nie zu dem kommen
können, was am Ende der Zehnwochenapokalypse steht: "Güte und
Gerechtigkeit werden herrschen, und die Sünde wird von da an nicht mehr erwähnt
werden bis in Ewigkeit" (1 Hen 91,17).
Ich will schließen
mit den drei letzten Strophen eines Gedichts von Joseph von Eichendorff. Das
Gedicht trägt den Titel "Weltlauf" und spricht von der Zeit unter dem
Bild eines Turmes mit einer Turmuhr:
Wie im
Turm der Uhr Gewichte
Rücket fort die Weltgeschichte,
Und der Zeiger schweigend kreist,
Keiner rät, wohin er weist.
Aber wenn
die ehrnen Zungen
Nun zum letztenmal erklungen,
Auf den Turm der Herr sich stellt,
Um zu richten diese Welt.
Und der
Herr hat nichts vergessen,
Was geschehen, wird er messen
Nach dem Maß der Ewigkeit -
O wie klein ist doch die Zeit!
Marius
Reiser
Weltgeschichte und Weltgericht
"Ich
sage Euch die Wahrheit, das ist ... das Ende der Geschichte, das Ende des
Klassenkampfes, das Ende der Philosophie, der Tod Gottes, das Ende der
Religionen, das Ende des Christentums und der Moral (was die größte Naivität
war), das Ende des Subjekts, das Ende des Menschen, das Ende des Abendlandes,
das Ende des Ödipus, das Ende der Welt, Apocalypse now, ich sage Euch, in der
Sintflut, dem Feuer, dem Blut, dem erderschütternden Beben, dem Napalm, das aus
Hubschraubern vom Himmel fällt, so wie die Prostituierten, und dann auch das
Ende der Literatur, das Ende der Malerei, der Kunst, als Sache der
Vergangenheit, das Ende der Psychoanalyse, das Ende der Universität, das Ende
des Phallozentrismus und was weiß ich noch alles."
Das
schreibt Jacques Derrida in einer Arbeit mit dem Titel: "Von einem
neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie." Ich hingegen
will mich nicht in philosophischen Erwägungen verlieren. Ich will mich des
Solotanzes auf einer Stecknadelspitze enthalten, wozu ohnehin nur die Engel
befähigt sind. Statt dessen will ich mich an die Ursprungsbedeutung des Wortes
Apokalypse halten. Gemeint ist ja "Offenbarung". Den Bedeutungswandel
zu Katastrophe, zu Weltuntergang hat das Wort erst später erfahren. Freilich
kann ich nicht von göttlicher Offenbarung sprechen wie Johannes, dem Gott selber
den Text seiner Vision in die Feder diktiert hat. Gott ist verstummt, wie wir
wissen, und hat sich von uns abgewandt, da wir es unternommen haben, uns an
seine Stelle zu setzen. Und wir haben es geschafft. Die von uns erzeugten
Wunder sind erstaunlicher als die einst von ihm verursachten. Ja, sie sind
eigentlich gar keine Wunder mehr, sondern nur noch gelungene Problemlösungen im
Reich der Naturwissenschaften. Die Wiedererweckung der Toten findet längst auf
den Intensivstationen unserer Kliniken statt. Und Blinde sehen und Lahme gehen
zu machen erreicht die mit der Medizintechnik verbündete Chirurgie am laufenden
Band. Wir erheben uns in die immer leerer werdenden Himmel. Wir psychiatrieren
von Dämonen Besessene. Purgatorium und Inferno stellen wir mittels Atomkraft
her. Und wenn wir wollten, so könnten wir mit einem Knopfdruck die ganze
Schöpfung verschwinden lassen, und zwar in weniger als sieben Tagen oder sieben
Stunden. Nichts ist uns unmöglich, oder doch fast nichts. Wie sollten wir uns
da nicht für gottgleich halten?
So beginnt der Schriftsteller Günter Kunert
einen Aufsatz mit dem Titel: "Zur Apokalypse. Eine Strafpredigt",
erschienen in der "Neuen Rundschau" 1990.
Der Aufsatz ist eine glänzend geschriebene Absage an die moderne Kultur und Zivilisation,
in der sich der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt hat und die darum auch
Religion und Kirche nicht mehr nötig hat. Freilich führt diese vollständige
Okkupation der Stelle Gottes durch den Menschen in die Katastrophe. Einen
Hoffnungsschimmer sieht Kunert nirgends, es sei denn, man gebe sich der
kindischen Hoffnung auf außerirdische Wesen hin, "daß wenigstens sie
unmenschlich seien. Denn von Menschen," - und damit schließt der ganze
Aufsatz - "egal von woher, ist nichts mehr zu erwarten."
Diese Einsicht, die bei Günter Kunert am
Schluß steht, ist für den Seher von Patmos sozusagen der Ausgangspunkt seiner
Prophetie. Was soll er noch von Menschen erwarten? Selbst seinen Mitchristen
muß er harte Vorwürfe machen: Die Christen in Sardes, so schreibt er, gelten
als lebend und sind geistlich tot (3,1). Die Christen in Laodizea sind stolz
auf ihren Reichtum, aber in ihrem ganzen Reichtum sind sie "arm, blind und
nackt" (3,17), weil ihr Glaube "weder kalt noch heiß" ist.
"Also, weil du lau bist, weder heiß noch kalt, werde ich dich ausspeien
aus meinem Mund!" (3,16) Der so spricht, ist der einzige, von dem der
Seher noch etwas erwartet: Christus, der auch den vertritt, der von sich sagen
kann: "Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der ist
und der war und der kommt, der Allherrscher!" (1,8)
Was erwartet der Seher von diesem
"Allherrscher" (Pantokrator)? Wozu soll er kommen? Zunächst einmal
zum Gericht, und zwar bald. Denn nur das göttliche Gericht kann weltweit
"reinen Tisch machen", wie wir sagen, und so die Voraussetzung für
einen Neuanfang schaffen. All die Schrecken und Katastrophen, die im letzten
Buch der Bibel geschildert werden, sind Teil des großen Gerichts, das Gott
hält; aber ohne dieses Gericht könnte er am Schluß nicht verkünden:
"Siehe, ich mache alles neu!" (21,5) Das Gericht ist also ein
Vorletztes, aber ein notwendiges, unumgängliches Vorletztes.
Um diese Funktion des Gerichts deutlich zu
machen, beginnt der Verfasser der Apokalypse gerade nicht mit der Schilderung
des Gerichts und seiner Schrecken, sondern mit etwas ganz anderem. Auf die
Eröffnung seines Buchs im 1. Kapitel folgen im 2. und 3. Kapitel Briefe oder
"Sendschreiben", wie sie gern genannt werden. Diese sieben
Sendschreiben richten sich an sieben Stadtgemeinden in Kleinasien, um die
dortigen Christen zu ermutigen und zu warnen; ich habe schon daraus zitiert.
Jedes dieser Schreiben enthält gegen Ende einen "Überwinderspruch",
z.B.: "Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben vom Baum des
Lebens" (2,7). Oder "Wer überwindet, wird keinen Schaden erleiden vom
zweiten Tod" (2,11). Oder: "Wer überwindet, wird in weiße Gewänder
gekleidet werden und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buch des
Lebens" (3,5).
Auf die sieben Sendschreiben läßt der Seher
immer noch nicht seine Schreckensvisionen folgen; stattdessen versetzt er seine
Leser zuerst einmal in den Himmel. Denn alles Irdische hat letztlich himmlische
Ursachen und muß vom Himmel her gesehen werden. Darum beginnt auch das
Geschehen der Apokalypse im Himmel. Betrachten wir diese grandiose himmlische
Szene etwas näher.
1. "Der war
und der ist und der kommt"
Danach sah ich, und siehe eine Tür war
geöffnet im Himmel, und es erscholl die erste Stimme, die ich wie eine Fanfare
zu mir reden gehört hatte: "Steig hier herauf, ich will dir zeigen, was
nach diesem geschehen muß!" Sogleich wurde ich vom Geist ergriffen, und
siehe, ein Thron stand im Himmel, und auf dem Thron saß einer, und der auf ihm
saß war dem Aussehen nach wie ein Jaspisstein und Sarder, und ein Regenbogen
rings um den Thron, dem Aussehen nach wie ein Smaragd. Und rings um den Thron
vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste in
weißen Gewändern, und auf ihren Häuptern goldene Kränze. Von dem Thron gehen
Blitze, Stimmen und Donner aus, und sieben feurige Fackeln brennen vor dem
Thron; das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Thron etwas wie ein
gläsernes Meer, wie Kristall. Und inmitten des Thrones und rings um den Thron
vier Lebewesen voller Augen vorne und hinten. Und das erste Lebewesen wie ein
Löwe, das zweite Lebewesen wie ein Stier, das dritte Lebewesen mit einem
Gesicht wie ein Mensch, das vierte Lebewesen wie ein fliegender Adler. Und die
vier Lebewesen haben jedes einzelne von ihnen sechs Flügel, ringsum und innen
voller Augen, und ruhelos rufen sie Tag und Nacht: "Heilig, Heilig,
Heilig, ist der Herr, Gott, der Allherrscher, der war und der ist und der
kommt!" (4,1-8)
Der Seher soll schauen, "was danach
geschehen muß".
Diese Formulierung finden wir schon im ersten Satz des Buches als Inhaltsangabe
des Ganzen: "Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott geschenkt hat, um
seinen Knechten zu zeigen, was in Bälde
geschehen muß". Es gibt also Geschehnisse, die unumgänglich notwendig
sind, damit die Geschichte an ihr Ziel kommen kann. Das ist die Überzeugung
aller biblischen Autoren des Alten wie des Neuen Testaments.
Der Geschichtsprozeß ist vom planvollen Walten Gottes gesteuert und gelenkt -
"Der Mensch denkt und Gott lenkt", wie es im Sprichwort heißt ‑,
und allein dieses planvolle Walten, auch Vorsehung genannt, gibt dem
Geschichtsprozeß seinen Sinn und seine Einheit. Aber bevor der Seher schaut,
was noch "geschehen muß", schaut er, was von jeher war und immer so
sein wird: Gottes souveräne Herrschaft über alles.
Die Versinnlichung dieses Sachverhalts erfolgt
mit Motiven und einem Anschauungsmaterial, das uns heute kaum noch vertraut
ist; und doch macht diese Schilderung auch nach 2000 Jahren noch Eindruck,
nicht zuletzt durch die Kunst, mit der sie gestaltet ist. Der Erzähler lenkt
unseren geistigen Blick wie ein guter Kameramann, zuerst auf den Thron, dann
auf den, der auf ihm sitzt. Und bei dieser feierlichen Umschreibung Gottes:
"der auf dem Thron Sitzende" bleibt er durchgehend. Auch die folgenden
Angaben gehen immer von dem Thron als Bezugspunkt aus und werden von ihm her
geortet. So befindet sich das "gläserne Meer" "vor dem
Thron". Dieses Kristallmeer vermittelt einen Eindruck von der Majestät und
Größe der geschilderten Welt ebenso wie die vom Thron ausgehenden "Blitze,
Stimmen und Donner", die zudem an die Gotteserscheinung am Sinai erinnern
sollen (Ex 19,16). Dazu kommt noch der farbige Lichtglanz, gleichsam die
"Ausstrahlung" Gottes, die durch die Edelsteine angedeutet wird: die
verschiedenen Farben des Jaspis, das Rotbraun des Sarders und das Grün des
Smaragds, das den Thron einfaßt "wie ein Regenbogen".
Rings um den himmlischen Thron gruppiert sich
der himmlische Hofstaat. Zu ihm gehören die 24 Ältesten; sie haben die Aufgabe,
Gott anzubeten und die Gebete der Heiligen vor ihn zu tragen (5,8). Die sieben
Fackeln symbolisieren Geistwesen, die zur Aussendung bereitstehen (5,6).
Geistwesen oder Engel sind auch die vier Lebewesen mit sechs Flügeln, wie sie
nach Jes 6,2 die Seraphim haben. Der Gestalt nach gleicht eines der Lebewesen
einem Löwen, eines einem Stier, eines einem Menschen und eines einem fliegenden
Adler. Damit werden wir auf eine andere berühme Vision der göttlichen Macht
verwiesen, die auch sonst auf Johannes eingewirkt hat: die Vision Ezechiels vom
himmlischen Thronwagen, die der Prophet im 1. Kapitel seines Buches schildert.
Ezechiel beschreibt hier vier gleichaussehende Wesen mit jeweils vier
Gesichtern, einem Löwen‑, einem Stier‑, einem Menschen‑ und
einem Adlergesicht. Sie fungieren als Thronträger Gottes. Bei Johannes dagegen
sind daraus vier verschiedene Gestalten geworden, die den Thron nicht tragen,
sondern umgeben und vor ihm niederfallen (5,8; 19,4). Die Augen, die sich nach
Ezechiel an den Rädern des Thronwagens befinden (Ez 1,18), hat Johannes den
Wesen selbst gegeben. Die spätere christliche Tradition hat diese Wesen zu den
vier Evangelien in Beziehung gesetzt; daraus entstanden die bekannten
Evangelistensymbole. Diese Ausdeutung ist höchst sinnvoll. Denn auf ihre Art
tun die vier Evangelien dasselbe, was die vier Wesen tun: Sie singen
ununterbrochen das Lob dessen, dem alles Lob gebührt.
Mit dem Lied der vier Lebewesen erreicht die
Szene ihren Höhepunkt. Dieses Lied greift das Dreimal-Heilig auf, das nach Jes
6,3 die Seraphim singen und in das die christliche Gemeinde in jeder Meßfeier
miteinstimmt. Im Judentum wie im Christentum gilt das Trishagion als der
himmlische Lobpreis schlechthin.
Zunächst könnte man nun meinen, hier würde ein
statisches Bild von Gott und seiner Welt gezeichnet, eine Welt, in der sich
alles monoton wiederholt. Aber der Gott, dem das "ruhelos"
wiederholte Loblied gilt, wird in diesem Lied nicht nur als der gepriesen, der
immer war und immer ist; er wird darin auch als "der Kommende"
bezeichnet. Was dieses "Kommen" Gottes meint und wie es geschieht,
das schildert der Seher im Hauptteil seines Buches, den Kapiteln 6-20. Es ist
ein Kommen zum großen Gericht; in ihm wird Gott seine ewige Herrschaft gegen
alle Widerstände auf Erden durchsetzen, damit endlich sein Wille geschieht
"wie im Himmel, so auf Erden" (Mt 6,10). Die unerschütterliche
Gewißheit dieser Verheißung hat das christliche Weltbild und Weltgefühl von
Anfang an grundlegend geprägt. Aus dieser Gewißheit heraus können Christen alle
Schrecken dieser Welt ertragen und einordnen; sie wissen: Am Ende wird das
Recht triumphieren, auch wenn es jetzt unterdrückt wird. Am Ende wird die
Wahrheit ans Licht kommen und kein Widerspruch mehr möglich sein; am Ende wird
die Lüge als Lüge erscheinen und damit in ihrer Nichtigkeit entlarvt werden.
Die Manifestation der Wahrheit wird Urteil, Strafe und Gnade in einem sein.
Allein diese Gewißheit des Sehers von Patmos
kann die merkwürdige Fortsetzung jener Vision erklären, die wir bisher
betrachtet haben. Auf das Dreimal-Heilig der vier Lebewesen folgt nämlich eine
Szene, die ihren Ort eigentlich am Ende aller Schrecken hat, nach der Durchführung des großen
Gerichts. Diese Szene schildert nämlich, was im Himmel geschehen wird, wenn all
das, was der Seher in den Kapiteln 6‑20 seines Buches darstellt, vorbei
und erledigt ist. Diese Schilderung nimmt also das Ende vorweg und ist somit
der höchste Ausdruck für die Gewißheit der Überzeugung, daß schließlich
"alles, alles gut" wird, wie es ganz am Ende von Joseph von Eichendorffs
"Taugenichts" heißt:
Und wenn die Lebewesen Ruhm, Ehre und Dank
darbringen werden dem, der auf dem Thron sitzt, der lebt von Ewigkeit zu
Ewigkeit, dann werden die vierundzwanzig Ältesten niederfallen vor dem, der auf
dem Thron sitzt, und den anbeten, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und sie
werden ihre Kränze niederwerfen vor dem Thron und sprechen: "Würdig bist
du, unser Herr und Gott, Ruhm, Ehre und Macht anzunehmen; denn du hast alles
geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden geschaffen." (4,9‑11)
Stellvertretend für die ganze Erde unterwerfen
sich die 24 Ältesten dem Allherrscher, mit einem Demutsakt, wie ihn etwa ein
von Rom unterworfener König zu üben hatte; er mußte sein Diadem abnehmen und es
vor dem Bild des Kaisers niederlegen.
Das Lied der Ältesten verkündet, daß Gott allein "Ruhm, Ehre und
Macht" zustehen. Bevor also die eschatologische Machtergreifung Gottes
geschildert wird, beschreibt der Seher vorwegnehmend ihr erfolgreiches Ziel. Am
Ende wird Gott nicht nur alle Macht besitzen - das war schon immer so ‑,
am Ende wird ihm diese Macht auch zuerkannt und gelassen werden, und dies nicht
nur im Himmel.
2. Wer
öffnet das Buch der Zukunft?
Die Vision des Sehers, die wir bisher
betrachtet haben, ist mit dem Lobgesang der 24 Ältesten nicht zu Ende; ihre
Schilderung wird in Kapitel 5 fortgesetzt. Und jetzt gerät die Szene in
Bewegung und wird in einer Weise dramatisch, wie das bisher nicht der Fall war.
Denn jetzt geht es darum, daß die endzeitlichen Geschehnisse eingeleitet werden.
Der Himmel nimmt die Sache sozusagen in die Hand und ergreift die Initiative.
Wie geht das vor sich?
Und ich sah auf der Rechten dessen, der auf
dem Thron saß, ein Buch, innen und hinten beschrieben, versiegelt mit sieben
Siegeln. Und ich sah einen starken Engel, der mit lauter Stimme ausrief:
"Wer ist würdig, das Buch zu öffnen und seine Siegel zu lösen?" Und
keiner im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde vermochte das Buch zu
öffnen und einzusehen. Und ich weinte sehr, weil keiner für würdig befunden
wurde, das Buch zu öffnen und einzusehen. Da sagt einer der Ältesten zu mir:
"Weine nicht! Siehe, überwunden hat der Löwe aus dem Stamm Juda, die
Wurzel Davids, damit das Buch und seine sieben Siegel geöffnet werden
können." (5,1-5)
Was ist das für ein merkwürdiges Buch,
"innen und hinten" beschrieben, siebenfach versiegelt und so schwer
zu öffnen? Zunächst ist klar, daß bei diesem Bild an eine Buchrolle gedacht
ist, nicht etwa an einen Kodex. Antike Buchrollen sind normalerweise nur auf
der Innenseite beschrieben, weil man sie beim Lesen ja in beiden Händen halten
muß und dabei die Schrift auf der Außenseite schnell verwischen würde. Unser
Buch aber ist beidseitig beschrieben. Der Autor spielt deutlich auf eine Stelle
beim Propheten Ezechiel an: Ez 2,10. Dort hat der Prophet ebenfalls eine
Gottesvision, in der Gott ihm ein Buch reicht. Es ist eine beidseitig
beschriebene Buchrolle, als deren Inhalt "Klagen, Seufzen und
Wehgeschrei" angegeben werden. Die beidseitige Beschriftung soll wohl die
überquellende Fülle andeuten.
Himmlische Bücher begegnen in der
apokalyptischen Literatur in drei Varianten. Sie können Sündenregister enthalten, die als Unterlagen beim Jüngsten Gericht
dienen (z.B. Dan 7,13). Sie können aber auch Namensregister enthalten und die Namen derer verzeichnen, die
gerettet werden sollen; so das "Buch des Lebens" in Dan 12,1. Das
himmlische Buch an unserer Stelle gehört zu einer dritten Kategorie, den Büchern der Geschichte. In ihnen ist die
Geschichte, insbesondere die künftige Geschichte der Menschheit im voraus
aufgezeichnet. Das Geschehen der irdischen Geschichte rollt also buchstäblich
ab, es wird gleichsam nach und nach vom himmlischen Buch der Geschichte
abgerollt. Dieses Buch ist somit ein Symbol für die Vorsehung Gottes. Was
geschieht, läuft nicht planlos ab, sondern nach einem vorbedachten Plan, den
Gott selbst erstellt hat. In seiner
Hand ist das Buch; in seiner Hand
liegt die ganze Menschheitsgeschichte.
Aber das geschichtliche Geschehen kann sich
natürlich nur entrollen, wenn vorher "die Siegel" am Buch der
Geschichte gelöst werden. Der Fortgang der Erzählung, das, was man die
"Siegelvisionen" nennt, zeigt, wie sich der Seher die Sache
vorstellt: Mit jedem gelösten Siegel kann ein Teil der in dem Buch
beschriebenen Geschehnisse (bzw. Schrecknisse) wirklich eintreten. Wie das
sozusagen "buchtechnisch" gehen soll, kümmert den Seher nicht. Man
kann ein Buch ja eigentlich erst öffnen und lesen, wenn alle Siegel gelöst sind. Aber jedes Gleichnis hinkt, und so auch
das vom Buch der Geschichte. Im übrigen hat die Darstellung des Apokalyptikers
immer wieder etwas Traumhaftes; im Traum geschehen ja Dinge, die in
Wirklichkeit ganz unmöglich sind, in der Traumwelt jedoch als
selbstverständlich hingenommen werden.
Die Tatsache, daß das Buch versiegelt ist -
dieses Motiv hat kein Vorbild in der Motivgeschichte des himmlischen
Buchs! ‑, führt zu einem Problem im Himmel, dem einzigen Problem,
das es im Himmel der Apokalypse gibt: "Wer ist würdig, das Buch zu öffnen
und seine Siegel zu lösen?" Ein versiegeltes Schriftstück darf nur von dem
geöffnet werden, für den es bestimmt ist. Wenn sich nun für dieses Schriftstück kein Würdiger
findet, kann die Geschichte nicht weitergehen; sie steht still oder dreht sich
im Kreis. Dann gibt es keine endzeitlichen Plagen, aber auch kein endzeitliches
Jerusalem in einer neuen Schöpfung. Dann wird der Reiche auf ewig den Armen
bedrücken und ausnützen, die Lüge wird ewig über die Wahrheit und das Unrecht
ewig über das Recht siegen. Dann kommt Gottes Plan mit seiner Schöpfung nie zum
Ziel. Und zunächst sieht es so aus, als könne tatsächlich niemand das Buch
öffnen, "weder im Himmel noch auf der Erde noch unter der Erde". Der
eingangs zitierte Günter Kunert war zu der schrecklichen Einsicht gelangt, daß
von Menschen nichts mehr zu erwarten
ist, "egal von woher", und daß die Hoffnung auf Außerirdische
kindisch ist. Genau dieser Punkt der Geschichte und der Einsicht ist an unserer
Stelle erreicht, nur eben 2000 Jahre früher. Da bricht der Seher in Tränen aus.
Das ist die dramatischste Stelle im ganzen Buch der Geheimen Offenbarung. Aber
der Seher wird getröstet; es findet sich doch ein Würdiger: "der Löwe aus
dem Stamm Juda, die Wurzel Davids". Wer ist das?
Und ich sah: Inmitten des Throns und der vier
Lebewesen und inmitten der Ältesten stand ein Lamm wie geschächtet, mit sieben
Hörnern und sieben Augen; das sind die sieben Geister Gottes, die über die
ganze Erde gesandt sind. Es kam und empfing aus der Rechten dessen, der auf dem
Thron saß. Und als es das Buch genommen hatte, fielen die vier Lebewesen und
die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm. Sie hatten jeder eine Harfe
und goldene Schalen voll Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen. Und sie
singen ein neues Lied, das lautet: "Würdig bist du, das Buch zu nehmen und
seine Siegel zu öffnen. Denn du bist geschächtet worden und hast für Gott durch
dein Blut erkauft Menschen aus jedem Stamm und jeder Sprache, Volk und Nation,
und hast sie unserem Gott zur Königsherrschaft bestellt und zu Priestern, und
sie werden herrschen auf Erden." (5,6-10)
Der Würdige wird eingeführt als "der Löwe
aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids". Das sind zwei Titel für den
Messias; der eine stammt aus Gen 49,9f, der andere aus Jes 11,1.10.
Dieser Würdige ist die merkwürdigste Gestalt der ganzen Apokalypse. Sie läßt
sich tatsächlich weder den himmlischen noch den irdischen noch den
unterirdischen Wesen zurechnen. Sie ist kein typischer Vertreter des
himmlischen Hofstaates, kein mächtiges Engelwesen mit sechs Flügeln, sondern
ein Wesen, das so gar nicht in einen himmlischen Hofstaat paßt: ein Lamm, das
unübersehbar den Schächtschnitt am Hals trägt, "das dasteht wie
geschächtet". Die herkömmliche Übersetzung "wie geschlachtet"
scheint mir irreführend, weil wir bei "geschlachtet" immer auch an
"zerlegt" denken. Diese Assoziation ist hier aber ganz fern zu
halten. Trotz des Schächtschnitts steht das Lamm auf seinen Füßen und bewegt
sich; es lebt mit einer tödlichen Wunde. Die sieben Hörner und sieben Augen
weisen auf seine Macht hin. Ein mächtiges Lamm also, ein Lamm, das zugleich ein
Löwe ist, "der Löwe aus dem Stamm Juda". Das ist zweifellos ein
Paradox. Aber wir wissen, wer mit diesem Lamm gemeint ist, und es gibt keine
Christologie, keine Charakteristik Christi, ohne Paradoxie.
Dieses Lamm also empfängt von "dem, der
auf dem Thron sitzt", das Buch und führt die Geschichte der Menschheit -
mit all ihrem Grauen - zum Ziel, indem es Siegel um Siegel öffnet. Das war und
ist die geschichtliche Aufgabe Christi nach dem letzten Buch der Heiligen
Schrift. Allein Christus ist dieser Aufgabe gewachsen, da allein er die Prüfung
dafür bestanden und den Preis bezahlt hat, der dafür zu zahlen war. Dieser
Preis war das freiwillige Sterben des unschuldigen Lammes als Sühne für die
Sünden aller Welt. Mit seinem Blut sind alle "erkauft", die sich ihm
anschließen und bereit sind, dasselbe Schicksal auf sich zu nehmen. Sie sind
die eigentlichen Herren der Welt, weil sie sich dem einzigen Herrn der Welt ganz
unterworfen haben.
Damit kann die Szene zu ihrem triumphalen Ende
kommen, zu jenem Triumph, der vor und über allen Schrecknissen steht, die im
weiteren Verlauf des Buches geschildert werden:
Und ich sah, und ich hörte die Stimme vieler
Engel rings um den Thron und die Lebewesen und die Ältesten, und ihre Zahl war
zehntausendmal zehntausend und tausendmal tausend, und sie riefen mit lauter
Stimme. "Würdig ist das geschächtete Lamm, zu nehmen Macht, Reichtum,
Weisheit, Einfluß, Ehre, Ruhm und Lobpreis!" Und jedes Geschöpf, sei es im
Himmel, auf der Erde, unter der Erde oder auf dem Meer, und alles in ihnen
hörte ich rufen: "Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren
Lobpreis, Ehre, Ruhm und Gewalt in alle Ewigkeit!" Und die vier Lebewesen
sprachen: "Amen!" Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.
(5,11-14)
3. Die
Manifestation der Wahrheit
Die Anerkennung der Macht Gottes und des
Lammes durch alle Geschöpfe ist natürlich wieder eine Vorwegnahme des Endes;
sie wird das Ergebnis der Schrecknisse sein, durch die die Menschheit hindurch
muß. Die symbolische Schilderung dieser Schrecknisse bildet den Hauptteil des
letzten biblischen Buches. In immer neuen Variationen werden Katastrophen
geschildert, die, bei aller phantastischen Einkleidung, auch heute noch realistisch
wirken; ja, manche von ihnen erscheinen heute realistischer als vor 2000
Jahren. Ich nenne nur das Bitterwerden des Wassers durch einen Stern namens
"Wermut", der aus dem Himmel fällt (Offb 8,11). Daß der Mensch selbst
diesen wasserverseuchenden "Wermut" produzieren würde, damit hat in
der Antike niemand gerechnet.
Das Öffnen der ersten vier Siegel des Buchs
der Geschichte ruft die vier apokalyptischen Reiter hervor, die Krieg und
Inflation mit sich bringen (6,1-8). Die Inflationsrate wird genau angegeben:
"Die Choinix Weizen ein Denar, drei Choinikes Gerste ein Denar"
(6,6). Eine Choinix war die Tagesration für einen Mann und entspricht in der
Menge etwa einem Liter. In normalen Zeiten bekam man im antiken Palästina für
einen Denar 13 Liter Weizen. Der dritte apokalyptische Reiter steht also für
eine Erhöhung des Brotpreises um das 13fache.
Die Eröffnung des fünften Siegels läßt die
Seelen der Märtyrer erscheinen, die rufen: "Wie lange ist es noch, Herr,
Heiliger und Wahrhaftiger, daß du nicht richtest und unser Blut rächst an den
Bewohnern der Erde?" (6,10) ‘Nur noch kurze Zeit’, erhalten sie zur
Antwort. Dann werden Geschehnisse geschildert, auf die eigentlich nichts mehr
folgen kann:
Und ich sah, als es (das Lamm) das sechste
Siegel öffnete, da erfolgte ein gewaltiges Erdbeben; die Sonne wurde schwarz
wie ein härener Sack, der ganze Mond wie Blut, und die Sterne des Himmels
fielen zur Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von einem
starken Wind geschüttelt wird; der Himmel löste sich wie ein Buch, das
zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden von ihren Plätzen
gerückt. (6,12-14)
Bereits hier, im 6. Kapitel, wird also das
Weltende geschildert. Was in dem Buch noch folgt bis zur Schilderung der neuen
Schöpfung sind nur noch Variationen über das Thema, das im 6. Kapitel
eingeführt wird. Wenn derartiges geschieht, sind die ehernen Zungen der Uhr im
Turm der Zeit zum letztenmal erklungen und die Stunde schlägt, auf die
Eichendorffs Gedicht "Weltlauf" hinweist: die Stunde, da sich der
Herr auf diesen Turm stellt, um zu richten nach dem Maß der Ewigkeit. Dann
werden alle Menschen mit Schrecken gewahr, was es geschlagen hat. Und der Seher
von Patmos weiß ganz genau, wer dann
den größten Schrecken bekommt und das größte Klagegeschrei erheben wird: die
Könige und Großen dieser Welt, die Reichen und Mächtigen in Politik und
Wirtschaft (6,15; 18,9.11). Ihr Klagelied nach dem Fall der großen Stadt, der
"Hure Babylon", zeichnet der Prophet im 18. Kapitel seines Werkes
vorausschauend auf; es ist eine Satire auf den Großhandel mit Sklaven und
Luxusgütern, die in der gesamten antiken Literatur einzigartig dasteht, wie
letztlich das ganze Werk.
Das endgültige große Weltgericht, das wir
heute das "Jüngste" nennen, beschreibt der Seher am Ende des 20.
Kapitels. Er kann sich jetzt kurz fassen, da er alles Wesentliche längst gesagt
hat:
Und ich sah einen großen weißen Thron und den,
der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen Himmel und Erde, und es fand sich
keine Stätte für sie. Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, wie
sie vor dem Thron standen, und Bücher wurden geöffnet. Und ein anderes Buch
wurde geöffnet, das Buch des Lebens. Die Toten wurden gerichtet aufgrund des in
den Büchern Verzeichneten, nach ihren Werken. Das Meer gab die Toten heraus,
die in ihm waren, und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, und
sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Werken. Dann wurden der Tod und die
Unterwelt in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod, der Feuersee. Auch
wer nicht verzeichnet war im Buch des Lebens, wurde in den Feuersee geworfen.
(20,11-15)
Das Buch der Geschichte ist entrollt bis zum
Schlußkapitel. Jetzt zählen nur noch "das Buch des Lebens" und die
Bücher mit den Sündenregistern. Niemand kann sich drücken; die Toten werden
zusammengeholt, die Großen wie die Kleinen treten vor den großen weißen Thron
des Höchsten, dessen Blick kein Wesen standzuhalten vermag. Wie das Gericht im
einzelnen vor sich geht, wird nicht geschildert. Dem Seher genügt es, die Sache
angedeutet zu haben; er erwähnt noch kurz, daß schließlich der Tod, das große
Trauma des irdischen Daseins, vernichtet wird im "zweiten Tod",
zusammen mit allem anderen, was Gottes gutem Willen noch entgegensteht. Die
beiden letzten Kapitel des Buches bilden dann den krönenden Schluß seiner Schau
des Kommenden.
4. Schluß
Meinen
Schlußgedanken möchte ich einleiten mit ein paar Zitaten, die ich einem
Propheten des 20. Jahrhunderts entlehne: Reinhold Schneider. Er hat den Text zu
einem kleinen Büchlein mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts in der Kunst
geschrieben. Darin heißt es:
Die grandiose Bilderschrift der Apokalypse, an
der die Jahrhunderte und Jahrtausende rätselten, wird von Menschen nicht
ausgeschöpft werden; die eigentliche Deutung, Entsiegelung wird das Geschehen
sein: Aufhebung der Zeit, Ende der Geschichte, Ereignisse himmlischer
Barmherzigkeit, die nicht urteilen wird wie die Gerichtshöfe der
Menschen. ...
Abendländisches Geschichtsbewußtsein ist in
einem wesentlichen Grade ein apokalyptisches: es ist gegründet im Advent, in
der Erwartung des Richters, im Wissen, daß in einem Augenblick die Szene zum
Tribunal werden kann. ... Es ist alles nicht ganz wirklich, nicht ganz wahr,
ehe das Ende nicht da ist; Geschichte ist Traum, die Rollen sind nicht nach dem
Werte, dem eigentlichen Sein verteilt; einmal wird der Bettler aufsteigen, der
Reiche stürzen; im Traume haben alle gehandelt: Erwachen ist die endgültige
Manifestation der Wahrheit. ...
Vielleicht ist die Botschaft vom Gericht, ist
seine Bildersprache, der das Wort keineswegs zu folgen vermag, der wichtigste
Anruf an die Gegenwart: wir sind so vermessen, zu glauben, daß wir, wenn das
uns einwohnende Gefälle zur Vernichtung uns treibt, die Erde werden aufheben
können samt allen ihren Bewohnern. Nein! Die Möglichkeiten der Sünde sind fast
unbegrenzt - innerhalb der Wahrheit, daß der Richter allein diese unsere Welt
beenden wird, nachdem seine Boten, die Vergeuder der Zornesschalen, und die dem Martyrium geweihten letzten Zeugen
ihm vorausgegangen sind. Aber das Letzte, was Erde und Zeit angeht, wird
ausstrahlen von Gott, und keine Hybris ist mächtig genug, das Drama der
Geschichte und Schöpfung abzuschließen, nicht wegen des Menschen Unvermögen:
sondern weil Gott in den Zeitenlauf eingetreten ist; weil Er die erste Person
der Geschichte ist und sie in eine Dimension verpflanzt hat, die unserem
Vermögen nicht mehr untersteht. Christus ist ja der Heimlich-Gegenwärtige, der
trägt, was wir zu tragen glauben. Wer aber sieht den leeren Thron?
Mit dem leeren Thron spielt Reinhold Schneider
auf den leeren Richterthron Gottes an, wie er auf einem Mosaik in Ravenna
dargestellt ist; das Mosaik entstand im 5. Jahrhundert. Dieser leere Thron
"steht inmitten jeglicher Zeit, immer bereit, den Richter aufzunehmen".
Aber keine Zeit der letzten zwei Jahrtausende hat diesen Thron so entschlossen
übersehen und aus den Augen gerückt wie die unsere. Ja, man versucht sogar die
Existenz dieses Thrones und dessen, was er symbolisiert, zu leugnen. Vielleicht
hatten die Menschen des Mittelalters eine übertriebene Angst vor dem Gericht
Gottes, während wir heute allzu geneigt sind, diese Angst für gegenstandslos zu
halten. Aber was haben wir damit gewonnen? Je mehr unsere Angst vor Gottes Gericht abnimmt, desto größer
wird unsere Angst vor dem Gericht der Menschen. Und diese neue Angst ist um
vieles schrecklicher und verzweifelter als die frühere. Schon David erklärt im
Alten Testament, als er vor die Alternative gestellt wird, sich den Schrecken
auszusetzen, die Gott schickt, oder den Schrecken, die ihm Menschen antun:
"Ich habe große Angst. Aber wir wollen lieber in die Hände des Herrn
fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß. In die Hände der Menschen dagegen
will ich nicht fallen!" (2 Sam 24,14) So ist es auch tröstlicher, auf
den leeren Thron Gottes zu schauen und das Gericht ihm anheimzustellen als sich
ganz den Menschen ausgeliefert zu wissen. Nur die Hoffnung auf das Gericht
Gottes gibt eine begründete Hoffnung auf das, was die letzten beiden Kapitel im
Buch des Sehers von Patmos an den Himmel unserer Phantasie malen.