Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Ist es schriftwidrig, jemanden "Vater" zu nennen?


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Jesus belehrte seine Jünger in Matthäus 23,8-10: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch niemanden auf Erden Vater nennen, denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Ihr sollt euch auch nicht Lehrer (andere Übersetzung: Führende) nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer (Führender): Christus.

Diese Worte Jesu bedeuten, dass man keinen Menschen auf Erden in einem absoluten Sinn als Vater (oder als Lehrer oder als Füh­renden) anerkennen sollte, dem man absolute Folgsamkeit schuldet, was allein Gott und Christus gebührt. Sie bedeuten aber nicht, dass es verboten ist, jemanden als Vater (oder Lehrer oder Führenden) zu bezeichnen und anzuerkennen, wenn da­mit keine solche Verabsolutierung verbunden ist. Denn:


1.      Jesus und die Apostel verwenden im Neuen Testament den Vatertitel nicht nur zur Be­zeich­nung Gottes, sondern auch zur Bezeichnung menschlicher Väter. So sagte Jesus: „Ehre Va­ter and Mutter“ (Mt 19,19). Der Evangelist Lukas bezeichnet den menschlichen Pflegevater Jesu, den hl. Josef, ohne Scheu als Jesu „Vater“, wenn er im Anschluss an die Prophezeiungen des greisen Simeon über das 40 Tage alte Jesuskind schreibt: „Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde“ (Lk 2,33) Auch Maria, die Mutter Jesu, bezeichnete ihren Mann Joseph, den Pflegevater Jesu, als Jesu Vater, als sie den seit drei Tagen vermissten zwölfjährigen Jesus im Tempel wiederfand: „Kind, wie konntest du uns das antun? Siehe dein Vater und ich suchen dich voller Angst“ (Lk 2,48). Im Ersten Johannesbrief redet der Apostel Johannes zweimal ausdrücklich die „Väter“ unter seinen Lesern an: „Ihr Väter, ich schreibe euch ....“ (1 Joh 2,13); „Ihr Väter, ich habe euch geschrieben ...“ (1 Joh 2,14). Auch im übertragenen Sinn werden Menschen im Neuen Testament als „Väter“ bezeichnet. So erklärt Paulus, man solle einen älteren Menschen nicht schelten, son­dern ihn bitten „wie einen Vater“ (1 Tim 5,1). Petrus sprach vom „Gott unserer Väter“ (Apg 3,13). In einem Gebet der ersten Christen heißt es: „Du hast gesprochen ... durch den Mund unseres Vaters David“ (Apg 4,25). Jakobus erinnerte daran, wie „Abraham, unser Vater“ ge­recht­fer­tigt wurde (Jak 2,21). Man beachte, dass David und Abraham hier nicht als Väter im na­türlichen, sondern in einem geistlichen Sinn anerkannt werden. In diesem Sinn wird Abra­ham von Paulus sogar als „Vater aller Glau­ben­den“ (Röm 4,11) und „unser aller Vater“ (Röm 4,16) bezeichnet. Paulus hatte keine Scheu, sogar sich selbst als geis­ti­gen „Vater“ der von ihm bekehrten Christen zu sehen: Den Thessalonichern schrieb er, er habe jeden ein­zel­nen von ihnen ermahnt „wie ein Vater seine Kinder“ (1 Thess 2,11; vgl. 1 Thess 2,7). Die Christen von Ko­rin­ther be­zeichnete er in 1 Kor 4,14 als „meine geliebten Kinder“ und fügte hinzu, sie hätten zwar viele Pädagogen, aber nur „we­nige Väter“, und als einen von diesen geistigen Vätern betrachtete sich Paulus offenbar selbst, wenn er hin­zufügte: „durch das Evangelium habe ich euch gezeugt“. Im Ein­klang bezeichnete er auch seinen Schüler One­si­mus als „Kind, das ich gezeugt habe“ (Phlm 10) und redete die Christen in Galatien als „meine Kinder“ an (Gal 4,19). Die An­rede „meine Kinder“ benutzte auch der Apostel Johannes (1 Joh 2,1). So dürfte für die Leser der Pau­lus- und Jo­han­nes­briefe wohl auch die Gegen­anrede „unser Vater Paulus“ und „unser Vater Johannes“ in Be­tracht ge­kom­men sein. Und wenn Paulus seinen Schüler Timotheus als „Kind Timotheus“ (1 Tim 1,18) und „mein Kind“ (2 Tim 2,1) an­re­de­te, kann man sich vorstellen, dass Timotheus geantwortet hat: „Vater Paulus“ oder „mein Vater“.
Dass die direkte Anrede von kirchlichen Amtsträgern als „Vater“ im Neuen Testament nicht aus­drück­lich vor­kommt, dürfte also wohl nur darauf zurück­zuführen sein, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Schriften nur die Briefe der Apostel und Vorsteher an die Gemeinden enthalten, nicht aber die Briefe der Gemeinden an ihre Apostel und Vorsteher.

2.      Durch Punkt 1 ist die Frage bereits beantwortet: Die Deutung von Mt 23,8-10 als striktes Verbot, einen Menschen als „Vater“ zu bezeichnen, lässt sich mit dem Rest des Neuen Testaments nicht vereinbaren. Zusätzlich kann man noch wie folgt argumentieren: Wäre Mt 23,8-19 als Abschaffung des Vatertitels zu deuten, so müsste man auch den in Ver­bin­dung mit dem Vatertitel genannten Titel Lehrer / Führender (und naheliegen­der­weise auch jeden hierzu synonymen Titel) als abgeschafft ansehen. Aber auch das ist nach­weislich nicht der Fall. Zwar kommt das in Mt 23,10 für Lehrer / Führender benutzte grie­chische Wort „kathegetes“ nur hier vor, doch tauchen die synonymen Be­zeich­nungen „didaskalos“ (Lehrer) und „hegoumenos“ (Führender) noch an einigen anderen Stellen im Neuen Tes­ta­ment auf, und zwar keineswegs bloß auf Christus bezogen. Die Bezeichnung „Lehrer“ wurde statt dessen der of­fi­zi­elle Titel eines Gemeindeamtes (Apg 13,1; 1 Kor 12,28-29; Eph 4,11; Jak 3,1), und Paulus bezeichnete sich selbst sogar als „Lehrer der Völker“ (1 Tim 2:7). Ebenso gab es „Führende“ in der Kirche, die auch so bezeichnet wurden. So heißt es im Hebräerbrief: „Gedenkt der Führenden unter euch, die euch das Wort Gottes verkündigt haben“ (Hebr 13,7; vergleiche Hebr 13,17 und Hebr 13,24).

Eine ganz ähnliche Schwierigkeit wie in Mt 23,8-10 zeigt sich auch in 1 Kor 5,8-9, wo es heißt, dass wir Christen „nur einen Herrn“ haben: Jesus Christus. Die Folgerung, dass ein Christ niemals eine von Christus verschiedene Person als „mein Herr“ anreden darf, ginge auch hier zu weit. Man vergleiche hierzu die Notiz in der Offenbarung des Johannes (Apk 7,14), dass Johannes einen der vierundzwanzig „Ältesten“ vor Gottes Thron im Himmel (somit einen himmlischen Heiligen, der offenbar nicht mit Christus identisch ist) ehrfürchtig als „mein Herr“ anredete.

 

Anhang: Zu den weiteren Titel des Papstes (außer „Papst“ = Vater):

Der Titel „Stellvertreter Gottes“ (Vicarius Dei) für den Papst wurde meines Wissens erstmals von Papst Innozenz IV. (1234-1254) gebraucht, hat sich aber nicht durchgesetzt.

Eher üblich ist der Titel „Stellvertreter Christi“ (Vicarius Christi), der jedoch nicht für den Papst spezifisch ist, sondern auch für den Bischof gebraucht wird.

Gegen beide Titel dürfte nichts grundsätzlich einzuwenden sein, wenn man „Stellvertreter“ nicht im hoch­mütigen Sinn der Macht­vollkommenheit, sondern im Sinne des Gesandten, des von seinem Herrn beauftragten Dieners versteht. Eigentlich sollte jeder Christ in diesem Sinn ein Stellvertreter Christi sein, ein Werkzeug Christi, der alles im Namen und Auftrag Christi tut. Damit ist er auch Stellvertreter Gottes, denn Christus ist wiederum Gesandter und darum Stellvertreter Gottes des Vaters. Wenn Christus zu seinen Aposteln sagt: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21), so sind sie als zu­nächst als Gesandte Christi seine Stellvertreter; weil aber Christus von Gott gesandt ist, aber auch dessen Stellvertreter. Im be­sonderen Maße ist der Titel des „Stellvertreters Gottes“ also den Aposteln und den von diesen beauftragten Bischöfen an­ge­mes­sen. Daher sagt auch der Apostel Paulus ausdrücklich: Wir, d.h. die Apostel, sind „Gesandte an Christi statt“ (2 Kor. 5,20). Aus­führlicher sagt er: „Gesandte sind wir an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. An Christi Stelle bitten wir: Lasst euch durch Gott versöhnen“. Jesus selbst hat diese Stellvertretung mit den Worte ausgedrückt: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat“ (Lk 10,16) und im Johannes­evangelium: „Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat“ (Joh. 13,20).

Übertriebene „Papstverehrer“ wie Lucius Ferraris (italienischer Franziskaner, genaue Lebensdaten nicht bekannt, gestorben vor 1763) haben dem Papst weitere Titel zugelegt wie beispielsweise „gleichsam Gott auf Erden“, die aber niemals als offizielle Titel galten. Die Befürworter solcher Titel (wie Lucius Ferraris selbst) konnten sich allerdings gegen den Vorwurf der Blas­phe­mie auf einige Bibelstellen be­rufen, wo der Titel „Gott“ für Menschen gebraucht wird. Zum einen wird dem Moses dieser Titel von Gott in 2 Mose 7,1 verliehen: „Ich habe dich dem Pharao gegenüber zum Gott gemacht, und Aharon ist dein Prophet“, eben­so in 2 Mose&xnbsp; 4,16: &xnbsp;„Er (Aharon) soll für dich der Mund sein, und du sollst für ihn der Gott sein“ (Exodus 4,16). Eine dritte Stelle ist Jesu Verteidigung gegen den Vorwurf der Gotteslästerung in Johannes 10,32-33 „Steht nicht in eurem Gesetz ge­schrieben: Götter seit ihr? Wenn es die, an welche das Wort Gottes erging, Götter genannt hat, wie könnt ihr sagen ... ‚du lästerst’, weil ich gesagt haben: Ich bin Gottes Sohn?“, wobei „Götter seit ihr“ ein Zitat aus Psalm 82,6 ist, wo sich der Götter-Titel offenbar auf menschliche Richter bezieht. Diese Worte Jesu scheinen auch eine Mahnung dahingehend zu ent­hal­ten, dass man vorsichtig sein sollte, einen Menschen wegen eines Titels der Lästerung zu beschuldigen. Es darf letztlich nicht um Titel gehen, sondern um die innere&xnbsp; Einstellung.

Trotzdem ist es falsch, dem Papst den Gottestitel zu verleihen, und kein bekannter Papst scheint einen der­artigen Titel jemals beansprucht oder gutgeheißen zu haben; man sollte es dem Antichristen über­lassen, sich als Gott auszugeben (2 Thess 2,4).

Der dem Papst am meisten angemessene, und sein Amt am klarsten kennzeichnende Titel ist weder „Stell­ver­treter Christi“ noch „Stellvertreter Gottes“, sondern ein viel älterer Titel: nämlich „Stellvertreter Petri“ oder „Nachfolger Petri“.


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