Jesus belehrte seine Jünger in Matthäus 23,8-10: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer, ihr
alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch niemanden auf Erden Vater nennen, denn
einer ist euer Vater: der im Himmel. Ihr sollt euch auch nicht Lehrer (andere Übersetzung:
Führende) nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer (Führender): Christus.“
Diese Worte Jesu bedeuten, dass man niemanden auf Erde derart in einem absoluten Sinn als Rabbi
(Lehrer) oder Vater oder als Führenden bewundern sollte, wie es allein Gott und
Christus gebührt. Sie bedeuten aber nicht,
dass es verboten ist, jemanden als Lehrer oder Vater oder Führer zu bezeichnen,
wenn damit keine übertriebene Bewunderung verbunden ist. Denn:
1.
Wäre Mt 23,8-19
als Abschaffung des Vatertitels zu deuten, so müsste man den in Verbindung
mit dem Vatertitel genannten Titel Lehrer / Führender sowie synomyme Titel ebenfalls
als abgeschafft ansehen. Nun kommt das in Mt 23,10 für Lehrer / Führender
benutzte griechische Wort „kathegetes“ zwar nur hier vor, doch werden die
synomynen Bezeichnungen „daskalos“ (Lehrer) und „hegoumenos“ (Führender) nicht
bloß auf Christus angewendet. „Lehrer“ wurde statt dessen
der offizielle Titel eines Gemeindeamtes (siehe Apg 13,1; 1 Kor 12,28-29; Eph
4,11; Jak 3,1), und Paulus nannte sich selbst sogar „Lehrer der Völker“ (1 Tim
2:7). Ebenso gab es Führende der
Kirche, die auch so bezeichnet wurden: Schießlich heißt es im Hebräerbrief: „Gedenket
der Führenden unter euch, die euch das Wort Gottes verkündigt haben“ (Hebr 13,7;
vergleiche Hebr 13,17 und Hebr 13,24).
Jesus sagte: „Ehre Vater and Mutter“ (Mt
19,19).
2.
Paulus nannte Abraham
den „Vater aller Glaubenden“ (Röm 4,11), Jakobus sprach von „unserem Vater
Abraham“ (Jak 2,21) und Petrus von „dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem
Gott unserer Väter“ (Apg 3,13). Ebenso nannte die urchristliche Gemeinde David „unseren
Vater“ (Apg 4,25).
3.
Paulus nannte sich
selbst in einem geistlichen Sinn „Vater“ der Gemeinden, die er gegründet hatte
(1 Kor 4,15 und 1 Thess 2,11) und auch „Vater“ seines Schülers Onesimus (Brief
an Philemon, Vers 10). Schließlich sprach er die Galater brieflich als „meine
Kinder“ an (Gal 4,19), und dieselbe Anrede benutzte
auch Johannes, um seine Leser anzusprechen (1 Joh 2,1). Dies zeigt, dass für die
Leser dieser Briefe die Gegenanrede „unser Vater Paulus“ und „unser Vater Johannes“
in Betracht kam. Paulus sprach auch den Timotheus als „Kind Timotheus“ (1 Tim
1,18) und „mein Kind“ (2 Tim 2,1) an, so dass Timotheus offenbar geantwortet
haben wird: „Vater Paulus“ oder „mein Vater“.
Dass die direkte Anrede von kirchlichen
Amtsträgern als „Vater“ im Neuen Testament nicht ausdrücklich vorkommt, ist
also offenbar nur darauf zurückzuführen, dass die neutestamentlichen
Schriften nur die Briefe der Apostel und Vorsteher an die Gemeinden enthalten, nicht
aber die Briefe der Gemeinden an ihre Apostel und Vorsteher.
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