Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Ist es schriftwidrig, jemanden "Vater" zu nennen?


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Jesus belehrte seine Jünger in Matthäus 23,8-10: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch niemanden auf Erden Vater nennen, denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Ihr sollt euch auch nicht Lehrer (andere Übersetzung: Führende) nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer (Führender): Christus.

Diese Worte Jesu bedeuten, dass man niemanden auf Erde derart in einem absoluten Sinn als Rabbi (Lehrer) oder Vater oder als Führenden bewundern sollte, wie es allein Gott und Christus gebührt. Sie bedeuten aber nicht, dass es verboten ist, jemanden als Lehrer oder Vater oder Führer zu bezeichnen, wenn damit keine übertriebene Bewunderung verbunden ist. Denn:

1.   Wäre Mt 23,8-19 als Abschaffung des Vatertitels zu deuten, so müsste man den in Verbindung mit dem Vatertitel genannten Titel Lehrer / Führender sowie synomyme Titel ebenfalls als abgeschafft ansehen. Nun kommt das in Mt 23,10 für Lehrer / Führender benutzte griechische Wort „kathegetes“ zwar nur hier vor, doch werden die synomynen Bezeichnungen „daskalos“ (Lehrer) und „hegoumenos“ (Führender) nicht bloß auf Christus angewendet. „Lehrer“ wurde statt dessen der offizielle Titel eines Gemeindeamtes (siehe Apg 13,1; 1 Kor 12,28-29; Eph 4,11; Jak 3,1), und Paulus nannte sich selbst sogar „Lehrer der Völker“ (1 Tim 2:7). Ebenso gab es Führende der Kirche, die auch so bezeichnet wurden: Schießlich heißt es im Hebräerbrief: „Gedenket der Führenden unter euch, die euch das Wort Gottes verkündigt haben“ (Hebr 13,7; vergleiche Hebr 13,17 und Hebr 13,24).
 Jesus sagte: „Ehre Vater and Mutter“ (Mt 19,19).

2.     Paulus nannte Abraham den „Vater aller Glaubenden“ (Röm 4,11), Jakobus sprach von „unserem Vater Abraham“ (Jak 2,21) und Petrus von „dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott unserer Väter“ (Apg 3,13). Ebenso nannte die urchristliche Gemeinde David „unseren Vater“ (Apg 4,25).

3.     Paulus nannte sich selbst in einem geistlichen Sinn „Vater“ der Gemeinden, die er gegründet hatte (1 Kor 4,15 und 1 Thess 2,11) und auch „Vater“ seines Schülers Onesimus (Brief an Philemon, Vers 10). Schließlich sprach er die Galater brieflich als „meine Kinder“ an (Gal 4,19), und dieselbe Anrede benutzte auch Johannes, um seine Leser anzusprechen (1 Joh 2,1). Dies zeigt, dass für die Leser dieser Briefe die Gegenanrede „unser Vater Paulus“ und „unser Vater Johannes“ in Betracht kam. Paulus sprach auch den Timotheus als „Kind Timotheus“ (1 Tim 1,18) und „mein Kind“ (2 Tim 2,1) an, so dass Timotheus offenbar geantwortet haben wird: „Vater Paulus“ oder „mein Vater“.

Dass die direkte Anrede von kirchlichen Amtsträgern als „Vater“ im Neuen Testament nicht ausdrücklich vorkommt, ist also offenbar nur darauf zurückzuführen, dass die neutestamentlichen Schriften nur die Briefe der Apostel und Vorsteher an die Gemeinden enthalten, nicht aber die Briefe der Gemeinden an ihre Apostel und Vorsteher.


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