Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Wie ich als katholischer Christ die Reformation sehe*


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Die Kirche hat im Laufe ihrer langen Geschichte immer wieder Phasen des inneren und äußeren Niedergangs erlebt, die aus der Sicht des Historikers leicht zu ihrem geschicht­lichen Unter­­gang hätten führen können. Doch es kam jedes Mal zu einer geistigen Erneuerung, einer er­neuten Ausrichtung (lateinisch: „Reformation“) auf Christus und sein Evangelium, so dass die Kirche wieder aufblühen konnte und die Christenheit gestärkt aus der Krise hervorging. So hat sich bislang die Verheißung Christi immer wieder bewahrheitet, dass „die Pforten des Hades“ – d.h. die zerstörerischen Mächte des Bösen – seine Kirche nicht überwältigen werden (Mt 16,18). Die Erneuerung der Kirche, die meist durch allgemeine Kirchen­versammlungen (Kon­­zilien) besiegelt wurde, war oft durch das Auftreten von Reformatoren vorbereitet worden, die gleichsam im Auftrag Gottes durch Wort und Beispiel als Mahner auftraten und dabei nicht selten mit weltlichen und geistlichen Führern in Konflikt gerieten. Viele von ihnen wurden dennoch später von der Kirche offiziell als Heilige anerkannt. Als Beispiele könnte man Katherina von Siena und Birgitta von Schweden nennen, welche die Päpste zur Umkehr aufriefen und dadurch veranlassten, das unwürdige Drama der „Babylonischen Gefangen­schaft“ des Papsttums in Avignon zu beenden.

Eine der schwersten Krisenzeiten der Kirche war die Epoche der anbrechenden Neuzeit um 1500, in die Martin Luther hineingeboren wurde. Damals war die Kirche trotz äußeren Glanzes innerlich weit vom Geist des Evangeliums abgekommen. Viele Päpste und Bischöfe waren vollkommen verweltlicht, sie betrachteten das geistliche Amt als Möglichkeit, sich zu be­rei­chern, und manche scheuten auch vor Gewalttaten nicht zurück, wie beispielsweise der be­rüchtig­te Papst Alexander VI. (1492–1503).[1]

So war damals eine Reform für die Kirche dringend notwendig, und die Impulse hierzu gingen am deutlichsten von Martin Luther (1483–1546) aus. Mit seiner anfangs maßvollen Kritik hatte er recht, auch wenn man über seine (bewusst überspitzt formulierten) theologischen Auf­­­fassungen geteilter Meinung sein kann. Nachdem Luther 1517 zunächst einige eigentlich recht harmlose Thesen zum Ablasswesen verbreitet hatte, forderte er 1518 die Einberufung eines allgemeinen Konzils, das die Streitfragen erörtern und die Kirche grundlegend refor­mieren sollte. Wenn damals der Papst und die Bischöfe auf diese Forderung eingegangen wären, wären die Miss­stände womöglich schnell beseitigt worden und es wäre nicht zur Spaltung der Christenheit gekommen. Leider wurde jedoch Luthers Ansinnen vom damaligen Papst Leo X (1513–1521) nicht ernst genommen. Luther wurde schriftlich zum Widerruf aufgefordert, und nachdem er den Papst 1520 als Antichristen bezeichnet und das Schreiben des Papstes zusam­men mit dem kirchlichen Gesetzbuch öffentlich verbrannt hatte,[2] wurde Luther 1521 von Leo aus der Kirche ausgeschlossen. Vielleicht hätte Leos Nachfolger, Papst Hadrian VI. (ein Deutsch-Nieder­länder, welcher der letzte deutsche Papst vor dem jetzigen Papst Benedikt XVI. war) die Wogen noch glätten können, als er Anfang 1523 sofortige Re­for­men versprach und auf dem Nürn­berger Reichstag ein erschütterndes Schuldbekenntnis ver­­lesen ließ. Darin heißt es, auch beim Heiligen Stuhl in Rom sei „viel Verab­scheu­ungs­­würdiges“ geschehen: „Missbräuche in geistlichen Dingen“ und „Übertretungen der Gebote“. So habe sich die Krank­heit „vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten“ verpflanzt: „Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom rechten Wege abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat“.[3] Hadrian starb jedoch noch im glei­chen Jahr und sein Nach­folger war wieder ein strenger Konzilsgegner.

So kam das allgemeine Kirchenkonzil, dessen Notwendigkeit man auch auf katholischer Seite immer deutlicher erkannt hatte, erst 1545 in Trient zustande, wo es dann ganze 18 Jahre lang bis 1563 tagte. Das Trienter Konzil war das längste Konzil der gesamten Kirchengeschichte, und wohl auch das erfolgreichste: Auf diesem Konzil wurden tiefgreifende Reformen an­gestoßen[4], viele der von Luther angeprangerten Missstände wurden beseitigt und die von ihm auf­geworfenen theologischen Fragen wurde ausführlich diskutiert und entschieden.[5] In die­sem Konzil und der dadurch eingeleiteten substantiellen Erneuerung der Kirche sehe ich eine durch Luther angestoßene positive Entwicklung.

Tragischerweise kam dieses Konzil zu spät. Es begann ein Jahr vor dem Tode Luthers, und zum damaligen Zeitpunkt hatten sich die Luthe­raner und auch andere, inzwischen mit Luther im Streit liegende Reform­gruppen (die Zwing­lianer und Calvinisten) selbständig gemacht und theologisch weit von der katholi­schen Kirche entfernt. Als sie zum Konzil nach Trient eingeladen wurden, wiesen sie daher die Ein­la­dung scharf zurück. Auch Luther selbst, der doch ursprünglich das Konzil gefordert hatte, hielt es nun für unnütz und schädlich. Er ver­öffent­lichte im Konzilsjahr 1545 eine polemische Schrift mit dem Titel „Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet“. Dies ist zu be­dau­ern. Wäre Luther am Ende versöhnlicher gewesen, so hätte er womöglich die Aufhebung seines Kirchen­aus­schlus­ses er­­wirken  und die Reform der katholischen Kirche positiv mitgestalten können. Dann hätte er vielleicht sogar die Chance gehabt, nach seinem Tod als Heiliger an­er­kannt zu werden. Doch die Fronten waren festgefahren. Auch aus politischen Gründen hatte sich die Kirchen­spaltung damals verfestigt: nicht zuletzt durch die nach Unabhängigkeit stre­ben­den deutschen Fürsten, welche die Glaubensspaltung begrüßt hatten, um sich unter dem Vor­wand der Religion vom katholischen Kaiser lösen zu können. 

So waren durch die Reformation neue, von den Landesherrn geleitete Kir­chen entstanden, die ihre Verbindung mit der alten Kirche gelöst hatten. In neuerer Zeit ist erfreulicher­weise die Bereitschaft zur Verständigung zwischen den Konfessionen wieder gewachsen. Der Dialog der katholischen Kirche mit den Kirchen der Reformation hat auf vielen Gebieten zu einer Annäherung geführt. Doch kristallisiert sich in letzter Zeit ein Differenz­punkt heraus, bei dem man momen­­tan nicht weiterkommt, und der sich wahrscheinlich auch in Zukunft nicht einfach  weg­diskutieren lassen wird. Hier muss sich die eine oder die andere Seite wirklich substantiell bewegen, wenn es zu einer vollen Wiederherstellung der Einheit mit gegenseitiger Aner­ken­nung der Ämter und gemein­samer Feier des Abendmahls kommen soll. Es handelt sich um die Frage nach dem Wesen der Kirche.

Nach katholischer Auffassung ist die Kirche eine von Christus gewollte Einrichtung mit von ihm eingesetzten Ämtern zur Ausspendung der von ihm ein­gesetzten Heilszeichen (Sakra­mente) und zur Verkündigung und Auslegung seiner Lehre. Sie ist daher, auch wenn ihre konkrete Organisation in vielen Punkten wandelbar ist und ihre Ämter von sündigen Men­schen besetzt und zuweilen missbraucht werden, im Prinzip eine gött­liche Einrichtung mit festen, dem menschlichen Zugriff entzogenen Merkmalen. Ein wich­tiges dieser Merkmale ist das „in der apostolischen Sukzession ste­hende“ (d. h. durch eine bis in die Zeit der Apostel zurück­reichende ununterbrochene Kette von Handauflegungen über­tragene) Bischofsamt,[6] dessen Existenz man als Voraussetzung für eine so genannte „gültige“ (d. h. kraft ordnungsgemäßem Vollzug wirksame)  Feier der Eucharistie (= des Abend­mahls) an­sieht.[7]

Dem steht die im evangelischen Bereich verbreitete Auffassung gegenüber, dass die sichtbare Kirchen­­organisation nur eine menschliche Einrichtung ist, so dass die Kirchenordnung völlig frei gestaltet werden kann: Man kann z. B. Bischöfe durch Hand­­auflegung oder auch ohne diesen Ritus einzusetzen, und man kann auf das Bischofsamt auch verzichten (da Luther keine deutschen Bischöfe für seine Sache gewinnen konnte, bat er die Landesfürsten, die bischöflichen Aufgaben zu übernehmen; erst seit 1922 führten die deutschen lutherischen Kirchen wieder ein Bischofsamt ein, das jedoch nicht in der apostolischen Sukzession steht).

Diese Unterschiede im Kirchenverständnis sind am 6.8.2000 in der Erklärung Dominus Jesus der katholischen Kongregation für die Glaubenslehre unter der Leitung von Papst Benedikt XVI. (der damals noch Kardinal war) begrifflich hervorgehoben worden: Dort wurden die Kir­chen mit katholischem Kirchenverständnis als „Kirchen im eigentlichen Sinn“ den „kirch­liche Gemeinschaften“ gegenübergestellt, welche kein in der apostolischen Sukzession ste­hen­des Bischofsamt haben.[8]

Auf evangelischer Seite hat diese Erklärung viele Proteste ausgelöst. Dabei wird oft über­sehen, dass die Glaubenskongregation keinesfalls einer christlichen Gemeinschaft das Recht ab­­­streiten wollte, das Wort „Kirche“ auf sich anzuwenden. Es geht hier nicht um Worte, son­dern darum, inhaltliche verschiedene Auffassungen voneinander abzuheben. Bevor man auf­einander zugehen kann, müssen die verschiedenen Standpunkte deutlich gemacht werden, sonst redet man aneinander vorbei. Dies hat Be­ne­dikt XVI. in einem Interview mit der F.A.Z. klargestellt. Als der Reporter ihm ent­gegen­hielt, die evangelische Seite fasse die Einstufung als „kirchliche Gemeinschaft“ als Belei­di­gung auf, entgegnete er: „Es erscheint mir völlig absurd, was unsere lutherischen Freunde allem Anschein nach im Augenblick wollen … Der richtige Streit wäre es doch, wenn uns die evan­­gelischen Freunde sagen würden: Wir sehen die Kirche anders, mehr pneumatologisch [geist­mäßig] und nicht so sehr in den Institutionen … In diesem Sinn beleidigen wir doch nie­mand, wenn wir sagen, dass die faktischen evangelischen Kirchentümer nicht im gleichen Sin­ne Kirche sind, wie die ka­tho­lische es selbst sein will; sie selber wollen das doch gar nicht.“[9]

Im selben Abschnitt von Dominus Jesus, in dem die umstrittene Passage enthalten ist (Nr. 17), wird auch die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederholt, dass die „getrennten Kirchen und Gemeinschafen“ vom Gott ebenso wie die katholische Kirche als „Mittel des Heiles“ gebraucht werden (Uni­ta­tis Redintegratio 3). Demnach können Christen, die auf­grund ihrer Glaubensüberzeugung einer nichtkatholischen kirchlichen Gemeinschaft ge­gen­über der katholischen Kirche den Vorzug geben, das ewige Heil erlangen, und dies nicht etwa „trotz“ ihrer Mit­glied­­schaft in einer nicht­katholi­schen kirchlichen Gemeinschaft, sondern „durch“ diese Mit­glied­­schaft, die ihnen also eine echte Christusbeziehung vermitteln kann.  Mit dieser Aussage ist meines Erachtens den nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemein­schaften seitens der katholischen Kirche die größtmögliche Wertschätzung ent­gegen­ge­bracht worden, die vor­läufig ohne Selbstaufgabe der eigenen Glaubens­überzeugung denkbar ist.

Luther wollte ursprünglich keine neue Kirche, sondern eine Er­neuerung der alten: keine Kirchen­spaltung, sondern eine erneuerte Kirche. Dieses unterstützenswerte Anliegen sollten wir aufgreifen. Denn auch wenn wir heute noch nicht klar sehen, wie eine Wiedervereinigung der Christenheit konkret verwirklicht wer­den könnte,[10] dürfen wir das Ziel der Einheit aller Christen gemäß dem Wunsch Christi (Joh 17,20–22) nicht aus dem Auge verlieren. Erst nach der Wieder­her­stellung einer vollen Einheit zwischen der katholischen Kirche und den aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften wäre auch die von Luther ursprünglich beabsichtigte Erneuerung abgeschlossen.


* Leichte Überarbeitung des in der "Brücke zum Menschen" Nr. 171 (3/2007) S. 29-32 ohne Fußnoten veröffentlichten gleichnamigen Artikels.


[1] Man kann diesen Niedergang der Christenheit vergleichen mit dem „Tanz um das goldene Kalb“ in der Geschichte Israels, an dem sich das ganze Volk, angestiftet vom obersten Priester Aharon, beteiligte. Dabei finde ich beachtenswert, dass Israel trotz allem das Volk Gottes blieb, dass Gott Israel wieder aufgerichtet und auf seinem Weg ins gelobte Land weitergeführt hat. Auch die spätere Geschichte Gottes mit Israel war ein ständiges Wechsel­spiel zwischen Abfall von Gott und seiner erneuten Ausrichtung auf ihn hin. In ähnlicher Weise scheint zuweilen auch die Geschichte des neuen Gottesvolkes in nachchristlicher Zeit zu verlaufen.

[2] Luther erklärte in seiner Flugschrift Warum des Papstes … Bücher von Dr. Martin Luther verbrannt sind (1520, WA 7, S. 161-182), dass die Verbrennung des Gesetzbuches allein schon durch die Bestimmung gerecht­­fertigt sei, dass der aus Nachlässigkeit viele ins ewige Verderben führende Papst von niemandem gerichtet wer­den dürfe (Corpus Iuris Canonici, Decr. Gratiani I Dist. 40 can.~6 Si papa). Dabei überging er die wichtige Fort­set­zung des Gesetzestextes: „… es sei denn, er wird überführt, dass er vom Glauben abweicht“, der eine im Mittel­alter viel diskutierte Absetzungsmöglichkeit für einen abtrünnigen Papst offen hielt.

[3] Deutsche Reichstagsakten, Jüngere Reihe (1519–24), Band III, Nr. 74, S. 397.

[4] Man spricht hier von der sog. „Gegenreformation“. Dies ist eine unglückliche Bezeichnung, denn es handelt sich nicht so sehr um ein gegen Luther gerichtetes Unternehmen, sondern eher um das „Gegenstück“ der Re­for­mation auf katholischer Seite, also um eine Reform der Katholischen Kirche, wie sie Luther ursprünglich gefordert hatte.

[5] Dabei wurden zwar einige der Formulierungen Luthers abgelehnt, aber der wahre biblische Kern der Luther­schen Rechtfertigungslehre, dass der Mensch ohne die unverdienbare vorausgehende göttliche Gna­de nicht ge­recht­­fertigt werden kann (was bereits der 430 gestorbene Kirchenvater Augustinus betont hatte – es ist wohl kein Zufall, dass Luther dem Augustinerorden angehörte!) wurde zur verbindlichen Lehre katholischen Kirche erklärt (vgl. das Konzilsdekret über die Rechtfertigung, Kanon. 1–3). So war es für mich nicht sonderlich überraschend, als am 31.10.1999 die Ka­tho­li­schen Kirche und der (damals 128 Kirchen vertretende) Lutherische Weltbund in  einer Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre fest­stellen konnten, dass ein „gemeinsames Verständnis unserer Rechtfertigung“ möglich ist (obgleich die Kritik an dieser Erklärung auf beiden Seiten ernst zu nehmen ist und anzeigt, dass um das mögliche gemeinsame Verständnis noch weiter gerungen werden muss). Am 23.7.2006 haben auch die 76 Mitgliedskirchen des Weltrates Methodistischer Kirchen ihre „grundlegende lehrmäßige Über­ein­stim­mung” mit der katholisch-lutherischen  Gemeinsamen Erklärung bekundet (in einem Dokument mit dem Titel Off­izie­lle Gemeinsame Bestätigung).

[6] Die Auffassung, dass das ursprünglich von den Aposteln ausgeübte Bischofsamt von einem Amtsträger zum nächsten durch Handauflegung und Gebet übertragen wird, lässt sich in der alten Kirche bis in die Zeit um 200 n. Chr. zurückverfolgen (die wichtigste außer­biblischen Quellen hierfür ist die um 215 verfasste Tra­d­itio Apostolica des Hippolyt von Rom, Kap. 2–3). Sie wird heute außer von der katholischen Kirche auch von den ortho­doxen Kirchen und der anglikanischen Hochkirche vertreten. Diese Kirchen berufen sich vor allem auf die Schrift­­stellen 2 Tim 1,6 und 1 Tim 4,14 sowie 1 Tim 5,22, die man so inter­pretieren kann, dass Timo­the­us sein Amt durch Gebet und Handauflegung erhielt und es auf dieselbe Weise weitergeben sollte. Man weist auch hin auf Apg 6,6 (Hand­­­auflegung zur Bestellung von Diakonen), Apg 13,2 (Paulus und Barnabas empfangen die Handauflegung) und Apg 14,23 (Bestellung von Gemeindevorstehern durch Handauflegung oder Hand­aus­streck­ung oder einfach durch Wahl – das hier stehende  griechische Wort Cheirotonia kann alle drei Bedeutungen haben). Außerdem ist auf 4 Mose 27,18 und 5 Mose 34,9 (alttestamentliches Vorbild: Moses macht Josua durch Handauflegung zu seinem Nachfolger) und auf die geheimnisvolle Schriftstelle Hebr 6,1–2 hinzuweisen, wo die Handauflegung neben Umkehr, Taufe, Toten­auf­er­ste­hung und ewigem Gericht zu den „Funda­men­ten“ der christlichen Lehre gezählt wird. Aller­dings bleibt unklar, was mit dieser für das Christentum funda­men­talen Hand­auflegung gemeint ist: Neben der Handauflegung zur Ämter­übertragung käme auch die Handauflegung zur Geistmitteilung nach der Taufe (vgl. Apg 8,14–17 und 19,1–6) oder zur Kranken­heilung (vgl. Mk 16,18, Apg 9,19 und Apg 28,8) in Frage, oder auch die Handauflegung allgemein mit allen diesen Aspekten.

[7] Man argumentiert, dass Jesus den Auftrag, das Brot zu brechen („tut dies“ Lk 22,19 und 1 Kor  11,25),  d. h. der Feier des Abendmahls vorzustehen, nur den Aposteln gab, so dass alle weiteren Personen, die das tun dürfen, dazu direkt oder indirekt von den Aposteln beauftragt worden sein müssen, und dies ist nach Auf­­fassung der alten Kirche in ordnungsgemäßer Weise nur bei den in der apostolischen Sukzession stehenden Bischö­fen und dem von diesen durch Handauflegung beauftragten Priestern der Fall.  Natürlich kann man gemäß Mt 18,20 davon aus­­gehen, dass Jesus bei einer gläubigen Abendmahlsfeier nichtkatholischer Christen auch dann mit seinem Segen gegenwärtig ist, wenn der Zelebrant nicht in der apostolischen Sukzession steht. Nur hat ein sol­ches Abend­­­mahl vom katholischen Stand­punkt aus gesehen den Charakter einer außer­halb der apostolischen Kirchen­ordnung erteilten Gnade, und da sich der Katholik an die „gültige“ (d. h. ur­sprüng­lich vorgesehene) Form der Sakramente halten soll, ist ihm eine Teil­nahme an einem solchen Abend­­mahl kirchen­rechtlich ver­wehrt; nur der umgekehrte Fall, nämlich die Teilnahme von Nichtkatholiken am katho­li­schen Abendmahl, ist in Ausnahmefällen offiziell gestattet. So gibt es bislang keine gegenseitige Abend­­mahls­­ge­meinschaft zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen, die kein in der apostolischen Suk­zession ste­hen­­des Bischofsamt haben.

[8] Diese Kirchen werden „nach katholischer Lehre nicht ‚Kirchen’ im eigentlichen Sinn genannt“, so hieß es auch in einer weiteren Verlautbarung der Glaubenskongregation (Erklärung vom 10.07.2007 mit dem Titel Antworten auf Fragen zu einigen Aspek­ten bezüglich der Lehre über die Kirche).

[9] F.A.Z Nr. 211 (22.09.2000 S. 51ff). Auch abgedruckt in: Michael J. Rainer (Hg.) Dominus Jesus. Anstößige Wahrheit oder anstößige Kirche? Dokumente, Hintergründe, Standpunkte und Folgerungen S.32.

[10] Interessante Ideen hierzu gibt es natürlich schon. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass  auf einem zu­künf­­­tigen Konzil die Vertreter der Kirchen in allen wesentlichen Lehrfragen Ein­mü­tig­­keit er­langen. Im Anschluss an ein solches Konzil könnten sich dann die Amtsträger der beteiligten Kirchen gegen­sei­tig die Hände auflegen, was sowohl als Zeichen der Versöhnung als auch als ein Akt interpretiert werden könnte, in dem jeder für den anderen von Gott alle Geistesgaben erbittet, die ihm noch fehlen. Insbesondere könnte diese Handauflegung seitens der katholischen Bischöfe als Weiheakt vollzogen und verstanden werden, durch den sie die nicht in der apostolischen Sukzession stehenden Amtsträger in diese Sukzession aufnehmen.  Nach die­sem Akt wäre die gegenseitige volle Anerkennung der Ämter erreicht und man könnte in der von da an geein­ten Kirche gemein­­sam das Abendmahl feiern, auch wenn die verschiedenen lokalen Kirchenorganisationen weiter­­hin – bei gemein­­samer Anerkennung eines obersten Amtsträgers, der die Aufgaben des petrinischen Lehr- und Leitungsamtes wahrnimmt – relativ selbständig bleiben könnten.

 


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