Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Seele, Himmel, Paradies, Hölle, Fegfeuer

Eine biblische Erörterung



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1. Die grundlegende Zweiteilung des Menschen in Leib und Seele

2. Die Ablehnung einer grundlegenden Dreiteilung in Leib, Seele und Geist

3. Die Einheit des Menschen trotz der Zweiteilung in Leib und Seele

4. Die Herkunft der Seele

5. Inwiefern gibt es einen Tod der Seele?

6. Das Weiterexistieren der Seele nach dem körperlichen Tod

7. Seelenschlaf nach dem Tod?

8. Himmel, Paradies, Hölle, Fegfeuer, Vorhölle

8a. Himmel und Paradies

8b. Scheol/Hades als gemeinsamer Begriff für Hölle, Fegfeuer und Vorhölle

8c. Hölle

8d. Fegfeuer

8e. Vorhölle



Vorbemerkung:



Ich verweise im Folgenden mehrfach auf die Bücher Sirach (Sir), Tobit (Tob), Weisheit (Weish), Judith (Jdt) und auf das 2. Buch der Makkabäer (2 Makk). Dabei handelt es sich um Bücher, die nicht in der hebräischen, wohl aber in der griechischen Bibelausgabe des Judentums zur Zeit Christi vorhanden waren. Sie wurden von den meisten Christen von Anfang an als biblisch akzeptiert, von manchen aber auch abgelehnt, und werden heute von der katholischen Kirche als biblisch anerkannt, von den meisten evangelischen Kirchen jedoch als nicht zur Schrift gehörend eingestuft. - Als Merkzeichen dafür, dass diese Schriften nicht in allen christlichen Kirchen anerkannt werden, füge ich ihrer Abkürzung ein Sternchen bei, schreibe also Sir*, Tob*, Weish*, Jdt* und 2 Makk*. Dazu gehören auch Teile des Danielbuches, die ich mit Dan* angebe (im Gegensatz zu Dan ohne Stern als Kürzel für die allgemein anerkannten Teile des Danielbuches). Es sei aber angemerkt, dass sich auch ohne diese besonders gekennzeichneten Texte alle wesentlichen Aussagen zu den hier behandelten Themen aus­reichend biblisch begründen lassen.


 

1. Die grundlegende Zweiteilung des Menschen in Leib und Seele

 

Die menschliche Seele ist etwas vom rein materiellen Aspekt des Körpers zu Unterscheidendes: Sie ist nach der klassischen katholischen Auffassung der im Inneren des Menschenwesens verankerte, tiefste Quellgrund und Träger der verschiedenen Lebenskräfte. Die Seele ist das, was zum Körper hinzukommt und ihn lebendig macht.

 

Dem gegenüber erklären heute auch zahlreiche katholische Autoren, die Bibel kenne die Vorstellung von Leib und Seele als zwei verschiedenen, trennbaren „Teilen“ des menschlichen Wesens nicht. Richtig ist, dass viele Stellen, die man früher oft als biblisches Zeugnis für die Zweiteilung des Menschen anführte, nicht oder wenigstens nicht direkt in diesem Sinne zu verstehen sind. So will z. B. Paulus mit seiner Unterscheidung zwischen „Fleisch“ und „Geist“ (Gal 4,22-29; 6,8; 1 Kor 3,3) nichts über den Aufbau der menschlichen Natur aussagen (sondern er meint mit dem Wort „Fleisch“ den ganzen Menschen in seiner Gebrechlichkeit und Anfälligkeit für die Sünde, und mit dem Wort „Geist“ meint er wieder den ganzen Menschen in seiner Würde und Gottverbundenheit). Richtig ist auch, dass nach biblischer Lehre Leib und Seele sehr eng zusammengehören, so dass man von einer Einheit von Leib und Seele sprechen kann (siehe Kap. 3). Aber diese Einheit ist keine Identität, d.h. kein unterschiedsloses Einerlei: sonst würde man der Bibel unterstellen, dass sie im Sinne des Materialismus den Menschen auf seinen Körper reduziert. Die Bibel hätte dann, was jenen Autoren scheinbar nicht bewusst ist, ein falsches Bild vom Menschen, was durch die bloße Vernunft widerlegt werden könnte (siehe meine Ausarbeitung Philosophisches über die Seele, Kap. 6). Die Schrift lehrt unzweifelhaft, dass es tatsächlich im Menschen etwas Unkörperliches gibt, das dem Körper das Leben verleiht. Sie bezeichnet dieses „etwas“, das wir Seele nennen, aber mit verschiedenen Worten. Die wichtigsten sind:

 

Im hebräischen Alten Testament: „Nefesch“, „Ruah“, „Neschama“, „Rephaim“.

Im griechischen Neuen Testament: „Psyche“ und „Pneuma“.

 

Jeder dieser Ausdrücke kann in der Bibel nun außer „Seele“ in dem von der Kirche gemeinten Sinn noch etliche andere Dinge bedeuten:

·         „Nefesch“ bedeutet: Seele, Hauch, Atem, Duft, Leben, Gemüt, Herz, Empfindung, Begier, (Lebe)wesen, Person, Stück, jemand, selbst, Leiche, Schlund.

·         „Ruah“ bedeutet: Seele, Hauch, Wind, Geist, Zorn, Gemüt, Gesinnung, Leidenschaft, Geist Gottes, göttliche Eingebung.

·         „Neschama“ bedeutet: Seele, Hauch, Atem, Lebewesen.

·         „Rephaim“ bedeutet: Riese, Totengeist.

·         „Psyche“ entspricht in etwa dasselbe wie „Nefesch“.

·         „Pneuma“ entspricht in etwa dasselbe wie „Ruah“.

 

Dass Seele und Leib zu unterscheiden sind, weil die Seele im Gegensatz zum Leeb ein geistiger, nicht­kör­per­licher Bestandteil des Menschen ist, geht unter anderem klar aus den folgenden Schriftstellen her­vor:

1.      Nach 1 Mose 1,30 und 9,15-16 befindet sich die Seele (Nefesch) im Leib. Das wird auch im Neuen Tes­­ta­ment über die Seele (Psyche) gesagt (Apg 20,10 vgl. Hebr 13,3). Folglich kann die Seele nicht mit dem Leib iden­tisch sein.

2.      Nach 3 Mose 17,11 (vgl. 5 Mose 12,23; 1 Mose 9,4) ist die Seele genauer „im Blut“. Folglich kann sie weder mit dem Leib noch mit dem Blut identisch sein. Anmerkung. Die Seele befindet sich nicht aus­schließlich im Blut, sondern im ganzen Körper, da sie jeden Teil des Körpers belebt. Das Blut wird wohl nur deshalb als Ort der Seele besonders hervorgehoben, weil die Blutzirkulation das offen­kun­digste Anzeichen für die Belebtheit des Körpers ist, so dass sich die Existenz der belebenden Seele in der Blutzirkulation am deutlichsten kundtut.

3.      In 1 Thess 5,23 bittet der Paulus Gott um die Bewahrung von „Leib, Seele und Geist“ seiner Leser. Mit See­le und Geist muss er folglich vom Leib unterscheidbare Bestandteile der menschlichen Natur meinen. Insbesondere beim Geist muss es sich um einen unkörperlichen Bestandteil handeln, denn „Geist“ ist bekanntlich das Gegenteil von Kör­per. Vgl. das Wort des Auferstandenen: „Fasst mich an und seht: ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr es an mir seht“ (Lukas 24,39). Zur Unterscheidung von Seele und Geist siehe Ge­nau­e­res in Kap. 2.

4.      Mt 10,28 (vgl. Weish* 16,14) ist von der Möglichkeit die Rede, den Leib zu töten, ohne die Seele zu töten. Wie wäre das aber möglich, wenn Leib und Seele sich nicht unterscheiden?

5.      Offb 6,9-10 ist von einem Gebet der „Seelen der Geschlachteten“ die Rede; und Offb 20,4 von „Seelen der Enthaupteten“: in bei den Fällen also von Seelen, die von ihrem Leib getrennt wurden. &xnbsp;Das wäre unmöglich, wenn die Seele nicht ein vom Leib unterscheidbarer Bestandteil der mensch­li­chen Natur wäre.

6.      Nach 1 Mose 2,7 wird der Mensch aus zwei Wesensteilen zusammengesetzt: dem „Erdboden“ (= Leib) und dem von Gott ge­ge­be­nen „Geist“; nach Pred 12,7 löst er sich beim Tod wieder in diese Be­stand­teile auf.

 

Dass die vom Leib unterscheidbare Seele dem Körper das Leben gibt, bezeugt die Bibel z.B. an folgenden Stellen:

1.      Nach 1 Kön 17,17-23 kehrt die Seele (Nefesch) in den toten Körper eines Knaben zurück und gibt ihm so das Leben wieder. Dasselbe wird auch im Neuen Testament Lk 8,49-55 über die Seele (Psyche) gesagt.

2.      In Hiob 27,8 wird über das Lebensende der Bösen gesagt, dass Gott ihre Seele (Nefesch) „herauszieht“ (hebräisch: jaschal), d.h. die Seele aus dem Leibe nimmt.

3.      Nach Ezechiel 37,1-5 werden die toten Gebeine durch die Seele (Ruah) wiederbelebt.

4.      Nach Jak 2,26 ist der Körper ohne die Seele (Pneuma) tot.

 

Auch der Körper von Tieren wird offenbar nach der Schrift durch etwas vom rein materiellen Aspekt des Körpers Verschiedenes belebt, was man Seele, Lebensodem oder Geist nennen kann (vgl. Hiob 34,14; Psalm 104,29; Offb 8,9). Aber im Unterschied zur Menschenseele, von der die Schrift, wie wir noch sehen werden, eine Weiterexistenz nach dem Tode behauptet (Kap. 6), wird dies von der Tierseele nirgends gesagt: im Gegenteil wird in Prediger 3,21 (wenn auch nur in Form einer bezweifelnden Frage) die Wahrheit ausgesprochen, dass die Menschenseele möglicherweise „nach oben“ steigen kann (d.h. in Gemeinschaft mit Gott weiterleben kann), während die Tierseele dazu verurteilt ist, „nach unten“ zu steigen (d.h. hier - poetisch umschrieben - mit dem Leibe zugrunde zu gehen).

 

 

2. Die Ablehnung einer grundlegenden Dreiteilung in Leib, Seele und Geist

 

Der Apostel Paulus spricht in seinem 1. Brief an die Thessalonicher (5,23) von Leib, Seele und Geist seiner Leser. Einige Theologen (die sogenannten Trichotomisten) haben hieraus gefolgert, dass die menschliche Natur nicht nur aus zwei, sondern aus drei grundverschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt ist, so dass sie außer dem Leib zwei verschiedene unkörperliche Bestandteile hat, die Seele und Geist heißen. Von diesen Bestandteilen scheint auch Lukas 1,46, 1 Korinther 2,14-15, Hebräer 4,12 und Judas 19 die Rede zu sein.

 

Jedoch wurde diese Theorie zu Recht von der Kirche abgelehnt. Zwar zeigt die angeführte Schriftstelle zweifellos, dass Seele und Geist sowohl vom Leib als auch voneinander zu unterschieden werden können. Aber die Stelle beweist noch nicht, dass Seele und Geist sich so unterscheiden, dass beide Teile getrennt voneinander für sich existieren können (so wie es die Trichotomisten behaupten): vielmehr könnte es sich beim „Geist“ auch um einen höheren Teil der Seele selber handeln.

 

Dass eine grundlegende Einteilung des Menschen Leib, Seele und Geist nicht in Frage kommt, zeigt vor allem die Schriftstelle 1 Mose 2,7, welche die zum Verständnis der menschlichen Natur bei weitem die wichtigste ist: Denn hier geht es um die Erschaffung des Menschen, so dass man erwarten kann, dass hier die für das Verständnis des Menschen grundlegenden Bestandteile seiner Natur vollständig genannt werden. Hier heißt es nun, dass Gott den Menschen aus dem Erdboden (= Leib) erschuf, indem er ihm die Neschama einhauchte (ein Wort, dessen Grundbedeutung „Lebensatem“ ist, jedoch hier etwas Unkörperliches meinen muss, da es dem Leib gegenübergestellt wird), mit dem Ergebnis, dass der Mensch eine lebendige Nefesch (das heißt hier: eine lebendige Person) wurde. Hier werden also nur zwei Bestandteile der menschlichen Person genannt: der Erdboden (= Leib) und die Neschama (= Seele). Wenn es nun einen dritten grundlegenden Baustein der menschlichen Natur gäbe, so hätte dieser dritte Baustein hier unbedingt genannt werden müssen, da die Stelle offenbar die grundlegende Zusammensetzung des Menschen beschreibt.

 

Also ist der Geist nicht ein dritter Bestandteil, sondern der höhere Teil der Seele, der am weitesten vom Leiblichen ent­fernt ist, wie das Wort des Auferstandenen lehrt: „ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen“ (Lukas 24,39). Da die Seele als unkörperliches Seiendes keine räumlich getrennten Teile nach Art des Körpers hat, kann man auch sagen: der „Geist“ ist die Seele „an sich“ betrachtet, d.h. die Seele in ihrem unkörperlichen, dem Körper entgegen gesetzten As­pekt (im Unterschied zur „Seele“ als dem Körper zugewandte, ihn gestaltende Wirklichkeit; siehe das folgende).

 

 

3. Die Einheit des Menschen trotz der Zweiteilung in Leib und Seele

 

Die Worte „Nefesch“ und „Psyche“ bezeichnen, wie ich im ersten Kapitel gezeigt habe, manchmal einen vom Körper verschiedenen „Bestandteil“ des Menschen; aber sie werden auch als Bezeichnung für den ganzen, aus Leib und Seele bestehenden Menschen gebraucht (z.B. 1 Mose 2,7; 3 Mose 24,17; Mk 3,4; Apg 2,41; Röm 13,1). Aufgrund der Verwendung der Bezeichnungen „Nefesch“ und „Psyche“ für den gan­zen Menschen bestreiten manche, dass die Seele überhaupt ein Teil des Geschöpfes ist: der Mensch, so sagen sie, „hat“ nicht eine Seele, sondern „ist“ eine Seele. Das ist sicher ein Missverständnis, denn abgesehen von den schon genannten Schriftstellen, welche die Ne­fesch/Psyche vom Leib unterscheiden, heißt es Offb 8,9 ausdrücklich, dass Geschöpfe eine Seele „haben“.

 

Dennoch kann man fragen: Warum gebraucht die Bibel dieselben Worte einmal für einen besonderen Teil des Menschen und ein anderes Mal für den ganzen Menschen? Offenbar, um zu zeigen, dass die Seele kein normaler „Teil“ des Menschen ist, sondern ein „Teil“, der in gewisser Weise mit dem Ganzen identisch ist, indem er das ganze menschlichen Wesen, auch den Körper, entscheidend prägt. Man darf also die Verschiedenheit von Seele und Leib nicht überbetonen. Die Lehre des Platonismus, dass Seele und Leib nur lose miteinander verbunden sind (wie Pferd und Reiter oder wie Schiff und Steuermann), und dass diese Ver­bin­dung außerdem für die Seele eine unnatürliche Gefangenschaft bedeutet, ist als unbiblisch abzulehnen. Auf dem Konzil von Vienne (1312) legte sich die Kirche auf die Formel fest, dass die Seele die „Form des menschlichen Leibes“ sei, womit man die biblische Wahrheit ausdrücken wollte, dass die Seele etwas dem Leibe sehr eng Verbundenes, ihm An­gemessenes und Natürliches ist. Mit „Form des Leibes“ ist dabei nicht die räumliche Gestalt des Leibes gemeint, son­dern die innere Prägung, die einen Körper zu einem lebenden menschlichen Leib macht. Ähnlich wie ein Siegel das Wachs äußerlich formt und ihm eine räumliche Gestalt aufprägt, so formt und prägt die Seele den Körper innerlich und „stempelt“ ihn zu einem lebendigen mensch­li­chen Körper.

 

Damit ist auch die Frage entschieden, „wo“ sich die Seele befindet. Sie befindet sich nicht an einem bestimmten Punkt im Körper, sondern sie füllt als unsichtbarer Lebensquell den ganzen Körper aus, dessen sämtliche Teile sie „belebt“, indem sie ihnen die Eigenschaft menschlichen Lebens „aufprägt“ - ebenso wie die räumliche Form einer Körpermasse in der ganzen Masse prägend gegenwärtig ist.

 

 

4. Die Herkunft der Seele

 

Die Seele steht in besonderer Weise Gott nahe. Nach 1 Mose 2,7 und Weish* 15,11 wird sie von Gott dem Menschen „eingehaucht“. Nach Prediger 12,7 wird sie von Gott „gegeben“. Nach Sach 12,1 wird sie von Gott im Inneren des Menschen „geformt“. Diese Schriftstellen deuten an, dass Gott die Seele eines jeden Menschen - im Gegensatz zum Leib – unmittelbar neu erschafft. Diese Anschauung wurde zuletzt 1950 von Papst Pius XII. in Auseinandersetzung mit der Evolutionslehre bestätigt: zwar dürfe man, so erklärte der Papst, die Entstehung des menschlichen Körpers durch Evolution erklären, wenn dafür biologische Beweise erbracht werden können, aber keinesfalls dürfe die Evolutionslehre auch auf die Seele ausgedehnt werden, denn „der katholische Glaube befiehlt uns, daran festzuhalten, dass die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen werden“ (Enzyklika Humani Generis, DS 3896).

Was den Zeitpunkt angeht, wann die Seele eines Menschen von Gott geschaffen wird, hat die Kirche seit alters die Lehre von einem vorleiblichen Dasein der Seele sowie jene von der Reinkarnation, d.h. der Seelenwanderung von einem Körper in einen anderen abgelehnt. Zur Ablehnung der Seelenwanderungslehre kann man vor allem auf jene Schriftstellen verweisen, die zeigen, dass der Mensch nach dem Tode leibfrei weiterexistiert (siehe Kap. 6). Die Studienkommision unter Pius X (1914) erklärte, dass zu den sicheren Leitlinie der thomistischen Philosophie die These gehört, dass die Seele von Gott geschaffen wird, wenn sie einem hinreichend veranlagten Subjekt eingegossen werden kann (DH 3615), d.h. sobald eine dafür geeignete materielle Struktur vorhanden ist.

 

 

5. Inwiefern gibt es einen Tod der Seele?

 

Der Ausdruck „unsterbliche Seele“ erscheint nicht in den die biblischen Schriften, sondern bei den griechischen Phi­lo­sophen und in gewissen frühchristlichen Schriften.[1]

Einige Schriftstellen scheinen von der Seele der ungerechten Menschen auszusagen, dass sie stirbt. Beispielsweise heißt es Ezechiel 18,4: „Die Seele (Nefesch), welche sündigt, soll sterben“. Zunächst ist zu bedenken, dass man solche Stel­len (wegen der Vieldeutigkeit der Urtext-Wörter) auch anders übersetzen kann. Da Nephesch auch einfach die Person bezeichnen kann, könnte man also die genannte Stelle auch so übersetzen: „Die Person, welche sündigt, soll sterben“.

 

Aber man könnte auch sagen, dass die Seele tatsächlich in einem sehr realen Sinn sterben kann und dass sie nach dem leiblichen Tod des Sünders gewissermaßen wirklich tot ist, auch wenn sie weiterexistiert. Denn man muss das „Leben“ vom bloßen „Dasein“ unterscheiden. Leben im Vollsinn bedeutet nämlich ein bewegtes Entfalten von Lebensaktitivät. Bewegungslose Ruhe ist dagegen ein Zeichen des Todes. Deshalb spricht man sinnbildlich von „lebendigem Wasser“, wenn das Wasser fließt, wohingegen man ein stehendes Gewässer als „totes Gewässer“ bezeichnet. Beim Menschen ist nun die höchste Lebenserfüllung der geistige Austausch mit anderen, die Gemeinschaft und Kommunikation mit Gott und den Mitmenschen. Der absolute Gegensatz dieser Lebensfülle ist die Einsamkeit, die selbstverschlossene geistige Trägheit, das geistig-unbewegliche „Schmoren im eigenen Saft“. Darum ist ein qualvoll-einsames Weiterexistieren der Seele, das den Sünder erwartet, der sich von Gott losgesagt hat (und das die Schrift, wie wir noch sehen werden, „Hölle“ nennt), kein Leben im Vollsinn mehr, sondern ein Tod der Seele (auch und gerade dann, wenn das Bewusstsein nicht völlig ausgeschaltet ist und der Betreffende seine ausweglose Situation wahrnimmt). In diesem Sinne spricht auch Papst Gregor der Große (gest. 604) über den „Tod der Seele“ bei den zum ewigen Tod verurteilten Menschen:

 

„Die Seele ist sowohl sterblich als auch unsterblich. Sterblich nämlich, weil sie aufhört, selig zu leben; unsterblich aber, weil sie wesensmäßig niemals zu leben aufhört und nicht die Natur ihres Lebens verliert, auch nicht, wenn sie zum ewigen Tod verdammt wird. Dadurch ist sie stets gezwungen, dass sie den Tod ohne Tod ... und das Ende ohne Ende erleidet, denn der Tod ist für sie unsterblich, ... und das Ende endlos.“ (Dialog. 45)

 

Die Schrift lehrt mit Bestimmtheit einen Tod der Seele für den Sünder: Erstens heißt die Strafe für die Sünde aus­drück­lich „Tod“ (Römer 6,23), zweitens wird der Begriff „ewiges Leben“ in der Schrift immer als ewiger Lohn für die Guten auf­gefasst (z.B. Mt 25,46) und drittens verheißt Jesus nur den Glaubenden ein „Weiterleben“ nach dem Tode (siehe nächs­tes Kapitel). Man sollte darum von „Unsterblichkeit“ und „Weiterleben nach dem Tod“ im eigent­lichen Sinne nur bei den in Christus Sterbenden reden; die Seelen der Verworfenen leben nicht im eigentlichen Sinne weiter, sondern existieren nach dem Tod in einem Zustand, der den Namen „Leben“ eigent­lich nicht mehr verdient.

 

 

6. Das Weiterexistieren der Seele nach dem körperlichen Tod

 

1. Beweis: Verheißung eines schon jetzt beginnenden ewigen Lebens für den Glaubenden

 

Christus lehrt im Johannesevangelium, dass jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht (Joh 3,16; Joh 10,28), und dass jeder, der lebt und an ihn glaubt, niemals sterben wird (Joh 11,25-26). Vergleiche dazu auch Ez 18,28, Joh 6,48-58, Joh 8,51; Röm 10.35.38; 1 Kor 13,8 sowie Weish* 1,5; 2,23; 3,4; 6,18.

Diese Verheißungen sprechen von einer „Unsterblichkeit“ im Sinne eines kontinuierlichen Weiterlebens nach dem Tode für die Glaubenden (wobei „glauben“ nicht ein bloß theoretisches Bekennen von Glaubenssätzen bedeutet, sondern ein Leben aus dem Glauben im Gehorsam gegenüber Gott bzw. in der Nachfolge Christi). Es ist hier eindeutig gesagt, dass das dem Glaubenden verheißene Weiterleben ein Weiterleben ohne Unterbrechung ist, d.h. es gibt für ihn ukkeinen „Zwischenzustand“ der Nichtexistenz zwischen Tod und allgemeiner Totenauferstehung am Ende der Weltzeit.

Diese Verheißungen gelten nicht für die Nichtglaubenden. Diese werden also nicht „leben, auch wenn sie sterben“. Freilich muss dies nicht heißen, dass sie in jeder Hinsicht aufhören, zu existieren (vergleiche dazu das vorige Kapitel, wo wir zwischen Weiterleben und Weiterexistieren unterschieden haben). Dass auch die Ungerechten tatsächlich weiterexieren werden, wird in dem wichtigen Jesus-Wort deutlich, das als nächstes zu besprechen ist.

 

2. Beweis: Jesu Wort von der Möglichkeit, Schlimmeres als den leiblichen Tod zu erleiden; und von der Möglichkeit, den Leib zu töten, ohne der Seele zu schaden

 

Matthäus 10,28: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele (Psyche) aber nicht töten können. Fürchtet mehr den, der Leib und Seele in der Hölle (Gehenna) verderben kann.“

 

Lukas 12,4: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber danach nichts weiteres (oder: schlimmeres) tun können. Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt. Fürchtet den, der nach dem Töten noch die Gewalt hat, euch in die Hölle (Gehenna) zu werfen.“

 

Der Sinn dieses bei Matthäus und Lukas überlieferten Drohwortes Jesu ist: wir sollen die Menschen nicht fürchten, weil sie nur den Leib töten können, nicht aber die Seele; wir sollen vielmehr Gott fürchten, weil er auch über den Tod hinaus noch strafen kann. Dass damit ein Weiterleben der Seele nach dem Tod ausgesagt wird, ist besonders klar bei Lukas: „nach“ dem Tod, so heißt es ja bei Lukas ausdrücklich, kann noch „weiteres“ (oder „schlimmeres“) geschehen: das Bestraftwerden in der Hölle. Das wäre nicht möglich, wäre der Tod ein „Ganztod“, bei dem der Mensch vollständig aus der Existenz geworfen würde, so dass nichts mehr von ihm übrig bliebe. - Es sei denn, man sieht in der Höllenstrafe lediglich ein Sinnbild für die bleibende Rufschädigung der für immer vernichteten bösen Menschen, wie es Lehre der Zeugen Jehovas ist. Aber das ergäbe an dieser Stelle überhaupt keinen Sinn. Denn wieso sollte man Gott deswegen, weil er die Sünder mit einer solchen posthumen Rufschädigung bestrafen kann, mehr „fürchten“ als den leiblichen Tod? Von dieser Rufschädigung bekäme der Betroffene ja gar nichts mit, so dass er auf jeden Fall den Tod mehr fürchten muss als jene Rufschädigung! Somit muss man aus Lukas 12,4 ein über den Tod hinausgehendes „Weiterleben“ der Seele folgern, und zwar gerade auch bei den Nicht­glaubenden und Bösen.

 

Eine Schwierigkeit bietet allerdings der zweite Satz bei Matthäus, &xnbsp;wo es heißt, dass Gott den Sünder nach dem Tode „mit Leib und Seele in der Hölle verderben“ kann. Manche Vertreter der Ganztod-Lehre, die das Weiterexistieren der Seele nach dem Tode leugnen, nehmen diese Stelle für sich in Anspruch und sagen: „mit Leib und Seele in der Hölle verderben“ heiße nichts anderes als „Leib und Seele ganz vernichten“. Diese Auslegung stützt sich darauf, dass der hier gebrauchte Ausdruck für „verderben“, nämlich das griechische Wort „apollymi“, auch „vernichten“ bedeuten kann.

Aber man muss erwidern:

Erstens, selbst wenn diese Auslegung richtig wäre, wäre lediglich bewiesen, dass die Seele der Ungerechten beim leiblichen Tod mit zugrunde geht. Die Seele der Gerechten aber müsste auf jeden &xnbsp;Fall weiterleben. Das beweist klar der erste Satz bei Matthäus, wo er davon spricht, dass nur der Leib von den Menschen getötet &xnbsp;werden kann, nicht aber die Seele.

Zweitens aber reicht für diese Auslegung die Berufung auf das Wort „apollymi“ nicht aus. Denn „apollymi“ muss nicht „vernichten“ bedeuten. Es kann auch bedeuten: „ins Unglück führen“ (so ist es das Wort z.B. in Röm 14,15 und 1 Kor 8,11 zu verstehen).

Drittens jedoch muss diese Auslegung sogar eindeutig als falsch bezeichnet werden, denn in der Parallelstelle bei Lukas ist ausdrücklich von einem Weiterbestraftwerden des Sünders nachdem leiblichen Tod die Rede: folglich kann die gemeinte Strafe nicht bereits in einem leib-seelischen „Ganztod“ bestehen.

 

Es ist also vernünftig, das „Verderben mit Leib und Seele“, von dem Jesus hier spricht, so zu deuten, dass nach dem leiblichen Tod zuerst nur die übrigbleibende Seele bestraft wird, dann aber (nach der Totenauferweckung am Ende der Weltzeit - Dan 12,2; Joh 5,28-29) auch der wiedererweckte Leib, d.h. der ganze Mensch, in die Strafe einbezogen wird.

 

3. Beweis: Die Rede vom „Versammeltwerden“ der Toten.

 

Im Alten Testament wird des öfteren gesagt, dass die Toten an einem gemeinsamen Ort zusammen kommen, was für die Gebeine der Toten nicht zutrifft, und daher wahrscheinlich von den weiterexistierenden Seelen verstanden werden muss. Man beachte besonders folgende Stellen:

 

·         Abraham wurde im Lande Kanaan begraben, fern von seinen Vätern, &xnbsp;die er ja in Chaldäa bzw. in Mesopotamien zurückgelassen hatte: Dennoch heißt es, dass er zu seinem Geschlecht versammelt ward (1 Mose 25,8-9)

·         Mose wurde im fremden Land Moab begraben, dennoch heißt es, dass &xnbsp;er zu seinen Vätern versammelt wurde (5 Mose 31,16 und 34,5).

·         Nach Hiob 3,19; 30,23 kommen alle Toten zusammen.

·         In Jes 14,9 wir die Ankunft des verstorbenen Königs von Babel bei den toten Königen der Erde beschrieben, die dabei in Erregung geraten und den Ankömmling verspotten; ähnliches sagt Ez 32,17-23 &xnbsp;über die Ankunft des Pharao daselbst.

·         Die Seele des aus dem Totenreichs heraufgestiegenen Samuel prophezeit dem Saul: „Morgen wirst du bei mir &xnbsp;sein.“ (1 Sam 28,19).

·         Als Ort, wo die Seelen der Verstorbenen der alttestamentlichen Zeit zusammenkamen, ist die als „Scheol“ oder „Hades“ bezeichnete Unterwelt zu denken (zu diesem „Ort“ siehe Genaueres in Kap 8c.)

 

4. Beweis: Vor Gott leben auch die Toten

 

Lk 20,38: „Dass aber die Toten auferstehen, darauf hat auch Mose hingedeutet beim Dornbusch, wo er den Herrn ‚Gott Abahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs’ nennt. Gott ist doch nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden, denn ihm leben sie alle“.

 

2 Makk* 6,26: „Niemals, weder lebendig noch tot, werde ich den Händen des Allherrschers entfliehen.“

 

5. Beweis: Erscheinungen von Toten

 

Ein klarer Beweis für die Weiterexistenz der Seele sind die seltenen Fälle, in denen Verstorbene - ausnahmsweise - mit göttlicher Erlaubnis den Lebenden erscheinen durften. In der Bibel werden drei solche Erscheinungen erwähnt: die Erscheinungen des Mose (Mt 17,3; Mk 9,4; Lk 9,30), des Jeremias und Onias (2 Makk* 15,12-15) und des Samuel (1 Sam 28,7-20). Es geht m.E. nicht an, die Samuel Erscheinung, wie es einige Ausleger tun, als dämonisches Trugbild zu deuten, denn die Schrift sagt ganz deutlich, dass es wirklich Samuel war, der erschien: „Da erkannte Saul, dass es Samuel war“ (Vers 14). „Da sprach Samuel zu Saul ...“ (Vers 15; vgl. Vers 16).[2]

 

6. Beweis: Tote hörten Jesu Predigt

 

Nach 1 Petr 4,6 wurde „auch Toten“ gepredigt, was sich am besten von der Predigt Jesu in der Unterwelt während seines dreitätigen Totseins verstehen lässt, von der auch 1 Petr 3,18-19 die Rede ist.

 

Auch nach Joh 5,25 hörten die Toten Jesu Stimme.

 

7. Beweis: Das Gericht nach dem Tode

 

Nach katholischer Lehre gibt es nach dem Tode unmittelbar ein „persönliches Gericht“, in dem jeder Einzelmensch bereits nach seinen Taten gerichtet wird und mit der Seele bereits Lohn oder Strafe erlangt. Dieses Gericht ist zu unterscheiden vom „allgemeinen Weltgericht“ am Ende der Weltzeit, wo die Toten leiblich auferstehen, d.h. eine Wiedervereinigung von Leib und Seele erfahren, um dann als ganze Menschen, mit Leib und Seele, ewigen Lohn oder

ewige Strafe zu erhalten (Dan 12,2-3; Joh 5,28-29).

 

a.       Das persönliche Gericht sehen einige in Hebr 9,27 ausgesagt, wo es heißt: „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu sterben, und danach kommt das Gericht.“ Aber hier könnte auch das Weltgericht am Ende der Tage gemeint sein, wofür der bestimmte Artikel („das Gericht“) spricht: denn das Weltgericht ist „das“ Gericht schlechthin.

b.      Eine eindeutigere Schriftstelle ist Sir* 11,26: „Leicht ist es in den Augen des Herrn, am Todestag dem Menschen nach seinen &xnbsp;Taten zu vergelten.“

c.       Die Anschauung vom persönlichen Gericht nach dem Tode begegnet uns schließlich im Gleichnis vom armen Lazarus und dem reichen Prasser Lk 16,22-30, wo der reiche Prasser mit der Seele sogleich nach seinem Tod und bei Lebzeiten seiner Brüder eine Strafe erleidet (im Gleichnis als „Feuer“ bezeichnet), während der arme Lazarus für seine Leiden entschädigt wird (gleichnishaft kommt er in den „Schoß Abrahams“).

d.      Indirekt sprechen auch alle folgenden Schriftstellen (8.-10. Beweis) für das persönliche Gericht.

 

8. Beweis: Die Hoffnung, nach dem Verlassen des Leibes zu Christus bzw. Gott zu kommen oder einen Zustand der Ruhe und des Glücks zu erreichen

 

a) Ein Weisheitsspruch Sirachs:

Sir* 1,13: „Dem Gottesfürchtigen geht es am Ende gut, am Tag seines Todes wird er gesegnet.“

 

b) Das verzweifelte Gebet Tobits:

 

Tob* 3,6: „Lass meinen Geist von mir scheiden, lass mich sterben und zu Staub werden! ... Lass mich jetzt aus meiner Not zur ewigen Ruhestatt gelangen“.

 

c) Jesu Verheißung für den mitgekreuzigen reumütigen Verbrecher:

 

Lk 23,43: „Amen, ich sage dir: heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

 

Jesus verheißt am Kreuz dem mitgekreuzigten reumütigen Verbrecher, er würde noch am selben Tage ins Paradies kommen. Das war offenbar nur mit der vom Leib getrennten Seele möglich (siehe &xnbsp;zum weiteren Verständnis dieser Stelle auch Kap. 8a und 8e).

 

d) Ein Trostwort aus der Offenbarung des Johannes:

 

Offb 14,13: „Und ich hörte eine Stimme vom Himmel her sagen: Schreibe! Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an. Ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihrer Mühsal; denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

 

Hier wird den Toten bereits vor dem allgemeinen Gericht ein Eingehen in die Seligkeit versprochen. Auf welchen Zeitpunkt bezieht sich der Ausdruck „von jetzt an“? Die Stimme aus dem Himmel unterbricht mit dem Befehl „schreibe!“ den Zusammenhang. Denn da Johannes ja die gesamte Offenbarung aufzuschreiben hatten, musste er den vorliegenden Satz wohl in besonderer Weise, d.h. getrennt von übrigen Inhalt de rOffenbarung, aufschreiben. Das bedeutet, dass der Satz eine Wahrheit enthalten muss, die unabhängig von dem, was vorher und nachher im Buch der Offenbarung steht, verständlich sein muss. Daher bezieht sich das „von jetzt an“ nicht auf irgendeinen zukünftigen Zeitpunkt, sondern auf die Zeit des Verfassers, d.h. bereits auf das erste Jahrhundert. Schon damals also gingen die in Christus Sterbenden in die Seligkeit ein.

 

Anmerkung. Das „von jetzt an“ kann nicht bedeuten, dass erst vondem Augenblick an, da Johannes die Stimme aus dem Himmel hörte (also irgendwann im Jahre 94 oder 95 n. Chr., was als Abfassungszeitpunkt der Offenbarung gilt), die in Christus Sterbenden in die Seligkeit eingehen konnten. Denn der Zeitpunkt, vondem ab die Toten in die Seligkeit eingehen konnten, war der Zeitpunkt des Todes Christi (vergleiche die Verheißung Christi an den mitgekreuzigten Verbrecher: „heute wirst du mit mir im Paradies sein" - Lukas 23,43). Daher ist das „von jetzt an“

nicht im Sinne von „erst von jetzt an“ zu verstehen, sondern im Sinne von „schon von jetzt an“.

 

e) Das Wort des sterbenden Stephanus:

 

Apg 7,59: „Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“.

 

f) Worte des Paulus:

 

2 Kor 5,8: „Wir ziehen es vor, aus dem Leibe auszuwandern und beim Herrn daheim zu sein“.

 

Der Tod wird hier als eine „Auswanderung“ aus dem Leib gesehen, die zugleich ein „Heimgang“ zum Herrn ist. Die Seele kann also den Herrn in einem leibfreien Zustande erreichen.

 

Phil 1,23-24: „Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein. Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich im Fleisch ausharre.“

 

Paulus will „aufbrechen“, d.h. sterben (siehe Vers 21). Sein Sterben ist also ein „Aufbruch“ zu Christus: Aufbrechen kann beim Sterben aber nur die den Leib verlassende Seele. Das wird auch dadurch klar, dass das „Ausharren im Fleische (= im Leibe)“ dem „Aufbruch“ zu Christus entgegensetzt wird.

 

9. Beweis: Die Seelen der Heiligen sind bereits jetzt im Himmel

 

Über sie wird in der Bibel folgendes berichtet:

a) Sie warten auf das Weltende.

 

Offb 6,9-10 ist die Rede von den „Seelen aller, die hingeschlachtet waren wegen des Wortes Gottes“, d.h. von den Seelen der Märtyrer, die im Himmel („unter dem Altar“) auf das Weltende warten. Diese Seelen sind nicht bewusstlos (vgl. das Gebet Vers 10).

 

b) Sie sind mit den irdischen Gläubigen verbunden.

 

Hebr 12, 22-23 heißt es: „Ihr (die Gemeinde Jesu) seid hinzugetreten zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, zu Gott dem Richter aller, zu den Geistern (Pneumata = Seelen) der vollendeten Gerechten“.

Die vernünftigste Auslegung dieser für die Theologie der Heiligenverehrung grundlegenden Stelle scheint mir die zu sein: die „Geister der vollendeten Gerechten“, d.h. die Seelen im Zustand der Vollendung, haben mit den Gläubigen auf Erden Gemeinschaft. Denn die Gemeinde ist zu jenen Vollendeten „hinzugetreten“ im selben Sinn wie sie zu Gott hinzugetreten ist, d.h. durch das Band enger Gemeinschaft in Christus.

 

c) Sie herrschen mit Christus.

 

Die in Offb 20,4 genannten „1000 Jahre“ lang mit Christus herrschenden „Seelen derer, die enthauptet waren“ sind nach der vernünftigsten Deutung die Seelen von Heiligen, die schon in der Jetztzeit bereits im Himmel mit Christus regieren. An ein zukünftiges tausendjähriges Reich zwischen der zweiten Ankunft Christi und dem endgültigen Endgericht zu denken, muss als unbiblisch bezeichnet werden, weil es mit anderen biblischen Schilderungen der Endzeitereignisse absolut unvereinbar ist, z.B. mit Mt 24-25, wo nur von einergroßen Drangsal die Rede ist, der sofort die zweite Ankunft Christi mit der endgültigen Trennung der Guten und Bösen folgt.

 

Die Zahl 1000 ist also hier wie auch an anderen Stellen ein Symbol für eine unabsehbar lange Zeitperiode, deren genaue Länge unbekannt ist (vgl. z.B. Psalm 105,8). Gemeint ist damit offenbar die Zeit zwischen Christi erster und zweiter Wiederkunft: der Herabwurf Satans in den Abgrund und seine Fesselung ebendort, mit der die 1000 Jahre beginnen (Offb 20,1-3), kann gut erklärt werden durch den Herauswurf Satans aus seiner vollen Macht durch Christi Tod und Auferstehung (Joh 12,31). Die durch Christus schon erfolgte Fesselung und Machtberaubung Satans (Mt 12,28-29; Hebr 2,14) ist freilich nur eine relative, die erst am Ende der Weltzeit („nach 1000 Jahren“) durch den vollständigen Sieg über den Teufel vollendet werden wird (Offb 20, 7-10). Das tausendjährige Zwischenreich ist also die Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und seiner Wiederkunft, in der die Seelen der vollendeten Gerechten mit Christus „herrschen“, indem sie an seiner Weltregierung teilnehmen (vgl. Offb 2,26-28).

 

10. Beweis: Die Toten in Christus leben vereint mit Christus

 

Röm 10,8: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir nun leben oder sterben: wir &xnbsp;gehören dem Herrn.“

 

1 Thess 5,10: „Christus ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen“.

 

Mit „schlafen“ meint Paulus in 1 Thess 5,10: tot sein. Denn in en Kapiteln 4-5 des 1. Thessalonicher­brie­fes geht es Paulus um die Frage, was mit den Toten geschehen wird, und die Toten nennt er 1 Kor 4,13 „Ent­schlafene“. Der Sinn von 1 Thess 5,10 ist also: Wir Christen leben immer vereint mit Christus, ob wir nun wachen (= Körperlich leben) oder schlafen (= körperlich tot sind). – Er lehrt hier also ein Weiter­bestehen der Christusgemeinschaft über den körperlichen Tod hinaus (vgl. dazu auch den 1. Beweis).

Weil die Toten hier (wie auch an anderen Stellen) als schlafend bezeichnet werden, haben manche gefolgert, dass die weiterexistierenden Seelen der Toten sich in einem halbbewussten Dämmerzustand befinden. Was ist davon zu halten? Dazu das nächste Kapitel.


 

 

7. Seelenschlaf nach dem Tod?

 

Paulus nennt das Sterben zuweilen „Einschlafen“ bzw. das Todsein „Schlafen“ (1 Kor 7,39; 11,30; 15,6; 15,18 und 1 Thess 4,13; 5,10). Diese Redeweise begegnet uns bereits im Alten Testament (Ps 13,4; 90.5; Job 3,13; Job 21,13; Jes 14,8; 26,19; Jer 51,39; Ez 31,18; Ez 32, 29; Dan 12,2). Auch Jesus sagt zweimal von einem Toten, dass er nur schlafe (Mk 4,39 und Joh 11,11). Auf solche Schrifttexte gestützt, erklären die Vertreter der „Seelenschlaf-Theorie“, dass sich die Seelen der Verstorbenen bis zum Gericht am Ende der Weltzeit in einem halbbewussten, traumähnlichen Zustand befinden.

 

Demgegenüber muss zunächst betont werden, dass der Ausdruck „Schlaf“, wenn er auf Tote angewendet wird, ein Vergleich ist. Die Frage ist also, was verglichen wird. Die Vertreter der Seelenschlaf-Theorie sagen: der Bewusstseinszustand. Dafür gibt es jedoch keine Anhaltspunkte, auch nicht im Alten Tes­ta­ment (siehe dazu Kap. 8b). Der Hauptvergleichspunkt scheint nicht der Bewusstseinszustand, sondern das Ruhen des toten Leibes im Grab zu sein: Wie der Leib des Schlafenden, so ruht auch der Leib des Toten. Dieses „Schlafen“ der Toten wird nämlich der Schrift gemäß durch das „Aufwachen“ der Toten beim Endgericht beendet („Totenauferweckung“), womit die Wiederbelebung des Leibes gemeint ist.

 

Der große altkirchliche Theologe und Schriftsausleger Augustinus erklärt sehr richtig, dass der Tod als Schlaf bezeichnet wird,

„wegen der Hoffnung der Auferstehung, damit wir, wenn wir hören, dass die Toten ‚schlafen’, nicht daran zweifeln, dass sie einst auferweckt werden“.

 

Ähnlich urteilt Thomas von Aquin, der bedeutendste mittelalterliche Theologe der katholischen Kirche:

 

„Der Schlafende tut dreierlei. Er liegt darnieder in der Hoffnung, wieder aufzustehen. Zweitens wacht im Schlafenden die Seele. Drittens steht der Mensch nach dem Schlafe ausgeruht und mit neuer Lebenskraft auf. Entsprechend werden die Heiligen zu einem unzerstörbaren Leben auferstehen.“

 

 

8. Himmel, Paradies, Hölle, Fegfeuer, Vorhölle

 

Diese Ausdrücke stehen wahrscheinlich nicht, wie man früher meist glaubte, für bestimmte Orte, sondern es sind Symbolnamen für bestimmte Zustände bzw. Existenzformen, in welche die Seele des Verstorbenen nach dem „persönlichen Gericht“ geraten kann. Nach der allgemeinen leiblichen Totenauferweckung werden für alle Menschen von diesen Existenzformen nur noch zwei übrigbleiben: Himmel oder Hölle.

 

 

8a. Himmel und Paradies

 

Der „Himmel“ im theologischen Sinn, d.h. der Himmel, in dem Gott und die heiligen Engel sich seit Anbeginn der Schöpfung befinden und in dem die erlösten Menschen den Lohn des ewigen Lebens empfangen, ist vom Himmel im räumlichen Sinne verschieden. Das wird z.B. in 2 Kor 12,1-4 angedeutet, wo Paulus von einem Mann spricht(wahrscheinlich von sich selbst), der „in den dritten Himmel entrückt wurde“, womit Paulus wahrscheinlich den Himmel im theologischen Sinne, in den er „entrückt“ wurde, von zwei anderen „Himmeln“ unterscheiden will, nämlich vom ersten Himmel (= Wolken- oder Lufthimmel, in der antiken Wissenschaft „caelum aereum“ genannt) und vom zweiten Himmel (= Sternenhimmel oder Weltraum, der von den Alten als „caelum sidereum“ bezeichnet wurde). Die Existenz mehrerer Himmel ist auch in Eph 4,10 vorausgesetzt, so Christus beschrieben wird als einer, der aufgestiegen ist „über alle Himmel“ (vgl. auch 1 Kön 8,27; 2 Chr 2,5; 6,18, Neh 9,6; Ps 148,4 und Hebr 4,14; 7,26).

 

Der theologische Himmel ist also kein Teil des Weltenraums und noch viel weniger ein Teil des irdischen Luftraums. Er ist, wie Psalm 89,6 nahelegt, die „Gemeinschaft der Heiligen“, d.h. die Gemeinschaft aller Geschöpfe, Menschen und Engel, die Gott „nahe“ sind und ihn „umgeben“, nicht im örtlichen Sinne, sondern insofern sie in größter Vertrautheit mit ihm verbunden sind, d.h. mit ihm herrschen und selig „sein Angesicht schauen“ (Mt 18,10) dürfen.

 

Die Stellen Joh 1,18 und 6,46, Mt 5,8 und 11,27 bezeugen, dass vor Christus niemand Gott schauen konnte, während dies nach und durch Christus möglich geworden ist. Folglich konnte in vorchristlicher Zeit kein Mensch in den Himmel kommen, was auch die Stellen Joh 3,13, Hebr 11,13-16 und Hebr 11,39-40 bezeugen. Dies wird insbesondere auch durch Hebr 9,8 bestätigt:

„Der Eingang ins Heiligtum (des Himmels) war noch nicht offenbar geworden, solange das alte Zelt (d.h. der Alte Bund) Bestand hatte.“

Aber nach dem Tode Jesu, mit welchem der Neue Bund beginnt (Lukas 22,20), wurde der Eingang in den Himmel geöffnet. Dies bestätigt Hebr 10,19:

„Wir haben freies Zutrittsrecht zum Eingang in das Heiligtum durch das Blut Jesu, den er uns aufgetan hat als einen neuen und lebendigen Weg“.

Christus hat uns also den Weg zum Himmel aufgetan, und zwar so, dass die Menschen, die im Zustand der für das Eingehen in den Himmel erforderlichen Reinheit des Herzens (Mt 5,8) aus dem Leben scheiden, sofort in den Himmel eingehen (siehe oben, sechstes Kapitel, 1.,8,.9.,10. Beweis, besonders Beweis 8d), wo sie in alle Ewigkeit bleiben (2 Kor 5,1).

 

Die Freuden des Himmels übersteigen alle Vorstellung (1 Kor 2,9). Sie lassen sich zusammenfassen als beglückende Gemeinschaft der Heiligen mit Gott und untereinander (veranschaulicht durch das Bild von der Mahlgemeinschaft und der Hochzeit: Mt 8,11; Mt 25,10; Offb 19,9), gipfelnd in der Verheißung des völlig übernatürlichen Gnadengeschenkes des unverhüllten „Schauens“ Gottes „von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12; 1 Joh 3,2; Mt 5,8; Joh 17,3).

Der himmlische Lohn wird nicht für alle gleich sein, sondern einer wird eine tiefere „Gottesschau“ haben als der andere, entsprechend dem Grad der Liebe, den jemand in seinem Leben erlangt hat, und somit entsprechend seinen Werken: „Die Toten wurden entsprechend ihren Werken gerichtet“ (Offenbarung 20,10). Jesus lehre, dass er „einem jeden nach seinen Taten vergelten“ werde (Mt 16,27). Noch konkreter heißt es in 2 Kor 9,6: „Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten, und wer reichlich sät, wird reichlich ernten“. Diese unterschiedliche Belohnung wird jedoch keinen Neid hervorrufen, da jeder den anderen wie sich selbst lieben und sich daher an dessen Lohn mitfreuen wird. Die verschiedene „Größe“ der Heiligen wird außerdem zur Schönheit des Ganzen beitragen, so wie in einem Garten die verschiedene Größe der Blumen zur Schönheit des Gartens beiträgt und wie die verschiedene Leuchtkraft der Sterne zur Schönheit des Nachthimmels beiträgt. Darum sagt auch der Apostel Paulus: „Ein Stern übertrifft den anderen an Herrlichkeit“ (1 Kor 15,41), wo er von der Herrlichkeit der Heiligen spricht. Im übrigen wird jeder das für ihn größtmögliche Maß an Seligkeit erreichen, so dass er nicht seliger sein kann (siehe Lukas 6,38: „mit vollem, reichen, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch vergelten“). Das heißt: wenn man das Fassungsvermögen für die himmlische Seligkeit mit einem Glas vergleicht und die Seligkeit mit Wasser, so gleichen die verschiedenen Heiligen verschieden großen, aber jeweils bis zum Rand gefüllten Gläsern. So hat jeder die volle Seligkeit, und dennoch ist der eine seliger als der andere.

 

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Mit „Paradies“ ist zunächst der Garten Gottes „Eden“ gemeint, welcher in 1 Mose 2,4-3,24 als eine Oase in einer östlich gelegenen Wüste beschrieben wird, als herrlicher Wohnort der ersten Menschen, aus dem sie aufgrund ihrer Sünde vertrieben wurden. Aber auf einer tieferen Ebene ist mit dem „Paradies“ nicht ein bestimmter Ort gemeint, sondern die beglückende Gemeinschaft mit Gott, wo immer diese auch verwirklicht sein mag.

Dies zeigt z.B. die Schriftstelle Ez 28,13-17, wo der „Gottesgarten Eden“ (Vers 13) mit dem „Götterberg“ gleichgesetzt (Vers 14). Dieser „Berg“ aber befindet sich nicht auf der Erde, sondern im Himmel, da es in Vers 17 heißt, dass ein Engel (gemeint ist der Teufel) von diesem Berg „auf die Erde“ hinabgestürzt wurde (vgl. auch Jes 14,13). Auch aus 2 Kor 12,1-4 folgt, dass das Paradies im Himmel verwirklicht ist, da die Stelle zeigt, dass jemand durch die Entrückung in den theologischen („dritten“) Himmel zugleich ins Paradies entrückt wurde.

Wenn also das Paradies sowohl auf Erden als auch im Himmel verwirklicht war, ist das Paradies nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt, sondern ist überall dort, wo eine enge beseligende Gemeinschaft mit Gott besteht.

 

Es ist also mit dem Wort „Paradies“ ein Zustand gemeint, ähnlich wie mit dem Wort „Himmel“. Es scheint nun dennoch einen Bedeutungsunterschied zwischen Paradies und Himmel zu geben. „Paradies“ ist ein Begriff, mit dem das Glück der Gottesgemeinschaft ausgesagt ist. „Himmel“ bezeichnet jedoch zusätzlich die Herrschaft über die „Erde“, d.h. über das Universum: der Himmel ist Sitz des „Thrones“ Gottes (Mt 23,22) und seines an der Weltherrschaft beteiligten „Hofstaates“ der Engel und Heiligen (vgl. die Offenbarung des Johannes, bes. Kap. 4). Den Herrschaftscharakter des Himmels offenbart auch das Wort „Himmelreich“ (z.B. Mt 5,3). Wenn dies richtig ist, kann zwar der Himmel wegen des unaussprechlichen Glücks seiner „Bewohner“ als „Paradies“ bezeichnet werden (Offb 2,7), so dass jeder, der sich im Himmel befindet, auch im Paradies ist (2 Kor 12,1-4) - aber umgekehrt könnte sich jemand im „Paradies“ befinden, ohne streng genommen im Himmel zu sein: indem er etwa durch unverhülltes Schauen Gottes selig ist, ohne an der Regierung über die Erde beteiligt zu sein.

 

Diesen Unterschied zwischen Paradies und Himmel gilt es zu beachten, wenn man die an den reumütigen Verbrecher gerichtete Verheißung Jesu am Kreuz: „heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43) verstehen will. Das Wort „Paradies“ kann sich hier nicht auf den Himmel beziehen, denn Jesus kam an seinem Todestag noch nicht in den Himmel, sondern stieg in die Unterwelt hinab. Als „Treffpunkt“ Jesu mit dem Verbrecher wird hier auch bewusst nicht das Himmelreich, sondern das Paradies genannt (was umso auffälliger ist, als doch der Verbrecher in seiner Bitte Vers 42 das Reich Jesu erwähnt hatte). Es ist also anzunehmen, dass Jesus bei seinem Abstieg in die Unterwelt den dort festgehaltenen Gerechten (und mit ihnen dem gerade hinzugekommenen reumütigen Verbrecher) durch seine Anwesenheit sogleich das Glück der Gottesschau (= das Paradies) schenkte, ohne sie an der himmlischen Herrschaft (= am Himmelreich) teilhaben zu lassen, die er selber (als Mensch) erst nach seiner eigenen Himmelfahrt an sich nehmen würde. Mit dem Tode Jesu öffnet sich also das Paradies wieder, das seit dem Sündenfall unzugänglich geworden war (1 Mose 3,24), aber erst mit Christi Himmelfahrt wird der Himmel im Vollsinne, d.h. auch in seinem Herrschaftsaspekt, den Menschen zugänglich: denn Jesus ging uns nach Joh 14,2-3 voraus, um uns „im Hause seines Vaters“ (= Himmel) einen Platz zu bereiten.

 

Die Himmelfahrt Christi hat einen äußeren (sichtbaren) und einen inneren (unsichtbaren) Aspekt. Dass Christus 40 Tage nach seiner Auferstehung zum letzten Mal den Jüngern erschien und dann sichtbar die Erde verließ, um erst zum Weltende wiederzukommen, ist der äußere, weniger wichtige Aspekt (Apg 1,3-11): in diesem Sinne bedeutet Himmelfahrt das Ende der leiblich-greifbaren Erscheinungen Jesu auf Erden. Der wichtigere, unsichtbar-innerliche Aspekt ist jedoch die Erhöhung der menschlichen Natur Jesu (mit Leib und Seele) in die Herrlichkeit und Machtstellung des Vaters. Christus wurde (nun auch von seiner menschlichen Seite her) zum König und „Herrn“ inthronisiert (Phil 2,9-11). Auch dieser innere Vorgang der Inthronisation wird erst 40 Tage nach der Auferstehung durch das sichtbare Emporgehobenwerden Jesu symbolisch angezeigt: aber er fand in Wirklichkeit schon vor jenen 40 Tagen statt (zum Zeitpunkt der Galiläa-Erscheinung Mt 28,18 war er schon vollzogen, denn Jesus spricht hier bereits davon, dass er „alle Macht im Himmel und auf Erden“ empfangen habe). Im Johannesevangelium ist angedeutet, dass die unsichtbare Himmelfahrt des Herrn zwischen dem Morgen und dem Abend des Auferstehungssonntags geschah: denn bei seiner ersten Erscheinung im Morgengrauen sagte Jesus zu Maria Magdalena: „Rühr mich nicht an! Denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen. Geh aber und sag meinen Brüdern: ich gehe hinauf zu meinem Vater ...“ (Joh 20,17). Hingegen erscheint Jesus am Abend desselben Tages vor den Aposteln und „zeigte ihnen seine Hände und seine Seite“ (Joh 20,19-20). Jesus hat keine Eile mehr: Der Aufstieg zum Vater ist hier offenbar bereits vollzogen.

 

Bei seiner (unsichtbar-innerlichen) Himmelfahrt führte Christus nach Eph 4,8 (Ps 68,19) „Gefangene“ mit sich, was die katholische Theologie so auslegt, dass Christus die Seelen der bis dahin verstorbenen Gerechten, die zuvor in der Unterwelt gefangen waren, mit in den Himmel hinaufführte, d.h. ihnen an seiner Königsmacht Anteil schenkte (dazu mehr in Kap. 8e).

Der Satz, dass die Seelen der Gerechten bereits seit dem Tode Jesu Gott schauen dürfen (d.h. im Paradies sind), obgleich sie erst nach seiner Himmelfahrt in den Himmel kamen, wurde 1336 von Papst Benedikt XII zum verbindlichen Glaubenssatz erklärt.

 

 

8b. Scheol/Hades als gemeinsamer Begriff für Hölle, Fegfeuer und Vorhölle

 

Die Schrift unterscheidet zwar nicht begrifflich, wohl aber inhaltlich zwischen den drei Zuständen der Hölle, des Fegfeuers und der Vorhölle. Sie verwendet für alle drei Zustände im Alten Testament das Wort „Scheol“, und im Neuen Testament das Wort „Hades“, mit dem die Juden „Scheol“ übersetzten. Scheol/Hades mag an einigen Stellen das Grab oder den Erdenstaub bezeichnen, der die Leichen aufnimmt (so vielleicht Offb 20.13). Im eigentlichen Sinne aber ist dieses Wort ein Sammelname für den Zustand aller Verstorbenen, die nicht im Himmel sind. Wie die Schrift den Himmel symbolisch „über“ der Erde lokalisiert, lokalisiert sie den Hades „unter“ der Erde, nicht um eine räumliche Ortung vorzunehmen, sondern um auszudrücken, dass es sich hier um das Gegenteil des Himmels, um den Nicht-Himmel handelt. Man übersetzt Scheol/Hades am besten mit „Totenreich“ oder „Unterwelt“.

 

Dafür, dass Scheol/Hades (im eigentlichen Sinne) nicht das Grab oder die den Leichnam aufnehmende Erde meint, gibt es zahlreiche Beweise:

 

1)      Das gewöhnliche Wort für „Grab“ lautet im hebräischen Alten &xnbsp;Testament Qeber (80 x im Alten Testament) und nicht Scheol (65 x im Alten Testement). Die Juden, die in vorchristlicher Zeit ihr Altes Testament ins Griechische übersetzten, mussten wissen, &xnbsp;was Scheol bedeutet. Sie übersetzten nun aber Scheol mit „Hades“. Dieses griechische Wort aber bedeutet bei den Griechen eindeutig nicht das Grab. Grab heißt nämlich auf griechisch &xnbsp;Taphos oder Mnemeion, während Hades bekanntlich die Unterwelt der griechischen Mythologie bezeichnete, die man sich als Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen dachte.

2)      In ein Grab wird man hineingelegt. Aber in die Scheol „steigt“ oder „fährt“ man hinab (1 Mose 37,35; Hiob 7,9; Psalm 9,18) &xnbsp;oder man wird „hinabgestürzt“ (1 Sam 2,6). Nirgendwo sagt die &xnbsp;Schrift, dass man Gebeine in die Scheol gelegt oder einen Leichnam darin bestattet hätte.

3)      Das Grab befindet sich unmittelbar unter der Erdoberfläche. Aber die Scheol wird als Ort in sehr großer Tiefe beschrieben &xnbsp;(5 Mose 32,22; Hiob 11,8; 26,5; Jes 14,15).

4)      Die Scheol hat geheimnisvolle „Tore“ (Jes 38,10; Ps 9,14; 107,18; Weish* 16,13; Mt 16,18).

5)      Jakob wollte in seiner Trauer zu seinem Sohn Joseph „in die Unterwelt hinabsteigen“ (1 Mose 37,35), obgleich er von diesem &xnbsp;glaubte, dass ihn ein wildes Tier gefressen habe (1 Mose 37,33), &xnbsp;so dass sich sein Leichnam noch oberhalb der Erde befand.

 

In der Scheol herrscht nach Aussage des Alten Testaments zwar Weltvergessenheit (Hiob 14,21 und Prediger 9,5-6.10 - dazu siehe unten) sowie manchmal Gottesferne (Ps 6,6; 88,6-7.11-13; 115,17; Hiob 10,21; Jes 38,18), nicht jedoch Bewusstlosigkeit. Das zeigt sich z.B. an folgenden Stellen:

-          Hiob 3,13-19, wo von ersehnter „Ruhe“ (Vers 13 und 17) sowie von „Sorglosigkeit“ (Vers 18) in der Unterwelt die Rede ist.

-          Hiob 14,21-22, wo es heißt, dass der Tote über sich selbst Trauer empfindet und Schmerzen hat „über sein Fleisch“ (d.h. wohl: über den Verlust des Leibes oder über sein&xnbsp; vergangenes leibliches Leben).

-          Hiob 26,5, wo vom „Zittern“ der Totengeister die Rede ist,

-          Jes 14,9-17, wo davon die Rede ist, dass die Toten den zu ihnen herabkommenden König von Babel erregt verspotten;

-          Ez 32,17-32, wo von der „Höllenfahrt“ Pharaos die Rede ist; er wird von den Verstorbenen angesprochen (Vers 21), „sieht“ sie und „tröstet sich“ dabei (Vers 31), dass auch sie „ihre Schande tragen“ (Vers 30);

-          Dan* 3,86, wo die „Geister und Seelen der Gerechten“ zum Lobe Gottes aufgefordert werden (vgl. auch die „Geister der vollendeten Gerechten“ in Hebr 12,23).

-          Schließlich heißt es im Neuen Testament, dass auch „unter der Erde“ (d.h. im Hades) gewisse Ge­schöp­fe ihre „Knie vor dem Namen &xnbsp;Jesu beugen“ (Phil 2,10), Gott loben (Offb 5,13) und geprüft wer­den, ob sie eine Buchrolle öffnen können (Offb 5,3).

Vor allem aber können gegen das Fehlen des Bewusstseins eine Reihe von Schriftstellen (größtenteils aus den späten Schriften des Alten Testaments) angeführt werden, denen zufolge es einen Unterschied in der Be­findlichkeit der Toten gegeben haben muss, je nachdem, ob sie gerecht oder ungerecht waren. Vergleiche dazu

-          Jes 57, 1-2: „Der Gerechte kommt um ... aber er gelangt zum Frieden, und ... ruht aus auf seinem Lager“.

-          Ez 32,17-32, wonach es in der Scheol Abstufungen der Ehre gibt.

-          Sir* 1,13: „Dem Gottesfürchtigen geht es am Ende gut, am Tag seines Todes wird er gepriesen.“

-          Sir* 11,26: „Leicht ist es in den Augen des Herrn, am Todestag dem Menschen nach seinen Taten zu vergelten.“

-          Weish* 3,1-4: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand, keine Qual kann sie berühren. In den Augen der Toren sind sie gestorben, ihr Heimgang gilt als Unglück, ihr Scheiden von uns &xnbsp;als Vernichtung. Sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft, doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit.“

-          -Weish* 4,7-13: „Der Gerechte aber, kommt auch sein Ende früh, geht in Gottes Ruhe ein. ... Er gefiel Gott und wurde von ihm &xnbsp;geliebt; da er mitten unter Sündern lebte, wurde er entrückt ... Da seine Seele dem Herrn gefiel, enteilte sie aus der Mitte des Bösen.“

Der Glaube, dass in der Unterwelt Lohn und Strafe bewusst wahrgenommen werden, liegt auch dem neu­testamentlichen Gleichnis vom Lazarus und vom reichen Prasser zugrunde (vgl. Lk 16,22-30). – Weitere Schriftstellen, die zeigen, dass im Hades Bewusstsein herrscht, werden die folgenden drei Kapitel zeigen.

 

Anmerkung zu zwei Stellen, die auf den ersten Blick das Gegenteil zu lehren scheinen: Psalm 146,4 und Prediger 9,5-6 und 9,10.

 

In Psalm 146,4 heißt es:

„Sein Geist kommt heraus, er (der Sterbende) kehrt zurück zu seinem Erdboden. Am selben Tag vergehen seine Gedanken.“

Das heißt jedoch nicht, dass er nicht mehr denken kann. Das zeigt der Zusammenhang:

„Vertraut nicht auf Fürsten, auf heillose Menschen: Sein Geist kommt heraus, er (der Sterbende) kehrt zurück zu seinem Erdboden. Am selben Tag vergehen seine Gedanken.“

Die „Gedanken“ sind also die hier die unverlässlichen Pläne heilloser Menschen: diese Pläne „vergehen“, insofern sie nach dem Tode nicht mehr durchsetzbar sind.

 

Im Buch des Predigers Kap. 9 heißt es:

„Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, aber die Toten wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr (An)denken ist vergessen. Auch ihr Lieben, auch ihr Hassen, auch ihr Eifern ist längst verlorengegangen. Und sie haben auf ewig (oder: unabsehbare Zeit) keinen Anteil mehr an dem, was unter der Sonne geschieht." (Verse 5-6).

...

„Alles, was deine Hand zu tun vorfindet, das tu in deiner (ganzen) Kraft. Denn es gibt weder Tun, noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, zu dem du unterwegs bist.“ (Vers 10)

Hierzu ist zu sagen:

Erstens ist das Buch des Predigers eines der dunkelsten Bücher der Heiligen Schrift, das den Schriftauslegern von jeher große Schwierigkeiten bereitet. Daher ist es gefährlich, den Schriftbeweis für eine dogmatische Lehre allein auf den Prediger zu stützen: die Auslegung des Predigers hat im Licht der anderen Bücher zu erfolgen und nicht umgekehrt. Zweitens sagt der Prediger im selben Kapitel, Vers 2, dass „ein und dasselbe Geschick den Gerechten und den Ungerechten trifft“: eine Aussage, die falsch ist, wenn wir sie ohne Einschränkung stehen lassen. Die Aussage unterliegt also gewissen Einschränkungen, die der Prediger stillschweigend voraussetzt: Wahrscheinlich ist gemeint, dass äußerlich gesehen und in diesem Leben den Gerechten und n Ungerechten dasselbe Schicksal ereilt, insofern nämlich beide sterben müssen, ohne ihren äußerlichen Besitz in den Scheol mitnehmen zu können (vgl. Prediger 5,15 und Hiob 1,21). Folglich ist auch im vorliegenden Text damit zu rechnen, dass der Prediger gewisse Einschränkungen seiner Aussagen stillschweigend voraussetzt. Im Einzelnen schlage ich daher folgende Auslegung vor:

-          Dass die Toten gar nichts wissen bedeutet, dass die Toten nichts &xnbsp;wissen von all dem, was die Lebenden tun. Dieses Verständnis ergibt sich daraus, dass der Satz mit der Feststellung endet, dass die Toten keinen Anteil mehr an dem haben, was unter der Sonne &xnbsp;geschieht. Hierbei ist weiterhin selbstverständlich &xnbsp;vorauszusetzen, dass sich diese Aussage (ebenso wie alles andere, &xnbsp;was der Prediger über die Toten sagt) auf die Toten der &xnbsp;vorchristlichen Zeit bezieht, d.h. es gilt nicht für die christliche Zeit, in welcher die „in Christus Sterbenden“ sofort in &xnbsp;den Himmel eingehen.

-          Dass das (An)denken der Toten vergessen ist bedeutet nicht, dass sie selbst nicht mehr denken können, sondern dass nicht mehr an sie gedacht wird.

-          Dass ihr Lieben, Hassen und Eifern verlorengegangen ist, bedeutet &xnbsp;nicht, dass die Toten absolut nichts mehr lieben oder hassen, sondern dass die Werke der Liebe und des Hasses, welche die Toten &xnbsp;einst in ihrem Leben vollbracht haben, für die Nachwelt immer &xnbsp;mehr verblassen und an Bedeutung verlieren.

-          Dass es im Scheol weder Tun noch Berechnung noch Kenntnis noch Weisheit gibt, ist mit dem vorhergehenden zu verbinden: „alles, was deine Hand zu tun vorfindet, das zu mit deiner (ganzen)Kraft“. Der Prediger will anscheinend sagen: Nur in diesem Leben kannst du wirken, forschen und weise werden, dann aber, im Scheol, kannst du nichts mehr tun, um deine guten Werke, deine Kenntnisse und deine Weisheit noch zu vermehren. Diese Worte bedeuten aber nicht, dass die Toten auch jene Weisheit, die sie im Leben erlangt haben, wieder verlieren: denn würde alles wieder verlorengehen, dann wäre der Ratschlag kaum verständlich, dass sich die Menschen sich im jetzigen Leben „mit ihrer ganzen &xnbsp;Kraft“ bemühen sollen.

 

Die katholische Theologie unterscheidet drei Arten von Seelenzuständen in der Unterwelt (Scheol/Hades), je nachdem, welchen Sinn der Zustand der Gottesferne bzw. der Ausschluss von der Gottesschau hat: ob es ewige Vergeltung ist, oder zeitliche Reinigungsphase, oder einfach eine Phase des Abwartens auf das Erlöstwerden. Je nachdem spricht die Theologie von Hölle, Fegfeuer oder Vorhölle:

1)      Hölle = ewiges Bleiben in einem strafenden „Feuer“ (d.h. qualvoller Selbsthass)

2)      Fegfeuer = zeitlich begrenztes Bleiben in einem reinigenden „Feuer“ (d.h. Reue)

3)      Vorhölle = zeitlich begrenztes Warten der vorchristlichen Gerechten auf Christus

 

 

8c. Hölle

 

Die Seelen der reulosen schweren Sünder gehen sogleich nach dem Tode in die Hölle, d.h. in den ewigen Strafzustand ein (siehe 2. und 7. Beweis für das Weiterexistieren der Seele). Für die Hölle gibt es im Neuen Testament folgende Bezeichnungen: erstens das Wort „Gehenna“ (z.B. Mt 10,28), welches ursprünglich ein Tal außerhalb der Mauern Jerusalems bezeichnete, in dem einst Kinder als Götzenopfer im Feuer verbrannt worden waren. Die zweite Bezeichnung ist „Tartaros“ (im Verb „tartaroo“ 2 Petrus 2,4), ein Wort, das ursprünglich bei den Griechen den untersten Teil des Hades bezeichnete. Die dritte Bezeichnung ist „(zweiter) Tod“ (z.B. Röm 6,23, Offb 2,11). Die vierte Bezeichnung ist „Feuersee“ (z.B. Offb 20,15).

 

Die Strafe hat nach der katholischen Lehre zwei unterscheidbare Aspekte:

 

1.      Verdammnis. Das bedeutet: ewiger Ausschluss von der Gemeinschaft &xnbsp;mit Gott (Mt 25,41: „weichet von mir“; Mt 25,12: „Ich kenne euch nicht“; 2 Thess 1,9: „fern vom Angesicht des Herrn“), und Ausschluss von der Gemeinschaft mit den Heiligen (Mt 8,11-12 und Lk 13,28). &xnbsp;Folge dieses Ausschlusses ist die völlige Einsamkeit und Verlorenheit des Verdammten (was die Schrift mit dem Bild von der &xnbsp;„äußersten Finsternis“ Mt 22,13 meint). Falls die Verdammten &xnbsp;irgendwie beisammen sein sollten (was durchaus zweifelhaft ist), wäre dies keine echte Gemeinschaft, weil ihnen Gott fehlt, &xnbsp;welcher die verbindende Liebe ist.

2.      Qual. Die Verdammten verzehren sich im Hass gegen sich selbst und gegen alle und alles: diesen Hass meint die Bibel wahrscheinlich mit den Bildern vom „Feuer“, vom „Wurm“, und vom „Heulen und Zähneknirschen“. Durch diesen „brennenden“ Hass bereiten sie sich selber die Qual. Sie selbst sind also die Ursache jenes symbolischen Feuers, in dem sie brennen.

 

Die Intensität der Qual ist für die Verdammten nach katholischer Lehre verschieden, je nach dem Grad ihrer Schuld. Denn

1.      scheint es ein Gebot der Gerechtigkeit zu sein, das die Größe der Strafe der Schwere der Schuld entspricht; und da die Höllenstrafe für alle Verdammten ewig ist, kann nur die Intensität &xnbsp;der Qual verschieden sein;

2.      stellt sich die verschiedene Intensität der Qual von selbst &xnbsp;ein, denn umso größer die Schuld, desto größer der Hass des Verdammten, durch den er sich selbst verzehrt;

3.      ist die Verschiedenheit der Höllenstrafe auch biblisch ausgesagt: vgl. Weish* 6,6; Mt 11,22; Lk 20,47; Offb 18,7.

 

Man kann die Höllenstrafe nicht, wie es die Zeugen Jehovas und andere Vertreter der „Annihilationstheorie“ (Vernichtungstheorie) tun, als völlige Vernichtung auffassen, sondern muss von einer qualvollen Existenz ausgehen. Dafür gibt es viele Beweise:

 

1.      Mt 25,46 ist klar ausgesprochen, dass die Verdammten mit einer „ewigen Pein“ (griechisch: „kolasis“ = Strafe, Züchtigung) bestraft werden.

2.      Offb 14,9-11 (vgl. Offb 20.10) ist von ewiger Qual und Ruhelosigkeit der Verdammten die Rede („sie haben keine Ruhe bei Tag und bei Nacht“ - Offb 14,11). In Jdt* 16,17(20-21) heißt es: „In Ewigkeit sollen sie heulen vor Schmerz“. Von Qual spricht auch Jes 50,11 und Weish* 4,19.

3.      Aus Hebr 10,26-31 geht klar hervor, dass die Hölle eine schlimmere Strafe als die im alttestamentlichen Gesetz angedrohte Todesstrafe sein muss. Vergleiche besonders Verse 28-29: „Wer das Gesetz des Mose verwirft, muss ohne Erbarmen auf die Aussage &xnbsp;von zwei oder drei Zeugen hin sterben. Meint ihr nicht, dass &xnbsp;eine noch viel härtere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes &xnbsp;mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt &xnbsp;wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?“

4.      An den Stellen Mt 10,28 und besonders Lk 12,4 wird die Gehenna als Strafe über das Töten hinaus geschildert (siehe Kap. 6, zweiter Beweis).

5.      Lk 16,23-24: Jesus schildert die Qual im Hades als Feuerqual.

6.      In Dan 12,2-3 und Joh 5,28-29 sowie Offb 20,12-13 ist die Rede von &xnbsp;der Auferstehung aller Toten beim Endgericht, also auch der Bösen. Diese Auferstehung kann für die Bösen nur den Sinn einer Bestrafung am (nun auch leiblich) weiterexistierenden Menschen haben.

7.      &xnbsp;Mit vielen symbolischen Bildern wird die Hölle beschrieben. Alle diese Bilder drücken aber eine Qual aus:

-          Feuer (Mt 3,10; Mt 13,40; Joh 15,6)

-          Gehenna des Feuers (Mt 5,22)

-          ewiges Feuer (Mt 18,8 und 25,41)

-          Strafe ewigen Feuers (Jud 7)

-          unauslöschliches Feuer (Mk 9,43; Lk 3,17)

-          Feuer und Schwefel (Offb 14,9-11)

-          Feuersee (Offb 20, 14-15)

-          Feuer- und Schwefelsee (Offb 20,10; Offb 21,8)

-          Feuer und Würmer (Jdt* 16,17(20-21))

-          Nicht sterbender Wurm und nicht erlöschendes Feuer &xnbsp;(Jes 66,24; Mk 9,47-48)

-          Finsternis (Jud 6)

-          Heulen und Zähneknirschen (Mt 24,51; Lk 13,28)

-          Heulen und Zähneknirschen im Feuerkamin (Mt 13,42)

-          Heulen und Zähneknirschen in der äußersten Finsternis (Mt 8,12; 22,13; 25,10)

Diese Ausdrücke können unmöglich ein Bild für ewige Schmerz und Existenzlosigkeit sein, wie die Annihilations­theorie behauptet. Wo wäre da der Vergleichspunkt? In welchem symbolischen Sinn könnte z.B. von einem „vernichteten“ Menschen gesagt werden, dass er „heult und mit den Zähnen knirscht“? Ich habe noch von keinem Vertreter der Annihilation eine überzeugende Antwort darauf erhalten.

 

Gegen die Lehre von der ewigen Höllenstrafe wird aber der Einwand erhoben: eine so schlimme Bestrafung sei unmenschlich und mit Gottes Barmherzigkeit unvereinbar. Sicher ist es schwer zu verstehen, wie beides vereinbar ist. Jedoch sollte man folgendes bedenken. Wenn es in der Schrift heißt, dass Gott die Menschen in die Hölle wirft (vgl. Mt 10,28; Hebr 10,31), so ist dies nur im uneigentlichen Sinne gesagt: Dies kann nur so verstanden werden, dass sich der Mensch von Gott entfernt und sich so selber die Hölle bereitet. Denn die Schrift bezeugt uns in überwältigender Klarheit, dass Gott in seiner Güte alle Menschen retten will (Joh 12,31-32; 17,2; Röm 5,15-21; 11,26.32; Eph 1,19; Phil 2,10-11; Kol 1,20; 1 Tim 2,4.6; 4,10; Tit 2,11; Hebr 9,28; 2 Petr 3,9), d.h. er will allen das ewige Heil in der Gemeinschaft der Erlösten schenken, die mit Gott und untereinander durch den beglückenden Austausch gegenseitiger Liebe verbunden sind. Wenn jedoch ein Mensch in seinem Leben nicht gelernt hat zu lieben, kann Gott ihn nicht in diese Gemeinschaft aufnehmen: Denn Hass und Liebe schließen sich aus. Auch kann Gott den Betreffenden nicht zur Liebe zwingen, denn auch Zwang und Liebe schließen sich aus. Also muss Gott den Betreffenden sich selbst überlassen, und so verbleibt er in jenem Zustand, der ihn natürlicherweise nach dem Tode erwartet: dieser aber ist die Hölle, d.h. jene bewusste Einsamkeit (= Verdammnis) der Seele, die nichts mehr als sich selbst und ihr gescheitertes vergangenes Leben betrachten kann (vgl. Hiob 14,21-22).

&xnbsp;Es sei hier angemerkt, dass die Allmacht Gottes bedeutet, dass er alles das kann, was logisch möglich ist. Aber Allmacht bedeutet nicht, dass Gott logisch widersprüchliche Dinge verwirklichen kann (wie z.B. einen eckigen Kreis oder ein hölzernes Eisen oder eine erzwungene Liebe). Die Schrift bestätigt, dass es Dinge gibt, die vollkommen unmöglich sind, so dass selbst der allmächtige Gott sie nicht verwirklichen kann (2 Tim 2,13: er kann sich nicht selbst verleugnen; Hebr 6,18: er kann nicht lügen).

Auf die schwierige Frage, warum die Seele eines Verdammten nicht von Gott durch Vernichtung aus diesem Zustand erlöst wird, gibt die Schrift keine Antwort. Vielleicht kann man aber antworten, dass es zu logischen Widerspruch führen würde, das menschliche Bewusstsein vollkommen auszulöschen. Eine Andeutung dieses Widerspruches könnte man darin sehen, dass grundsätzlich niemand die Vernichtung seines eigenen Bewusstseins erleben kann, denn ein vernichtetes Bewusstsein kann überhaupt nichts mehr wahrnehmen. Es scheint aber ein Widerspruch zu sein, dass etwas mit meinem Bewusstsein geschehen kann, ohne dass mein Bewusstsein dessen gewahr wird. Sollte dies ein Indiz für die Unvernichtbarkeit der Seele sein, so hätte demnach Gott der menschlichen Seele eine derart unvernichtbare Natur verliehen, dass nicht einmal er selber sie nach ihrer Erschaffung wieder vernichten kann.[3]

 

Aber stünde diese These nicht im Widerspruch mit der Aussage in 1 Tim 6,16, dass Gott allein Unsterblichkeit hat? Ich würde wie folgt antworten. Gott ist allein unser Vater (Mt 23,9). Dennoch haben wir - nicht im selben, sondern in einem ähnlichen Sinn - auch andere Väter (Jak 2,21, Apg 3,13, Mt 19,9). Ebenso ist Gott allein heilig (Offb 15,4), und dennoch gibt es - nicht im selben, sondern in einem ähnlichen Sinn - viele Heilige (1 Thess 1,10, Tit 1,8). Auf diese Weise könnte auch Gott allein unsterblich und unvernichtbar sein, und dennoch könnte es, in einem anderen, aber ähnlichen Sinne, unsterbliche und unvernichtbare Seelen geben. Der Unterschied zwischen der Unvernichtbarkeit der Seele und der Unvernichtbarkeit Gottes bestünde nämlich immer noch darin, dass Gott von sich aus unvernichtbar ist, während die Seelen ihre Unvernichtbarkeit bei ihrer Erschaffung von Gott erhalten hätten. Übrigens werden sogar auch die Leiber der Heiligen nach der allgemeinen Auferstehung „unsterblich“ genannt (1 Kor 15,53).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang noch: Die Behauptung, dass die Seele von Natur aus unvernichtbar ist, ist nicht in dem Sinn zu verstehen, dass die Seele es nicht mehr nötig hat, ihr ewiges Leben als übernatürliches Gnadengeschenk von Gottes zu erwarten. In diesem Sinne scheint Satan den ersten Menschen im Paradies eine Unsterblichkeit verheißen zu haben (1 Mose 3,3-4 und 3,22). Im Gegensatz dazu ist die natürliche Unvernichtbarkeit der Seele lediglich eine Garantie dafür, dass ihre Existenz den Tod überdauert, jedoch so, dass dieses Weiterexistieren ohne das übernatürliche Gnadengeschenk der „Gemeinschaft der Liebe“ mit Gott nicht den Charakter des „Lebens“, sondern eher den eines ewigen Todes hat (siehe Kapitel 5).

Weitere Überlegungen, die zum Verständnis der Hölle hilfreich sein können, sind folgende. Gäbe es keine ewige Höllenstrafe, müsste nach einer zeitlich begrenzten Strafe (z.B. lediglich der Todesschmerz) auch der größte Sünder entweder in den Himmel kommen oder im Nichts versinken. Das Nichts hat aber keinerlei bedrohlichen Strafcharakter, im Gegenteil, es wird von den Buddhisten als Erlösung angestrebt. Besteht also die Höllenstrafe nicht in einer ewigen qualvollen Existenz, dann gibt es für alle Sünden letztlich eine Erlösung. Gemessen an der Ewigkeit des Friedens und der Ruhe im Himmel (oder im Nichts) würde dann aber auch die längste zeitliche Strafe jede Bedeutung verlieren. Wenn gar die Strafe nur in einem einmaligen Übergang vom Leben zum Tode besteht, wäre dies für alle, die zur Sünde entschlossen sind, kaum eine Hemmschwelle. Wer sich damit abgefunden hat, nach dem Tode nicht weiterzuexistieren, wem es nichts ausmacht, einmal im Nichts zu versinken, könnte ungehemmt auch die größten Verbrechen begehen. Auch wäre, wenn es keine Hölle gibt, die Hemmschwelle zum Selbstmord gering. Nur, wenn man die Möglichkeit einer Hölle im Sinn der kirchlichen Lehre voraussetzt, kann man also sagen, dass es für den Menschen unbedingt darauf ankommt, das Gute zu tun und dass der Selbstmord auf keinen Fall zur Lösung von Problemen in Frage kommt.

Die Hölle lässt sich darüber hinaus verstehen als die notwendige Kehrseite der unbegreiflichen Würde, die Gott dem Menschen geschenkt hat, und die darin besteht, dass er in freier Entscheidung über sein endgültiges Schicksal verfügen kann, also eine Entscheidung mit unbedingter Geltung für alle Ewigkeit treffen kann.

 

 

8d. Fegfeuer

 

Das Fegfeuer (besser: der Reinigungsprozess) ist ein Durchgangsstadium auf dem Weg zum Himmel und eine Vorbereitung auf die Gottesschau. Ins Fegfeuer gelangen unmittelbar nach dem Tod die Seelen der Sünder, die sich nicht total von Gott abgewendet haben, aber auch nicht die vollendete Vollkommenheit und Reinheit erlangt haben, die zur Schau Gottes notwendig ist (Mt 5,8). Dieser Reinigungsprozess ist ein Bußweg der Seele, eine heilsame Strafe, die mit Schmerz verbunden sein kann. Allerdings unterscheidet sich dieser Schmerz vom Schmerz der Höllenstrafe grundlegend. Denn der Schmerz im Fegfeuer ist der Schmerz der Liebesreue und der Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott. Der Höllenschmerz ist dagegen der Schmerz der ausweglosen Verzweiflung und des Hasses.

 

Die katholische Theologie nimmt an, dass das Maß der Fegfeuerstrafe verschieden hoch ist, je nach der Größe der zu bereuenden Taten, die der Mensch im Leben begangen hat. Das verschiedene Maß der Fegfeuerstrafe könnte durch verschieden große Dauer erreicht werden (wovon die katholische Theologie im Mittelalter ausging und was die Grundlage für die „zeitlichen Teilablässe“ war), aber sie könnte auch (wie man heute betont) durch verschieden große Intensität erreicht werden. Jedenfalls kann aber keine Fegfeuerstrafe zeitlich über das allgemeine Gericht am Ende der Tage hinausgehen, weil es nach dem Weltgericht nach der klaren Aussage Mt 24,34.41 nur noch zwei Alternativen geben wird: ewiger Lohn oder ewige Strafe, d.h. Himmel und Hölle. - Die Lehre vom Fegfeuers kann sich unter anderem auf folgende Schriftargumente stützen:

 

1. In 1 Kor 3,11-17 teilt Paulus die Menschen in dreiGruppen ein, entsprechend ihres Verhältnisses zur Kirche Christi, die er hier „Tempel Gottes“ nennt und als deren Fundament er Christus bezeichnet (Verse 11 und 16-17):

-          Zur ersten Gruppe gehören jene, die mit ihrem Lebenswerk „auf dem Fundament weiterbauen mit Gold, Silber, und Edelsteinen“ (Vers 12), d.h. mit Materialien, die nicht im Feuer verbrennen. Diese Menschen werden an dem „Tag“ des Gerichts, wenn ein symbolisches „Feuer“ das Lebenswerk jedes einzelnen prüfen wird (Vers 13), belohnt werden: „Wenn jemandes Werk standhält, das er aufgebaut hat, so wird er Lohn empfangen.“ (Vers 14).

-          Zur zweiten Gruppe gehören jene, die mit ihrem Lebenswerk „auf dem Fundament weiterbauen mit ... Holz, Heu und Stroh“ (Vers 12), d.h. mit brennbarem Material. Das, was sie aufgebaut haben, wird also mehr oder weniger gut am Tag des Gerichts verbrannt werden. Von diesen Menschen sagt nun der Apostel: „Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden, er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durch ein Feuer hindurch“ (Vers 15).

-          Die dritte Gruppe schließlich bilden jene, die überhaupt nicht bemüht sind, auf dem Fundament Christi etwas aufzubauen, sondern im Gegenteil versuchen, den Tempel Gottes zu zerstören. Von diesen sagt Paulus: „Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören.“

Während es klar ist, dass die erste Gruppe aus Heiligen besteht, &xnbsp;die den himmlischen Lohn verdienen, und die dritte Gruppe die Verdammten der Hölle umfasst, so bedarf die zweite Gruppe einer besonderen Erklärung. Es handelt sich um Menschen, die letztendlich gerettet werden, aber dennoch eine Strafe erleiden. Zwar ist das Feuer, von dem hier die Rede ist, wohl nicht das Fegfeuer, weil das hier genannte Feuer ja alle Werke prüft, auch die der Heiligen. Es handelt sich also wahrscheinlich um das „Feuer“ des Endgerichts am Ende der Geschichte, an dem die Werke aller Menschen öffentlich vor allen Menschen offenbart werden (vgl. Mk 4,22; Mt 25,31-46), so dass das persönliche Gericht, was ein jeder nach seinem Tode erfahren hat, veröffentlicht und für alle Zeiten bestätigt werden wird. Aber auch, wenn hier nicht direkt vom Fegfeuer die Rede ist, so zeigt die Schriftstelle doch ohne Zweifel, dass sich am Gerichtstag zwei Klassen von Geretteten gegenüberstehen werden:

außer denen, deren Lebenswerk vor Gott standhält (und die daher bereits nach ihrem Tod in den Himmel eingegangen sind), wird es diejenigen geben, deren Werk vor Gott nicht standhalten konnte, die aber dennoch das ewige Leben erben werden. Diese können nach ihrem Tode nicht sofort in den Himmel eingegangen sein, da nichts Unreines vor Gottes Angesicht treten kann (vgl. Mt 5,3 und Offb 21,27). Damit sie also am Tag des Endgerichts als Gerettete dastehen können, müssen sie nach ihrem Tode gereinigt worden sein. So zeigt sich hier zumindest indirekt die Existenz &xnbsp;des Fegfeuers als eines Reinigungsprozesses nach dem Tode.

 

2. In Lukas 12,35-48 ermahnt Jesus seine Jünger, stets auf seine Ankunft vorbereitet zu sein, und er droht einem jeden, der nicht wachsam ist, ein überraschendes Kommen an. Da dieses Wort &xnbsp;für jeden Menschen gilt, muss hier vom persönlichen Gericht beim Tode die Rede sein, wo jeder Mensch Christus begegnen wird. Nun &xnbsp;sagt Christus (Vers 47-48): „Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Wer aber, ohne den Willen seines Herrn zu kennen, &xnbsp;etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen.“

Jesus redet hier von zwei unterschiedlichen Strafen, wobei die eine (die vielen Schläge) wahrscheinlich die Hölle ist (die hier übrigens wieder als eine bewusste Qual geschildert wird), &xnbsp;während aber die andere Strafe (die wenigen Schläge), sicher nicht die Hölle bezeichnet: denn diese Strafe wird denjenigen &xnbsp;Menschen angedroht, die den Willen Gottes nicht kennen, d.h. die nicht mit dem klaren Wissen gehandelt haben, dass es sich um eine Sünde handelte. Für solche Sünden aber wäre die ewige Höllenstrafe sicher unangemessen. Es handelt sich also um &xnbsp;eine zeitlich begrenzte Strafe. Wie in Lukas 12,35-48, ist auch in&xnbsp; Matthäus 18,34-35 (vgl. auch Matthäus 5,26) von einer zeitlich begrenzten Strafe die Rede. Genau dies ist das Fegfeuer.

 

3. In Matthäus 12,32 lehrt Jesus: „Wer aber gegen den Heiligen Geist sündigt (d.h. vielleicht: wer sündigt und dann hartherzig jede Bemühung des Heiligen Geistes zurückweist, ihn zur Reue und Umkehr zu bewegen), dem wirdnicht vergeben, weder in diesem Zeitalter noch im kommenden.“

Hier ist angedeutet, dass des Sünden gibt, die zwar nicht in diesem Leben vergeben werden, wohl aber im kommenden. Die Vergebung im kommenden Leben aber nennen wir Fegfeuer.

Anmerkung. Mit dem „kommenden Zeitalter“ kann nicht die ewige Epoche nach dem Ende des Weltgerichts gemeint sein, weil es dann nach nur noch das ewige Leben oder die ewige Höllenstrafe geben wird (Mt 25,46), also keinerlei Vergebung mehr stattfindet. Es kann auch nicht, wie einige meinen, das sogenannte 1000jährige Zwischenreich gemeint sein, von dem Offb 20,1-6 die Rede ist, in dem Christus mit seinen Heiligen herrschen wird. Denn da nach der Wiederkunft Christi sofort das Weltgericht stattfindet (Mt 25,31-46), muss das 1000jährige Reich auf jeden Fall vor der Wiederkunft Christi seinen Abschluss gefunden haben: somit gehört das 1000jährige Reich vollständig in das gegenwärtige Zeitalter hinein. Am einfachsten deutet man es als die Zeit zwischen der ersten und der zweiten Ankunft Christi, in dem Christus bereits mit dem im Himmel befindlichen Heiligen herrscht. Somit ist das „kommende Zeitalter“, von dem hier die Rede ist, für jeden einzelnen Menschen das nach seinem Tode beginnende Zeitalter.

 

4. In 1 Kor 15,29 sagt der Apostel Paulus, dass sich einige für die Toten taufen lassen. Da er diese Sitte als Beweis für die Auferstehung der Toten akzeptiert, scheint Paulus die Sitte als sinnvoll anzuerkennen. Um was für eine Sitte handelt es sich? Wohl nicht um eine Taufe im eigentlichen Sinn, denn eine eigentliche Totentaufe wurde von der Kirche immer abgelehnt. Sicher ist aber, dass es sich um eine Praxis handelte, die zum Nutzen für die Toten durchgeführt wurde, die also eine Art Bitte an Gott war, den Toten zu Hilfe zu kommen (zu denken wäre z.B. an Werke wie Gebete, Fasten, Almosen usw.) Gebet und Almosen für die Toten werden auch in 2 Makk* 12,39-46 empfohlen, und das Fasten für Tote kann sich auf das Beispiel von 2 Sam 1,12 und 1 Sam 31,13 berufen. Ein neutestamentliches Beispiel für das Gebet für einen Toten dürfte 2 Tim 1,16-18 sein: „Der Herr möge dem Hause des Onesiphorus Barmherzigkeit erweisen (Vers 16) ... Der Herr gebe dem Onesiphorus, dass er beim Herrn Erbarmen finde an jenem Tag“, wo es scheint, dass Onesiphorus gestorben ist. Vergleiche noch Tob* 4,17, wo von einer Brotspende beim Begräbnis zugunsten der Toten die Rede ist. Von den nachbiblischen christlichen Schriften vgl. die Paulusakten, in denen ein verstorbenes Mädchen im Traum erscheint und darum bittet, dass für sie gebetet wird, damit sie „an den Ort der Gerechten“ kommt (siehe Fußnote 2).

Es geschehen also Gebet und Werke zugunsten der Toten. Aber für welche Toten? Wären alle Toten im Him­mel oder in der Hölle, so schienen solche Gebete und Werke sinnlos zu sein: denn wer im Himmel ist, bedarf keiner Hilfe mehr, und den Verdammten wird keine Hilfe gewährt. Also gibt es einen dritten Zustand, und zwar einen Strafzustand, aus dem es eine Erlösung geben kann. Dieser Zustand ist das Fegfeuer. Freilich darf man die Totenfürbitte und die Werke der Liebe zugunsten der Toten nicht missverstehen: die Reinigung aller im Fegfeuer Befindlichen ist eine bereits von Gott beschlossene Sache, die nicht erst von den Lebenden erfleht (oder gar durch stellvertretende Werke „verdient“) zu werden braucht. Fürbittgebet und „stellvertretende gute Werke“, sei es für die Toten oder für die Le­benden, können sinnvollerweise nichts anderes bedeuten als ein Ausdruck der sorgenden Verbundenheit und hoffnungsvollen Solidarität der Glaubenden mit allen Menschen, die noch „unterwegs“ sind auf dem Weg zu ihrer Vollendung im Himmels, und die auf diesem Wege irgendwie zu leiden haben. Die Fürbitte setzt aber auf jeden Fall irgendein heilbares Leiden dessen voraus, für den man bittet - bei den Verstorbenen offenbar das Leiden an der noch nicht erfüllten Sehnsucht nach dem Himmel.

 

5. Da nach Mt 7,13-14; Lk 13,24 in diesem Leben nur wenige Menschen den „Weg zum Leben“ (= zum Himmel) finden, aber andererseits Gott möglichst alle Menschen retten will (1 Tim 2,4), können wir annehmen, dass Gott alle Menschen, die zwar den „schmalen Weg“ der vollendeten Heiligkeit in diesem Leben nicht fanden, aber sich andererseits auch nicht total gegen Gott gestellt haben, durch Gottes Barmherzigkeit nach dem Tode durch eine zeitlich begrenzte Strafe gereinigt und zur Vollendung geführt werden. Dieser Prozess ist das Fegfeuer.

 

6. In Offb 5,13 (vgl. Phil 2,10) heißt es, dass „alle Geschöpfe im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ Gott loben. Die Geschöpfe „unter der Erde“ sind nun offenbar die Seelen im Hades.Wenn es aber heißt, dass „alle“ Geschöpfe diesen Lobpreis darbringen, so ist wahrscheinlich gemeint, dass sowohl im Himmel als auch auf Erden als auch im Hades alle, die dessen fähig sind, diesen Lobpreis darbringen stellvertretend auch für jene Geschöpfe, die zum Gotteslob unfähig sind. Denn zum Gotteslob unfähig sind auf jeden Fall die unvernünftigen Geschöpfe, die Gesteine, die Pflanzen und die Tiere. Unfähig zum Gotteslob sind aber doch wohl auch die Dämonen und die Verdammten in der

Hölle. Also muss es im Hades noch eine andere Gruppe außer den Verdammten geben, die zum Gotteslob fähig sind: und das sind die Bewohner des Fegfeuers.

Hier haben wir eine Bestätigung für die Dreiteilung der Kirche als umfassender Gemeinschaft der mit Gott verbundenen

Geschöpfe, von denen besonders in der mittelalterlichen Theologie oft die Rede war:

-          die „streitende Kirche“: die Kirche auf Erden,

-          die „triumphierende Kirche“: die Kirche im Himmel,

-          die „leidende Kirche“: die Kirche im Fegfeuer.

 

 

8e. Vorhölle

 

Unter der „Vorhölle“ ist eine bis zum Tag der Himmelfahrt Jesu bestehende Existenzform zu verstehen, die sowohl von der Hölle als auch vom Fegfeuer zu unterscheiden ist. Die Menschen konnten in der Zeit des Alten Testaments nicht in den Himmel kommen (siehe Kap. 8a). Das Alte Testament schreibt folgerichtig, dass alle Seelen, auch jene der Gerechten, nach dem Tode in die Unterschwelt (Scheol) kamen (z.B. Jakob und Hiob - 1 Mose 42,38; Hiob 10,21-22). Die Gerechten durften aber gerechterweise weder in die Hölle noch ins Fegfeuer kommen. Daraus folgert die katholische Theologie, dass der Begriff „Unterwelt“ damals gewissermaßen drei unterscheidbare Seelenzustände umfasste oder - bildlich gesprochen - dass die Unterwelt damals drei „Abteilungen“ hatte. Sie enthielt die Hölle für die unheilbar-reulosen Sünder, das Fegfeuer für die Gerechten, die noch der Reinigung bedurften, und schließlich die

Vorhölle für die bereits gereinigten Gerechten, die also „reif“ für den Himmel waren, jedoch noch auf das Kommen Christi warten mussten, damit er ihnen den Weg zum Himmel öffnete. Die Vorhölle hatte mit der eigentlichen Hölle noch weniger zu tun als das Fegfeuer. Jesus nennt sie gleichnishaft „Schoß Abrahams“ (Lk 16,22) und beschreibt sie als einen Ort der Schmerzlosigkeit und des Trostes (Lk 16,25), der von der eigentlichen Hölle durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt war (Lk 16,26). Dennoch war das Glück in der Vorhölle nicht mit der Seligkeit des Himmels zu vergleichen. Es herrschte in ihr Gottesferne und Weltvergessenheit (siehe Kap. 8b), und damit fehlten die beiden wesentlichen Eigenschaften des Himmels: die Gottesschau und die Herrschaft über die Welt (Kap 8a). Somit war die Vorhölle ein Ort „fern“ vom Himmel, eine vorübergehende Bleibe der auf ihre Erlösung durch Christus wartenden Gerechten. Insofern konnte Petrus diesen Ort „Kerker“ nennen (1 Petr 3,19).Zahlreiche Schriftstellen bezeugen, dass Christus nach seinem Kreuzestod mit seiner Seele in den Hades hinabstieg (Apg 2,27-31;Röm 10,7; Mt 12,40; Jona 2,3; und wohl auch Eph 4,9; 1 Petr 3,19; 1 Petr 4,6). Das Ziel dieses „Höllenabstieges“ Christi muss die Vorhölle gewesen sein: denn der Zweck dieses Abstiegs war die Verkündigung des Evangeliums an den Toten, (1 Petr 3,19; 4,6) sowie die Befreiung der dort Gefangenen (Eph 4,8). Durch seine Anwesenheit verwandelte Christus die Vorhölle ins Paradies, so dass sich das Wort an den reumütigen mitgekreuzigten Verbrecher erfüllte: „heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Nach dem, was wir in über das Paradies gesagt haben (Kap. 8a) bedeutet dies: Christus ließ alle bis dahin verstorbenen Gerechten, angefangen von den Vätern des Alten Bundes bis hin zum reumütigen Verbrecher, in der Vorhölle der Gottesschau teilhaftig werden. Als Auswirkung dieser befreienden Tat lässt sich auch die sofort nach dem Tode Jesu einsetzende leibliche Auferstehung einiger Heiliger (Mt 27,52-53) begreifen. Am Tag der geistigen Himmelfahrt Jesu, d.h. der Erhöhung seiner menschlichen Natur in die himmlische Herrscherstellung, führte Jesus die einst in der Unterwelt Gefangenen Gerechten mit sich in den Himmel (Eph 4,8), d.h. er gab ihnen Anteil an der himmlischen Weltregierung (siehe Kap. 8a und Offb 4,4 und 20,1-4).



[1] So in der wohl um 250 n. Chr. verfassten koptischen Petrusapokalypse Kap. 6 (bei Berger, Klaus & Nord, Christiane, Neues Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 2005, S. 1225). Außerdem wäre aus dem 2. Jh. der sog. Diognetbrief zu erwähnen; dort heißt es in Kap. 6,3: „Unsterblich wohnt die Seele in einer sterblichen Behausung.“ Von den Philosophen ist besonders Platon († 347/8 v. Chr.9 zu nennen (vgl. Phaedo 105e, 106c und 106e–107a sowie Phaedrus 245c–246a).

[2] In außerbiblischen christlichen Schriften gibt es weitere Erscheinungen, vgl. z.B. die folgende in Kap. 28 der um 175 n. Chr. verfassten „Akten des Paulus und der Thekla“ berichtete Begebenheit: Als die Königin Tryphaina von Antiochien die Paulus-Schülerin Thekla in ihr Haus aufnimm, erscheint der Königin ihre verstorbene Tochter Falconilla im Traum und sagt zu ihr: Thekla „soll für mich beten, damit ich an den Ort der Gerechten komme“ (Berger, Klaus & Nord, Christiane, Neues Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 2005, S. 1247).

[3] Die meisten katholischen Theologen stimmen darin überein, dass keine natürliche Ursache die Seele zerstören kann, aber sie lehren, dass die Seele gleichwohl durch einen übernatürlichen Eingriff Gottes vernichtet werden könne. Doch werde Gott von der Möglichkeit, Seelen zu vernichten, keinen Gebrauch machen, da ein übernatürlicher Eingriff sinnvollerweise nur dazu dienen könne, Gottes Herrlichkeit und Güte zu offenbaren. Die Herrlichkeit und Güte Gottes aber zeige sich nicht in der Vernichtung, sondern in der Erhaltung der Dinge (so Thomas von Aquin). Diese Ansicht, die kein kirchliches Dogma ist, ist m.E. nicht vollauf befriedigend. Zunächst ist es nicht leicht einzusehen, warum es nicht vielleicht doch ein Erweis der Güte Gottes sein könnte, wenn er die Seelen der Verdammten durch Vernichtung aus ihrer Qual erlöste. Zum anderen aber: wenn dies nicht sinnvoll ist, welchen Sinn hat es dann, zu sagen, Gott könne dies dennoch tun? Wenn Gott, wie allgemein zugegeben wird, sich wegen seiner Ewigkeit nicht selber zerstören kann, und wenn er wegen seiner Heiligkeit nicht lügen kann, müsste man dann nicht ebenfalls sagen, dass er, wegen seiner Weisheit, nichts Sinnloses tun kann? Somit scheint in letzter Analyse die Position der genannten Theologen nicht weit von der oben vorgeschlagenen These entfernt zu sein, dass Gott die Seele absolut nicht vernichten kann.

 


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