Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Die Dauer der "Grabesruhe" Jesu


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Es gibt manche Sätze im Neuen Testament, die auf den ersten Blick den geläufigen christlichen Auffassungen zu widersprechen scheinen. So heißt es im apostlischen Glaubensbekenntnis im Einklang mit eine Reihe neutestamentlicher Texte, Christus sei „am dritten Tage“ auferstanden von den Toten.

Dem scheint aber der Ausspruch Jesu in Mt 12,40 zu widersprechen:
"Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war (vgl. Jona 2,1), so wird auch der Menschensohn (Jesus) drei Tage und drei Nächte im Innern (wörtlich: im Herzen) der Erde sein.“ Wenn sich dies auf den Tod Jesu bezieht, könnte man in diesen Ausspruch angedeutet sehen, dass Jesus drei volle 24-Stunden-Tage im Grab lag, also erst am vierten Tage auferstand.
Solche Probleme haben denkende Christen immer schon angeregt, zu überlegen, ob und wie sich solche Aussagen in Einklang bringen lassen. Für den, der glaubt, eine Auflösung des Widerspruchs in einem der geläufigen Auffassung entgegengesetzten Sinn gefunden zu haben, war und ist dies oft der Anlass, sich von den Traditionskirchen zu trennen. Im vorliegenden Falle etwa hat sich der christlich engagierte Altorientalist Werner Papke dafür ausgesprochen, dass Jesus tatsächlich genau drei Tage und drei Nächte im Grabe war, nämlich vom Mittwochabend bis Samstagabend, und er nahm dies zum Anlass, der katholischen Kirche vorzuwerfen, auch in diesem Punkt (wie seiner Meinung nach in vielen anderen) eine falsche Auslegung des Evangeliums in die Welt gesetzt zu haben.[1] Das ist für traditionsverbundene Christen ein Grund mehr, sich die Frage zu stellen, was sich aus der Schrift denn nun wirklich über den Zeitraum ermitteln lässt, in dem Jesus tot war bzw. im Grabe lag.

Zunächst ist zu der genannten Stelle Mt 12,40 zu sagen, dass hier die Worte „Tod“ und „Auferstehung“ gar nicht vorkommen, sondern nur in bildhafter Sprache („Herz der Erde“) darauf angespielt wird. Daher ist es ratsam, diese Stelle in Licht der gleich zu besprechenden andere Stellen auszulegen, die direkt von Tod und Auferstehung Jesu reden, anstatt umgekehrt jene Stellen im Lichte dieser zu deuten. Insbesondere ist zu beachten, dass es in Mt 12,40 nicht heißt, dass Jesus drei volle Tage und drei vol­le Nächte in der Erde sein wird; und zu beachten ist schließlich, dass der Ausdruck „im Inneren / im Herzen der Erde“ nicht ohne Weiteres die Bedeutung „im Grab“ haben muss. Ein alternative Deutung wäre, dass das Verweilen Jesu in der „Erde“, wel­ches Jesus hier mit dem Verweilen des lebendig verschlungenen Jona im Bauch des Fisches vergleicht, sich auf die Zeit be­zieht, in der Jesu Leib seiner Bewegungsfreiheit beraubt ist, festgehalten von der „Erde“, d.h. zunächst von den „irdischen“ Macht­­ha­bern und dann zuletzt auch von der Erde im buchstäblichen Sinn. So gesehen würden die drei Tage  und drei Nächte schon mit der Gefangennahme Jesu beginnen, die am Vorabend seiner Kreuzigung stattfand (vgl. Joh 18-19). Dieses (zunächst le­­diglich mögliche) Verständnis bietet sich als ein sinnvolles Verständnis an, wenn man aufgrund der folgenden (diesbezüglich klaren) Schriftstellen sagen muss, dass Jesus keineswegs drei volle Tage und drei volle Nächte im Grab gelegen haben kann:

Erstens sprechen dafür klare Formulierungen: Nach Lk 24,21 sagen die Emmausjünger am Abend des Auferstehungstages: „Es ist nun der dritte Tag[2] seit das alles (nämlich die zuvor erzählte Geschichte Jesu bis zu seiner Kreuzigung) geschehen ist.“ Demnach kann Jesus nicht drei volle Tage und drei volle Nächte im Grab gelegen haben, sondern nur drei Kalendertage, wobei vom ersten und letzten dieser Tage nur ein Bruch­teil zu zählen ist, und le­diglich zwei Nächte. Vgl. auch 1 Kor 15,4 „Er ist am dritten Tage auferweckt worden“.[3] Eben­so kün­digte auch Jesus selbst seine Auferstehung „am dritten Tage“ an (Mt 16,21; 17,23; 20,19; Lk 9,22; 18,33; 24,7).[4] Daneben gibt es die überlieferte Formulierung des Jesus-Wortes „in (= innerhalb von) drei Tagen“ (Mk 14,58; Mk 15,29; Joh 2,19-22). Nach Markus schließlich benutzte Jesus auch die Formulierung „nach drei Tagen“ (Mk 8,31; 9,31; 10,31), was man aber im Einklang mit der Formulierung „am dritten Tage“ und „innerhalb von drei Tagen“ verstehen kann als gleichbedeutend mit „nach­dem der Zustand des Todes drei Kalendertage berührt haben wird“.[5]

Einen genaueren Aufschluss über die in Rede stehende Zeit erlauben zweitens auch die detaillierten Erzählungen der Evangelien über das Geschehen. Demzufolge fanden die Frauen am frühen Morgen des ersten Tags der Woche, dem Tag nach dem Sabbat  (d.h. am Sonntag) Jesu Grab leer vor (vgl. z.B. Mk 16,1-6), und zwar nach Joh 20,1, „als es noch dunkel war“, d.h. gegen oder kurz nach fünf Uhr morgens,[6] und Jesus war am Vortag dieses Sabbats (d.h. am Freitag) am Kreuz gestorben (Mk 15,42; Lk 23,54; Joh 19,31), und zwar zur neunten Stunde nach Sonnenaufgang (Mk 15,34-37), d.h. zwischen 14 und 15 Uhr. Begraben wurde er am Abend seines Todestages (Mk 27,57-62; Lk 23,53-54), also gegen 18 Uhr. Demnach kann seine Zeit im Grabe maximal ca. 35 Stunden gedauert haben, d.h. weniger als eineinhalb 24-Stunden-Tage.
Nun kann man die Ereignisse im Einklang mit allen genannten Bibelstellen wie folgt deuten, wenn man den Tag mit der Morgendämmerung beginnen und mit der Abenddämmerung enden lässt:[7]

Do/Fr:             Erste Nacht im Herzen der Erde                                                 = die Nacht, in der Jesus gefangengenommen wird
                                                                                                                        (wohl gegen Mitternacht)

Fr:                  Erster Tag im Herzen der Erde;

            der Rest dieses Tages ab seinem Tode kurz vor 15 Uhr              = Erster (unvollständiger) Tag im Tode; 

            der Rest dieses Tages ab Sonnenuntergang um 18 Uhr              = Erster (unvollständiger) Tag im Grabe;

Fr/Sa:             Zweite Nacht im Herzen der Erde                                              = Erste Nacht im Tode und im Grabe;

Sa:                 Zweiter Tag im Herzen der Erde                                               = Zweiter Tag im Tode und im Grabe;

Sa/So:            Dritte Nacht im Herzen der Erde                                               = Zweite Nacht im Tode und im Grabe;

So:                 Dritter Tag im Herzen der Erde                                                 = Dritter (unvollständiger) Tag im Tode und im Grabe,
                                                                                                                       (zugleich Tag der Auferstehung)

        Die letzte Zeile ist nicht unproblematisch. Dass Jesus auch nur eine kurze Zeit lang (etwa: in den ersten Mi­nu­ten nach Beginn der Morgen­dämmerung) am Auferstehungssonntag noch im Grabe verweilt haben soll, erscheint als irgendwie unpassend. Denn dieser Tag wurde christlicherseits seit jeher als lichtvoller Festtag begangen, und in der Osterliturgie wird sogar die vor­her­ge­hende Nacht bereits als glanzvolle Nacht besungen, „in welcher Christus von den Toten er­stand“. Dieses Bedenken sollte Anlass sein, genauer zu untersuchen, was sich den Evangelien über den Auferstehungszeit­punkt entnehmen lässt. Man findet hierzu zwar keine klare Aussage, aber die Evangelisten Johannes und Matthäus scheinen zumindest andeuten zu wollen, dass es beim Über­gang der Nacht in den Tag geschah: als es noch dunkel war, aber schon anfing, zu dämmern. Denn „früh, als es noch dunkel war“ (vgl. Joh 20,1) machte sich Maria Magdalena zum Grab auf und traf dort den Herrn an, der von ihr nicht aufgehalten werden woll­te (vgl. Joh 20,17), was den Ein­druck erweckt, als sei er gerade eben erst auferstanden. Im Einklang damit geschah nach Mt 28,1-2 „beim Aufleuchten“ (also in der Dämmerung) des ersten Wochentages, als die Frauen unterwegs waren, ein Erd­be­ben, und der Grabstein wurde durch einen Engel weggewälzt, was den Auferstehungszeitpunkt charakterisieren könnte. Demzufolge wä­re Jesus um ca. 5 Uhr Ortszeit auf­er­stan­den. So liegt es nahe, sich als Auferstehungszeitpunkt den Punkt vorzustellen, an dem sich der dritte Tag und die vor­hergehende Nacht „berühren“, und der insofern entweder zu beiden (zu jenem Tag ebenso wie zu jener Nacht) gerechnet werden kann oder auch zu keinem von beiden (je nachdem, ob man die Anfangs- und Endpunkte von Zeitstrecken noch zu diesen hinzurechnet oder nicht). Jedenfalls „berührt“ dann die Zeit der Grabesruhe noch den dritten Tag in seinem Anfangspunkt, auch wenn sie nicht mehr in diesen Tag „hineinragt“. Dieses Berühren aber bedeutet, dass der dritten Tag im wahrsten Sinne des Wortes noch mit der Grabes­ruhe „in Verbindung steht“, und dies scheint mir ausreichen, um diesen Tag prophetisch noch zur Grabesruhe dazuzurechnen: Er gehört zur Grabesruhe dazu, insofern sein erster Augenblick noch mit der Grabesruhe in Verbindung steht. Andererseits kann man gleichermaßen auch sagen, dass der Zeitpunkt der Auferstehung die Nacht von Samstag auf Sonntag berührt und insofern noch „in“ diese Nacht fällt, nämlich in ihren Endpunkt, welcher zugleich der erste Au­genblick des neuen Tages war. Damit ist m.E. auch dem oben genannten Bedenken Rechnung getragen.

Festzuhalten bleibt allerdings, dass über die Auferstehungsstunde keine letzte Sicherheit erlangt werden kann,[8] so dass die hier vorgetragene Hypothese nur als wahrscheinlich verteidigt werden soll. Alternative Möglichkeiten für den Auferstehungszeitpunkt bleiben möglich und bedenkenswert. Die eine Alternative wäre, das Christus doch erst kurz vor oder bei Sonnenaufgang auferstanden ist, so dass noch ein substanzieller Teil vom Sonntagmorgen noch zur Zeit der Grabesruhe gehört. Eine andere Alternative wäre andererseits, dass er schon mitten in der Nacht auferstand (z.B. um Mitternacht);  dann könnte man den Ausdruck „drei Tage und drei Nächte“ Mt 12,40 im Sinne von „drei zusammengehörige Tag-Nacht-Perioden“ von je 24 Stunden verstehen, und könnte so gesehen einem Ereignis wie der Grabesruhe Jesu bei einschlussweiser Rechnung drei derartige Tag-Nächte auch dann zuschreiben, wenn das Ereignis von der ersten und letzten Tag-Nacht nur die Nacht oder auch nur einen Teil der Nacht abdeckt.

Gegenüber diesen Alternativen spricht jedoch für die hier favorisierte Hypothese (abgesehen von den genannten Andeutungen in den Evangelien) auch die Intuition, dass der Zeitpunkt, in dem die das Dunkel der Nacht zu weichen beginnt, symbolisch besser zur Auferstehung zu passen scheint als jeder andere Zeitpunkt des Tages. Und dass der dritte Tag der Grabesruhe auf einen einzigen Moment verkürzt worden sein soll, mag beim ersten Hören seltsam klingen, gewinnt aber an Plausibilität, wenn man  man bedenkt, dass Gott nach Mt 24,22 und Mk 13,20 auch die vorhergesagte endzeitliche Bedrängnis „um der Erwählten willen“  zu „verkürzen“ gedenkt. Dann erscheint es nämlich sinnvoll und angemessen, dass Gott auch nach dem Tod Jesu die danach zu erwartende Auferstehung so rasch wie möglich erfolgen ließ, auch um das Leid und die Trauer der Jünger abzukürzen.[9] 

Vielerorts spricht man von einer „40-stündigen Grabesruhe“ Jesu, und hält in manchen Pfarr­kirchen ihr zu Ehren zu bestimmten An­lässen (etwa am Ende der Faschingszeit) ein sog. 40stündiges Gebet ab – ein Brauch, der sich bis in die Zeit um 1530 zurückverfolgen lässt. Die „40-stündige Grabesruhe“ ist ein etwas ungenauer Begriff, denn damit scheint die Zeit des Totseins Jesu gemeint zu sein, die man genauer als seine „Todesruhe“ bezeichnen könnte.[10] Wann und mit welchen Begründungen die Rede von der „40-tätigen Grabesruhe“ aufkam, ist mir nicht bekannt; aber dahinter scheinen Überlegungen wie die hier vorgetragenen zu stehen: Denn von Freitag 15 Uhr bis Sonntag 5 Uhr sind es exakt 38 Stunden, also zumindest „ungefähr“ 40. Nun trat Jesu Tod „zur neunten Stunde“ von Sonnen­aufgang an gerechnet ein (zwischen 14 und 15 Uhr), und so könnte Jesus bereits kurz vor 15 Uhr gestorben sein. Wenn das zutrifft, wäre der Bruchteil der Stunde vom Todeszeitpunkt bis Schlag 15 Uhr eine weitere (wenn auch nicht volle) Stunde, in der Jesus im Tod verweilte. Aber auch wenn Jesus Schlag 15 Uhr, also im Endpunkt der dritten Stun­de starb (Dies würde zu einer bemerkenswerten „zeitlichen Symmetrie“ des Todestages Jesus gut passen: Prozessbeginn 6 Uhr,[11] Kreuzigung 9 Uhr,[12] Sonnenfinsternis 12 Uhr,[13] Tod 15 Uhr, Grablegung 18 Uhr): auch dann würde diese dritte Stunde zumindest den Zeitraum des Todes Jesu noch „berühren“, sie stünde mit ihm daher „in Verbindung“ (ähnlich wie nach obigen Überlegungen die Auferstehung Jesus zugleich mit dem dritten Tag und der vorher­gehenden Nacht in Ver­bindung steht) und könnte in Hinblick darauf noch zum Zeitraum hinzugerechnet werden, in dem Jesus tot war. Genauso ragt aber die von 5 bis 6 Uhr am Sonntagmorgen dauernde „Dämmerungsstunde“ am anderen Ende des Todeszeitraums entweder noch teilweise in diesen Zeitraum hinein, oder sie berührt ihn zumindest und kann im Hinblick darauf zu diesem Zeitraum hinzugerechnet werden. Auf diese Weise kann man also noch zwei zusätzliche mit den Tod Jesu in Verbindung stehende Stunden erhalten, und kommt so exakt auf 40 „Todes­stunden“ Jesu – eine symbolträchtige Zahl, die an die 40jährige Wüstenwanderung Israels (Num 32,13) und das 40tägige Fasten und Versuchtwerden Jesu in der Wüste  (Mt 4,2; Mk 1,13; LK 4,2) erinnert.[14]

 



[1] Vgl. Papke, Werner, Das Zeichen des Jona. Wie lange war Jesus im Grab? Denzlingen: Verlag Dr. Werner Papke, 2. Ausgabe 1997.

[2] Griech. Original: „τρίτην ταύτην ἡμεραν ἄγει”.

[3] Der „dritte Tag“ bezeichnet auch an einigen Stellen des Alten Testaments einen Termin, an dem sich nach zweitägiger Vorbereitung et­was Heils­ent­schei­den­des ereignet. Vgl. Gen 22,4 (symbolische Opferung und Errettung Isaaks am dritten Tag eines Fußmarsches),  Jos 3,1-2 (Überquerung des Jor­dans durch die Is­ra­e­li­ten am Ende von drei Tagen nach der Ankunft daselbst), und Ex 19,10-11: „Jahwe sprach zu Mose: Gehe zum Volke und heilige sie heute und mor­gen,  und sie sollen ihre Kleider waschen und bereit sein für den dritten Tag: Denn am dritten Tag wird Jahwe vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen.“ Vgl. vor allem die von den Christen (allegorisch) auf Jesu Tod und Auferstehung  gedeutete Prophezeiung Hos 6,2: „Nach zwei Ta­gen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf“. Dabei muss man den Ausdruck „nach zwei Tagen“ im Sinne von „zwei Kalendertage später“ deuten.

[4] Vgl. auch das rätselhaften Jesuswort Lk 13,32: „Ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet.“

[5] Man vergleiche hierzu die im Judentum weithin üblichen „einschließenden“ Zählweise von Zeiträumen, bei der auch jede nur teilweise in den Zeitraum fallende Zeiteinheit „ganz“ gezählt wird. Vgl. hierzu den Bab. Talmud (Rosch Haschana 1,1, fol. 1a-1b), wo es heißt, dass wenn ein König am letzten Tag des Jahres die Regierung angetreten hat, am folgenden Tag dieser (dann vergangene) letzte Tag des Jahres als „ein Jahr“ seiner Regierung zu zählen ist.

[6] Hierzu steht die merkwürdige Zeitangabe für den Besuch der Frauen am Grab bei Matthäus 28,1 nicht im Widerspruch. Denn „ὀψὲ σαββάτων“ heißt nicht, wie es mache missverstehen, „spät abends am Sabbat“. Dagegen spricht schon der Plural σαββάτων („Sabbate“). Unter einem Sabbat verstehen die Ju­den außer dem eigent­lichen „Sabbat/Samstag“ auch allgemein einen „Ruhetag/Feiertag“, und das Wort ὀψέ kann zwar „spät“, aber mit dem Genitiv auch „zeitlich nach“ heißen. Die beste Übersetzung scheint mir daher zu sein: „nach den Feiertagen“, wobei mit den Feiertagen der Sabbat (Samstag)  und das vor­her­ge­hen­den Passahfest (Don­ners­tag/Freitag)  gemeint sein dürfte, an dem Jesus am Donnerstagabend selbst teilgenommen hatte. So besuchten die Frauen auch nach Mat­thäus das Grab „nach“ dem Samstag, d.h. am Sonntag. Das bestätigt Matthäus dadurch, dass er unmittelbar danach hinzufügt: „als der erste Tag der Woche auf­leuch­tete“.

[7] Das Morgengebet ist der Mischna zufolge (Berachoth 1,2; Bab. Talmud fol. 9b) noch vor Sonnenaufgang zu verrichten, sobald man blau und weiß un­ter­scheiden kann; im Hinblick darauf kann man sagen, dass der neue Tag schon kurz vor Sonnenaufgang anbricht, sobald die Umgebung heller zu werden be­ginnt. In Je­ru­sa­lem wäre dies im Frühjahr um ca. 5 Uhr. Auch in Joh 20,1 und Mt 28,1 wird die Morgendämmerung eindeutig zum folgenden Tag gerechnet. Wenn man an­de­rer­seits die Nacht ebenso wie den Tag in zwölf Stunden einteilt (vgl. Joh 11,9: „hat der Tat nicht zwölf Stunden?“), ist es kon­sequent, die Däm­me­rungs­phase als letz­te Nacht­stunde anzusehen. So kann man die Dämmerungsphase letztlich je nach Kontext zur vorhegehenden Nacht oder zum nachfolgenden Tag hinzurechnen.

[8] Vgl. hierzu die folgende Strophe im altchristlichen, in der Osternacht gesungenen „Exsultet“: „O wahrhaft selige Nacht, dir allein war es vergönnt, die Stunde zu ken­nen (scire tempus et horam), in der Christus erstand von den Toten (ab infernis resurrexit)“. Das ist so, weil die Evangelisten hierüber nur Andeutungen machen. Aber diese Andeutungen führen zu einer recht plausiblen (wenn auch spekulativ bleibenden) Hypothese.

[9] Jesus selbst musste in dieser Zeit allerdings nicht mehr leiden. Dem Versprechen zufolge, das Jesus am Kreuz dem „reumütgen Schächer“, d.h. dem mit­ge­kreu­zig­ten reumütigen Verbrecher gab (Lk 23,43: „heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“) ging er ja ins Paradies ein. Mit „Paradies“ dürfte hier kein Ort, sondern symbolisch ein Zustand der Seligkeit gemeint sein, den die Nähe Gottes vermittelt, wo immer das sei: im Himmel, auf der Erde oder auch in der symbolischen „Unterwelt“, in welche die Seele Christi nach seinem Tod zusammen mit der Seele des Schächers „hinabstieg“, und wo sich auch die auf den Erlöser wartenden Seelen der Gerechten des Alten Testaments und andere in vorchristlicher Zeit Gestorbener befanden, denen Christi Seele in den Tagen seines Todes nach 1 Petr 3,19-20 das Evangelium predigte. Diese „Unterwelt“, in der Chrisi Seele zwischen Tod und Auferstehung „weilte“, kann nicht die sog. Hölle im eigentlichen Sinn gewesen sein (sofern damit der Zustand endgültiger, also unaufhebbarer Gottesferne gemeint ist), sondern die sog. Vorhölle (die im Gegensatz zur Hölle den vorläufigen, also aufhebbaren Zustand der Gottesferne meint). Da das Paradies dort ist, wo Christus ist, heißt es in der christlichen Tradition, dass Christus bei seiner Ankunft symbolisch die „Pforten der Unterwelt“ (Vorhölle) sprengte und die dortige „Dunkelheit“ durch das „Licht seiner Gegenwart“ erhellte; er verwandelte also die Unterwelt durch seine dortige Anwesenheit ins Paradies, so dass die dort weilenden Gerechten schon einer Vorstufe der himmlischen Seligkeit zuteil wurden, auch bevor Christus sie nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt mit sich in den eigentlichen „Himmel“ brachte (vgl. Eph 4,8-10), wobei man den „Himmel“ ebenfalls nicht als Ort verstehen muss, sondern sinnvollerweise als Zustand der unverhüllten Gottesschau verbunden mit der Beteiligung an der göttlichen Herrschaft über die Schöpfung deuten kann.

[10] Die Zeit, da Jesus im Grab lag, ist etwa kürzer, denn zwischen seinem Tod kurz vor oder um 15 Uhr und seiner Grablegung  beim (bzw. kurz vor ) dem abend­li­chen Anbruch des Sabbat um 18 Uhr (vgl. Lk 23,53-54) waren ca. drei Stunden vergangen. Von 18 Uhr am Freitag bis 5 Uhr am Sonntag wären es 35 Stun­den.

[11]  Nach Joh 19,13-14 setze sich sein Richter Pilatus „ungefähr zur sechsten Stunde“ auf der Richterstuhl. Da Johannes im Gegensatz zu den anderen Evangelisten höchstwahrscheinlich die damalige offizielle römische Stundenzählung benutzt, die mit unserer heutigen Stundenzählung übereinstimmt, wonach die erste Stunde um Mitternacht beginnt (siehe meine Ausarbeitung Als die Zeit erfüllt war in: Brücke zum Menschen Nr. 133, 1.Quartal 1998, S. 17-18), ist mit der sechsten  Stunde die von 5 bis 6 Uhr morgens laufende Stunde bezeichnet, also die erste Tagesstunde; wobei der Prozess vermutlich eher gegen 6 Uhr begann, als die Sonne aufging; man beachte, dass Johanns keine exakte Angabe macht, wenn er sagt ausdrücklich „ungefähr“ (ὡς).

[12] Vgl. Mk 15,25 „Es war die dritte Stunde, und sie kreuzigten ihn.“ Hier kann nur die dritte Stunde in der jüdischen Zählung (also nach Sonnenaufgang) gemeint sein, das wäre zwischen 8 und 9 Uhr.

[13] Lk 23,44-45: „Es war schon ungefähr (ἤδη ὡσεί) die sechste Stunde, und Dunkelheit kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde, indem die Sonne nachließ (τοῦ ἡλίοῦ ἐκλιπόντος)“. Vgl. Mt 27,45: „Von der sechsten Stunde an kam Dunkelheit über das ganze Land bis zur neunten Stunde“. Mk 15,33: Und als die sechste Stunde gekommen war, kam Dunkelheit über das ganze Land bis zur neunten Stunde“.

[14] Vgl. auch Dt 9,9.18; Ex 24,18; 34,38; 1 Kön 19,8.


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