Christus

Dr. Ludwig Neidhart

Die "Brüder Jesu"

Hatte Maria mehrere Kinder oder lebte sie stets jungfräulich?*


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Evangelikale Kritiker der Katholischen Kirche bringen einen Katholiken gewöhnlich leicht in Verlegenheit , wenn sie auf die „Brüder“ Jesu (sog. Herrenbrüder) im Neuen Testament hinweisen. Auch evangelische und sogar katholische Theologen wenden sich heute oft gegen ein wörtliches Verständnis der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens. Die Katholische Kirche hält demgegenüber daran fest, dass Maria  zeitlebens Jungfrau geblieben ist und folglich außer Jesus keine weiteren Kinder hatte.[1]
Diese Lehre war bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die gemeinsame Überzeugung fast aller Theologen gewesen. Auch die Reformatoren  Luther, Calvin und Zwingli hatten an ihr festgehalten. Die wichtigste Ausnahme war der Laienchrist Helvidius im 4. Jahrhundert,  der um 380  die vier biblischen Argumente vorbrachte, die auch heute wieder gegen die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens angeführt werden. Der Kirchenvater Hieronymus hatte diese Argumente in seiner Schrift Gegen Helvidius (383) so einleuchtend widerlegt, dass sie erst im 20. Jahrhundert wieder ernsthaft erwogen wurden. Nachdem nämlich der evangelische Theologe Theodor  Zahn im Jahre 1900 eine Studie veröffentlicht hatte, in der er sich für die These von der Existenz leiblicher Brüder Jesu aussprach,[2] setzte sich diese Meinung in der evangelischen Theologie weitgehend  durch.  Auf katholischer Seite hat 1967  Josef Blinzler den Standpunkt, dass Maria keine weiteren Kinder hatte, in einer sehr gelehrten Monographie verteidigt.[3] Dabei konnte er noch schreiben, dass kein einziger katholischer Theologe die Brüder und Schwestern Jesu für leibliche Geschwister hielt, abgesehen von solchen Theologen, die ihre Verbindung mit der Kirche gelöst haben.[4] Das änderte sich 1975, als der katholische Theologe Lorenz Oberlinner und ein Jahr später der katholische Exeget Rudolf Pesch sich für die These von leiblichen Brüdern Jesu aussprachen. In der Folge stellten sich immer mehr katholische Theologen auf den Standpunkt, die Jungfräulichkeit Mariens sei überhaupt nur symbolisch zu verstehen.  1987 kam es dann aber zu einer schärferen Grenzziehung gegenüber solchen Versuchen, indem der katholischen Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde, weil sie unter anderem die Jungfrauengeburt als biologische Wirklichkeit ablehnte.  Meines Erachtens spricht die Schrift klar  dafür, dass Maria  immer  Jungfrau  blieb  und dass folglich Jesus ihr einziger Sohn  war.  Dies  möchte ich im folgenden begründen, indem ich die Argumente pro und contra durchgehe.

Argumente gegen die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens und ihre Widerlegung

1. Argument. Mt 1,18 heißt es von Maria und Josef: „Bevor sie zusammenkamen“ sei  Maria bereits schwanger gewe­sen. In der Wendung  „bevor sie zusammenkamen“ ist angedeutet, dass es ein geschlechtliches Zusammenkommen von Josef und Maria gegeben hat.
Selbst,  wenn  das  „Zusammenkommen“  hier geschlechtlich gemeint sein  sollte (was nicht ganz klar ist; es könnte auch die Heirat gemeint sein), so würde der Satz doch nichts darüber aussagen, ob Maria und Josef tatsächlich geschlechtlich zusammengekommen sind. Der Satz ist so zu verstehen wie der Satz: „Bevor er  frühstückte,  reiste er ab“, der nur aussagt, dass die Abreise unerwarteterweise  schon vor dem geplanten Frühstück stattfand (ob dann nach der Abreise noch ein wirkliches  Frühstück stattfinden konnte oder ob es ganz ausfallen musste, bleibt offen). Weil die griechische Satzkonstruktion (
prin e plus Infinitiv) hier kaum anders verstanden werden  kann, wird dieses Argument in der wissenschaftlichen Bibelauslegung meines Wissens auch nicht verwendet. Es ist das schwächste aller Argumente   gegen   die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens.

2. Argument.   Matthäus  schreibt  am Ende seines Berichtes über Jesu Geburt, Josef  habe  Maria  nicht „erkannt“, d. h. habe mit ihr keinen Geschlechtsverkehr  gehabt, „bis“  Jesus geboren wurde (Mt 1,25). In dem Wort „bis“ findet man angedeutet, dass Josef und Maria „nach“ Jesu Geburt miteinander geschlechtlich verkehrt haben.
Zunächst: Aus einer Aussage darüber, was „bis“ zu einem bestimmten  Zeitpunkt  geschah, kann man nicht ohne weiteres folgern, was „danach“ geschah.  Wenn z. B.  Jesus Mt 28,20 sagt: „Ich bleibe bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“, so wollte er damit nicht  andeuten, dass er seine Jünger nach Vollendung der Welt verlassen werde.   Der Zusammenhang zeigt zudem deutlich, dass Matthäus mit dem Satz Mt 1,25 etwas ganz anderes im Sinn hatte, als uns über das Eheleben von Maria und Josef nach Jesu Geburt zu informieren. Er zitiert zwei Verse zuvor die Verheißung Jesajas: „Siehe die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben“ (Mt 1,23 = Zitat aus Jes 7,14).
Hier wird also die Verheißung der Jungfrauengeburt mit der Verheißung der Namengebung gekoppelt. Genau entsprechend berichtet Matthäus  zwei Verse später über die Erfüllung dieser Prophezeiung:
„Und er erkannte sie nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Jesus.“ (Mt  1,25).
So ist klar, was Matthäus mit dem uns interessierenden Vers 25 bezweckt: Er berichtet über die getreue Erfüllung der Jesaja-Verheißung, die er offenbar so verstanden hat, dass die Mutter des Messias nicht nur als  Jungfrau empfangen, sondern auch als Jungfrau gebären sollte. So will Matthäus mit dem „bis“ sagen: Maria war, wie verheißen, nicht nur bei der Empfängnis, sondern auch bei Jesu Geburt noch Jungfrau. Die Frage, ob sie auch nach der Geburt Jungfrau blieb, liegt dann gar nicht mehr im Blickfeld des Matthäus, weil  sie auch nicht mehr im Blickfeld der Prophezeiung lag.[5]

3. Argument. „Und sie (Maria) gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen“ (Lk 2,7). Jesus wird hier als „Erstgeborener“ bezeichnet, also hatte Maria noch weitere Kinder.
Nach 2 Mose 13,2  sollte  die „Erstgeburt“ der Israeliten Gottes heiliges Eigentum sein. Daher galt der Titel „Erstgeborener“ als religiöser und gesetzlicher Vorzugstitel, mit dem besondere Vorrechte („Erstgeburtsrecht“)  und  auch  Pflichten verbunden waren (vergleiche 1 Mose 25,33; 5 Mose 21,15-17; Lk 2,22-23).
Dass auch der einzige Sohn im Sinne des alttestamentlichen Gesetzes ein  „Erstgeborener“  ist, kann nicht bezweifelt werden, denn gemäß  2  Mose 13,2 wird die Erstgeburt definiert als das, was „den Mutterschoß  öffnet“,  d. h. das zuerst Geborene, unabhängig davon, ob noch weitere Geburten folgen oder nicht. Lukas selber weist auf diese  Definition  hin (Lk 2,23). Laut Gesetz gilt also jeder einziggeborene Sohn als „Erstgeborener“.  Auch wenn Jesus keine nachgeborenen Brüder hatte, konnte demnach Lukas mit Recht Jesus als Mariens „Erstgeborenen“ bezeichnen.[6]
Warum aber  benutzte Lukas einen solchen möglicherweise doppeldeutigen Ausdruck, warum sagt er nicht  eindeutig, Jesus sei der „Einziggeborene“ Sohn Mariens gewesen? Der Grund war offenbar einfach der, dass Lukas ein wenig später  über  Jesu  Erstgeburtsweihe  berichten wollte (Lk 2,22-24).Was aber in Lk 2,7 darauf hindeutet, dass Jesus der einzige Sohn Marias war, ist das, was Lukas unmittelbar vor dem Titel des Erstgeborenen sagt: "Sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen". Im Griechischen Urtext heißt es wörtlich: "sie gebar den Sohn, (den) ihren, den Erstgeborenen" (eteken ton hyion autes ton prototokon). Lukas versieht das Wort "Sohn" also mit dem bestimmtem Artikel und nennt Jesus somit "den" Sohn Marias. Wäre der Satz hier zu Ende, so wäre ziemlich klar angedeutet, dass sie nur einen einzigen Sohn hatte, und diese Andeutung wird durch den nachgeschobenen Satzteil "den Erstgeborenen" nur unwesentlich abgeschwächt. Hätte Lukas andeuten wollen, dass später weitere Söhne dazugekommen sind, so hätte er hier den bestimmten Artikel vor "Sohn" tunlichst weglassen sollen. Er hätte dann schreiben können: "Sie gebar einen Sohn: ihren Erstgeborenen" (eteken hyion, ton prototokon autes). Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, das Wort "erstgeboren" als Adjektiv zu "Sohn" zu setzen, also zu schreiben: "Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn" (eteken ton prototokon hyion autes), das würde offen lassen, ob es noch nachgeborene Söhne gab. Da er aber auf solche zweideutigen Formulierungen verzichtet und statt dessen von "ihrem Sohn" bzw. "dem Sohn" Mariens spricht, liegt es hier eigentlich völlig fern, an weitere Söhne Mariens zu denken

4. Argument. Jesus hatte nach der Schrift Brüder und Schwestern. Vier dieser so genannten „Herrenbrüder“ werden in Mt 13,55 und Mk 6,3 namentlich genannt und heißen
1. Jakobus,
2. Josef (bei Mk: Joses)[7] ,
3. Simon und
4. Judas.
Auch dieses Argument ist nicht stichhaltig. Um zunächst die Möglichkeit einzusehen, dass diese Brüder und Schwestern Jesu entferntere Verwandte Jesu  gewesen sein können, muss man wissen, dass es in der Sprache des Alten Testaments (Hebräisch) und ebenso in der Sprache Jesu (Aramäisch) für Verwandschaftsbezeichnungen  wie „Vetter“, „Neffe“ usw. kein eigenes Wort gab: Man bezeichnete man alle möglichen Verwandten kurz als „Brüder“ und „Schwestern“. Dies kann man im Alten Testament durch zahlreiche Beispiele belegen. Beispielsweise war Lot nach 1 Mose 11,27 der Neffe Abrahams. Trotzdem redete ihn Abraham als „Bruder“ an (1 Mose 14,16). Ein zweites Beispiel ist 1 Chr 23,21-22:
 „Die Söhne Machlis waren Eleasar und Kisch. Eleasar ... hatte nur Töchter, und diese heirateten die Söhne des    Kisch, ihre  Brüder“.
Wie aus dem Zitat hervorgeht, waren die Söhne des Kisch in Wirklichkeit Vettern der Töchter des Eleasar. Nun ist die Sprache des  Neuen Testaments Griechisch.  Wir müssen also fragen, ob auch im  Griechischen für nahe Verwandte die Bezeichnungen „Brüder“ und „Schwestern“ in Frage kommen. Dies ist zwar im Normalfall zu verneinen, denn es gibt  im  Griechischen  für solche Verwandte exakte Bezeichnungen. Doch  für  jüdisch geprägte griechische Texte (z. B. Übersetzungen) gilt dasselbe wie für hebräische und aramäische. Ein Beleg hierfür ist die vorchristliche griechische Übersetzung des Alten Testaments,  wo – ebenso wie im Original – in 1 Mose 14,16 und 2 Chr 23,21-22 das Wort „Bruder“ für Neffe  bzw. für Vetter steht. Somit ist die Möglichkeit, dass es sich bei den  „Brüdern“ und „Schwestern“ Jesu im Neuen Testament um Vettern und Basen gehandelt haben könnte, tatsächlich gegeben. Darüberhinaus muss man  bedenken, dass Josef, der Nährvater Jesu, zur Zeit des öffentlichen Auftretens Jesu wahrscheinlich  nicht  mehr  am Leben war  (was man aus Schriftstellen wie Mk 3,31-35; Joh 2,1-12; Joh 19,25-27; Apg 1,13-14 folgern kann), so dass   sich die  Witwe Maria wahrscheinlich dem Haushalt  und der Familie eines nahen Verwandten angeschossen haben wird. Jesus wäre dann zusammen mit den Kindern dieser Gastfamilie aufgewachsen, die dann von den Leuten beständig als Jesu „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet wurden, und zwar, falls Jesus keine leiblichen Brüder und Schwestern hatte, in einem exklusiven Sinn. 
Man braucht nun aber nicht bei der Zurückweisung des Arguments stehenzubleiben, sondern kann positiv aus der Schrift darlegen, dass die „Brüder“ und  „Schwestern“ Jesu keine leiblichen Geschwister Jesu waren:

Schriftbeweis für die Tatsache, dass Jesus keine leiblichen Geschwister hatte

Zunächst gibt es  ein entscheidendes Argument dafür, dass wenigstens zwei der namentlich bekannten Brüder keine leiblichen Brüder Jesu waren: Jakobus und Josef  (= Joses).  Unter den Zeugen der Kreuzigung Jesu wird nämlich in Mt 27,56 und Mk 15,40, eine Frau namens „Maria, die Mutter des Jakobus (bei Mk: Jakobus des Kleinen) und des Josef (bei Mk: des Joses)“ erwähnt, und es lässt sich zweierlei zeigen:
1. Diese  Maria  ist  die  Mutter der zwei „Brüder“ Jesu mit Namen Jakobus und Joses/Josef.
2. Diese Maria ist aber nicht die Mutter Jesu.

Zu 1. Ein aufmerksamer Leser,  der  das Matthäusevangelium bis Mt 27,56 gelesen hat und hier auf „Maria, die Mutter des Jakobus und Josef“ stößt, fragt sich unwillkürlich, ob zuvor schon im Evangelium von „Jakobus und Josef“ die Rede war. Wenn er zurückblättert, findet er tatsächlich eine (und nur eine einzige) Stelle, wo diese Namen auftauchen, und zwar in genau derselben Reihenfolge. Diese Stelle ist Mt 13,55, wo die ersten beiden Brüder Jesu „Jakobus und Josef“ heißen. Man wird also  zu dem  Schluss kommen, dass es sich Mt 13,55 und Mt 27,56 um dieselben Personen handelt, so dass folglich „Maria, die Mutter des Jakobus und Josef“ aus Mt 27,56 die Mutter zweier Brüder Jesu ist. Ebenso ergeht  es  dem Leser des Markusevangeliums, der Mk 15,40 auf „Maria, die Mutter des Jakobus des Kleinen und Joses“ stößt, und dann beim Zurückblättern auf Mk 6,3 kommt,  wo die ersten zwei Brüder Jesu so heißen. Die Schlussfolgerung, dass Jakobus und Joses in Mk 6,3 mit den gleichnamigen Personen in Mk 15,40 identisch sind, wird noch zwingender, wenn man beachtet, dass „Joses“ eine ausgesprochen  seltene Nebenform des Namens Josef war, die im ganzen Neuen Testament nur in Mk  6,3 und Mk 15,40 vorkommt. Somit können wir schließen: Die in Mt 27,56 und Mk 15,40 als Zeugin der Kreuzigung aufgeführte Maria ist die Mutter der Brüder Jesu mit Namen Jakobus und Josef/Joses.

Zu 2. Diese Maria kann aber nicht Maria, die Mutter Jesu  sein.  Zwar war Jesu Mutter nach Joh 19,25 ebenfalls bei der Kreuzigung  Jesu  anwesend.  Doch  was die Gleichsetzung unmöglich macht, ist ganz einfach die Bezeichnung „Maria, Mutter des Jakobus und  Josef bzw. Joses“. Denn wenn es darum geht, eine Person durch Angabe ihrer  Angehörigen zu kennzeichnen, so nimmt man zu diesem Zweck natürlich stets die berühmtesten Angehörigen (es sei denn, man hätte einen besonderen Grund, dies nicht zu tun). Nun hatte Jesu Mutter keinen berühmteren Angehörigen als Jesus. Was hätte also  einen Evangelisten bewegen können, sie als Verwandte des Jakobus und Joses zu bezeichnen? Jakobus und Joses spielten im Kreuzigungsgeschehen überhaupt keine Rolle: Ihre Erwähnung  dient also  hier allein der Personenkennzeichnung. Auch sonst ist kein plausibler Grund für eine Vermeidung der Kennzeichnung der Mutter Jesu durch Jesus zu erkennen: Sie wird sonst immer „Mutter Jesu“ oder „seine Mutter“ genannt, auch am Kreuz (Joh 19,25)  und  nach  der Kreuzigung (Apg 1,14). Dazu kommt noch, dass Matthäus,  der  bei der Kreuzigung in Mt 27,56 „Maria, die Mutter des Jakobus und Josef“ zusammen mit „Maria aus Magdala“ aufführt, diese beiden Marien einige Verse später bei der Grablebung und beim Besuch des leeren Grabes als „Maria Magdalena und die andere Maria“ zusammenfasst (Mt 27,61 und 28,1). Eine so blasse Bezeichnung  wie „die andere Maria“ für die Mutter Jesu dürfte nun völlig ausgeschlossen sein. Wäre Jesu Mutter gemeint, so hätte der Evangelist sie sicher als solche bezeichnet und zudem  vor Maria Magdalena erwähnt.  Es kann sich also nicht um Jesu Mutter handeln.[8]
Somit  waren  Jakobus  und  Josef/Joses  keine Söhne Mariens, der Mutter Jesu, d. h. sie waren keine leiblichen Brüder Jesu mütterlicherseits. Können sie dann seine Halbbrüder väterlicherseits sein, also  Söhne Josefs aus einer früheren Ehe, wie es teilweise in der ostkirchlichen Tradition  angenommen wurde? Das wäre nun eine absurde Annahme. Denn da die Mutter der Brüder Jesu bei der Kreuzigung Jesu noch am Leben war, müsste Josef unter dieser Annahme entweder mit den beiden Marien zugleich verheiratet gewesen sein oder er müsste die eine aus der Ehe entlassen und zu ihren Lebzeiten die andere geheiratet haben. Beides hätte wohl im Neuen Testament Spuren hinterlassen, und Josef wäre nicht so gerühmt worden wie in Mt 1,19.
Damit ist insgesamt klar, dass Jakobus und Josef/Joses keine leiblichen Brüder Jesu waren, weil sie weder Jesu Mutter als Mutter, noch Josef als Vater hatten.  Wie  ist  es aber nun mit den anderen beiden namentlich bekannten „Brüdern“ Jesu, mit Simon und Judas? Dass weder diese noch eventuelle andere, nicht namentlich genannte „Brüder und Schwestern“ Jesu leibliche  Geschwister des Herrn gewesen sein können, kann man nun leicht einsehen. Als Jesus in seiner Heimatstadt predigte, riefen die  Leute: „Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine  Mutter  Maria und (heißen nicht)  seine Brüder Jakobus und Josef und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns?“ (Mt 13,55,  vgl.  Mk  6,3). Die Nazarener zählen hier voll ungläubigen Erstaunens über den Ruhm Jesu offenbar seine allernächsten Verwandten auf, beginnend dem „Zimmermann“, den sie für seinen Vater hielten, und seiner Mutter Maria. Nach der Aufzählung von Vater und Mutter müsste man unmittelbar die leiblichen Geschwister  erwarten, falls es solche gab. Nun kommen aber nach Vater  und Mutter in der Aufzählung sofort Jakobus und Josef, von denen wir nach den obigen Ausführungen wissen, dass es nichtleibliche „Brüder“ Jesu waren.  Es widerspräche nun jeglicher Logik, wenn nach der Nennung dieser zwei entfernteren Verwandten noch leibliche Geschwister Jesu genannt würden. So kann man schließen: Waren die erstgenannten „Brüder“ Jakobus und Josef keine leiblichen Geschwister Jesu, so waren erst recht auch die letztgenannten „Brüder“  Simon und  Judas keine solchen. Und man darf weiter folgern: Also hatte er überhaupt keine leiblichen Geschwister.

Ein zweites beachtliches Argument dafür, dass Maria außer Jesus keine Kinder hatte, ist Joh 19,25-27: Der sterbende Jesus übergibt Maria seinem „Lieblingsjünger“ (womit wahrscheinlich Johannes gemeint ist) zur Obhut. „Und von jener Stunde an“, so lesen wir, „nahm sie der Jünger zu  sich“. Hätte Maria noch leibliche Söhne gehabt, so hätten diese aber das  Recht  und  die Pflicht gehabt, für die Mutter Jesu zu sorgen, und Jesus hätte sie nicht dem Johannes übergeben können, ohne  die  leiblichen  Brüder  zu brüskieren. Schlimmer noch: Jesus hätte seinen leiblichen Brüdern geradezu das Recht abgesprochen, in Maria weiterhin ihre Mutter zu sehen.[9]
Denn Jesus sagt an dieser Stelle nicht nur zu Johannes, dass er Maria als seine Mutter ansehen soll, sondern auch umgekehrt zu Maria: „Siehe, dein  Sohn“, und in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen  „Siehe, der Sohn dein“ (mit Artikel).[10] Der Artikel deutet an, dass Johannes nach Jesu Tod der alleinige Sohn Mariens sein sollte. Entweder hatte also Jesus keine leiblichen Brüder oder diese sollten von nun an ihre Verbindung zu Maria als aufgelöst betrachten. Diejenigen, die leibliche Brüder Jesu annehmen, sollten sich daher überlegen, ob es einen Grund für eine so harte Maßnahme Jesu gegen seine leiblichen Brüder geben konnte. Theodor Zahn meinte, den Grund benennen zu können: Weil seine Brüder nicht an ihn glaubten (Joh 7,5), musste Jesus seine Mutter dem Johannes anvertrauen. Aber so tief kann der Unglaube der Brüder Jesu nicht gewesen sein, denn wir sehen sie gleich nach Jesu Auferstehung in den Reihen der Gläubigen (Apg 1,14). Der einzig plausible Grund für diese letzte Verfügung Jesu betreffs seiner Mutter scheint also der zu sein, dass er sie als alleinstehende Witwe zurücklies.

Exkurs über den Vater der „Brüder“ Jesu

Es ergeben sich nun interessante weitere Einzelheiten über die Familienverhältnisse der „Brüder Jesu“, wenn wir die Aussagen des Johannesevangelium über die Frauen unter dem Kreuz heranziehen und diese mit den Aussagen von Markus und Matthäus vergleichen. Matthäus und Markus erwähnen (in Mt 27,55f und Mk 15,40) unter den Zeugen der Kreuzigung  zwei Frauen namens Maria:
- Maria von Magdala, und
- Maria, die Mutter zweier Brüder Jesu (Jakobus und Josef/Joses).
Johannes erwähnt (nach der wahrscheinlichsten Deutung) drei Frauen (in Joh 19,25):
- Maria, die Mutter Jesu,
- "die Schwester seiner Mutter, Maria, die [Frau] des Klopas"[11],
- Maria von Magdala.
Da nun der Bericht des Johannesevangeliums auf einen unmittelbaren Augenzeugen der Kreuzigung zurückgeht (Joh 19,35), ist es wahrscheinlich, dass die beiden von Markus und Matthäus erwähnten Frauen (die sicher in der Urkirche eine wichtige Rolle spielten) hier ebenfalls erwähnt werden, insbesondere sollte dann also „Maria, die Mutter des Jakobus und Josef/Joses“ eine der drei von Johannes erwähnten Frauen namens Maria sein. Wie wir gesehen haben, kann aber „Maria, die Mutter des Jakobus und Josef/Joses“ nicht die Mutter Jesu sein und natürlich ist sie auch nicht mit Maria von Magdala identisch (da sie von dieser bei Markus und Matthäus unterschieden wird). Dann bleibt aber nur übrig, dass sie mit „Maria, die Schwester seiner Mutter und die Frau des Klopas“ gleichgesetzt werden muss. Dazu passt nun, dass diese Maria als „Schwester“ der Mutter Jesu (was hier nur „Verwandte“ heißen kann, weil ja leibliche Schwestern nicht beide Maria heißen können) mit Maria verwandt war. Denn von  „Maria, der Mutter des Jakobus und Josef/Joses“ wissen wir ja ebenfalls, dass sie als Mutter von „Brüdern“ (nahen Verwandten) Jesu ebenfalls mit Maria verwandt sein muss. Ist also diese Kombination richtig, so folgt, dass der Vater der „Brüder“ Jesu wahrscheinlich  Klopas hieß.

Eine wichtige Stütze erhält diese Kombination aus einer nachbiblischen Quelle: den Erinnerungen des Hegesipp (um 180 n. Chr.), aus denen  in der Kirchengeschichte des Eusebius Fragmente erhalten sind.  Dort wird bezeugt, dass der Herrenbruder Jakobus der erste Bischof von Jerusalem war, und dass ihm Simon, der Sohn des Klopas nachfolgte. Wörtlich heißt es:
„Nachdem Jakobus der Gerechte ... als Märtyrer gestorben war, ... wird wiederum Symeon, ... der Sohn des Klopas, zum Bischof eingesetzt. Alle schlugen ihn vor, weil er ein zweiter Vetter des Herrn war".[12]
Damit erklärt Hegesipp auch den Herrenbruder Jakobus zum „Vetter“ des Herrn, denn wenn Symeon der „zweite“ Vetter war, muss es einen ersten geben, und dieser ist dem Zusammenhang nach Jakobus. Diese Stelle wird von einigen Übersetzern um ihre Beweiskraft gebracht, indem „zweiter Vetter“ gestrichen wird; statt dessen liest man, dass Symeon zum „zweiten Bischof“ gemacht wurde. Es handelt sich um ein sprachlich kaum mögliches Verständnis des griechischen Textes, und das hartnäckige Beharren vieler Übersetzer auf diesem Verständnis seit Theodor Zahn ist wohl darauf zurückzuführen, dass sie Jakobus für einen Vollbruder Jesu halten und ein entgegenstehendes Zeugnis des Hegesipp nicht akzeptieren wollen (siehe dazu Blinzler, Die Brüder und Schwestern Jesu S. 105-108).  Da Hegesipp mit Jakobus und Symeon (= Simon) hier offenbar die im Neuen Testament genannten Herrenbrüder meint,  ist hier also bezeugt, dass (1) Klopas der Vater des Herrenbruders Simon war,[13]  und (2) Jakobus ebenso wie Simon ein Vetter des Herrn (ob der Vater des Jakobus ebenfalls Klopas war, bleibt allerdings unklar).

Daneben gibt es nun aber noch eine andere Argumentation, die auf einen Mann namens Alphäus als Vater von  „Brüdern“ Jesu schließen lässt. Nach der Apostel-Liste Apg 1,13 (ähnlich Lk 6,14-16)  gehörten nämlich zu den zwölf Aposteln: „Jakobus [Sohn] des Alphäus und Simon der Zelot und Judas des Jakobus“. Demnach gab es drei Apostel mit Namen Jakobus, Simon und Judas, welche dieselben Namen haben und in derselben Reihenfolge genannt werden wie drei der vier namentlich bekannten Brüder Jesu in Mt 13,55. Waren es diese Brüder? Dafür spricht neben der Namensgleichheit, dass die drei Apostel hier anscheinend als untereinander verwandt beschrieben werden,[14] und dass wir über diese drei Apostel fast gar keine Nachrichten hätten, wenn wir sie nicht mit den Herrenbrüdern gleichen Namens gleichsetzen.[15] Die früher oft übliche These von der Gleichsetzung von Brüdern Jesu mit Aposteln ist allerdings nicht ganz unproblematisch und wird darum heute überwiegend (z. B. auch schon von Josef Blinzler) abgelehnt. Aber die Schwierigkeiten werden oft übertrieben und sind meines Erachtens keine vollkommen überzeugende Beweise gegen die Gleichsetzung.[16] Als Vater der Herrenbrüder kommt somit also möglicherweise neben Klopas auch Alphäus in Frage.
Könnte man beides vereinbaren? Da die beiden Namen ziemlich ähnlich klingen, könnte es sich um ein und dieselbe Person handeln. Man kann diesbezüglich vier Hypothesen unterscheiden:

1. Nach der Gleichnamigkeits-Hypothese handelt es sich tatsächlich um ein und denselben semitischen  Namen „Chalpai“ mit hartem „Ch“. Da das Griechische kein hartes „Ch“ kennt, wird dieser Buchstabe entweder weggelassen (so kommt „Aphäus“ zustande) oder er wird zum „K“ und man erhält „Klopas“.
2. Eine andere Möglichkeit wäre die Wechselnamigkeits-Hypothese. Wechselnamigkeit besagt, dass jemand zwei verschiedene, aber ähnlich klingende Namen aus verschiedenen Sprachen hat. (z. B. Ludwig-Luzius). Solche Wechselnamigkeit kam bei den Juden der Zeit Jesu häufiger vor, indem diese außer ihrem angestammten semitischen Namen noch einen griechischen, ähnlich klingenden annahmen. So könnte der Jude Chalpai (= Alphäus) zugleich den Namen Kleopatras = Kleophas = Klopas angenommen haben.
3. Davon zu  unterscheiden ist die Hypothese der Doppelnamigkeit, wonach derselbe Mann zwei semitische Namen hatte: Chalpai  (= Alphäus) und Klopa (= Klopas).
4. Schließlich könnte es auch sein, dass es sich um zwei Personen handelt. Dieser Hypothese zufolge wäre Maria, die Mutter der Herrenbrüder zuerst mit Alphäus verheiratet gewesen (wobei aus dieser Ehe  Jakobus hervorging) und hätte dann nach dem Tod des Alphäus den Klopas geheiratet (der dann eventuell der Vater anderen Herrenbrüder war; nach Hegesipp stammt ja  Simon von Klopas ab).
Endgültige Klarheit ist hier wohl nicht zu gewinnen, wenn keine neuen Quellen entdeckt werden.

Argumente für die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens

Wir haben gesehen, dass keines der gegen die immerwährenden Jungfräulichketi Mariens vorgebrachten Argumente stichhaltig ist.  Damit ist jedoch noch  nicht positiv  gezeigt, dass Maria nach Jesu Geburt Jungfrau blieb. Die wichtigsten Argumente, welche die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens positiv untermauern, sind nun folgende.
1. Eine  starke psychologische Motivation für vollständige Enthaltsamkeit  könnte  man in der jungfräulichen Empfängnis Jesu sehen. Nimmt man die in der Schrift eindeutig bezeugte jungfräuliche Empfängnis  Jesu  als  Tatsache ernst (Mt 1,18-24; Lk 1,26-38), so wird  man  zugeben, dass dieses Ereignis auf Maria und Josef einen tiefen  Eindruck  hinterlassen haben muss. Maria war Braut des Heiligen Geistes geworden, der sie „überschattet“ hatte (Lk 1,35). Konnten nach einem solchen Gotteserlebnis noch  andere  Interessen in ihr aufkommen wie etwa das Verlangen nach ehelichem Verkehr mit Josef? Auch Josef dürfte sich  nach  der jungfräulichen Empfängnis Jesu gescheut haben, mit Maria wie mit einer gewöhnlichen Ehefrau umzugehen, selbst wenn er dies  ursprünglich vorgehabt  haben sollte. So wäre also bei Maria und Josef der Entschluss zur ehelichen Enthaltsamkeit psychologisch gut nachvollziehbar.
2. Sodann lassen sich für  die  immerwährende  Jungfräulichkeit Mariens viele „Angemessenheitsgründe“ angeführen, unter anderem etwa das folgende:  Der Stand, der am meisten angemessen ist für die Aufgabe, Mutter Christi zu sein, d. h. den Sohn Gottes aufzuziehen und auf seinem Weg ins Leben zu begleiten, scheint der Stand der Jungfräulichkeit  zu sein, wo keine anderen Interessen Platz haben als Gott  allein, wo das Herz „ungeteilt“ und ganz Gott gehört (vgl. 1 Kor  7,32-34).  Daher hat Gott Maria wahrscheinlich zu einer jungfräulichen Lebensweise berufen.
3. Gibt es aber, so wird gefragt, kein Schriftwort, aus dem sich die  immerwährende Jungfräulichkeit auf direktem Wege und klar erweisen  lässt? Früher war die katholische Theologie allgemein davon überzeugt,  dass es eine solche Schriftstelle gibt: Mariens Frage an den  Engel.  Als der Engel ankündigt, sie werde Christus empfangen (Lk 1,26-33) fragt Maria nämlich (Vers 34): „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne“? Diese Frage Mariens hat oft schon Erstaunen  ausgelöst.  Warum  fragt  sie nach dem „wie“, und warum sagt sie, dass sie „keinen Mann“ erkenne, da sie doch bereits mit Josef verlobt war (Lk 1,27), so dass die Heirat bald erfolgen musste? Musste sie nicht zunächst einmal davon ausgehen, dass sie das Kind nach ihrer Heirat von Josef empfangen sollte? Der Engel sagt ja nicht: „Du wirst jetzt sofort  empfangen“, sondern er benutzt die unbestimmte Zukunftsform „du wirst empfangen“.  Die einzige Erklärung scheint hier die Annahme zu sein, dass Maria den Vorsatz gefasst hatte, in ihrer Ehe mit Josef jungfräulich zu bleiben. Wieso war sie dann verlobt? Es sind mehrere Gründe denkbar. Zum Beispiel könnte die Heirat von den Eltern beschlossen worden sein. Vielleicht war die Situation auch so, dass Maria keine Brüder hatte und deshalb nach dem Gesetz einen Verwandten aus  der väterlichen Sippe heiraten musste, damit der Erbbesitz ihres Vaters  nicht  auf  eine  andere Sippe überging (siehe 4 Mose 27,6-11  und 36,6-12). Maria könnte also in aller Stille den Vorsatz  zur  bleibenden Jungfräulichkeit gefasst haben und dennoch zu der von den Eltern bestimmten oder vom Gesetz vorgeschriebenen Ehe ihre Zustimmung gegeben haben, nachdem sie sich mit Josef auf eine jungfräuliche Ehe geeinigt hatte. Vor diesem Hintergrund würde die Frage Mariens verständlich. „Wie soll das geschehen“, fragt sie, da sie  „keinen  Mann“ erkenne, d. h. da sie bisher glaubte, zur jungfräulichen Lebensweise berufen zu sein. So gesehen zeigt die Frage,  dass Maria nun eventuell bereit ist, ihren Jungfräulichkeitsvorsatz aufzugeben, falls Gott das wünschen sollte. Aber der Engel antwortet ihr, dass sie unter Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit empfangen sollte.  Nun konnte sie sicher sein, dass ihr Vorsatz Gott gefällt.  Ist  diese  Deutung richtig, so spricht alles dafür, dass Maria diesem ihren Vorsatz auch nach Christi Geburt treu geblieben ist, womit dann ihre immerwährende Jungfräulichkeit bewiesen wäre.
Allerdings   werden   heute    auch  von  vielen  katholischen Bibelgelehrten    gegen  diese  Auslegung starke Bedenken geltend gemacht, die man in zwei Punkten zusammenfassen kann: Man  sagt erstens, dass den Juden das Ideal der Jungfräulichkeit fremd war, man zählte vielmehr die Ehe und die Kinderzeugung zu den religiösen Pflichten. Daher könne ein solcher Vorsatz auch bei Maria nicht  angenommen  werden. Doch wird dabei übersehen, dass nicht alle Schichten des Judentums das Ideal der Jungfräulichkeit ablehnten. Schon im Alten Israel war eine religiös begründete geschlechtliche Enthaltsamkeit  durchaus  bekannt: Das Volk musste drei Tage vor  dem  Bundesschluß am Sinai enthaltsam leben (2 Mose 19,14) und der Priester Abimelech verlangte vor dem Essen der heiligen Brote  von  David  und  seinen  Soldaten  Enthaltsamkeit (1 Sam 21,5). Lukas  berichtet ferner von einer 84-jährigen jüdischen Witwe  namens Hanna, die im Tempel diente und nach siebenjähriger Ehe im Witwenstand verblieben war – offenbar aus Hochschätzung  für  den  jungfräulichen Dienst vor Gott. Mehr noch: Zur  Zeit Jesu gab es eine Gruppe im Judentum, deren Angehörige „Essener“  genannt  wurden, und die aus religiösem Antrieb ganz auf  die  Ehe verzichteten. Dasselbe gilt für eine von Philo von Alexandrien beschriebene Gruppe von Juden, die in Ägypten lebten und sich „Therapeuten“ nannten. Darüber hinaus kennen wir gerade in  der  Verwandschaft  Mariens  einen  Fall von entschiedener Jungfräulichkeit  um des Himmelreichs willen: Johannes der Täufer, Jesu  Vorläufer, war mit Maria verwandt (Lk 1,34-36; 57-63) und lebte  höchstwahrscheinlich  jungfräulich (Lk 1,80), ebenso wie schließlich Jesus  selbst (Mt 8,20; Lk 14,26; Mt 19,12). In diesem Umfeld ist es also nicht unmöglich, dass auch Maria das Jungfräulichkeitsideal kannte.[17]
Zweitens wird behauptet, dass sich die Verheißung des Engels auf die Gegenwart bezieht (im Sinne von: “Du wirst sogleich schwanger  werden“), so dass die Frage Mariens „wie soll das geschehen“ lediglich  besagt:  „soll  ich etwa schon vor der Ehe mit Josef verkehren?“  Doch  mir  scheint der Text diese Deutung nicht zu stützen.  Denn  in der Ankündigung des Engels ist nun einmal keine Zeitbestimmung  enthalten. Auch  sagt Maria ohne jede Einschränkung: „Ich erkenne keinen Mann“, und nicht, wie man erwarten würde, wenn jene Deutung richtig wäre: „ich erkenne noch keinen Mann“.[18]  Sobald  man sich daher das Zwiegespräch zwischen Maria und dem Engel  als  wörtlich  so geschehen vorstellt, stößt man bei dem Versuch,  die  psychologischen Voraussetzungen der Frage Mariens und  ihrer  kategorischen Aussage „ich erkenne keinen Mann“ zu ergründen, auf die Schwierigkeit, dass eine verlobte Frau, die eine normale Ehe führen  wollte,  so  etwas  gar nicht sagen konnte.[19]
So lässt sich also nicht wegerklären, dass der Dialog zwischen Maria und dem Engel Lk 1,26-38 den Gedanken nahelegt, dass Maria nicht nur Jungfrau war, sondern auch für immer bleiben wollte und sollte.

* Überarbeitete Fassung der Veröffentlichung in: Theologisches, Jahrgang 37, Nr. 11/12 2007, 393-404.


[1] So heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche aus dem Jahre 1993, dass Maria „stets wirklich Jungfrau  geblieben ist“  (Nr. 499), und zu den in der Schrift erwähnten Brüdern und Schwestern Jesu heißt es (ebd. Nr. 500): “Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, dass sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen. In der Tat sind Jakobus und Josef, die als ‚Brüder Jesu’ bezeichnet werden (Mt 13,55), die Söhne einer Maria, welche Jüngerin Jesu war und bezeichnenderweise ‚die andere Maria’ genannt wird (Mt 28,1). Gemäß einer bekannten Ausdrucksweise des Alten Testaments handelt es sich dabei um nahe Verwandte Jesu“  (vgl. auch das Kompendium zum Katechismus aus dem Jahre 2005, Nr. 99).


[2] Theodor Zahn, Brüder und Vettern Jesu, in: Forschungen zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons und der altchristlichen Literatur, Band IV, Leipzig, 1900, S. 225-364.

 

[3] Grundlegend vor allem: Josef Blinzler, Die Brüder und Schwestern Jesu,  Stuttgart, 1967.

 

[4] Ebd. S. 11-12 .

 

[5] Der hier vorliegenden Sachverhalt lässt sich durch folgende Parallele erläutern.  Angenommen, ein Prophet begegnet  einem Bettler und verkündet: „Du wirst Millionär werden, ohne dafür arbeiten zu müssen“. Nachdem dies eingetroffen ist (beispielsweise durch einen Lottogewinn), könnte man in einem Bericht darüber folgendes sagen: „Es geschah so, wie der Prophet gesagt hatte: Der Bettler blieb untätig, bis er im Lotto gewann“. Wer so berichtet, will sicher nicht andeuten, dass der ehemalige Bettler, nachdem er nun zu Geld gekommen war, seine Untätigkeit aufgab und anfing zu arbeiteten; es ist mit der Berichterstattung vereinbar, dass er immerwährend untätig blieb. Die Aussage zieht nur den Zeitraum bis zum Geldgewinn des Bettlers in Betracht, d. h. bis zum Schlusspunkt der Prophezeiung, und willbestätigen, dass sie eingetroffen  ist.  Genauso betont Matthäus in Mt 1,25, dass Maria gemäß der Verheißung Jesajas bei der Geburt Jesu noch Jungfrau war und insofern „bis“ zur Geburt keinen Verkehr mit Josef hatte, ohne damit irgendetwas über das „danach“ aussagen zu wollen.

 

[6] Josef  Blinzler hat noch auf einen klaren Beleg hingewiesen, dass ein Einziggeborener im Judentum als Erstgeborener bezeichnet werden konnte: Auf einem jüdischen Grabstein einer jungen Frau fand man die Aufschrift: „Bei den Geburtswehen meines erstgeborenen Kindes führte mich das Schicksal an das Ende meines Lebens“ (Blinzler, Die Brüder und Schwestern Jesu, S. 57).

 

[7] „Joses“ ist eine seltene Nebenform des Namens „Josef“, wahrscheinlich ein Kosename.


[8] Dies lässt sich noch durch zwei weitere Gründe untermauern: Erstens gehörte Maria, die Mutter des Jakobus und Josef/Joses zu den Frauen, die Jesus, „als er noch in Galiläa war, nachfolgten und ihm dienten“ (Mk 15,41). Maria, die Mutter Jesu scheint dagegen nicht zu Jesu ständigen Begleitern gehört zu haben (vgl. Mk 3,31-35). Zweitens war Jesu Mutter nach dem Zeugnis des Johannes zwar ebenfalls bei der Kreuzigung anwesend, aber sie  stand sie so nahe beim Kreuz, dass Jesus mit ihr reden konnte (Joh 19,25-27), während von Maria, der Mutter des Jakobus und Joses  gesagt wird, dass sie „von ferne“ zuschaute (Mt 27,55; Mk 15,40).

 

[9] Darauf hat zu Recht Josef Blinzler hingewiesen (Die Brüder und Schwestern Jesu  S. 70).

 

[10] Hätte Jesus seinen Jünger Johannes nur in die Schar der Söhne Mariens einreihen wollen, so hätte er sagen müssen „siehe, ein Sohn von dir“, was im Griechischen einfach durch Weglassen des Artikels gesagt werden kann.

 

[11] Man streitet darüber, ob  die „Schwester seiner Mutter“ und „Maria, die Frau des Klopas“ hier ein oder zwei Personen sind. Dafür, dass von einer Person die Rede ist, sprechen vor allem zwei Gründe:

a) Johannes setzt zwischen die Bezeichnungen hier kein „und“, was er sonst bei Aufzählungen immer tut, auch dort, wo es nicht notwendig wäre (wie etwa in Joh 2,12 und 21,2).

b) Wäre von zwei Personen die Rede, so wäre „Maria, die Frau des Klopas“ eine Person, deren Bezug zu Jesus ungenannt bliebe, so dass der nicht eingeweihte Leser damit nichts anfangen könnte.

 

[12] Eusebius, Kirchengeschichte VI, 22, 4.

 

[13]  Nach Hegesipp war dieser Klopas außerdem ein Bruder Josefs, des Nährvaters Jesu (vgl. Eusebius, Kirchengeschichte 3,11).

 

[14] „Judas des Jakobus“ könnte entweder „Judas, Sohn des Jakobus“ oder „Judas, Bruder des Jakobus“ bedeuten, wobei  mit Jakobus hier naheliegenderweise der Alphäussohn Jakobus gemeint ist, weil dieser ja gerade eben genannt war.  Wahrscheinlich ist „Bruder des Jakobus“ gemeint, weil sonst Vater und Sohn zugleich Apostel gewesen wären. Zwischen „Jakobus, [Sohn] des Alphäus“ und „Judas des Jakobus“ steht aber noch Simon, und es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kennzeichnung „des Jakobus“ sich nicht nur auf Judas, sondern zugleich auch auf Simon beziehen soll. Man könnte die Aufzählung dann also so verstehen: „Jakobus, [Sohn] des Alphäus, Simon der Zelot und Judas [die Brüder bzw.\ Angehörigen] des Jakobus“. Damit wären die drei Apostel untereinander verwandt.

 

[15] Die Herrenbrüder waren hingegen bedeutende Persönlichkeiten der Urkirche: Jakobs und Simon waren die ersten beiden  Bischöfe von Jerusalem (wie wir von Hegesipp wissen), während von Judas ebenso wie von Jakobus ein neutestamentlicher Brief erhalten ist.

 

[16] Es sind im Wesentlichen zwei Schwierigkeiten: Erstens werden die Brüder Jesu als anfänglich ungläubig bezeichnet  (Joh 7,5). Aber gilt dies nicht auch für die Apostel? – Zweitens werden die Brüder Jesu werden oft verbal von den Aposteln oder Jüngern getrennt oder stehen sich sogar einander gegenüber (vgl. Mk 3,20f, Joh 2,12, Apg 1,13-14 und 1 Kor 9,5). Aber man muss einerseits damit rechnen, dass bei solchen Gegenüberstellungen entweder mit Jüngern bzw.  Aposteln nicht der  vollständige Apostelkreis gemeint ist (die drei Brüder könnten zu Aposteln ernannt worden sein, ohne dass sie dies von Anfang an ernst nahmen und Jesus tatsächlich begleiteten), und/oder dass zu den Brüdern Jesu ein größerer Kreis von Verwandten Jesu gerechnet wird, von dem  der überwiegende Teil den Aposteln gegenübersteht mit Ausnahme der drei zu Aposteln berufenen Brüder, die man hier außer Acht lässt.


[17] Man vergleiche auch das Eintreten des Juden Paulus für die Jungfräulichkeit in 1 Kor 7. Bemerkenswert ist vor allem  Vers 37: „ ... wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Jungfrau unberührt zu lassen, handelt richtig“. Hier ist  anscheinend von der Bewahrung der Jungfräulichkeit in einer nach außen hin wie eine Ehe geführten Beziehung die Rede, ähnlich wie es im Fall von Maria und Josef gewesen sein könnte.

 

[18] Im Griechischen heißt es wörtlich: „einen Mann erkenne ich nicht“. Hier hätte Lukas einfach "oupo" (noch nicht) statt „ou“ (nicht) schreiben können.

 

[19] Man entgeht dieser  Schwierigkeit nur, wenn man das Gespräch mit dem Engel als  von Lukas erfunden betrachtet, also als Stilmittel, mit dem Lukas nichts weiter klarmachen wollte als dass Jesus der von einer Jungfrau  empfangene  Sohn Gottes war. In dieser Sicht wäre die  Frage  Mariens  nur  eine bloße Überleitung zur Antwort des Engels. Doch gerade auch dann, wenn Lukas den Dialog in den Einzelheiten selbst gestaltet haben sollte, schiene es angemessen,  in  der  Frage  Mariens  eine Unterstreichung ihres Jungfrau-Seins  zu  sehen  und womöglich einen Niederschlag der Kunde,  dass  Jesu  Eltern eine jungfräuliche Ehe führen wollten und geführt haben. Denn andernfalls läge nur eine sehr misslungene Überleitung vor, die den Leser ratlos macht. Man sollte also meiner Meinung nach Lk 1,34 in der Diskussion über die  immerwährende  Jungfräulichkeit  Mariens nicht so voreilig und unbesehen beiseite legen, wie es heute oft geschieht.

 


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