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Aktuell: Schwangerenkonfliktberatung - Texte

Christa Meves:
TÄUSCHENDER SCHEIN

 

Was Johannes Paul II. der deutschen Kirche zu bedenken gab, war die Auffassung der Weltkirche, daß Abtreibungen nicht zu verhindern sind, die Kirche aber nicht daran beteiligt werden soll. Diese Tatsache verkennend und in Unkenntnis der exakten Papst-Worte ereifern sich Deutschland und seine Medien. [...]

Empört brauste das Mediengeschrei auf, bevor es überhaupt eine offizielle Verlautbarung gab: Der Papst habe einen Brief an die Bischofskonferenz geschrieben, aus dem hervorgehe, daß er der katholischen Kirche in Deutschland verbiete, sich in Zukunft weiter an der vom Staat angeordneten Schwangerschaftskonfliktberatung zu beteiligen. Die Kirche ließe somit "die Frauen im Regen stehen", hieß es. Ein Kommentator des öffentlich-rechtlichen TV verstieg sich sogar zu der Schlußfolgerung, dies sei eine Entscheidung "für starre Normen und gegen das Evangelium". Für eine innerkirchliche Revolte wurde Stimmung gemacht und von einer Machtanmaßung der "Fundis" in der katholischen Kirche gesprochen.

Medien offenbaren Unseriosität, die erschreckend ist

Diese so einhellige Wut ist unangemessen und offenbart eine erschreckende Unseriosität der Berichterstattung: Einer plappert dem anderen die offensichtliche Desinformation nach und läßt sich nicht einmal vom Widerspruch einiger Bischofsordinariate beirren. Die Desinformation triumphiert. Ohne sorgfältig zu recherchieren wird mit Schaum vor dem Mund eine Medien-Offensive gegen den Vatikan inszeniert.

Deshalb muß erst einmal die Wahrheit auf den Tisch: Es handelt sich um den seit vergangenem Jahr sehnsüchtig erwarteten dritten Brief von Papst Johannes Paul II. an die Deutsche Bischofskonferenz. Notwendigwurde er durch eine Gesetzesänderung der Paragraphen 218 und 219 im Jahr 1993. Damals mußte der Gesetzgeber eine für ganz Deutschland geltende Regelung des Schwangerschaftsabbruchs erarbeiten, da in der DDR das Lebensrecht des ungeborenen Kindes hinter dem Verfügungsrecht der Frau über das Ungeborene in den Hintergrund getreten war.

Das Grundgesetz der alten Bundesrepublik hatte stattdessen ab 1949 in seinem Artikel 2 nachdrücklich das Recht auf Leben betont. Selbstverständlich war das ungeborene Kind darin eingeschlossen; denn in § 218 des Strafgesetzbuches wurde jeder Selbst- und Fremdabtreibung eine Freiheitsstrafe bis zu fünf beziehungsweise bei Fremdabtreibung bis zu 10 Jahren angedroht. Damit wollten die Väter des Grundgesetzes brutale Menschenrechtsverletzungen - wie die des NS-Staates - zukünftig verhindern. Dieses Gesetz erfüllte in den folgenden 20 Jahren die Funktion als Grenzsetzung zwischen Recht und Unrecht: Dies bewirkte auch, daß die Geburtenzahl dem bevölkerungspolitisch notwendigen Level entsprach.

Indikationsregelung führt zu einem Abtreibungs-Boom

Ab 1969 wurde dieses Gesetz unter dem Einfluß der Neuen Linken infrage gestellt, so daß es 1976 zu einer Einfügung von Ausnahmen durch sogenannte Indikationsregelungen kam. Das so aufgeweichte Verbot zugunster einer Legalisierung der Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten führte aber nicht - wie erhofft - zu einer Veringerung der Abtreibungen, sondern - weit über die angenommenen einstigen Dunkelziffern hinaus - geradezu zu einem Abtreibungsboom. Dadurch sank gleichzeitig das existenznotwendige Level für eine stabile Bevölkerungsstruktur von 2,6 Kindern pro Familie au 1,3. Auf diesem Niveau war der Generationenvertrag in den folgenden Jahrzehnten gefährdet; denn diese immer geringer werdende Zahl würde jenseits der 2000 Mark nicht mehr in der Lage sein können, das Ruhestandsgeld für die immer zahlreicher und älter werdenden Rentner zu erarbeiten.

Ungeachtet dessen beschloß der Bundestag 1995 - zwar mit der Feststellung, daß Abtreibung Tötung von Menschenleben ist - die Straflosigkeit des Abbruchs in den ersten 12 Wochen, wenn die Schwangere dies verlange und dem Arzt nach § 219 nachgewiesen habe, daß sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff habe beraten lassen. Durch eine erweiterte medizinische Indikation wurde die Legalisierung der Abtreibung erheblich erweitert. Die Erklärung der katholischen deutschen Bischöfe vom 9. März 1995 ließen sie unbeachtet: "Der Staat hat kein Verfügungsrecht über menschliches Leben und kann ein solches Recht auch niemandem einräumen, nicht der Mutter und auch nicht dem Arzt. Der Staat muß Unrecht deutlich machen. Er darf es nicht kaschieren, wenn er es straffrei läßt. Der Staat darf sich selber nicht an der Tötung ungeborener Kinder beteiligen, weder durch Bereitstellung staatlicher Einrichtungen, noch durch finanzielle Zuwendung."

Nachdem das neue Gesetz die Erlaubnis zur Abtreibung nachdrücklich von der Ausstellung einer Bescheinigung der Institutionen für Schwangerschaftskonfliktberatung abhängig gemacht hatte, gerieten die katholischen Beratungsstellen in einen verschärften Konflikt, stellten aber im Bedarfsfall diese Bescheinigung aus.

Die Kirche soll klar Zeugnis ablegen für das Lebensrecht

Bereits 1995 und dann am 11. Januar 1998 schrieb der Papst der deutschen Bischofskonferenz: Sie möge bitte Wege finden, daß ein "Schein solcher Art" in den kirchlichen Beratungsstellen nicht mehr ausgestellt werde, weil er "die Klarheit und Entschiedenheit des Zeugnisses der Kirche für das Leben verdunkelt". Die Bischöfe sollten das so tun, daß die Kirche wirksam in der Beratung der hilfesuchenden Frauen präsent bleibe.

Der ständige Rat der Deutschen Buschofskonferenz erklärte darauf am 26.1.1998, daß man "dieser Bitte Folge leisten werde". Aber mittlerweile waren die Bischöfe verunsichert: Würde die Verweigerung des Scheins den Einfluß der Kirche und die Verbindung zwischen Kirche und Staat schmälern und es zukünftig erschweren, Frauen umzustimmen, ihr Kind auszutragen?

Die Bischöfe beschlossen deshalb eine einjährige Arbeitsgruppe. Die Ergebnisse wurden am 14.1.1999 der Bischofskonferenz vorgelegt. Mehrere Alternativen wurden vorgeschlagen. Im Februar 1999 stimmten sie auf der Frühjahrsvollversammlung in Lingen mehrheitlich zu, den Schangeren außer der Bescheinigung über die stattgefundene Beratung einen "Beratungs- und Hilfeplan" zur Verfügung zu stellen. Damit setzten sich die Bischöfe - gewunden - über den Papstbrief hinweg. Manfred Spieker, Professor für christliche Gesellschaftslehre in Osnabrück, bezeichnet die Ergebnisse der Arbeitsgruppe als einen "Versuch mit der Überzeugungskraft eines Bluffs"; denn an der Schlüsselfunktion des Scheins für eine straffreie Abtreibung änderte sich nichts.

Dieser dem Vatikan übermittelte Beschluß führte in diesem Juni zu einem weiteren, das jetzige Medienspektakel auslösenden Brief des Papstes, der abermals eine Beteiligung der Kirche an der Schein-Ausstellung verwirft. Noch einmal fordert er, die Beratung der Schwangeren zu intensivieren und nicht etwa sie einzustellen.

Zwar stimmt der Papst dem vorgeschlagenen "Beratungs- und Hilfeplan" zu; aber die Bescheinigung müsse den Zusatz erhalten: "Diese Bescheinigung kann nicht zur Durchführung einer straffreien Abtreibung verwendet werden." Der Papst erwartet, daß bis Ende 1999 diese Regelung zur Durchführung gelangt.

Es bleibt nun abzuwarten, wie die einzelnen Diözesanbischöfe reagieren. Eine Möglichkeit wird bereits seit Jahren praktiziert: In der Diözese von Bischof Dyba hat sich die Beratung ohne Scheinausstellung bewährt. Nicht weniger Frauen, sondern mehr meldeten sich. Ihnen wurde seelisch und materiell so geholfen, daß sie ihre Kinder austragen konnten.

Papst vertraut auf die Fähigkeiten seiner Bischöfe

Zwei Zitate aus den ersten beiden Briefen des Papstes sollen hier noch einmal die Begründung des katholischen Oberhauptes darlegen. 1995 riet der Papst den deutschen Bischöfen: "Das neue Gesetz der Beratungsbescheinigung... ist de facto die alleinige Voraussetzung für eine straffreie Abtreibung... Aufgrund der neuen Gesetzeslage zur Abtreibung in Eurem Land ist es deshalb Eure Hirtenpflicht, noch größere Anstrengungen zu unternehmen, um das Leben der ungeborenen Kinder zu verteidigen. Deshalb ersuche ich Euch, die Beratungstätigkeit im Sinne der unbedingten Achtung vor dem Leben zu intensivieren, und alles zu unternehmen, um den Frauen in schweren Notsituationen zu helfen... Die kirchliche Beratung muß auf jeden Fall so erfolgen, daß die Kirche nicht mitschuldig wird an der Tötung unschuldiger Kinder."

Und 1998 hatte er hinzugefügt: "Die Präsenz der Kirche darf letztlich nicht vom Angebot des Scheins abhängen. Nicht nur der Zwang einer gesetzlichen Vorschrift darf es sein, der die Frauen zu den kirchlichen Beratungsstellen führt, sondern vor allem die sachliche Kompetenz, die menschliche Zuwendung und die Bereitschaft zu konkreter Hilfe, die darin anzutreffen sind.... Ich vertraue darauf, daß Ihr mit den vielfältigen Möglichkeiten Eurer Institutionen und Eurer Organisationen, mit dem reichen Potential an intellektuellen Kräften wie an Innovationsfähigkeit und Kreativität Wege finden werdet, die Präsenz der Kirche in der Beratung nicht nur nicht vermindern zu lassen, sondern noch zu verstärken."

Es wird Zeit, sich nicht von einem die Wahrheit verstellenden Mediengetöse einlullen zu lassen: Wir Deutschen besonders sollten die Erfahrungen aus dem Hitlerreich - mit seinen schweren Unrechtstaten und seiner Verbiegung des Rechts auf Leben - in Erinnerung behalten und uns hüten, der jetzigen Regelung des § 218 zuzustimmen; denn sie tastet die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens durch den Menschen an. Noch einmal Manfred Spieker: "Was aber auch von einem säkularen Staat verlangt werden muß, ist die Respektierung der Menschenrechte". Wenn er - wie hier bei dem Beratungskonzept - gegen zentrale Legitimationsbedingungen verstößt, ist es die Pflicht der Kirche, diese anzumahnen, und sie darf sich erst recht nicht an solchen Verstößen gegen das Grundrecht auf Leben beteiligen. Kurz und bündig kam am 20. Juni 1999 deshalb die Antwort von Kardinal Wetter: "Wir wollen den Frauen und den Kindern helfen!"

Kein Gesetz erlöst die Frauen von ihren Qualen

Wie wahr! Denn auch das läßt sich von der psychotherapeuthischen Erfahrung aus hinzufügen: Kein noch so aufgeweichtes Gesetz erlöst die Frauen von der schwelenden Pein, die sie später - ob sie es will oder nicht - befällt, nachdem ihr ungeborenes Kind zur Tötung freigegeben worden ist. Die katholische Kirche aber würde sich selbst den Boden von Lösungsmöglichkeiten entziehen, zu denen sie besonders befugt ist: Vor Unglück dieser Art zu bewahren, aufzuhelfen und zu beschützen - und falls das nicht möglich war, kraft ihrer Vollmacht durch Jesu Vergebungsangebot von krankmachender Schuld zu befreien.

Hätte der Papst sein Placet zum Beratungsschein gegeben, hätte er sich gewunden wie das Bundesverfassungsgericht, so hätte er damit seine Kirche (und unsere gesamte Gesellschaft) an die Kultur des Todes ausgeliefert. Das aber käme einer Zustimmung der Kirche zum Selbstmord unserer Gesellschaft gleich, und das wiederum wäre eine Todsünde gegen Gott, der das Leben will und der die Liebe ist.



Beitrag im Deutschland-Magazin 7/8 (1999), pp. 16-17
hier wiedergegeben mit der freundlichen Genehmigung der Autorin


 

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