Sie haben einen Vater verloren.
Gläubige und Ungläubige,
Junge und Alte, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und viele, viele einfache Leute.
Was für Polen und die Römer gilt, gilt in diesen Tagen für Millionen auf der Welt.
Von der Hütte in einem Elendsviertel Lateinamerikas über das Dorf in Afrika
bis hin in die quirligen Städte Asiens. Es sind nicht nur fromme Katholiken,
die jetzt die Leere spüren: Die Welt dreht sich weiter. Aber Johannes Paul II.
ist nicht mehr da.
Die Ausstrahlungskraft des Papstes aus Polen hatte auch Randständige,
Nicht-Christen und solche erfasst, die im Alltag leben, als ob es Gott nicht gäbe.
Das Besondere an Karol Wojtyla war seine Fähigkeit, den suchenden und unterdrückten,
den leidenden und einsamen Menschen das zu geben , wonach sich jeder sehnt: einen Vater.
Bis weit in die Kirche hinein weigern sich die vaterlosen Gesellschaften
des Westens, der Vaterrolle allzuviel Gewicht beizumessen. Man spricht gerne
von Brüdern und Schwestern. Auch die Mutter steht hoch im Kurs. Aber „Vater“ – das klingt
nach Autorität, nach Ermahnung, nach Vorbild und führender Hand.
Das antiautoritäre Paradigma und ein latenter Feminismus haben dazu geführt,
dass sich heute unzählige Väter scheuen, ihrer Verantwortung gegen über den Nachkommen nachzukommen,
ihre Kinder zu lenken, zu leiten und zu erziehen. Die Kinder sollen selber entdecken,
was für sie gut und richtig ist, heißt es. Doch das tun sie dann meistens nicht.
Statt Erfüllung empfinden sie innere Leere, statt Entwicklung bleibt es bei Stagnation.
Die Kirche hat einen Vater. Den Schöpfergott, der das Leben jedes Menschen in den Händen hält.
Und den „Heiligen Vater“ in Rom, der der besonderen Berufung folgen muss,
die Jesus Christus dem Petrus zugesprochen hat.
Karol Wojtyla hat zu dieser Berufung Ja gesagt. Er hat es nicht dabei bewenden lassen,
das Innenleben einer Römischen Kurie zu organisieren oder bei Audienzen Freundlichkeit und Güte auszustrahlen.
Er hat – wie und wann, das weiß niemand genau – erkannt, dass die Kirche und nicht nur sie, sondern die ganze Welt
einen Vater braucht Und er war Manns genug, sich diesen Schuh des Fischers anzuziehen.
Streng konnte er sein, der Papst aus dem kommunistischen Polen. Zornig und vor laufender Kamera schimpfte er kräftig
auf den Priester und Kulturminister Ernesto Cardenal ein, als sich beide 1983 im sandinistischen Nicaragua begegneten.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, hat bisweilen einen heftigen Johannes Paul
II. erlebt, von dem er dann allerdings, für viele gänzlich unerwartet, die Kardinalswürde erhielt.
Die Güte des Papstes bekamen vor allem aber die Armen, die Kranken, die Alten und die Jugendlichen zu spüren.
Kein Zauderer, sondern ein Erzieher. Jemand, der den ihm Anvertrauten immer wieder den Glauben, das Ideal, die Wahrheit
über Gott un d den Menschen vor Augen hielt. Ebenfalls hier erwies sich Johannes Paul II. als Papst, der seine geistliche
Vaterrolle ausfüllen wollte. Enzykliken, Apostolische Briefe, nachsynodale Schreiben.
Das Schrifttum dieses Papstes ist gewaltig, und als sei es nicht genug, legte er auch noch einige
Bücher oben drauf. Und schützend stellte er sich vor seine Kinder, die Christen in den orientalischen Kirchen,
als er eine gewaltige Gefahr heraufziehen spürte. Der beste Schutz, den er ihnen vor zur Gewalt neigenden Strömungen
im Islam bieten konnte, war die Klarstellung, dass die Militärschläge der westlichen Alliierten gegen den Irak
keine Kreuzzüge des christlichen Westens sind. Dem entsprechend heftig fiel seine Verurteilung der Kriege
der Vereinigten Staaten gegen Saddam Hussein aus. Und genauso bemüht war sein Versuch, den Muslimen einen
friedlichen Dialog anzubieten. Man wird auch in Zukunft diese Interventionen des Papstes nur richtig einordnen können,
wenn man seine wache Sorge versteht, die Christen im Orient wie dann auch im Westen könnten in eine gewaltsame Auseinandersetzung
mit dem Islam geraten.
Und Johannes Paul II. war allen ein Vorbild. Er hat selber gelebt, was er vorschlug und predigte. Seine Frömmigkeit
war zum Greifen aufrichtig , sein Glaube stark und klar. Noch in den letzten Stunden hat er der gesamten Welt die Lektion
erteilt, wie man stirbt, wenn man die Auferstehung und das Leben nach dem Tod erwartet. „Ich bin froh, seid ihr es auch?“
war einer der letzten Sätze, die er für seine engere Umgebung niederschrieb. Der Papst sprach
nicht nur von einem barmherzigen Gott, er hat ihn auch erfahren.
Der Heilige Vater ist tot. Die Trauer zahlloser Menschen ist echt. Johannes Paul II. war mehr als ein Idol,
ein religiöser Guru oder ein Schuss Spiritualität in einer bunten Erlebniswelt. Er war ein Vater.
Und gerade die jungen Menschen, die den Vater so sehr brauchen, haben genau das erlebt und gespürt.
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